35. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

Soziale Arbeit fordert nicht nur Veränderung, sie ist bestenfalls selbst Veränderung.

Die Aufgabe, individuelle und soziale Veränderungen anzustoßen, ist der Sozialen Arbeit eingeschrieben, etwa ihren ethischen Haltungen, praktischen Methoden und wissenschaftlichen Theorien. Gerade dies geht mit der Notwendigkeit einher, sich kritisch mit der Art und Weise auseinanderzusetzen, wie „Veränderung“ verstanden wird. Zuerst gilt es festzustellen, dass die ethischen Haltungen und Prinzipien, etwa im internationalen Ethik-Code der Sozialen Arbeit kein analytisches, sondern normatives Wissen für die Profession entfalten. Hier wird möglicherweise ein unkritisches und sehr positives Bild der Sozialen Arbeit gezeichnet. Die sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung mit „Veränderung durch Soziale Arbeit“ führt zu einem anderen, bunteren Bild.

Denn Soziale Arbeit trägt nicht nur zu sozialem Wandel bei, sondern sie befestigt ebenso soziale Verhältnisse – auch solche, die sich wandeln sollten, etwa die massenhafte Abhängigkeit vom professionellen Hilfesystem. Um diese Abhängigkeit zu verringern, die die Soziale Arbeit ihr maßgebliches ethisches Ziel, nämlich die Hilfe zur Selbsthilfe, permanent verfehlen lässt, sollte die Profession sich selbst wandeln. Wir meinen, dass die sozialen Veränderungen, die wir uns auf die Agenda gesetzt haben, am ehesten dann eintreten, wenn sich Soziale Arbeit selbst ändert, d.h., wenn wir uns selbst ändern.

Um Selbstveränderung zu modellieren, beschäftigen wir uns mit dem Konzept von Veränderung und seiner Grundlegung: Veränderung als offenes, unabschließbares Phänomen lässt sich kaum erforschen, indem wir nur die Vergangenheit betrachten. Gleichermaßen gilt es, an eine Zukunft zu denken und diese zu untersuchen, die es noch nicht gibt, und zwar weder als Wirklichkeit noch als Erfahrung. Das aber heißt nichts anderes: als das Unbekannte konzeptionell zu berücksichtigen.

Für die empirische Wissenschaft wirft dies unlösbare Probleme auf. Ihr Veränderungsbegriff orientiert sich an Erfahrungen. Die Wissenschaft interessiert sich daher eher für die Aufzeichnung von Vergangenheit und Erforschung des Gegebenen. Damit ist sie aber kurzsichtig gegenüber der Erforschung der Zukunft. Für andere Weisen des Erforschens und des Umgehens mit Veränderung, die sich nicht schon von vornherein selbst begrenzen, lassen sich mindestens die folgenden fünf Argumente entfalten:

  1. Insbesondere überraschende Veränderungen schaffen Zukünfte, die sich nicht auf der Grundlage von Erfahrungswissen vorhersagen lassen. Aus der Vergangenheit lässt sich lediglich ableiten, dass die Zukunft ungewiss ist. Versuche, sich selbst zu ändern, sollten daher – so schwer das auch auszuhalten ist – ergebnisoffen gestaltet werden.
  2. Veränderung ist ein zeitlich nicht abgrenzbarer Vorgang. Daher lässt sich Veränderung durch das Bemessen von „vorher“ und „nachher“ nicht hinreichend erfassen. Solche Verfahren reißen Veränderung aus dem Strom der Zeit heraus, in dem sie eingebettet sind. Sie trennen Veränderungen auch von den Kontexten und Beziehungen, auf die sie sich beziehen. Versuche, sich selbst zu ändern, sollten auf ganzheitliche Weise betrachtet, auf die zahlreichen Kontexte bezogen werden, die sie einbetten.
  3. Wenn wir Veränderungen in Phasen einordnen, erzeugen wir etwas, was wir vielleicht nicht erzeugen wollten, nämlich Sortierungen in Schubladen und Kategorien. Nehmen wir z.B. die Entwicklung eines Kindes, die in verschiedene Phasen eingeteilt wird, um deren Interpretation gestritten wird. Um das Unbekannte der Interaktionen mit dem Kind zu erforschen, sind Phasen und Einteilungen in Abschnitte nicht hilfreich. Ja, sie sind sogar hinderlich, um die Zukunft des Kindes offen zu gestalten. Vielmehr geschieht doch das, was geschieht: jetzt. Die Beziehungen zum Kind wandern mit uns durch die Zeit, bleiben flüchtig, relativ und beweglich. Versuche, andere oder sich selbst zu ändern, sollten demgemäß auf Schubladen und andere Sortierungen verzichten.
  4. Veränderungen geschehen nicht „Damals und Dort“, sodann „Hier und Jetzt“. Unser klassisches Denken ist zu kurzsichtig für die wechselseitige Durchdringung und dynamische Verflochtenheit von Gegenwart und Zukunft. Es kann kaum die wechselseitige Abhängigkeit von Individuum und Gesellschaft durchschauen. Könnten wir jedoch zugleich die Einheit des Unterschiedlichen und die Unterschiede des Einheitlichen anerkennen, könnten wir neue Möglichkeiten an die Hand bekommen. Diese Möglichkeiten nutzen das Wissen um die Vernetztheit und Koexistenz von Erfahrung und Konstruktion, und zwar absichtsvoll für die eigene Veränderung. Versuche, sich selbst zu ändern, sollten statt auf feste Substanzen und Gegenstände auf Prozesse, statt auf Entwicklung auf Verwicklungen achten.
  5. Soziale Arbeit kann die Veränderung sein, die sie sucht und für die sie sich selber hält, wenn sie davon absieht, die Ergebnisse dieser Selbstveränderung kalkulieren oder beherrschen zu wollen. Die Zukunft lässt sich weder wertneutral erforschen, noch erobern oder gar kolonialisieren. Mit Gewissheit lässt sich nur beschreiben, dass sie ungewiss bleibt. Versuche, sich selbst zu ändern, entbehren der Kontrolle und Prognose. Stattdessen wäre auf das zu achten, was sich nicht kontrollieren und nicht vorhersehen lässt.

Fazit: Soziale Arbeit, sowohl ihr Personal als auch ihre Nutzer/innen, braucht zur Umsetzung dieses Konzeptes Strukturen und Verfahren des ergebnisoffenen Experimentierens, des kreativen Ausprobierens, des neugierigen Erkundens, des schöpferischen Spielens mit Gedanken, Gefühlen, Themen, Rollen und Zuschreibungen, kurz: „strukturierte Offenheit“ (Hans Thiersch) – postmoderner formuliert: strukturierendes Öffnen bzw. öffnendes Strukturieren. Diese strukturierten Verfahren des Offenen und Öffnens der Zukunft können dem Ziel dienen, noch Unbekanntes hervorzubringen.

6 Gedanken zu “35. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

  1. Ich stimme Ihnen auf der theoretischen Ebene vollkommen zu und finde alle bisher eingestellen Texte von Ihnen hochspannend. Was ich allerdings in meiner alltäglichen Arbeit mit Mitarbeiterinnen, die kein Studium des Sozialwesens absolviert haben , feststelle, ist, dass trotz Bereitstellung von Strukturen und Verfahren die Auseinandersetzung mit sich selbst und das ergebnisoffene Experimentieren häufig sehr angstbesetzt ist. Es kann sich nicht mehr an „Altbekanntem“ festgehalten werden. Da erlebe ich Sozialpädagogen/Sozialarbeitern offener. Das hatte ich an anderer Stelle bereits geschrieben: in den Ausbildungsberufen Altenpfleger, Heilerziehungspfleger wird ein solches Vorgehen nicht oder nur sehr unzureichend vermittelt. Leider…

  2. Vielen Dank. ….muss Ihnen leider recht geben, zumindest was meine Erfahrungen mit HEPflege angehen. Liegt m.E. klar an den relativ kümmerlichen Forschungsressourcen in Sparten wie diesen. Könnte das vielleicht wenigstens in Einzelfällen durch sorgfältige Personalentwicklung kompensiert werden?

  3. Nun, dort entwickelt sich was. So hat die Universität Tübingen in einem klugen Verfahren die neuen Pflegewissenschaften als Angewandte Wissenschaften in die Universität integriert. Es geht um den BA und Master. Hochintressant.
    Dieser Blog zeigt in meinen Augen beispielhaft wie schwer die Aufgabe Veränderung ist. Von vielen sicherlich gelesen, wagen nur wenig einen Standtpunkt mitzuteilen. Soziale Arbeit in Deutschland ist viel besser als ihr Ruf – sie wagt nur nicht, sich zu zeigen. Wie ich bereits einmal gesagt habe, in einer Unistadt arbeitend, wurde mir des öfteren gesagt: Die ist hier nicht anerkannt. Ich freue mich, dass die Entwicklung hingeht zu mehr Offenheit.

  4. „Von vielen sicherlich gelesen, wagen nur wenig einen Standtpunkt mitzuteilen.“

    Danke. Okay, wie gelangen Sie zu dieser mich jetzt doch neugierig machenden These? BG

  5. @2 Herr Wirth: ja, das bieten wir immer wieder an. Die Nuss, die zu knacken ist – die Auseinandersetzung mit sich selbst. Trotz Sicherheit schaffen und geben, dauert es einfach, bis Mitarbeiter bereit sind, die eigene Angst vor Versagen (oder Fehler zu machen) zu überwinden.

  6. Danke, das klingt verständlich und auch spannend. Falls Sie mal einen oder zwei Teamtage planen, bitte planen Sie mich doch gleich ein. 🙂 Zu gerne bin ich genau in diesen Teams (*keine Ironie*). Und vielleicht kommt ja Herr Kleve auch gleich mit….

    Viele Grüße, schönen Advent!

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