43. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

Helfen ist praktisch nicht schwer. Es verkompliziert sich allerdings durch den Eigensinn der Beteiligten.

Eigensinnigkeit bedeutet im systemischen Arbeiten, dass sinnverwendende, also soziale und psychische Systeme in eigener Weise Sinn herstellen. Sie beobachten (beschreiben, erklären und bewerten) auf je eigene und besondere Weise ihr Handeln und Erleben bzw. das der anderen. Sie bestimmen selbst, d. h. sie wählen und entscheiden auf je eigene und besondere Weise zwischen diesen für sie erkennbaren Handlungs- und Erlebensmöglichkeiten. Die Eigensinnigkeit der Nutzer/innen ist eine wertvolle und zugleich unverzichtbare Ressource in Hilfeprozessen, auch wenn uns diese Einsicht manchmal versperrt wird. Nutzer/innen haben wichtige und gute Gründe anzunehmen, dass sie selbst wissen, was gut für sie ist. Damit übernehmen sie zugleich Verantwortung für ihr eigenes Leben. Selbstverantwortung heißt u. a.: Antworten zu finden auf Fragen, die einen selbst betreffen.

Als Sozialpraktiker/innen stecken wir damit in der Klemme. Aufgrund unserer Erfahrung und unseres Wissens vermeinen wir den richtigen Weg für unsere Nutzer/innen zu kennen, ihre Probleme zu lösen oder zu überwinden. Wir erkennen die Welt der Nutzer/innen nur aus einem bestimmten Blickwinkel, nämlich unseren eigenen. Zwar macht unser besonderer Standpunkt auch besonderes Wissen möglich. Aber dieses Wissen ist immer historisch, und damit in eigener, spezifischer Weise situiert und vor allem an die eigene Sinnherstellung als professionelle Sozialpraktiker/innen gebunden. Wir sehen schlechterdings Möglichkeiten, die in diesem Fall nicht verwirklichbar sind. Oder wir halten uns an einer Wirklichkeit fest, die nicht von diesem Fall gedeckt ist. Wenn es gut läuft, dann können wir im Kontakt mit unseren Nutzer/innen Möglichkeiten aufzeigen, die diese noch nicht kennen oder sie bei der Entscheidung zwischen verschiedenen Möglichkeiten unterstützen. Diese Sinnherstellung können wir ebenfalls als Eigensinnigkeit, und zwar als Eigensinnigkeit der Sozialpraktiker/innen bezeichnen.

Die Annahme eigensinniger, d. h. selbst Sinn herstellender Systeme, ist allerdings nur plausibel, wenn wir diesen Systemen zugleich eine operative Geschlossenheit (Autopoiesis) unterstellen. In sozialen Systemen können nur Kommunikationen an Kommunikationen anknüpfen. In psychischen Systemen können nur Gedanken an Gedanken anschließen. Die Autopoiesis bzw. diese operative Geschlossenheit ist Voraussetzung für die Selbstherstellung von Sinn bzw. Eigensinnigkeit.

Für die Planung und Durchführung von Hilfeangeboten in Sozialpolitik und sozialer Praxis bedeutet das erstens, dass wir nicht im vornherein wissen, wie sinnverwendende Systeme diese Angebote verarbeiten, sich davon ansprechen lassen und entsprechend aktiv werden. Zweitens bedeutet das, dass wir als Unterstützer/innen von Veränderung auf unsere Weise der Verwendung von Kommunikation, Sprache und sonstigen Symbolisierungen zu achten haben, die als Medien zwischen den operativ geschlossenen Systemen vermitteln. Drittens bedeutet die Annahme eigensinnig erlebender und handelnder Akteure, dass vor allem dieser Hilfe Erfolg beschieden sein dürfte, die stets aufs Neue die Blickrichtung der Nutzer/in bzw. des Nutzers unserer professionellen Angebote zum Ausgangspunkt ihres Handelns macht.

 

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