48. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

Willst du systemisch arbeiten, baue Sozialsysteme auf, in denen wertschätzend kommuniziert wird. Verstärke das Fundament mit Antworten auf die Frage, welche wechselseitigen Erwartungen aufeinander ausgerichtet werden. Konstruiere mit den Nutzer/innen das Haus ihres zukünftigen Soziallebens und richte drumherum einen Garten voller Ideen ein. Nach dem Einzug: Reise zügig ab!

Dieser Leitsatz versucht vier Herausforderungen des systemischen Arbeitens verständlicher zu machen und als leitende Orientierung im beruflichen Handeln miteinander zu verknüpfen.

Baue zuerst Sozialsysteme auf, in denen wertschätzend kommuniziert wird: Kannst du dich an das Gefühl erinnern, dass du jedes Mal bekamst, als jemand sich über deine Anwesenheit und vielleicht sogar deine Beteiligung freute? Vielleicht war es früher dein Vater, später eine Teamkollegin oder die Leitung, die dir durch ihr Verhalten stets signalisierten, dass deine Stimme, Beobachtungen und Gefühle wichtig genommen werden. Oder sie haben dir direkt zu verstehen gegeben, dass du ein wertvolles Mitglied bist, auch wenn nicht jede deiner Ideen einleuchtete oder gleich umsetzbar war. Und die dich besonders dann einbanden, wenn es um Entscheidungen ging, die alle und damit auch dich betrafen und dafür geeignete Verfahren fanden. Die dir die nötigen Rahmenbedingungen dafür schafften, dass du dich mit anderen weiter entwickeln konntest an Orten der Sicherheit, des Wohlbefindens und der Anregung. Mit diesen wertvollen Erfahrungen im Rücken wirst du mit uns sicher übereinstimmen, dass Wertschätzung nicht nur wechselseitiges positives Annehmen, Fördern und Rückmelden als bloße Techniken des Lobens und Komplimentierens meint. Wertschätzung ist Wertschöpfung durch positive Interaktionskulturen. Wir können in jedem Sozialsystem Werte einblenden und damit wertvolle Bindungen stiften, wir können es aber nicht allein.

Verstärke das Fundament mit Antworten auf die Frage, welche wechselseitigen Erwartungen aufeinander ausgerichtet werden. Nun, stell dir vor, du hast ein Fundament, aber du kannst seine Tragkraft schwer einschätzen. Manchmal ist das Wetter schwer und die Winde der Erfahrung so heftig, so dass du noch etwas Wichtiges brauchst, das das ganze Haus trägt und gegen Zerstörung zusammenhält. Ein Sozialsystem stabilisiert sich aufgrund der wechselseitigen Erwartungen, die es erst auf Dauer stellen. Das werden in der Regel folgende sein: authentische Bedürfnisse und nachvollziehbare Interessen, dialogisch ausgehandelte und strategisch geteilte Ziele sowie – insbesondere im systemischen Arbeiten: die Aufträge, die wir aneinander haben (dürfen) und ihre sorgfältige Klärung und Übersetzung in Ziele, deren Erreichen wir anhand bestimmter Anzeichen registrieren werden. All dies lässt sich sehr gut erfassen mit dem Begriff der Erwartungen. Daher gebührt der wertschätzenden, respektvollen und nichtwissenden Abklärung der wechselseitigen Erwartungen gleich zu Beginn eines jeden sozialen Prozesses größte Aufmerksamkeit.

Konstruiere mit den Nutzer/innen das Haus ihres zukünftigen Soziallebens und richte drumherum einen Garten voller Ideen ein. Bedenke, dass die Nutzer/innen dir ihre wertvolle Zeit schenken, und das bereits ist eine beträchtliche Vorleistung von Wertschätzung. Daher ist es wichtig, von Anfang an mitfühlend, klug und auf authentische Weise die Nutzer/innen davon zu überzeugen, dass diese Zeit nicht verschenkte Zeit ist. Nutzer/innen wissen es zu schätzen, dass wir ihre Ziele ernst nehmen und uns gemeinsam zügig fragen, wie sie auch dorthin gelangen können. Konstruieren heißt immer sich der Unsicherheit von Wissen, der Vorläufigkeit des Vorgehens und der Notwendigkeit der laufenden Reflexion bewusst zu bleiben, ohne sich auf etwas Festes und Eindeutiges in der sozialen Wirklichkeit abstützen zu können. Wenn wir so auf unsere Arbeit schauen, werden wir zugeben müssen, dass der Unterschied zwischen „Wissen“ und „Ideen“ einerseits unbedeutend wird, andererseits ganz wichtig. Einerseits kann der Unterschied zwischen „Wissen“ und „Idee“ eher unbedeutend sein, weil wir bekanntlich annehmen, dass unser vermeintlich sicheres Wissen doch nur sinn- und zeichenhaft konstruiert wird. Andererseits verhalten sich Wissen und Ideen zueinander ergänzend, denn es könnte gar kein neues Wissen geben, wenn es keine neuen Ideen gäbe, die Wirklichkeit auch anders zu deuten. Systemisches Arbeiten begleitet Schritt für Schritt, Stein um Stein den Bau des Lebenshauses der jeweiligen Beteiligten. Soviel zum Haus. Und wie ist es mit dem Ausblick auf den Garten? Hierfür können wir, wenn das gewünscht oder nötig wird, einen bunten Strauß von Ideen beitragen, die interessante Perspektiven auf neue, noch nicht bedachte oder gar unbekannte Kontexte ermöglichen. Hier lässt sich nicht nur ein Ziergarten, sondern auch ein reichhaltiger Nutzgarten für die Selbstversorgung und -hilfe einrichten.

Nach dem Einzug: Reise zügig ab! Hilf jemanden selbstlos und gut – sie oder er wird sich das ganze Leben daran erinnern. Kaum besser als mit dieser Einsicht lässt sich der Balanceakt der Sozialen Arbeit zwischen Hilfe und Nicht-Hilfe darstellen. Umso wichtiger ist es, den Zeitpunkt zu erkennen, die gemeinsame Unternehmung zu verlassen und abzureisen. Es gibt kein Gästezimmer für uns in diesem Haus. Reise zügig, aber keinesfalls überraschend ab. Lass deine Visitenkarte zurück. Schreibe etwas Persönliches rauf, das die gleiche Augenhöhe zeigt, in der ihr zusammen die Herausforderungen erfolgreich gemeistert habt und weshalb das Ergebnis eurer Anstrengungen für dich wertvoll ist. Dann steht alles drauf, was wichtig ist.