41. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

Der Ausgangspunkt jeder Ausgrenzung ist die Kategorisierung oder – wie wir auch sagen könnten: das Denken in Arretierungen.

Ausgrenzung ist ein wichtiges Thema für uns Sozialpraktiker/innen insbesondere in der Sozialen Arbeit. Denn in dieser Profession geht es generell um Teilhabe und Nicht-Teilhabe, um Inklusion und Exklusion. Ausgrenzung ist eine solche Form der Nicht-Teilhabe von Gruppen bzw. Personen, die allerdings über die bloße Nichtbeachtung von Themen oder Personen noch hinausgeht.

Zuerst wollen wir Ausgrenzung in einfacher Weise näher bestimmen. Ausgrenzung ist eine Form von Exklusion. Exklusion bedeutet allgemein „Ausschluss“. Dabei lassen sich vier verschiedene Formen unterscheiden:

  1. die fremdbestimmte Exklusion, etwa die unfreiwillige Entlassung,
  2. die selbstbestimmte Exklusion, etwa die Schulverweigerung oder eigene Kündigung,
  3. die situative Exklusion, in der etwa körperlich wahrnehmbare Personen keine kommunikative Beachtung finden, etwa im Elterngespräch übergegangene Kinder,
  4. die strukturelle Exklusion, in der etwa gesellschaftliche Teilsysteme Leute von der Teilnahme an ihrer Kommunikation ausschließen, etwa Langzeitarbeitslose vom nachfrageorientierten Arbeitsmarkt.

Üblicherweise ist der erste Reflex im Sprechen über Ausgrenzung, dass der Finger wie von außen auf die Anderen gerichtet wird. Da wären etwa die gesellschaftlichen Strukturen, Teilsysteme und Organisationen, die andere ausgrenzen würden. Da wären die Kollegen, Klassen- oder Sportkameraden oder die erweiterte Verwandtschaft, die uns in bestimmten Situationen das Gefühl gegeben haben, nicht (mehr) dazuzugehören. Dieses Zeigen auf andere wird oft begleitet von Moralisieren. Über das Moralisieren sagen wir jedoch gerne: Moral funktioniert so gut wie nie. Weiter kommst Du ohne sie.

Aus systemischer Perspektive können diese Punkte wichtig sein, um auf professionelle Weise mit Ausgrenzung umzugehen: Wir können nicht wie von außen auf Ausgrenzung zeigen. Es gibt keinen Außenstandpunkt. Mit jeder Beobachtung, Kategorisierung und dem Festhalten an dieser Kategorisierung beteiligen und verstricken wir uns an und in den sozialen Verhältnissen, die wir kritisieren bzw. verändern wollen. Die Unterscheidung von „Wir“ und „Die anderen“ greift ins Leere.

Ausgrenzung geschieht über Unterscheidungen, die soziale Grenzen ziehen und diese markieren als Linien, die sich auch nicht mehr durch Dialog und Kommunikation kreuzen lassen. Bekannt ist beispielsweise die „Freund/Feind“-Unterscheidung aus kriegerischen Konflikten, die Unterscheidung von „Einheimischen und Fremden“ bei Wanderungen oder die von „Familie/Nicht-Familie“ bei Familienstreit. An der Unterscheidung von „Familie/Nichtfamilie“ zeigt sich selbst instruktiv, dass Grenzziehungen auch „gute Gründe“ haben können. Sie stellen eine sinnhafte Ordnung her, wenn wir nach Orientierung suchen in einer zunehmend flüssig werdenden Welt, deren einziger Fixpunkt der Wandel und die Reflexion zu sein scheinen.

Wir wachsen – häufig unbemerkt – hinein in Unterscheidungs- und Kategorisierungsmuster, die über Zugehörigkeit, Mitgliedschaft und Beteiligung entscheiden. In einer von Erwartungen an Hochleistung, berufsförmiger Erwerbstätigkeit und Flexibilität geprägten westlichen Gesellschaft könnten z.B. alle Leute von Ausgrenzung am Arbeitsmarkt bedroht sein, die nicht über folgende Merkmale verfügen:

  • weiß
  • männlich
  • jung
  • gebildet
  • kinderlos
  • flexibel

Für systemisch Arbeitende sind dies keine „realen“ Merkmale, sondern als „Merkmale“ benannte sozial betonierte Unterscheidungen, die die Gesellschaft wie bewegliche Mauern durchziehen, weil sie über den Zugang zu lebenswichtigen Ressourcen mitentscheiden.

Als professionelle Akteure Sozialer Arbeit könnten wir sozial aufmerksam bleiben in der Verwendung von Unterscheidungen, etwa wenn Träger bzw. Teams „Zielgruppen“ wie „Suchtkranke“ oder „Obdachlose“ definieren. Auch in der Sozialpolitik werden Sozialkategorien wie „Arbeitslose“ genutzt, die jedoch in anderen Kontexten als Ausgrenzung erlebt oder von Dritten sogar instrumentalisiert werden können.

Wir können mit diesem Leitsatz auch unseren ausgrenzenden Umgang mit extremen Ideologien mitreflektieren. Überlegen wir beispielsweise, wie ein systemischer Umgang mit „rechten Bewegungen“ (übliche, z.T. geringschätzige mediale Grenzziehung) wie der AfD oder der Pegida aussehen könnte. Wie Johannes Herwig-Lempp (2017) zu Recht bemerkt, können Ausgrenzung bzw. Exklusion keine geeignete soziale Strategie sein, denn als „moderne, gebildete Menschen der Gegenwart würden wir im Grunde wissen, dass Menschen sich nicht dadurch ändern, dass wir sie diskriminieren“. Herwig-Lempp schlägt nützliche systemische Strategien vor, nämlich die „Auflösung und Verflüssigung“ von sozialen Kategorien zu Gunsten von „Individuen“, die ihre je „guten Gründe“ für ihr Verhalten haben und über eine Menge „Ressourcen“ verfügen. Dem schließt sich unser Leitsatz an und zwar mit folgenden Hinweisen, um einer Verfestigung von Kategorien als „Arretierungen“ entgegenzusteuern.

Um Arretierungen zu vermeiden und gegebenenfalls zu verflüssigen, könnten wir auf die Art und Weise achten, wie wir Kategorien bilden, unterscheiden und verwenden. Benötigen wir in der Arbeit soziale Kategorien in dieser Situation oder diesem Kontext? Welche Kategorisierung könnte bei unserem Gegenüber genau das erzeugen, was wir unbedingt vermeiden wollen, nämlich Gefühle der Ohnmacht und Frustration? Wie kann es uns als professionelle Fachkräfte gelingen, soweit wie möglich auf sozial abwertende Kategorien zu verzichten? Und wie können wir auf emphatische Weise andere veranlassen, sich für die Wirkungen ihrer kategorialen Unterscheidungen zu interessieren?

Und interessant könnte schließlich auch folgende fehlerfreundliche und selbstkritische Frage sein: Welchen Kategorien bin ich im Laufe meiner Biografie aufgesessen gewesen, von denen ich heute eher sagen könnte: „O lala, das war wohl nix“?!

2 Gedanken zu “41. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

  1. Ach so,
    wo ist denn eigentlich Ihr Photo abgeblieben?
    Ich fand das Letzte eigentlich besonders hübsch,
    mit der neuen Brille, die Ihre Augenfarbe so wunderbar
    unterstrich.

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