40. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

Missverständnisse sind das nötige Salz in der Suppe der professionellen Alltagskommunikation.

Je nachdem, mit welcher Theorie Sozialpraktiker/innen ihre Kommunikationen reflektieren, werden sie zu Missverständnissen eine unterschiedliche Position haben.

Im Alltag der Handlungskoordination, etwa in technologiebasierten Hochleistungsorganisationen können Missverständnisse die Handlungsabläufe verzögern oder sogar Fehler erzeugen. Auf einem Flugzeugträger oder in einem Kernkraftwerk könnte eine Reihe von Missverständnissen eine nicht mehr kontrollierbare Fehlerkette in Gang setzen. Hier wäre von den Verantwortlichen darauf zu achten, dass die Informationen in technischer Hinsicht störungsfrei übermittelt werden und in möglichst eindeutiger Weise vom Personal als letztem verbleibenden Risikofaktor verstanden werden. Solche Fehler können in jeder Organisation entstehen, haben aber nicht solche gravierenden Folgen wie sie in Kernkraftwerken oder auf Flugzeugträgern potenziell möglich sind.

Für das anwendungsorientierte Verständnis von sinnbasierter, also sehr variationsreicher Kommunikation zwischen Leuten, Familien, Netzwerken, Organisationen und gesellschaftlichen Funktionssystemen ist dieses relativ einfache Modell der Informationsübertragung nicht passend. Außerdem wäre es in der Anwendung ressourcensprengend.

Grob können wir uns auf zwei verschiedene Ansätze in den Sozialwissenschaften stützen, um das Verstehen zu verstehen: zum einen auf hermeneutische, d.h. verstehende Ansätze und zum anderen auf systemtheoretische Ansätze.

Kommen wir zum hermeneutischen, verstehenden Ansatz: Als Sozialpraktiker/innen wollen wir selbstverständlich die Menschen verstehen, mit denen wir zu tun haben und uns auf das Verstehen ihrer aktuellen Lebenssituation verlassen. Die meisten hermeneutischen Theorien des Verstehens gehen oft davon aus, dass wir aus dem Deuten äußerlich wahrnehmbarer, sinnlich gegebener Zeichen (etwa Texte), auf eine innere, psychische Binnenwelt der Akteure schließen können. Die bekannte Theorie der Beratung und Therapie von Carl Rogers basiert wesentlich auf der Kompetenz von Beratern/innen, ihre Klienten/innen oder zu beratende Personen in „emotional einfühlender Weise zu verstehen“.

Systemische Kommunikationsmodelle gehen nicht von der Möglichkeit der Übertragung von Informationen aus. Informationen werden im jeweiligen System selbst erzeugt und nicht einer äußeren Umwelt entnommen. Das systemische Modell des Verstehens macht geltend, dass sich Systeme „selbst informieren“. Ihre Umwelt nehmen sie sozusagen wie ein Rauschen wahr. In diesem Rauschen werden von einem bestimmten System bestimmte Unterschiede wahrgenommen. Mit der Unterscheidung von „Information“ und „Mitteilung“ und dem Anschließen an einer Seite der Unterscheidung setzen Systeme ihre Kommunikation fort. An eine Aussage wird mit einer zeitlich nachfolgenden Aussage angeschlossen. Das „Verstehen“ als Vorgang wird nicht mehr der psychischen, sondern der sozialen Seite zugeschlagen.

Für eine Theorie des produktiven Umgangs mit Missverständnissen hat das weit reichende Folgen. Wir werden wohl zugeben müssen, dass in Prozessen des gemeinsamen Lernens und Beratens häufig Missverständnisse auftreten. Radikal gedacht stellt sich jetzt jede Kommunikation als eine Kette von Missverständnissen dar. Von diesen Missverständnissen wird allerdings nur ein Teil auch kommunikativ wichtig. In den allermeisten Fällen tun wir so, als wenn wir uns verstünden, damit die Kommunikation weiterlaufen kann.

Missverständnisse sind für uns kein Anlass zum Ärgern oder gar zum Belehren der jeweiligen Kommunikationspartner/innen. Sie kommen zwangsläufig und unabhängig vom Wollen Einzelner vor und sollten auch in der Gesprächsführung beachtet werden. Dies führt zu einer Gestaltung von Kommunikation, die durchsetzt ist mit Momenten des Nachfragens, des Kommentierens und des Zusammenfassens.

In dieser Kommunikation versuchen wir nicht mehr, die Anderen innerlich oder psychisch zu verstehen. Gedanken können den Raum nicht durchqueren und sich irgendwo in einen ähnlichen oder identischen Gedanken hineinversetzen. Die Gedanken sind auf Kommunikation als Medium (Vermittlerin) für mögliche Anschlüsse angewiesen. In der Kommunikation kann nicht an Gedanken, sondern nur an Aussagen angeschlossen werden. Indem wir auf sozial passende Weise an die erlebte Kommunikation mitsamt ihren Informationen und Mitteilungen anschließen, können wir vielleicht Gespräche und Interaktionen produzieren, die von den Partnern als verständnisvoll, konstruktiv und bereichernd wahrgenommen wird.

Das hieße erstens: Es gibt keine „richtige“ Kommunikation. Zweitens: Es gibt keine Kommunikation ohne Missverständnisse. Drittens: Wir nutzen Missverständnisse absichtsvoll. Zum Beispiel können wir akustische Missverständnisse erzeugen („Ich höre etwas, was Du nicht hörst“ bzw. andersherum) oder auch visuelle Missverständnisse („Ich sehe etwas, was du nicht siehst“ bzw. andersherum). Diese können wir nutzen, um überraschende Perspektivenwechsel zu erzeugen. Viertens: Missverständnisse sind das Salz in der faden Suppe der alltagsbezogenen professionellen Kommunikation. Sie lassen sich hervorragend nutzen, um auf humorvolle und gesunde Weise die Vielfalt der aktuellen Kommunikation explosionsartig zu erhöhen.