42. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession.

In der Sozialen Arbeit geht es genauso wenig um den einzelnen Menschen wie es in der Musik um die einzelne Note geht.

Haben Sie heute Musik gehört? Noch nicht? Dann tun Sie es vielleicht jetzt. Legen Sie eine Beethoven-Symphonie oder die Red Hot Chili Peppers auf und lauschen Sie. Was hören Sie? Sie werden zugeben, dass es die Melodie ist, die Sie hören, schätzen und sich von ihr anregen lassen.  Hingegen ist die einzelne Note bedeutungslos und sogar unverständlich, weil sich ihre Bedeutung nur im Zusammenhang mit anderen Noten, als Melodie, erschließt. Die einzelnen Noten lassen sich analysieren, aber diese Analyse trägt zum Verstehen des Liedes oder der Sinfonie nichts bei. Vielmehr sind es die die unterschiedlichen Beziehungen der Noten untereinander, die insgesamt eine Melodie für jemanden erzeugen.

Dieses Sinnbild ist für die Soziale Arbeit von zentraler Bedeutung. Nicht der Mensch begründet die Gesellschaft. Die Gesellschaft begründet den Menschen. Nicht in der Aktion, sondern in der Inter-Aktion entstehen Leute, die sich wechselseitig als Akteure anerkennen. Die Aktion in ihrer Bedeutung steht nicht für sich allein. Sie wird von anderen erlebt, auf sie wird reagiert, und auch das wird erlebt und so fort. So entsteht nicht nur Interaktion, sondern auch Beziehung. Fast könnten wir sagen: So entsteht Leben. Am Anfang des menschlichen Lebens steht eine Beziehung. Dies könnte eine intime Beziehung sein zwischen zwei Menschen oder die Beziehung zwischen Mutter und Kind. Für die Einschätzung der Bedeutung dieser Beziehung zählt das entstandene Ganze und nicht das Einzelne.

Über viele Jahrhunderte wurde in den Wissenschaften nach dem Muster der mechanistischen Naturwissenschaften geforscht. Die Wissenschaftler/innen interessierten sich nur für das materiell Gegebene und den in diesem Wirklichkeitsbereich herrschenden Naturgesetzen. Beziehungen und Relationen sind jedoch in einem materialen Sinne gar nicht wahrnehmbar. Sie sind immateriell und beruhen auf einer Konstruktionsleistung von Beobachtern. Auch die Beobachtung selbst ist eine Bezugnahme und Beziehung, nämlich die von Beobachtetem und Beobachtern. Eine Beobachtung ohne Beobachter ist erkenntnistheoretisch nicht darstellbar.

Für die heutige Soziale Arbeit sind diese Einsichten in die Bedeutung von Beziehungen und Relationen wichtige Bausteine ihres vielfältigen wissenschaftlichen Programms. Die Teile, also die Menschen, können nicht isoliert vom Ganzen, der Gesellschaft, verstanden werden. Auch die genaueste Analyse eines einzelnen Steins trägt z.B. gar nichts bei zum Verständnis einer Kathedrale als Ganzes und in ihrer sozialen Bedeutung. Ein individualisierendes Herangehen, also ein Herantreten an die einzelne Person mit ihren sogenannten Eigenschaften und Fähigkeiten greift im Lichte des Gesagten völlig zu kurz. Soziale Arbeit sollte nicht an Personen arbeiten.  Dies dürfte zu Recht als eine Zumutung von den Nutzerinnen und Nutzern erlebt werden. Soziale Arbeit sollte vielmehr förderlich an den Beziehungen der beteiligten Personen untereinander mitarbeiten und selbst ihre Beziehungen zu den Nutzerinnen und Nutzern im Lichte der Profession reflektieren.

Die Bedeutung von Beziehungen kann noch unter einem anderen Aspekt betrachtet werden. Beziehungen sind kein Selbstzweck, sie würden sich nicht stabilisieren. Wir verstehen sie vielmehr als Transportbänder für Ressourcen. Diese Bänder „transportieren“[1] Ressourcen wie Fähigkeiten, Stärken, Erfahrungen, Talente. Ohne diese Transportbänder hätte das einzelne Individuum kein Wissen von diesen Ressourcen und demzufolge auch keinen Zugriff auf diese. Ressourcen liegen nicht wie Steine in der Gegend herum, auf die wir nur zugreifen müssen. Um zu wissen, was einen Edelstein vom gewöhnlichen Stein unterscheidet, sind wir wiederum auf Beziehungen zu anderen angewiesen, die uns mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung bei der Unterscheidung dieser Steine helfen.

Kommen wir zurück zum Bild der Melodie. Wie entsteht die Melodie des Lebens? Lebensführung in der sozial vielfältig gewordenen Gesellschaft zeigt die Fähigkeiten an, persönlich bedeutsame Töne und Klänge wahrzunehmen, sie zu arrangieren und mit anderen Klängen zu einem Chor oder Symphonieorchester zu kombinieren. Soziale Arbeit kann dabei unterstützen und helfen, die Mitglieder des inneren Chors oder des sozialen Orchesters (Familie etc.) zu koordinieren, verschiedene Melodien aus verschiedenen Genres zu spielen, um Symphonien zu erzeugen, die als Ganzes von Einzelnen geschätzt werden können.

[1] Systemisch genauer gesagt: ermöglichen die gemeinsame Konstruktion.

2 Gedanken zu “42. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession.

  1. Besten Dank für das Feedback!

    PS: Das sozialarbeiterisch wichtige Konzept Resilienz ist hier übrigens sehr anschlussfähig. „Resilienz“ beschreibt die Fähigkeit, mit Risiken kompetent umzugehen, Gefahren zu überwinden, unter Druck gut zu funktionieren. Gute Beziehungen stärken genau diese Fähigkeit. Wenn die Resilienz es den Menschen ermöglicht, ihre Stärken zu nutzen, müssen wir die Qualität und das Ausmaß des zwischenmenschlichen Lebens von Nutzern viel mehr als bisher berücksichtigen.

    Problemlösen, Hindernisse überwinden, Gesünder-leben und Selbst-Aufrichten, all das findet fast immer im Kontext unterstützender Beziehungen statt.

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