44. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession.

Die Begriffe Anamnese, Diagnose und Intervention sind nichts weiter als Blendwerk. Das Wesentliche Sozialer Arbeit liegt im Schatten: der transformierende Dialog.

Was ziehen Sie zu einem Vorstellungsgespräch an? Sind es Ihre Alltagsklamotten, oder vielleicht kaufen Sie sich extra neue Bekleidung, um einen möglichst guten Eindruck zu machen? „Es kommt darauf.“ So lautet vielleicht eine der berufstypischen Antworten von Sozialpraktiker/innen.  Und wir sind ganz Ihrer Meinung. Einen guten Eindruck zu machen, ist wichtig. Durch die Auswahl der Kleidung, des Sprachstils und des Vorgehens verfolgen Sie das strategische Ziel, Ihre künftigen Arbeitgeber/Auftraggeber davon zu überzeugen, den künftigen Aufgaben und Zielsetzungen am besten gerecht werden zu können. Doch wer sind eigentlich die Auftraggeber?

Solche oder änliche Gedanken hatte vielleicht Mary Richmond im Jahre 1917 auch, als sie im Rahmen der Einzelfallhilfe die „soziale Diagnose“ als Bezeichnung für einen beruflichen Arbeitsvorgang einführte. Eine „Diagnose“ verspricht, zu einer möglichst eindeutigen und exakten Definition der sozialen Situation und der Persönlichkeit eines Menschen, der in einer sozialen Notlage ist, zu gelangen. Alice Salomon hat 1926 in Deutschland diesen Fachbegriff für die entstehende Soziale Arbeit aufgegriffen. Dies könnte jedoch ein Geburtsfehler gewesen sein.

Mächtige Begriffe der naturwissenschaftlich ausgerichteten Medizin (wie jener der „Diagnose“) lassen sich nicht folgenlos in neue Diskurse einpflanzen. Die Soziale Arbeit in den USA folgt seit ihrer Entstehung zum Teil unterschiedlichen Entwicklungslinien, wobei sie sich bis heute in weiten Teilen der Einzelfallhilfe an ein klinisches/medizinisches Arbeitsmodell anlehnt. Dieses Arbeitsmodell orientiert sich an Störungsbildern, Fragebögen, Checklisten, Verhaltensindikatoren und an der Beurteilung derselben durch entsprechend ausgebildete Experten. Der Kern dieses Arbeitsmodells ist ein lineares Ursache-Wirkungs-Denken. Dieses Modell ist aber für die Unterstützung und Förderung von Menschen, die unter welchen sozialen Notlagen auch immer leiden, eher weniger geeignet. Ob getarnt als soziale bzw. sozialpädagogische Diagnose mit ihren Geschwistern von Anamnese und Intervention (Behandlung) befördert dieses Arbeitsmodell die Nutzer/innen in eine Situation der Abhängigkeit, der Intransparenz und der Asymmetrie, in der Partizipation und Dialog eine eher untergeordnete, ja sogar störende Rolle haben könnten.

Erst seit den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde ein anderes Verständnis der Dynamik von Handlungszusammenhängen in ihren lebensweltlichen und systemischen Wechselwirkungen bedeutsam. Die Einschätzung von Unterstützungsbedarfen und Ressourcen in als problematisch beschriebenen Lebenslagen und -situationen beruht hier auf ganzheitlichen Verfahren der Problem-, Erkenntnis-, Ressourcen-, und Kompetenzerfassung, aus denen sich gemeinsam Lösungswege ableiten lassen. Dies geschieht durch einen transparenten, die Nutzer/innen aktiv beteiligenden und dialogischen Aushandlungsprozess. Hier treffen theoretisches Erklärungswissen und praktisches Erfahrungswissen mit dem Ziel zusammen, zu einer annähernd gemeinsamen Einschätzung der Situation zu gelangen und daraus Lösungen ins Auge zu fassen.

Ein solches – durch den beruflichen Alltag geformtes und bewährtes – Praxismodell verträgt sich nicht mit den Ansprüchen an „Diagnosen“. Diagnosen sind nur dann eindeutig, wenn ihre Ergebnisse einseitig gedeutet werden. Doch das entspräche nicht den fachlichen und Ethikstandards, wie wir sie verstehen. In der Praxis sind diagnostische Ergebnisse vereinfachend und absichtsvoll mit einseitigen Zuschreibungen verbunden. Sie erfüllen noch seltener die wissenschaftlich-medizinischen Erwartungen, die mit der Bedeutungswolke „Diagnose“ in die Soziale Arbeit hineingeweht werden.

Die Begriffe von Anamnese, Diagnose und Intervention sind wie die neue Kleidung des oben erwähnten Aspiranten, der hofft, dazugehören zu können. Sie sind nur tauglich als Blendwerk für die Selbstvermarktung der Sozialen Arbeit nach innen und nach außen. Für die Entwicklung einer selbstkritischen Profession sind sie nicht nur verzichtbar, sondern schädlich. Sie sind das neue Gewand einer Sozialen Arbeit, der jedoch das Wesentliche aus dem Blick gerät: der konstruktive, einfallsreiche, das Denken, Fühlen und Handeln der Beteiligten transformierende Dialog. Gute Einschätzungen von Bedürfnissen und Ressourcen zeichnen sich dadurch aus, dass sie im Kontext der Beziehung von Sozialprofessionellen und Nutzer/innen

  • gemeinsam das Ganze in den Blick nehmen,
  • mehrere Perspektiven auf gleicher Augenhöhe miteinander ins Gespräch bringen und
  • eine durch den Dialog gekennzeichnete Hilfeplanung ermöglichen.

Was die Soziale Arbeit in Profession und Disziplin braucht, um von ihrer Nützlichkeit zu überzeugen, sind nicht neue Kleider, sondern neue Arbeitsweisen und Haltungen, die unsere Nutzer/innen nicht einfach blenden wollen, sondern in ihrem Wissen und ihren Fähigkeiten ernst nehmen. Der Dialog ist die Brücke zu Lösungen, die wir am ehesten gemeinsam finden. Denn wohin führt sonst unser Weg?

1 Gedanke zu “44. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession.

  1. gehört dieser Stil immer noch zum HR-Styling?

    „Solche oder änliche Gedanken hatte vielleicht Mary Richmond im Jahre 1917 auch, als sie im Rahmen der Einzelfallhilfe die „soziale Diagnose“ als Bezeichnung für einen beruflichen Arbeitsvorgang einführte. Eine „Diagnose“ verspricht, zu einer möglichst eindeutigen und exakten Definition der sozialen Situation und der Persönlichkeit eines Menschen, der in einer sozialen Notlage ist, zu gelangen. Alice Salomon hat 1926 in Deutschland diesen Fachbegriff für die entstehende Soziale Arbeit aufgegriffen. Dies könnte jedoch ein Geburtsfehler gewesen sein.“

    Falls ja, dann sollte man an dieser Stelle doch weiter nachhaken.

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