45. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

Wenn du glaubst, die Lösung zu kennen, bist du Teil des Problems.

Dieser Leitsatz reflektiert Erfahrungen, die alle von uns gemacht haben (oder noch vor sich haben). Wir bieten Hilfen an und bekommen es in der Planung und Ausführung derselben mit Lebenssituationen oder -konstellationen unserer Nutzer/innen zu tun, die uns erschrecken, uns traurig oder wütend machen. Solche Erfahrungen können uns, unser Denken, Fühlen und Handeln grundlegend verändern.

Als bio-psychisch-soziale Wesen sind wir unmittelbar beeindruckbar über die Wahrnehmung von Leiden und Problemen. Gerade die Fähigkeit zur Resonanz und Empathie, beschreibbar als Fähigkeit des Mitfühlens, kann zu einer Verengung der Wahrnehmung führen. Ähnlich wie der/die Nutzer/in bekommen wir dann einen Tunnelblick auf die uns umgebenden Phänomene. Der Tunnelblick der Nutzer/innen fokussiert die „eigenen“, d.h. die sich selbst zugeschriebenen, jedoch kommunikativ entstandenen Probleme. Der Tunnelblick der Sozialpraktiker/innen dagegen nimmt die aus ihrer Perspektive vermeintlich „richtigen“ Lösungen ins Visier des Denkens und Kommunizierens.

Unsere Lösungen werden zum Beispiel dann zum Problem, wenn sie sich auf Kontexte beziehen, in denen sie keine Lösung sind oder nicht gelingen, weil sie sich genau genommen auf andere, frühere Fälle beziehen. Diese „Lösungen“ haben mit dem aktuellen Problem möglicherweise gar nichts zu tun. Es sind gar keine Lösungen. Wenn wir also keine Lösung wissen, können wir unsere Nutzer/innen auch nicht empfehlen, irgendetwas zu ändern und das selbst dann, wenn sie uns darum bitten würden.

Wird dieser hiermit angesprochene Vermittlungsbedarf zwischen den verschiedenen Problemperspektiven und Lösungsperspektiven nicht bedacht, werden wir zunehmend Teil des Problems, das wir zu lösen hofften.

Für den Drogennutzer kann es durchaus so sein, dass die Abstinenz keine Lösung ist, auch wenn sie uns so erscheint. Für die alleinerziehende Mutter kann es so sein, dass die sozialpädagogische Familienhilfe keine Lösung ist, weil sie genau deswegen auch allein erzieht, weil sie bisher nicht eigenverantwortlich für ihre Familie sorgen durfte. Für den Menschen, der von Obdachlosigkeit betroffen ist, kann es sein, dass eine Notunterkunft für ihn keine Lösung darstellt. Wenn das die Lösung sein soll, will er vielleicht zu Recht sein Problem zurück.

Für den Weg der Vermittlung zwischen alten Lösungen (die zu Problemen wurden) und neuen Lösungen (deren Tragfähigkeit bekanntlich auch nicht ewig hält) gibt es keine richtige Vorgehensweise oder Technologie. Ohne Problem jedoch keine Lösung – und genau dieses Problem wird uns von den Nutzern auf die Agenda geschrieben. Wir haben also zunächst eine vertrauensvolle und wertschätzende Kommunikation herzustellen. Diese sollte es ermöglichen, das Problem (das bei genauerer Betrachtung eine Konstellation von Problemen ist), die bisherigen Lösungen und die zur Verfügung stehenden Ressourcen kennen zu lernen.  Sodann kann sich die Kommunikation öffnen für die Ausgestaltung von Ideen und Lösungsmöglichkeiten.

Und vielleicht ist es auch gut sich zu vergewissern, dass es für viele Probleme keine Lösungen geben wird, mit der alle Seiten durchweg gleich zufrieden sind. Hier braucht es den langen Atem und die Ausdauer. Auch wenn wir uns – von außen betrachtet – dabei langsam wie Schildkröten bewegen: Wer würde jemanden entmutigen, der sich zwar langsam, aber doch stetig weiterentwickelt?

Es gibt nicht den passenden Weg. Denn der Weg entsteht beim Gehen. Möglicherweise gibt es jedoch unpassende Vorgehensweisen wie diese Formen der Kommunikation, die

  • unter Zeitdruck stehen,
  • Lösungen aufzwingen wollen,
  • Angst machen,
  • „klein“ machen, um andere dadurch „größer“ erscheinen zu lassen,
  • erziehen, appellieren und „falsche“ Weltbilder korrigieren,
  • Ansprüche auf eine positive Selbstdarstellung untergraben.

Solche Formen der Kommunikation bleiben unter ihren eigenen Möglichkeiten. Sollten wir so etwas bemerken, im Team oder bei uns selbst, gilt für uns das gleiche, wie für unsere Nutzer/innen: Gerade dann, wenn es keine einfachen Antworten mehr zu geben scheint, sollten wir nicht die Probleme und die Schwierigkeiten in uns hineinfressen. Wir könnten uns selbst untereinander ermutigen, für uns wechselseitig sorgen und uns dazu aufs Neue ermächtigen, Möglichkeiten der Weiterentwicklung in den Blick zu nehmen.

Und selbst wenn es in dem Prozess des Wachsens nur noch neue Zweifel zu geben scheint: Auch daran kann noch sinnvoll gezweifelt werden. Der Zweifel ist die Wiege der Zweideutigkeit, der Differenz oder – postmodern gesagt: der Ambivalenz. Insofern lässt sich sagen: Die Ambivalenz ist die Wiege von – nie eindeutigen – Lösungen.

2 Gedanken zu “45. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

  1. hierzu hatte ich auch schon mal einen Kommentar verfasst,
    der scheint aber bei der Übertragung verloren gegangen zu sein …
    Denn das ist schließlich ein Klassiker

    „Es gibt nicht den passenden Weg. Denn der Weg entsteht beim Gehen. Möglicherweise gibt es jedoch unpassende Vorgehensweisen wie diese Formen der Kommunikation, die

    unter Zeitdruck stehen,
    Lösungen aufzwingen wollen,
    Angst machen,
    „klein“ machen, um andere dadurch „größer“ erscheinen zu lassen,
    erziehen, appellieren und „falsche“ Weltbilder korrigieren,
    Ansprüche auf eine positive Selbstdarstellung untergraben. …“

    Bei jeder Form von Kommunikation muß man Unpassendes erst einmal aussortieren …
    und das kostet bisweilen unendlich lange Zeit.

  2. Vielen Dank für Ihren Kommentar. Weshalb genau glauben Sie, dass Ihr Kommentar für mich lesenswert wäre? Weil Sie das alles schon gesagt und kommentiert hätten, nur wo, deaXmac?

    Tut mir Leid, wenn sich das mir noch nicht erschließt.

    Beste Grüße!

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