32. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

Carpe colloquium!

Carpe colloquium heißt „Nutze das Gespräch“. Aber wofür?

Beobachten wir die Praxis, werden wir vielleicht feststellen, dass Fachkräfte wissen, zu welchem Zweck sie Gespräche führen. Dazu werden sie sich zunächst möglicherweise an der Aufgabenbeschreibung der Organisation orientieren, in der sie beschäftigt sind. Allerdings wissen die Fachkräfte auch, dass diese Aufgabenbeschreibung einseitig ist. So können wir etwa mit dem von Silvia Staub-Barnasconi beschriebenen Triple-Mandat der Sozialen Arbeit mit ihren parallelen Aufträgen durch den Gesetzgeber, durch die hilfeberechtigen Individuen (Nutzer/innen) und durch die eigenen professionellen Ethik-, Theorie- und Methodenstandards sehen, dass die Auftragslage komplex ist. Daher kann Soziales Arbeiten als eine mehrperspektivische, vermittelnde und aushandelnde Tätigkeit betrachtet werden. An diesem Punkt setzt dieser Leitsatz an und führt zugleich mit seinen systematischen Fragen darüber hinaus.

Der allgemeine Anlass für praktische Soziale Arbeit sind Probleme der Lebensführung, wie sie etwa durch Inklusionsgefährdung oder durch Exklusion aufgrund von Lebensbedingungen der materiellen Armut, des Bildungs-, Rechts- oder Gesundheitsmangels  erlebt werden. Um Leute darin zu unterstützen, in solchen Lebenssituationen und Lebenslagen zurechtzukommen und Pläne zu schmieden, die eigenen Verhältnisse zu ändern, müssen wir vieles beachten, was nicht im Triple-Mandat und auch nicht in der Aufgabenbeschreibung zu finden ist.

Die folgenden Fragen können uns dabei helfen, Gespräche so zu nutzen, dass sie der Komplexität der Aufträge, der Themen, der Beteiligten und nicht zuletzt der möglichen Lösungen gerechter werden:

  • Wie beeinflussen die sachlichen, sozialen, zeitlichen und örtlichen Kontexte Ihre Gespräche? Zu welchen Ergebnissen (Gedanken, Gefühlen und Handlungsimpulsen) kommen Sie, wenn Sie die Gesprächsthemen, die Gesprächsteilnehmer/innen, die Gesprächszeit und den Gesprächsort auf sich wirken lassen?
  • Wie bauen Sie eine wertschätzende Situation und Atmosphäre für das Gespräch auf? Jemand kommt zu Ihnen: Wie können Sie beobachtbare Anstrengungen, das Engagement Ihres Gesprächspartners würdigen? Sie kommen zu jemandem: Was wird wohl Ihr Gesprächspartner berechtigterweise heute von Ihnen wollen und erwarten? Welche Bedürfnisse und Interessen können Sie aus den gezeigten Verhaltensweisen ersehen und wie könnten Sie daran anschließen?
  • Wie gelingt es Ihnen, einen angemessenen Small-Talk aufzubauen, der Ihren Gesprächspartner – völlig unabhängig vom Kommenden – als solchen würdigt?
  • Wie sind Sie in der Lage, im Gespräch Fachlichkeit und Menschlichkeit, Nähe und Distanz zu vereinen? Wo genau liegen ihre diesbezüglichen Stärken, wo Ihre Schwächen?
  • Welche Sprachspiele spielen Sie: vor Tatsachen stellen, belehren, zurechtweisen, erziehen, ignorieren, anweisen, sich auskennen, heilen und korrigieren etc. – oder einladen, ermutigen, anerkennen, trösten, motivieren, nicht wissen, vernetzen, fördern und begleiten?
  • Wenn Sie der Mensch wären, der mit Ihnen ein Gespräch führt, was würden Sie da wohl zuerst sehen, hören und riechen? Was würde sich Ihnen später zeigen, wenn Sie das Gespräch reflektieren? Was fällt Ihnen auf?
  • Wie gelingt es Ihnen, Fähigkeiten und Talente anzusprechen? Was meinen Sie, wie wirken Sie dabei auf die/den Nutzer/in Sozialer Arbeit: authentisch oder aufgesetzt?
  • Nutzen Sie das Gespräch – trotz aller zu besprechenden Probleme – so, dass sich Ihr/e Gesprächspartner/in danach sichtbar besser fühlt (entspannter aussieht), sich angeregter zeigt (lebendiger wirkt) oder gestärkt das Gespräch beendet (Körperhaltung, Mimik, Gestik)?
  • Welche konkreten Fragen oder lohnende Perspektiven wird das Gespräch aufwerfen, die ihr/e Gesprächspartner/in bereit ist zu verfolgen oder für interessant hält? Wie sieht daraufhin bezogen Ihre weitere Gesprächsführung aus?
  • Wie lautet die Antwort Ihrer Gesprächspartner/innen auf Ihre Frage, wie wertvoll ihnen das Gespräch war, auf einer Skala von 0 bis 10, wobei 10 für „sehr wertvoll“ und 0 für das Gegenteil davon steht?

Und, haben Sie das Gespräch genutzt?

6 Gedanken zu “32. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

  1. lieber heiko, nun geb ich mal einen kurzen kommentar ab zu zwei aspekten die mir durchaus morgendlich und spontan einfallen…dafür sind solche blogs ja vermutlich auch 😉
    x) wie geht die fachkraft damit um ein gespräch zu führen im wissen dass ein verstehen im grunde nicht funktioniert?
    x) wie kommst du zu dieser aussage: „Der allgemeine Anlass für praktische Soziale Arbeit sind Probleme der Lebensführung“?
    nur weil das in den allermeisten lehrbüchern steht muss das ja nicht so ‚verstanden‘ werden und hat ja eine hoch riskante wechselwirkung…ich finde den ansatz unseres kollegen frank eger da durchweg nachvollziehbarer der eher die selbstverständliche entwicklung und veränderung im fokus sieht, die zu jeder lebendigkeit schlicht dazu gehört…das blendet nicht ‚Probleme‘ und ‚Exklusion‘ aus, hat aber einen ganzen anderen zugang zum professionellen selbstverständnis…oder??
    herzliche grüße stefan

  2. Vielen Dank für Ihren Kommentar! Zwar ist er an Herrn Kleve gerichtet, aber wir sind ja glücklicherweise zu zweit, was für die Beiträge ein Gewinn zu sein scheint und mir eine erneute große Freude ist. Heiko Kleve schlug dankenswerterweise vor, dass ich auf Ihren Kommentar antworten könne, wenn das für Sie passt.

    x) „wie geht die fachkraft damit um ein gespräch zu führen im wissen dass ein verstehen im grunde nicht funktioniert?“

    Berechtigte komplexe Frage, spannendes Thema, ist m .E. jedoch ein andere Baustelle und gehört deswegen nicht unmittelbar zum Leitsatz „Nutze das Gespräch“.

    Verstehen funktioniert ja außerdem, auch systemisch. Nur eben nicht als mentales Parallelisieren von Gedanken / Gefühlen, sondern als Anschluss von sinnverwendenden Systemen an Information und Mitteilung. Insofern wäre das Ihrerseits Behauptete auch systemisch so nicht haltbar.

    x) „das in den allermeisten lehrbüchern“

    Das ist nach meinem Kenntnisstand des Diskurses leider nicht ganz korrekt. Oder ich kennen diese vielen Lehrbücher nicht, was ich nicht ganz ausschließen kann. In den meisten Lehrbüchern finden wir traditionell „soziale Probleme „, „Probleme der Alltagsbewältigung“ und/oder „Probleme der Lebensbewältigung“. Von „Problemen der Lebensführung“ sprechen erst einige wenige Theorien der Sozialen Arbeit , seit längerem jedenfalls nur die Arbeiten von Albert Scherr. Und seit drei,vier Jahren auch wir. Außerdem wird der Passepartout-Begriff Lebensführung m. E. auch von Systemisch Arbeitenden irrig verwendet, wenn damit eine Art „privates“ Phänomen verstanden werden soll. Lebensführung zu problematisieren gelingt weit besser, wenn wir ihn als durch und durch sozialdurchwirkten Zusammenhang von Inklusion und Exklusion begreifen könnten.

    Sie könnten, so meine Idee, erst einmal angeben, was bei Ihnen „Probleme der Lebensführung“ sind, welche Wechselwirkungen Sie meinen, dann kämen wir hier in eine spontane, aber nicht zugleich schlichte Diskussion.

    Was der Verweis auf einen „eher nachvollziehbaren Ansatz“ soll, habe ich leider gar nicht verstanden. Der Vergleich zwischen einem einzelnen „Leitsatz“ und einem „Ansatz“ gleicht dem zwischen Rad und PKW („Theorie“ entspreche demfolgend = LKW).

    Interessant allerdings die Rückmeldungen zu vergleichen. Eine Kommentatorin aus einem anderen Kanal meinte wörtlich: „Was für ein/e Freund*in des Menschen muss das sein, der/m dies so gelingt“. Ich schätze diese Weise des Feedbacks.

    Im Übrigen kommt mir persönlich zu kurz in Ihrem Blogbeitrag, wo Sie vielleicht wertvolles entdeckt haben in den Zeilen. Da scheint es ja vielleicht eine Diskrepanz zu geben zwischen Theorie (die wir kennen) und Praxis (aber manchmal nicht anwenden)?

    Um also auf das wichtige „Wie“ zu kommen: Und, haben Sie den Blogbeitrag genutzt?

    Vielen Dank noch mal. Wir freuen uns über Ihre Teilnahme!

  3. lieber jan van wirth, vielen dank für ihre replik. tut mir leid: da zu dem 32.leitsatz_posting heiko kleve als autor benannt ist habe ich ihn angeschrieben…

    zu ihrer ‚antwort‘:
    ich hab jetzt eine woche ihre fragen aus dem 32. leitsatz über mein posting gelegt…sehr spannend 🙂 vor allem mit der skalierung am ende…sie führen ja durch den blog in gewisserweise das gespräch mit mir als ‚gesprächspartner‘ 😉

    x) so ist das mit dem nicht-verstehen…weder komplex noch systemisch sondern schlicht pragmatisch…meine betonung lag weniger auf dem begriff der ‚lebensführung‘ auf den sie ausholen als vielmehr auf dem begriff ‚problem‘…es ist so wie sie es benennen…überall taucht der begriff ‚problem‘ als identitätskonstruierend für soziale arbeit auf…und das sehe ich als ein hohes wechselwirkungsrisiko an…soziale arbeit tut dann vermutlich eine menge dafür dass die probleme bestehen bleiben bzw. neue konstruiert werden etc.
    das meinte ich als anregung…weil ich gedacht hätte dass dies systemisch viel kritischer reflektiert sei…zumal der benannte kollege aus wolfenbüttel dazu ein super buch geschrieben hat…und ich war verwundert dass es in ihrem leitsatz wiederum einfach so gesetzt wird „Der allgemeine Anlass für praktische Soziale Arbeit sind Probleme […] „…

    tut mir leid wenn ich zu wenig anerkennendes formuliert habe in meinem morgendlichen beitrag…ich hatte ja geschrieben dass ich das als blog verstehe…und nicht als wissenschaftliches forum oder als sozialarbeiterisches interaktionsinstrument …

    da ich mich vermutlich nicht bessere (oder die netiquette des blogs überlesen habe) lass ich dann lieber das weitere posten
    liebe grüße stefan

  4. Lieber Herr Bestmann,

    vielen Dank für Ihre freundliche Mail. Vielleicht zwei, drei Aspekte noch:

    „Probleme als Anlass“ wurde nicht einfach gesetzt, sondern setze ich voraus als sozialtheoretisches Grundwissen. Soziale Arbeit in ihrer Einordnung in entsprechende Sozialstaats- und Wohlfahrtsstaatsordnungen reagiert seit der Entstehung der „sozialen Frage“ auf sozial wahr- und ernstgenommene Probleme der kapitalistischen Gesellschaft. Es gibt keine bekannte Theorie Sozialer Arbeit, die von etwas anderem ausgeht als von „Problemen“ als Startpunkt sozialen Arbeitens. Das liegt m.E. nicht an der defizitären Theorie, sondern an der Funktion der Sozialen Arbeit als Daseins-Nachsorge innerhalb der sozialen Marktwirtschaft, die in erster Linie subsidiär angelegt ist. Die Subsidiarität hat ihre Ausgangspunkte im Liberalismus wie auch in der katholischen Soziallehre. Der Konstruktivität alternativer Gesellschaftsbeschreibungen sind insofern m. E. nicht beliebige Grenzen gesetzt.

    Ihren Hinweis auf das eigene „Bessern“ habe ich nicht verstanden. Was „bessert“ sich bei Ihnen vermutlich nicht?

    Auch das mit dem Blog habe ich nicht verstanden: „tut mir leid wenn ich zu wenig anerkennendes formuliert habe in meinem morgendlichen beitrag…ich hatte ja geschrieben dass ich das als blog verstehe…“

    Schade, dass Sie lieber nicht mehr posten mögen. Gerne hätte ich Sie besser verstanden, soll heißen, an Ihre Informationen und Mitteilungen noch fruchtbarer für Sie und mich angeschlossen.

    Vielleicht lesen Sie ja weiter mit, was auch eine Option sein könnte.

    Viele Grüße aus Düsseldorf!

  5. Sehr, sehr spannend. Der Blog gewinnt an Lebendigkeit durch das Posten von Herrn Bestmann. Als Beobachterin in der zweiten Reihe meine ich festzustellen, dass Herr Bestmann eine Menge anderer passiver Teilnehmer vertritt, die eine Äußerung nicht wagen. Wenn eine Metapostion eingenommen wird, kann man feststellen, dass hier das Thema der Sozialen Arbeit genau auf den Punkt gebracht wird. In der Sozialen Arbeit kann man tatsächlich nicht, so wie man es in vielen systemischen Ausbildungen lernt, davon sprechen: „Es gibt keine Probleme, es gibt nur Lösungen“. Das macht die Sozial Arbeit so viele schwerer, als es eben therapieren ist. In der Sozialen Arbeit geht es um Verantwortung. Oft existenziell. Wenn man nicht verantwortlich handelt, kann man zur Rechenschaft gezogen werden. Anhand von Aktenlage, von fehlender Kontrolle…und …und…und! Ich hoffe sehr, dass Herr Bestmann weiterliest, er hat etwas wesentliches bemerkt.

  6. @ Lisbeth: Als ich eben Ihren Beitrag las, war mir intuitiv die Unterscheidung zwischen Soziale Arbeit (= Fremd-Intervention) und Systemischer Beratung / Therapie (= Selbst-Intervention) selten klarer. – Danke für die damit ermöglichte Verknüpfung!

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