33. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

Der Unterschied zwischen „einfachen“ und „schwierigen“ Klienten besteht darin, dass die einen zu vielem „Ja“ sagen, während die anderen zumeist sagen: „Ich denke darüber nach“.

Vielleicht kennen wir alle dieses Gefühl, dass uns manche Interaktionen sehr fordern, uns persönlich und fachlich alles abverlangen. Im Alltag sozialen Arbeitens kommt es leicht zu Gedanken und Gefühlen, die einerseits psycho-emotional für Entlastung und Entspannung sorgen, andererseits genau das nur leisten, indem die Verantwortung an Andere abgegeben wird.

Die Zuschreibung und Differenzierung in einfache und schwierige Klienten und Nutzerinnen ist eine solche für den Moment hilfreiche Entlastung. Wir schreiben Kommunikations- und Interaktionsverläufe einseitig den Anderen zu, in dem wir diese Anderen als „einfach“, „schwierig“, „wenig motiviert“, „respektlos“ etc. typisieren und ihnen diese Eigenschaften unterschiedlich fest zuordnen. Diese Typisierungen erfolgen so, dass wir bestimmte Unterscheidungen weglassen, andere Unterscheidungen dramatisieren, um einen gerade nützlichen Idealtyp herzustellen und zu erhalten. Diese Prozesse können wir jedoch als Konstruktionen bewerten, sie haben mit einer Wirklichkeit „an sich“ nichts, aber mit uns als sinnproduzierende Beobachter/innen sehr viel zu tun.

Was besagt die Konstruktion „einfacher Klientinnen und Nutzer“, die zu „vielem ja“ sagen? Hier geht es darum, dass es für unsere Adressaten gute Gründe geben kann, sich bereitwillig, kooperationsfähig und verständigungsorientiert zu zeigen. Diese Inszenierung entspricht aber möglicherweise nicht der Schwierigkeit ihrer Lebensprobleme. Dennoch zeigen sich diese Personen vielleicht als Leute, die Verfahren und Inhalte als eindeutig und selbstverständlich verstehen, unkomplizierte schnelle Lösungen anstreben, bescheiden sind, ohne große Ansprüche.

„Schwierige Klienten und Nutzerinnen“ hingegen bremsen das Tempo der Routinen der Fallbearbeitung. Sie lassen sich Zeit, sind unsicher, wägen ab und nehmen ernst, was an sie herangetragen wird – als Angebot und Zumutung zugleich. Sie ahnen, dass die gebrauchten Lösungen ein Bündel an Fähigkeiten und vielleicht größere Anstrengungen erfordern als bisher. Zudem sind sie nicht leicht zufrieden zu stellen, weil sie Erleben und Handeln in Erfahrungen umgemünzt haben und ihre Bedürfnisse als vielfältig einschätzen. Sie wollen nicht von Sozialarbeiterinnen überzeugt werden, die sie kaum kennen, sondern überzeugen sich lieber selbst oder warten ab, wenn die Unsicherheit zu groß und die Aussicht zu gering erscheinen.

Der kritische Punkt ist der, dass für eine kurzatmige Ökonomie und effektheischende Nutzenorientierung von Organisationen „schwierige Nutzer und Klientinnen“ erst einmal „aufwändige“ Personen bzw. „aufwändige“ Fälle darstellen. Insofern liegen den Organisationen als Unternehmen sicherlich die „einfachen“ Personen, Fälle und Lösungen näher. Wir vertreten jedoch die These, dass das vermeintlich „schwierige“ Verhalten womöglich vergleichsweise bessere Chancen bietet, um zu einem mehr als nur kurzfristig orientierten Hilfeergebnis zu gelangen.  Hierbei kommt es jedoch wie so oft auf die insgesamt verträgliche „Dosis“ an: von a) Entschleunigung, b) der Sammlung zielrelevanter Informationen und c) der Reflexion von verbleibender Entscheidungsunsicherheit.

Jenseits der willkürlichen Unterscheidung von „einfach“ und „schwierig“ bietet sich zur fachlich besseren Fallbearbeitung die professionelle Reflexion von Macht an. Macht ist häufig, so auch hier, an Wissen gebunden und eng mit diesem verflochten. Nutzer/innen und Klientinnen sind uns gegenüber gleich vierfach im Hintertreffen:

Kommunikative Macht: Uns Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern dürfte es aufgrund von Erfahrung und Wissen relativ leichter fallen, die Kommunikation in einer Weise zu beeinflussen, die eher unseren Zwecken und Absichten dienlich ist. Über Methoden wie Gesprächsführungstechniken, gezieltes Fragen und Anwendung von Kommunikationsmodellen wird jeweils ein Beobachtungs- und Handlungskontext erzeugt, in dem sich die Nutzer/innen zu bewegen haben.

Deutungs- bzw. Definitionsmacht: Eines der bekanntesten Machtprobleme besteht in der Deutungs- bzw. Definitionsmacht, die uns zugeschrieben wird. Deutungsmacht meint die kommunikative Durchsetzung bestimmter Beschreibungen, Erklärungen und Bewertungen hinsichtlich von Ereignissen und Phänomenen. In jeder Hilfe findet so eine durch Kommunikation hergestellte Konstruktion der „Wirklichkeit“ statt, die allerdings immer auch anders sein könnte.

Entscheidungs- und Kontrollmacht: Macht differenziert sich in Hilfeprozessen aus als Entscheidungs- und Kontrollmacht. Diese Machtform entfaltet ihr Drohpotential beim Zuweisen (oder eben Vorenthalten) und Kontrollieren von (knappen) Ressourcen für Ziele, die vielleicht sonst nicht anders erreicht werden können. Zeit ist beispielsweise eine knappe und flexible Ressource, die sich unsererseits schnell und leicht zu- und wieder wegweisen lässt. Volle Schreibtische und ständige Störungen der Interaktion sind bewusst oder unbewusst gemachte Anzeichen für die Verknappung von Zeit.

Durchsetzungs- und Erzwingungsmacht: Die Durchsetzungs- und Erzwingungsmacht zielt auf das Durchsetzen und das Nicht-wieder-zurücknehmen von Entscheidungen im Hilfeprozess, die den Gezwungenen keine Wahl lässt. Dies beginnt mit der Durchsetzung von Entscheidungen, mit denen unsere Nutzer/innen und Klientinnen sich am Anfang der Hilfe nicht einverstanden zeigen können. Solche machtvollen Entscheidungen zeigen sich beispielsweise besonders drastisch bei der Herausnahme von Kindern aus ihrer Herkunftsfamilie, bei Einschätzungen bezüglich Hilfe-, Pflege- und Förderbedarfe, beim Einsatz gesetzlicher Betreuung, die aufgrund von Krankheit und Behinderung auch gegen den Willen von Betroffenen möglich ist oder bei Entscheidungen über den Fortgang bzw. das Ende einer professionellen Hilfe.

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