37. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

Es ist ihre Anwendung, die aus Theorien Methoden macht.

Bei Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmern  beobachten wir zuweilen ein größeres Interesse an Methoden, hingegen ein eher geringeres an Theorien. Dies könnte daran liegen, dass die Soziale Arbeit im System der Disziplinen als eine angewandte Sozialwissenschaft gilt. In angewandten Wissenschaften soll praxisbezogen gelehrt, gelernt und geforscht werden. Für die Soziale Arbeit bedeutet das, professionelles Helfen, Beraten, Begleiten, Fördern und Fordern zu lehren, zu erlernen und weiter zu erforschen. Ob als Handlungs- oder Forschungsmethode, Methoden sollen stets darüber informieren, wie etwas zu tun ist. Das Passende zu tun, das ist den Beteiligten zurecht enorm wichtig. Ohne diesen Motivkomplex würde der Motor Sozialer Arbeit weder anspringen noch kräftig weiterbrummen. Allerdings behaupten wir, dass das Passende nicht getan werden kann, ohne zu wissen, was zu tun ist. Dies ruft uns allen – wenig sensationell – die notwendige Kenntnis und das Wissen von Theorien ins Bewusstsein. Was aber leisten Theorien?

Theorien sind (phänomenale) Beschreibungen („Was ist los?“) und (kausale) Erklärungen („Warum ist das so?“), die uns darüber informieren, was von wem warum als Problem und von wem als Lösung angesehen wird. Theorien dürfen nicht mit Tatsachen oder mit der Wirklichkeit verwechselt werden. Sie sind, und das ist natürlich nicht geringschätzig gemeint, lediglich Aussagen über Beschreibungen und Erklärungen. Es sind Modelle von Phänomenen, mit denen etwas vermutet vermutet werden kann, anderes verworfen – und das jeweils ohne einen mehr als nur vorläufigen Geltungsanspruch.

Wenn wir behaupten, dass Theorien im Moment ihrer Anwendung zu Methoden werden, haben wir dafür mindestens zwei Gründe: Erstens ist für uns das Anwenden einer Theorie gleichbedeutend mit dem Beschreiten eines methodischen Weges. Wenn wir Theorien anwenden, um Probleme und Lösungen zu beschreiben und zu erklären, verbergen sich hinter den Beschreibungen und Erklärungen zugleich Handlungsoptionen, also aktionale Möglichkeiten. Denn die methodische Vorgehensweise ist vom Standpunkt, vom Fall, vom Auftrag bzw. der Lebenssituation, um die es jeweils geht, abhängig. Wenn Methoden dem Vorwärtskommen dienen, dann dienen Theorien zur Bestimmung des Standpunktes. Zweitens: Ob wir uns in der Fallbearbeitung nun der Theorien oder der Methoden bedienen, beide sind gleichermaßen auf Beschreibungen und Erklärungen angewiesen. Denn wie können wir wissen, wie gehandelt wurde, ohne zugleich auf eine Beschreibung und Erklärung, d.h. eine Theorie zurückzugreifen?  Methoden verweisen – ob mitkommuniziert oder nicht – auf die Theorie, die angewendet wird. Theorien verweisen auf die Methoden, die daran anknüpfen.

Theorien und Methoden sind, so fassen wir diese Überlegungen zusammen, zwei verschiedene Arten von Programmen der Wissenschaft Sozialer Arbeit, die getrennt und kombiniert werden. Dass etwas zusammengehören kann und zugleich zu trennen ist, stellt die Kommunikation und das Denken – ob in Profession oder Disziplin – vor Hürden, die auch nicht mit den Bulldozern widerspruchsfreien Denkens beiseite geschoben werden können.

2 Gedanken zu “37. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

  1. @ 0 „Das etwas zusammengehören kann und zugleich zu trennen ist, stellt die Kommunikation und das Denken – ob in Profession oder Disziplin – vor Hürden, die auch nicht mit den Bulldozern widerspruchsfreien Denkens beiseite geschoben werden können.“

    Sorry, Herr Kleve
    „Das“ muß „Dass“ und/oder „Daß“ heißen …

    … machen Sie sich aber nichts drauß,
    das hängt nämlich weder an der Theorie noch an der Praxis,
    Gerade in der Sozialen Arbeit kommt es kommt auf den Bulldozer an
    und wie gut der sich in der Lage sieht, die Poller zeitnah beiseite zu schieben.
    Gedacht und bedacht zu werden reicht eben nicht aus,
    um auch etwas zu tun zu gedenken.
    Denke ich mir mal so

    In derart hartnäckigen Fällen präferiere ich entweder
    gleich den Kran zu nehmen
    und/oder
    -falls er stark genug ist
    (und auch gleich mehrere Coils zum Keulen aufs Horn nehmen kann) –
    den Gabelstapler zum plattbügeln von Wiederreden

    mit anschließendem Re-Arrangement,
    was auch noch zwischen den Jahren Zeit hat.

    Gutes Gelingen weiterhin
    und bis die Tage
    🙂

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