39. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

Werte orientieren uns wie Sterne am Himmel; es gibt jedoch viele davon.

Was sind Werte? Welche Funktion und welchen Wert haben sie für uns als Professionelle und für die Gesellschaft allgemein? Wie entsteht die heutige Wertevielfalt, und wie gehen wir damit um? Dies sind zentrale Fragen, die sich in der Sozialen Arbeit immer wieder stellen.

Soziale Systeme entstehen, wenn sich Beobachter/innen beim Versuch beobachten, ihr Verhalten gegenseitig zu koordinieren. Im Bemühen, die Möglichkeiten oder Begrenzungen ihres Verhaltens zu beschreiben, zu erklären und zu bewerten, sind Beobachter/innen auf Sprache angewiesen. Sinn und Bedeutung von sprachlichen Beschreibungen, Erklärungen und Bewertungen kommen jedoch nicht aus einer äußeren Welt, nicht aus einer für alle gleichermaßen gegenständlich und eindeutig gegebenen Wirklichkeit. Vielmehr beziehen sich Zeichen und Bezeichnungen in ihrer Unterschiedlichkeit auf andere Zeichen und Bezeichnungen, also gewissermaßen auf sich selbst und nicht auf eine äußere Objektivität. Beispielsweise lässt sich der (normativ positive) Wert des Wortes „Gesundheit“ erst in der Unterscheidung vom (normativ negativen) Wert des Wortes „Krankheit“ erfassen. Wir können sagen, dass Werte bzw. Bewertungen aus dem Bevorzugen der einen Seite im Unterschied zur anderen Seite der Unterscheidung hervorgehen.

Als Personen schweben wir allerdings nicht frei im physischen oder sozialen Raum. Wir werden in Wertezusammenhänge und Wertekonflikte hineingeboren und in diesen Kontexten sozialisiert. Werte sind grundsätzlich an Kontexte sowie an Zugehörigkeiten, Mitgliedschaften und Rollen gebunden. In der Gesellschaft kommt es zu einer Ausdifferenzierung einer Vielfalt von sozialen Kontexten wie etwa Familien, Organisationen, gesellschaftlichen Systemen der Wirtschaft, der Politik, der Wissenschaft, der Kunst, der Religion, der Erziehung etc. Jeder dieser Kontexte erzeugt eigenständige Wertesysteme. Daher kommt es zu keinem Verfall der Werte, wie manchmal behauptet wird, sondern im Gegenteil: zu einem starken Zuwachs an vielfältigen, systemrelativen Werten.

Wir können zugleich feststellen, dass wir in unserem Handeln als Sozialpraktiker/innen unabdingbar auf diese Wertorientierungen angewiesen sind. Der Bezug auf Werte der Gesellschaft bzw. der Profession ist unserem beruflichen Handeln fest eingeschrieben. Ohne etwa den impliziten Bezug auf den Wert von Autonomie und Selbstbestimmung, der mit der sozialarbeiterischen Leitlinie von der Hilfe zur Selbsthilfe einergeht und der für den Wert der Würde des Menschen zentral ist, lässt sich Soziale Arbeit heute nicht mehr vorstellen.

Gerade die Vielheit an Werten ist jedoch auch der Nährboden für die Zunahme von Konflikten zwischen diesen. Diese Konflikte können sich einerseits in der sozialen Dimension zwischen verschiedenen Personen, Gruppen, Organisationen, kurz: Leuten und Sozialsystemen zeigen. Auch können sie sich andererseits psychisch, als innerer Widerstreit einstellen, nämlich zwischen verschiedenen Werten bezüglich einer gerade aktuell zu beantwortenden Fragestellung. Ein Beispiel für eine solche Fragestellung bezüglich helfender Berufe ist die permanent mitlaufende, aber nicht immer mitbeobachtete Unterscheidung von Helfen und Nichthelfen in der professionellen Interaktion. Die Leitfrage lautet hier: Wie helfe ich den Nutzern/innen am besten, indem ich ihnen helfe oder nicht helfe? Denn Hilfe führt nicht selten zum nicht intendierten Effekt, dass die Hilfebedürftigen abhängig vom professionellen Hilfesystem werden und damit eben nicht in die Autonomie und Selbstbestimmmung kommen. Daher stellt sich bezüglich der helfenden Interaktion jederzeit die Frage, wie die Hilfe so durch Nichthilfe begrenzt werden kann, dass tatsächlich die Selbsthilfe gestärkt wird und die professionelle Hilfe vorübergehend bleibt, sich irgendwann gänzlich überflüssig macht.

Nicht zuletzt können wir die Supervision und Praxisberatung dafür nutzen, uns dabei helfen zu lassen, die Unterscheidung von Hilfe und Nichthilfe gemessen an den verschiedenen Wertehorizonten auftrags-, sach-, nutzer- und zielangemessen zu handhaben. Dies wiederum mündet in folgende Frage: Wer hilft mir, die Unterscheidung von Helfen oder Nichthelfen in der aktuellen Hilfe hilfreich zu handhaben?

Die Vielfalt und Ambivalenz von Werten, etwa von Hilfe und Nichthilfe ist das mindeste, womit wir in den gegenwärtigen Professionsverhältnissen der Sozialen Arbeit rechnen müssen. Das allerdings bewerten wir nicht nur als Problem, sondern zugleich als Gewinn. Die daraus zwangsläufig entstehende Auseinandersetzung und Aushandlung wird uns und unseren Nutzern/innen dabei helfen, in der jeweiligen Lebenslage und Lebenssituation nicht nur die notwendige Begrenzung, sondern auch die damit zugleich entfaltbaren Möglichkeiten des Handelns gemeinsam zu entdecken und gleichermaßen zu würdigen. Dies führt die Wertefragen in eine wichtige Funktion: Kommunikationen, mithin Beziehungen zu stiften, wo so ansonsten möglicherweise Sprach-, Verbindungs- und Verständnislosigkeit alltäglich wären.

Universelle Geltung beanspruchen die Menschenrechte in der United Declaration of Human Rights. Sie bieten für Sozialpraktiker/innen Anschlussmöglichkeiten und reflektieren, dass zwar weltweit unterschiedliche Vorstellungen bezüglich der menschlichen Würde entwickelt wurden, jedoch bei nahezu identischen Verhaltensregeln, etwa jener, welche als „goldene Regel“ bezeichnet wird: Behandle andere Menschen so, wie du selbst von diesen behandelt werden möchtest. Daher zeigen sich am Sternenhimmel einzelne Sterne, die uns deshalb besser orientieren, weil sie einfach heller leuchten als andere.

 

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