38. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

Die Praxis verhält sich zur Theorie wie die See zur Seekarte.

Um sich als Sozialpraktiker/in den wichtigen Theorie-Praxisbezug zu erklären, ist das bekannte Bild von der Beziehung zwischen Land und Land-Karte fruchtbar und an vielen Stellen nachzulesen. Die klassische Psychologie etwa beschäftigt sich vornehmlich mit den Landkarten in unseren Köpfen.

Mit diesem Leitsatz wollen wir allerdings diese Metapher von der Landkarte in den Köpfen auf hoffentlich plausible und nützliche Weise verändern. In abgrenzender Ergänzung dazu lässt sich mit der systemischen Perspektive eine umweltsensiblere Sicht entwickeln: Es werden systemisch primär die Beziehungen zwischen sozialen Kontexten und Personen betrachtet. Menschliches Denken und Fühlen basieren auf Handlungszusammenhängen, in denen sich Leute wechselseitig aufeinander beziehen. Dabei entstehen jedoch zwei Realitäten: erstens die aktionale und strukturelle Realität des unmittelbaren Handelns und zweitens die kommunikative Realität der Verkettungen unseres Handelns, der Beziehungen der Aktionen zueinander, kurz: der Kommunikation.

Im Alltag des Handelns ergibt sich die aktionale Realität, in der wir mit unserem Tun, unseren Aktionen schnell und ohne viel Aufwand (inter-)agieren müssen, etwa Bedürfnisse decken, Situationen deuten, Folgen überdenken, Kooperationen organisieren und ausführen etc. Durch dieses Handeln ensteht die Handlungs-Wirklichkeit, d.h. das Gebiet unserer Handlungsräume und -grenzen. Um uns in diesem Gebiet zurechtzufinden, müssen wir es beobachten, ohne zugleich zu vergessen, dass sich durch unsere Beobachtung schon das Gebiet erneut verändert. Das aber bedeutet paradoxerweise, dass wir durch unsere Beobachtungen genau genommen das Gebiet erst erzeugen, das wir beobachten. In diesem Beobachten sind wir angewiesen auf möglichst passende Muster von Unterscheidungen und Deutungen, anhand derer wir uns zeitkritisch orientieren können. Die dabei entstehenden Modelle von Welt sind systemisch betrachtet eine Menge von Regeln und Vorschriften, wie die Phänomene und Facetten aufeinander zu beziehen sind. Diese Modelle bilden unsere zeichenhafte (symbolische) Realität, nämlich unsere Kommunikations-Wirklichkeit, also die Karte.

Wie angedeutet gibt es zur zuerst erwähnten Land-Landkarte-Metapher viele nützliche Ideen und Ratschläge ihrer Verwendung in Beratung und Therapie. Allerdings kommt diese Metapher systemisch betrachtet an ihre Grenzen, da eine „Landkarte“ bestimmungsgemäß eine Karte von einer unbeweglich bleibenden, eher unverrückbaren Wirklichkeit ist. Dieses Modell ist jedoch für Berufe mit Veränderungsabsichten von Verhalten und Verhältnissen nicht optimal. Das systemische Konzept geht hingegen, wie jedes auf Veränderung abzielende Modell, von einer sich verändernden und veränderbaren Wirklichkeit aus. Was heute für jemanden eine Lösung ist, kann sich in drei Monaten für ihn/sie als Problem herausstellen. Diese Dynamik lässt sich mit der Metapher des Landes nicht darstellen. Ein Landberg bleibt ein Landberg – hingegen kann ein Wellenberg plötzlich auftauchen und genauso plötzlich wieder verschwinden.  Das Handeln kann sich umweltabhängig überraschend verändern. Es kann Wendepunkte haben (Erfolg, Krise) und unterliegt vielen Einflüssen (Macht, Ausgrenzung). Aus dieser Reihe von Gründen halten wir das beweglichere und interessanterweise auch tiefenempfindliche Modell von „See/Seekarte“ zur Erläuterung und Erweiterung von Handlungsmöglichkeiten von sozialen Fachkräften für deutlich geeigneter.

Wie jede Karte ist auch unsere Seekarte am hilfreichsten, wenn sie zwei Stärken hat, nämlich einerseits Komplexität zu reduzieren und andererseits Komplexität zu erhöhen. So muss unsere Seekarte nicht jede geringfügige Strömung oder Untiefe anzeigen. Allerdings sollte sie doch möglichst jene anzeigen, welche unseren Kurs mit relativer Sicherheit beeinflussen. Eine Seekarte, die einfach jedes Detail anzeigt, wäre zur Orientierung und Navigation schlecht geeignet. Unsere Seekarte bezieht ihren Wert insofern nicht daraus, dass sie die See vollständig abbildet, sondern dass sie die allermeisten Details weglässt. Wie jede Karte kann auch unsere Seekarte nur einen Ausschnitt des tatsächlichen Handlungsgeschehens und Aktionsraumes abbilden. Wir wissen nicht, wie groß und tief die See wirklich ist. Unsere Seekarte ist nie vollständig. Ganz im Gegenteil müssen wir davon ausgehen, dass es viele unbekannte Gewässer geben dürfte.  Wir bewegen uns im sozialen Arbeiten in einer steten Bewegung zwischen Bekanntem und Unbekanntem.

Aber unsere Seekarte lässt sich nicht nur für soziale Hindernisse und Distanzen, sondern auch für die Dichte, Häufigkeit und Qualität von Beziehungen zwischen Personen und Institutionen nutzen. Dies ist der Entstehungsort für viele soziale Karten, die in der Arbeit für bzw. mit Menschen in ihren Sozialräumen entstehen. Auch die Wasserschichten sind nicht unbedeutend. Unter der Wasseroberfläche fließen Energien, Gefühle, Emotionen, die die See zwar bewegen, die wir jedoch nie zu sehen bekommen. Die systemische Seekarte gibt uns zwar eine Vorstellung von dem Gebiet, den dort herrschenden Strömungen und Hindernissen, wie etwa den Eisbergen mancher Institutionen. Die Seekarte kann uns letztendlich jedoch nicht befreien von der Entscheidung darüber, welchen Kurs wir einschlagen wollen. Sie gibt uns allerdings eine Navigationshilfe an die Hand, durch welche wir erfahren, welchen Kurs wir wählen könnten, ohne gleich an einer Klippe zu zerschellen, im Strudel zu kentern oder allein am Strand einer einsamen Insel zu enden.

Es gibt zudem nicht nur eine allgemeingültige Seekarte. Im Gegenteil, es gibt viele davon, etwa Seekarten für Segelboote, Schnellboote, Containerschiffe oder Kreuzfahrtschiffe. Es gibt Auslegerboote und Ruderboote, die nach den Sternen navigieren. Moderne Seefahrzeuge verfügen  über digitale Navigationssysteme. Auch diese Seefahrer/innen können die Unbilden und Unwägbarkeiten auf den offenen Meeren jedoch nicht gänzlich vorhersagen. Zugleich zeigt uns auch diese Vielfalt der Seekarten, dass es keine richtige oder falsche Seekarte geben kann, sondern nur diejenige, die am besten zu dem Ziel und Boot und natürlich zu den Reisenden passt.

Treffen zwei Seefahrer/innen zusammen, können sie zwar ihre Seekarten nebeneinanderlegen. Aber auch das bewahrt sie nicht davor, Kurs, Ziel, ja sogar Himmelsrichtungen, Orte und Distanzen auf der Karte zu diskutieren und gemeinsam auszuhandeln. Gelingt es ihnen, zugleich See und Seekarte auf vorläufig wertvolle Weise für sich zu nutzen, könnten sie vielleicht trotz Gegenwind und ungünstigen Strömungen mit ihren eigenen Mitteln zu ihren Zielgewässern und womöglich sogar zu einem vorläufig sicheren Hafen gelangen.

3 Gedanken zu “38. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

  1. … und wenn zwei Unterwasserströme, die vielleicht sogar noch den selben Anfang hatten, dann aufeinandertreffen, können die unglaublichsten Sachen passieren.
    Seekarte. Gefällt mir.
    Frohe Weihnachten, liebe Leitsatzautoren und zu unserem Vergnügen hoffe ich auf frohes Schaffen im Neuen Jahr!

  2. etwas klassische Würze,
    à la Liebig
    -aber nicht beliebig –
    tut’s vielleicht auch,
    um den psychosozialen
    Impfkalender bei der Stiko etwas auf
    Vordermann zu bringen,
    in Sachen
    Geist & Welt

    Mediziner sind gewöhnlich ziemlich hartnäckig, was diese Thematik -rund um die Maieutik- angeht, aber unter Umständen lassen sie sich dann doch auch bestechen.

    Eine (Geschenk)-Empfehlung hierzu:

    Dr. Eucharius Rößlin
    „Der Swangeren Frauwen und Hebammen Rosegarten“
    Antiqua-Verlag 1993,
    Reprint der Ausgabe von 1513.
    Auflagenrest, statt € 35,00 **
    nur € 12,00
    (bei Rothacker)

    … dieses Werk des Wormser Stadtphysikus (Dr.Eu.Rößl., als Autor, s.o.) gilt als das 1. Hebammenlehrbuch der Medizin- und
    Literaturgeschichte.

    Ergo, Rarität fürs
    Moritaten&Raritäten-
    Kabinett
    absolutes Schnäppchen;
    nicht verpassen!
    🤑, 🎭,
    🦉

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