47. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

Auch eine Reise von 1000 Meilen beginnt mit einem ersten Schritt. Nur wieso sollten wir so weit zu Fuß gehen?

Soziale Arbeit gleicht in der Vielfalt ihrer Tätigkeiten dem Vorhaben des gemeinsamen Reisens. Jede Hilfe ist eine Reise. Denn eine Reise beschreibt – zugleich – eine ­Bewegung und einen Weg. Wir beginnen die Reise mit denen, die sich auf dem eignen Weg durch das Leben ständig im Kreis drehen, in der Sackgasse stecken oder sich vergaloppiert haben, weil ihnen die Orientierung und Unterstützung in schwierigen Passagen fehlte. Auf diesen Reisen gibt es jede Menge neue Erfahrungen und Erkenntnisse für die Reisenden zu entdecken, wenn sie sich die Zeit dafür nehmen. Unser Ansinnen beim Reisen ist nicht zuerst das Ziel (denn das kommt ja erst zum Ende), sondern zunächst eine anregende, neugierig machende und gesunde Reiseform. Ansonsten bleiben wir doch lieber zuhause.

Mit dem systemischen Arbeiten lässt sich eine solche Reiseform etablieren. Die Wege, die sie benutzt, werden nicht von uns Reisebegleiter/innen vorgegeben, sondern sie rollen sich aus im Erkunden und Beobachten der Lebensfelder, und zwar gemeinsam mit unseren Nutzer/innen. Im systematischen Unterscheiden und reflektierten (Re-)Kombinieren von wertvollen Unterschieden der verschiedenen Facetten von Lebensführung lassen sich Systeme, Umwelten und ihre beziehungsreichen Kopplungen im Wandel und Fortschritt der Zeit thematisieren und gestalten.

Mit den Methoden, etwa den vielen Fragetechniken und bildgebenden Verfahren im systemischen Arbeiten können wir nicht nur die Reiseform beeinflussen, sondern auch die Bewegung hin zum Ziel. Manchmal gehen wir zu Fuß: Schritt für Schritt tasten wir uns gemeinsam vorwärts, fühlen behutsam, wie weit uns die Füße und ob uns der Boden werden tragen können. Wenn wir uns mal verirren, benötigen wir nur ein, zwei Schritte zurückzugehen, um auf den alten Pfad zurück zu gelangen. Manchmal soll es jedoch schneller gehen, dann nehmen wir den Flieger: unsere kommunikativ geführte Phantasie und Vorstellungskraft.

Wir reisen in der Regel gerne an Orte der Entspannung, der Sicherheit oder der wieder stark machenden Erinnerungen. Doch das attraktivste Ziel der Reise bleibt die Zukunft, in der das Mögliche auf beinahe wundersame Weise Wirklichkeit weden kann. Wir reisen daher in tastenden Schritten durch die anstehenden Ereignisse hindurch, und zwar weiter zu dem Zeitpunkt, der das Erreichen des Ziels markiert. Und blicken zurück:

„Du hast dein Ziel erreicht und bist sicher stolz auf das Erreichte. Es gab einige schwierige Situationen auf diesem Weg zu überstehen, aber du hast persönliche Stärken und soziale Ressourcen gehabt, die kraftvoller waren als die Umstände. Welche Stärken hast du dabei gebraucht? Welche Leute haben dich auf dieser Reise unterstützt?“

Später, nachdem wir die Zukunft als bevorstehenden Aufenthaltsort ausgeleuchtet haben und, vielleicht in einem weiteren Zusammenkommen, die wichtigen Schritte und Stolpersteine dahin reflektiert haben, fliegen wir wieder zurück, um aus der Vision eine Mission, eine innere Bewegung und körperhafte Energie zu machen.

Das klingt aufregend? Dann siehst du vielleicht auch: Um zu reisen, ist es unabdingbar, das gewohnte Denkverhalten, d.h. die vertraute Stadt mit ihren allzu bekannten Plätzen und Wegen zu verlassen. An den neuen Orten, in den neuen Städten, beim Schlendern in deren unbekannten Gassen, funktioniert unser Zeichenverhalten nicht mehr wie üblich. Die Worte, unsere Ausdrücke und unser Verhalten greifen nicht wie gewohnt. Es entstehen im sozialen Kontakt und Selbstkontakt Unsicherheit und Momente der Verwirrung. Doch wir sind glücklicherweise nicht allein und können innehalten, sonst würden wir womöglich etwas Wichtiges übersehen: Genau hier und jetzt entsteht das Neue.

Und vielleicht gehen wir in der Tat erst mal zu Fuß. Der Rucksack auf unserem Buckel ist am Anfang oft richtig schwer. Nix mit Fluggepäck! Ist ja logisch: was da alles rein muss. Die schwierigste Phase jeder Reise bleibt schon deswegen der Beginn. Ab dann jedoch wird der Rucksack leichter: Egal ob und wo du ankommst, weil du nämlich bereits losgegangen bist, bevor du dich entschieden hast.