49. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

Wir sind begeistert, wie Menschen ihr Verhalten verändern, wenn sie bemerken, dass wir sie dazu für fähig halten.

Menschen kommen zur Sozialen Arbeit, weil sie ihr Leben ändern wollen oder sollen. Entweder geht es um die Veränderung von Verhältnissen oder um die Veränderung von Verhalten. Häufig geht es um die Beschaffung und die Bewertung von Informationen, um sich schließlich für ein bestimmtes Vorgehen entscheiden zu können. Soziale Arbeit will ihre Nutzer/innen dazu befähigen, mit den Anforderungen sozialer Situationen fertig zu werden. Diese Situationen sind wie Türöffner zur regelmäßigen Inklusion in die sozialen bzw. gesellschaftlichen Teilsysteme. Denken Sie beispielsweise an schulisches Verhalten, Vorstellungsgespräche, soziale Situationen in Gruppen oder die Liebeskommunikation und den souveränen Umgang mit dabei entstehenden Divergenzen bzw. Konflikten. Sicher braucht es ein ganzes Bündel von verschiedenen Kompetenzen, um all diese Situationen zufriedenstellend zu meistern. Aber welche?

Im Rahmen von Beratung, Bildung und Erziehung geht es um ein Ausdrucks- und Unterscheidungsvermögen, das die eigene Entwicklung und die Lebensumstände kritisch deuten und gegebenenfalls problematisieren kann und Bewertungen zugänglich wird. Genauso geht es um die Fähigkeit zu entscheiden, in welcher Weise selbstbestimmt an sozialen Prozessen teilgenommen werden soll. Ebenso wichtig ist die Fähigkeit, die Zumutungen und Ansprüche der Gesellschaft, die der individuellen Entfaltung entgegenstehen, zu erkennen und sich möglicherweise auch gegen diese zu widersetzen.

Nicht jede/r hat das Glück, in Umständen aufzuwachsen, die die Ausbildung und Vertiefung dieser Fähigkeiten ermöglichen. Manchmal sind es die eigenen Eltern oder andere für uns wichtige Bezugspersonen, die uns zu wenig erlaubt und zugetraut haben. Dann beherzigten sie nicht die uralte pädagogische Maxime: Je weniger wir Alten den Jungen Vertrauen zeigen, desto weniger lernen die Jungen sich selbst zu trauen und desto weniger werden sie auch leisten.

Die erste Aufgabe für Sozialpraktiker/innen besteht daher darin, den Nutzerinnen und Nutzern ihrer Dienstleistungen Autonomie zuzutrauen. Natürlich gilt dies auch für den 17-jährigen Jugendlichen, der es kaum erwarten kann, sich zu verselbstständigen und von dem wir meinen, er wäre noch nicht soweit. Aufgrund welcher Informationsbasis tun wir das?

Hier geht es darum, unseren Klienten zu befähigen, die eigenen Stärken zu entdecken und realistisch, etwa mithilfe bestimmter Schlüsselsituationen einzuschätzen. Wir respektieren seine Entscheidung, weil wir glauben, dass Menschen das Recht haben, selbst zu entscheiden. Wir versuchen, den Jugendlichen in seiner Selbstständigkeit zu fördern und durch Fragen oder Ideen anzuregen, weiter zu denken oder für Krisensituationen Unterstützungen vorzubereiten. Wir ermutigen und motivieren den Jugendlichen, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und trauen ihm das – auf der Basis einer Stärken- und Ressourceneinschätzung – zu, wenn er sich das weiterhin selbst zutraut.

Das Befähigen zur selbstbestimmten und sozial verantwortlichen Lebensführung entsteht in der Abfolge von sozialen Tätigkeiten wie Respektieren, Zutrauen, Ermutigen, Fördern, Handeln und Lernen. Hierfür brauchen Menschen kompetente Interaktionspartner. Fähigkeiten bedingen sich immer wechselseitig. Sie sind also Ergebnis einer gemeinsam hervorgebrachten sozialen Konstellation, in der allerdings der beruflich Beteiligte die Verantwortung für die Herstellung passender Rahmenbedingungen behält.

Zweifelsfrei sind die Fähigkeiten, pünktlich in der Schule oder „nett“ zu seinen Eltern zu sein, mit seinem Geld auszukommen und Verantwortung für seine Gesundheit zu übernehmen, für manche Leute wertvoll. Sie stellen allerdings Fähigkeiten dar, die sich auf bestimmte und konkrete Situationen beziehen. Wenn sich jedoch die Situationen und ihre Rahmenbedingungen ändern, sind diese Fähigkeiten nicht mehr in gleicher Weise nützlich und sollten vielleicht modifiziert werden.

Die eigene Modifikation von Fähigkeiten erfolgt über Metafähigkeiten. Metafähigkeiten sind Fähigkeiten, die den Zugang zu anderen bzw. neuen weiteren Fähigkeiten erschließen. Kochen ist eine Fähigkeit, Nahrungsmittel wohlschmeckend und bekömmlich zuzubereiten. Erziehen stellt die Fähigkeit dar, die Kinder in ihrer Entwicklung zu fördern, zu unterstützen und zu begleiten. Small Talk mit den Schwiegereltern heißt, ein zwangloses und nettes Gespräch mit den Eltern des Partners bzw. der Partnerin führen zu können. Dies sind jedoch keine Metafähigkeiten, was nicht zugleich heißt, dass sie weniger wichtig sind.

Metafähigkeiten vermögen über einzelne Situationen des Kochens, der Erziehung oder des Small Talks hinauszugehen. Metafähigkeiten ordnen die eigenen Fähigkeiten in ein Spektrum von vorhandenen, wünschenswerten oder unbekannten Fähigkeiten ein und verknüpfen sie mit dem eigenen Lebensentwurf. Wie gut kann ich eigentlich kochen, erziehen oder smalltalken? Welchen Stellenwert hat eigentlich dieses jeweilige Vermögen für mein Leben? Welche Konsequenzen lassen sich daraus für mich ziehen? Welche Risiken bin ich bereit einzugehen, um den Zugang zu neuen Fähigkeiten zu erlangen? Welche könnten das sein? Welche Sicherheiten gibt mir das Bündel meiner aktuellen Fähigkeiten? Durch diese zeitliche, soziale und sachliche Reflexion eigener Fähigkeiten entsteht schließlich Selbstbefähigung als das Vermögen, die eigenen Fähigkeiten geschickt weiterzuentwickeln.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Wir tun gut daran, den Nutzerinnen und Nutzern unserer sozialprofessionellen Dienstleistungen mehr zuzutrauen als sie sich selbst zutrauen können. Erst die Sicherheit und das Vertrauen, sich ausprobieren zu können, führt die Nutzer/innen in Situationen, in denen sich neue Fähigkeiten zeigen und herausbilden. Wenn sie das Selbstvertrauen noch nicht haben, schießen wir es ihnen vor, ähnlich wie es kluge Eltern bei ihren Kindern tun. Also: Haben Sie Vertrauen. Auch Sie könnten dann – wie wir – begeistert werden, welche neuen Wege und Fähigkeiten sich auf einmal zeigen. Und das ist doch genau das, was wir wollen.