34. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

Wenn die nächsten Nutzer/innen hereinkommen, sollten wir die letzten bereits vergessen haben.

Beispiele dafür, wie wir unsere Vorsätze, Theorien und Methoden vergessen, weil wir gerade etwas erleben, wovon wir stark in Anspruch genommen werden, kennen sicherlich viele von uns aus eigener Erfahrung. Um wieder möglichst vollen Zugriff auf unsere Ressourcen zu bekommen, hilft uns das Vergessen.

Vergessen geschieht zum einen ganz unabhängig von unseren Absichten, fortlaufend durch das psychische Verdrängen unangenehmer bis bedrohlicher Gedanken und Gefühle. Es ist zudem eine wichtige Funktion von sozialen oder psychischen Systemen, d.h. von Sinnsystemen. Wir wären gewaltig überfordert, wenn wir uns unentwegt daran erinnern müssten, wie wir den beruflichen Alltag zu bewerkstelligen haben. Wir müssen uns daran nicht erinnern, wie wir sprechen: wir sprechen. Wir erinnern uns nicht, wie wir etwas beobachten: wir beobachten. Das gilt jedoch nur für den normalen und unreflektierten Ablauf, nicht etwa für Störungen dieser routinemäßigen Abläufe. Für deren Bearbeitung brauchen wir eine andere, dem Vergessen beinahe entgegengesetzte Fähigkeit: das Lernen. Da wir nur lernen können, indem wir vergessen, scheint uns das Vergessen nicht nur ebenso wichtig wie das Lernen, sondern vielleicht sogar wichtiger. Erst das Vergessen macht das System offen dafür, Neues zu lernen.

Manche Interaktionen scheinen sich zu wiederholen, indem wir Aktionen und Reaktionen „immer wieder so erleben“. Das allerdings ist eher die Illusion, Gleiches als Selbes zu erleben, das eine mit dem anderen zu verwechseln. Denn inmitten des Bekannten gibt es irgendetwas Neues, sonst wäre auch die langsamste Evolution nicht möglich. Wenn wir in der nächsten Interaktion offen sein wollen für das Neue, das manchmal nur noch als Hoffnungsfunke in den Augen oder Lächeln in den Gesichtern der Beteiligten aufscheint, müssen wir die letzte Interaktion vergessen haben und uns auf das konzentrieren, was sich uns aktuell gerade zeigt.

Zur professionellen Kontrolle eines möglichen Vergessens gehört, dass wir zwar nicht wissen können, was wir vergessen haben, immerhin aber wissen, wo wir etwas vergessen haben, nämlich in unserem aktuellen, sich auflösenden Interaktionssystem. Eher im Hinausgehen aus der Interaktion sind die Einsatzmöglichkeiten der Unterscheidung von Vergessen und Erinnern angesiedelt. Was soll, darf vergessen, was kann und soll erinnert werden? Wir sollen vergessen, müssen uns aber erinnern können, wenn wir an diese Interaktion bzw. ihre Themen anschließen wollen.

Eine weitgehende Erinnerungsfunktion übernimmt unsere Dokumentation. Schon zu unserer psychischen Entlastung bauen wir über unsere Sinnsysteme Schriftlichkeit auf. Schriftlichkeit wird gebraucht, um sich an das erinnern zu können, was nicht vergessen werden darf, um die gegenwärtige Vergangenheit bearbeiten und verstehen zu können.

Erinnern wiederum ist Voraussetzung dafür, die Vergangenheit abschließen zu können, um offen für das Neue zu sein, das in jeder Interaktion passiert. Diese Unterscheidung von Erinnern und Lernen betrifft eher das Hineingehen in die Interaktion, die jedes Mal Chancen bietet, die wir nicht wahrgenommen haben. Noch nicht.

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