36. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

Natürlich ist eine Soziale Arbeit ohne Philosophie möglich, nur wozu?

Mit der Thematisierung von Philosophie in der Sozialen Arbeit verbinden wir mehrere Absichten, die sich einander ergänzen: Erstens wollen wir mit dem Philosophieren nicht nur die Welt und die in ihr beobachtbaren Widersprüche erkennen, sondern uns vor allem darüber Rechenschaft ablegen, wie Erkennen, etwa das berühmte Selbsterkennen überhaupt möglich ist.

So können wir z.B. während des Sehens nicht sehen, wie wir sehen – systemtheoretisch formuliert: Die Beobachter/innen können beim Beobachten nicht gleichzeitig beobachten, wie sie beobachten. Damit sie die Art und Weise ihres Beobachtens im Nachgang einblenden, damit sie reflektieren können, brauchen sie Strukturen, etwa Fall- und Teambesprechungen sowie Supervisionen. Als Beobachter/innen brauchen wir außerdem bestimmte Fähigkeiten und Möglichkeiten – ganz ähnlich denen, die zum Philosophieren benötigt werden. So geht es etwa darum, Widersprüche zu erkennen, konstruktiv nachzufragen, dialogisch zu argumentieren und auszuhandeln, das eigene Handeln zu reflektieren und nicht zuletzt: kritisch zu überdenken.

Beim Philosophieren stoßen wir absichtsvoll auf Phänomene, an denen das unter Handlungsdruck stehende Erkennen scheitert. Das Philosophieren bezieht sich grundsätzlich, so können wir sagen, auf das Beobachten – die empirische Wissenschaft hingegen auf das Beobachtbare. Wenn das exakte Erkennen unmöglich wird, sind wir auf das Philosophieren und Theoretisieren angewiesen.

Üblicherweise wird Theorie als Entwerfen, Konstruieren und Planen gedacht – hingegen Praxis als Handeln, Arbeiten und Herstellen. Das ist eine theoretisch zwar nachvollziehbare, aber praktisch nicht weiterführende Beobachtung. Im Lichte des Gesagten begreifen wir nämlich das Philosophieren als das reflexiv-kritische Element sozialer Tätigkeiten, ohne das weder das Handeln noch das Entwerfen eine umfassende Bedeutung für die Praxis bekämen.

Insofern meint Philosophieren für uns zu lernen, zu beobachten, wie wir eigentlich beobachten, um daraufhin passend handeln zu können. Es heißt zugleich auch zu lernen, mit dem Nichtwissen umzugehen, das daraus folgt, dass das Selbsterkennen (Selbstbeobachten) weder in Gänze gelingt noch zu einem Ende findet. Wie sich dieses Philosophieren in praktischer Absicht zur Wirksamkeit entfaltet, bleibt für die Soziale Arbeit als angewandte Wissenschaft ein überaus wichtiges Thema.

Zweitens bietet uns die Philosophie in ihren verschiedenen Ausprägungen, etwa als Tugend- und Diskurs-Ethik äußerst wertvolle Ideen, um über das Ziel der Sozialen Arbeit nachzudenken und zu reden, nämlich wie deren Nutzer/innen dabei unterstützt werden können, jeweils ein gelingenderes Leben zu erreichen. Philosophie sagt uns jedoch nicht, wie das Leben Einzelner beschaffen sein sollte oder welche Ziele oder Entwürfe wir verfolgen sollten. Als Diskursethik gibt uns die Ethik jedoch nachvollziehbare Anhaltspunkte, plausible Orientierungen, anerkennenswerte Richtschnüre und Verfahren, um zu sehen, dass das „gute Leben“ nicht ein für alle Mal fixiert und entworfen werden kann, sondern dass es in einer gemeinschaftlichen Lebenspraxis sowohl reflexiv besprochen als auch praktisch hergestellt werden muss. Die Maßstäbe dafür haben wir stetig zu prüfen, gemeinsam zu diskutieren und womöglich auch zu beherzigen.

Um es auf den Punkt zu bringen: Ohne die Möglichkeit der Teilnahme an diesen philosophischen Kommunikationen könnten wir weder erkennen, wie Erkennen möglich ist, noch kämen wir zu einer wenigstens vorläufigen gemeinsamen Auffassung darüber, was lohnenswerte Ziele der Lebensführung für uns sein könnten. Das hieße womöglich, wir müssten uns als Sozialarbeitende in jedem Morgengrauen aufs Neue mit der gleichen Frage beschäftigen: Wozu?

1 Gedanke zu “36. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

  1. @0 Das ist allerdings ganz wunderbar auf den Punkt und lässt sich als Gesellschaftskritik umformulieren. Es ist diese Art selbstreferenzieller Reflektion, die überhaupt erst den Unterschied macht zwischen dem Bürger und dem mündigen Bürger. Wobei dieser dann auch die Grenzen seiner eigenen Mündigkeit erkennt.
    Danke.

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