50. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

Wissenschaftliche Theorien und Methoden mit festen Regeln mögen das Richtige sein für Leute, die sich nicht trauen, ohne Anweisung zu denken und zu handeln. Soziale Arbeit dagegen braucht Theorien und Methoden, die die Vielfalt des Denkens und Handelns fördern.

Wenn wir eines als Sozialpraktiker/innen beobachten können, dann ist das die Vielfalt von Lebensformen in der menschlichen Entwicklungsgeschichte. Es gibt viele Weisen des In-der-Welt-Seins, deren jeweilige Vor- und Nachteile wir kaum mehr als ansatzweise verstehen. Eine Möglichkeit des Zugangs zu diesen Existenzformen ist die Wissenschaft. Einerseits verdanken wir der Wissenschaft großartige Entdeckungen und unglaubliche Erfindungen. Andererseits besteht eine Gefahr darin, dass die Wissenschaft positive Errungenschaften früherer Zeiten verdrängt und unser Leben wichtiger Möglichkeiten und sozialer Problemlösungen beraubt. Zu denken ist etwa an die Verbundenheit und wechselseitige Unterstützung innerhalb traditioneller Dorfgemeinschaften.

Wenn wir gerade als Sozialpraktiker/innen die Vielfalt von Lebensformen und Lebenspraxen ernst nehmen, müssen wir zugeben, dass die Wissenschaft das nicht leistet, was wir von ihr erwarten, nämlich allgemeingültige Tatsachen zu finden und objektive Schlüsse zu ziehen. Die Geschichte der Wissenschaft zeigt etwas anderes: Sie enthält Ideen, die nicht weiterverfolgt wurden. Vermeintliche Tatsachen und Probleme wurden auf abweichende und widerstreitende Weise gedeutet. Bei genauerer Untersuchung stellt sich sogar heraus, dass die Wissenschaft gar keine nackten Tatsachen kennt, sondern dass die beobachteten Tatsachen bereits von Ideen und Vorannahmen durchdrungen sind. Die Anwendung der immer gleichen Theorie erzeugt stets die gleichen Probleme. Wie aber hat Albert Einstein so treffend gesagt: „Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“

Die Geschichte der Wissenschaft ist selber unübersichtlich, chaotisch, von Zufällen und Fehlern durchdrungen. Und schon dieser letzte Satz lässt sich nicht niederschreiben, ohne einen Maßstab anzudeuten, ohne zwischen „richtiger“ und „falscher“ Wissenschaft zu unterscheiden. Es gibt jedoch keine universellen Maßstäbe oder Regeln. Insbesondere in der historischen Perspektive auf Wissenschaft wird deutlich, dass es keine Weiterentwicklung der Wissenschaft gegeben hätte ohne die intuitive Abweichung oder absichtliche Verletzung von Regeln. Wer Wissenschaft missversteht als ein von der Vernunft und von Regeln geleitetes Geschehen, an dessen Ende die Wahrheit, ja die Wirklichkeit ans Licht kommt, überschätzt Wissenschaft gewaltig.

Wir können der Vielfalt nicht gerecht werden durch Einfalt. Weder sind wir Hohepriester, die über die Erhaltung von grundlegenden Regeln des wissenschaftlichen Vorgehens wachen, noch sind wir Experten, die mit der Kraft der Einbildung wissenschaftlicher Autorität den Nutzerinnen und Nutzern unserer Arbeit die Richtigkeit ihrer Lebensführung attestieren. Lebenspraktiken in ihrem Wechselspiel von Zufall, Abweichung, Fehlern und Gefühlen gehorchen keinen wissenschaftlichen Gesetzen oder Gesetzen der Logik. Im Gegenteil – mit Fritz Simon: Wer das Leben nach logischen Regeln zu leben versucht, wird verrückt.

Das bedeutet nicht zugleich, dass wir als Sozialpraktiker/innen gar keine Regeln brauchen. Die Regeln der Disziplin und der Profession gleichermaßen verstehen wir nur als vorläufig brauchbare Hinweise und Anweisungen. Das Studium der Sozialwissenschaft und der Sozialen Arbeit sollte daher nicht dazu dienen, so genanntes wahres Wissen zu vermitteln, sondern das Gegenteil muss das Ziel sein: Wenn das Studium keine Unsicherheit des eigenen Vorgehens und der Richtigkeit der eigenen Perspektive erzeugt, hat es sein erstes Ziel verfehlt. In der sozialen Praxis hilft die traditionelle Wissenschaft mit ihrer Ratiomanie nur sehr bedingt weiter. Wir haben uns in die Lebenspraxis zu versenken, zu deren Problemlösungen wir einen Beitrag zu leisten haben. Dazu brauchen wir neben dem wissenschaftlichen Wissen insbesondere das Erfahrungswissen unserer Nutzerinnen und Nutzer. Daneben ist eher ein Bündel von Fähigkeiten aus dem künstlerischen Bereich gefragt: Sinnesreichtum, Hang zur Abweichung, Fingerspitzengefühl, Sehnsüchte, Geduld, Kreativität und Humor.

Damit rücken wir zugleich ab von einem herkömmlichen Wissenschaftsbegriff, mit dem damit verbundenen Wunsch nach Einheitlichkeit des Vorgehens. Der Versuch, Einheitlichkeit herzustellen, ist demokratietheoretisch nichts anderes als die Unterdrückung von Andersdenkenden, also kriminell. Logik, Kunst, Mythos, Eitelkeiten, Vorurteile, Konkurrenzkampf, Leidenschaften und Magie sind die Schienen, auf denen sich der wissenschaftliche Fortschritt immer schon bewegt hat. Die fortschreitende Pluralität von Theorien und Methoden der Sozialen Arbeit ist kein Problem einer noch jungen Wissenschaft, sondern bereits der Ausdruck ihrer Reife. Diese Pluralität ist bereits eine Problemlösung und zwar für den Versuch, die Vielfalt von menschlichen Lebensformen und Existenzformen kennen zu lernen, ohne sie durch die Art der Beobachtung auszulöschen. Genau dadurch kann die sozialprofessionelle Praxis von Unterstützen, Fördern und Begleiten weiterentwickelt werden.

7 Gedanken zu “50. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

  1. Ja, ein geradezu revolutionärer Text, einfach erhebend. Ich werde ihn allerdings an den
    Ostertagen nochmals lesen müssen: er ist so gut, dass ich ihn nicht auf Anhieb integrieren kann. Wie froh ich bin, schon vor Jahrzehnten Soziale Arbeit studiert zu haben. Es macht
    einen Unterschied. Vielen Dank.

  2. es steht zu vermuten, so zwischen 2 und 3,
    also um Viertel …
    allerdings nur mit Reservierungsnummer.
    Die braucht’s schon zum Entrée bei der
    betreffenden Location.

  3. Ich erinnere mich an Paulo Freires generative Themen und frage mich, welche einfachen Worte wir für das co-generative und co-Creative Begleiten finden können.
    Wie gehen wir mit den neuen Referenzen im Bereich Social-Media um?

  4. „Die fortschreitende Pluralität von Theorien und Methoden der Sozialen Arbeit ist kein Problem einer noch jungen Wissenschaft, sondern bereits der Ausdruck ihrer Reife.“

    Den Ausdruck der Reife vermag ich allerdings nicht so unmittelbar erkennen, wenn ich mir die zahlreichen Dilemmata so anschaue, die speziell die Soziale Arbeit von allen Seiten bedrängen.

    Allerdings ist dem durchaus auch zuzustimmen, sofern die korrespondierenden Kopplungen zwischen Problemen und Lösungen gemeint sein sollten.

    „Diese Pluralität ist bereits eine Problemlösung und zwar für den Versuch, die Vielfalt von menschlichen Lebensformen und Existenzformen kennen zu lernen, ohne sie durch die Art der Beobachtung auszulöschen.“

    Lösungen erwachsen üblicherweise aus Problemen, die es zunächst unter teils nicht unerheblichen Schwierigkeiten zu überwinden gilt, bevor die Arbeit -im Praxisschock- erst richtig anfängt.

    Hier ein Beispiel, das vermutlich aus einer Vielfalt an guten Ideen erwachsen ist, bevor es dann zur Umsetzung gelangte.
    Es scheint so, daß hier ein Leitmotiv zum Tragen kommt, das Angenehmes und Ästhetisches mit Nützlichem zu vereinen verspricht, nach dem Motto:
    Wieso sollte man Soziale Arbeit (in der Pädagogik) nicht gleich mit dem Sinn für Kunst kombinieren und sich dabei nicht gleichzeitig auch einem der dringlichsten Probleme unserer Zeit widmen können? In diesem Beispiel, dem bedrohlichen Anstieg dementieller Erkrankungen gepaart mit dem Pflegenotstand, speziell in der Altenpflege?
    Dieses Beispiel erscheint mir als Soziale Arbeit vom Feinsten.
    https://www.welt.de/regionales/hamburg/article175235425/Fuehrungen-fuer-Demente-Mit-Karls-Kunst-in-die-eigene-Kindheit.html

    Man muß es nur anzustoßen verstehen.
    Das geht auch, mit der entsprechenden Unvoreingenommenheit
    und ohne gleich zu entgleisen.

    Alles andere,was sich von diesen vorgegebenen Schienen nicht einmal zu lösen versteht,
    wie „Logik, Kunst, Mythos, Eitelkeiten, Vorurteile, Konkurrenzkampf, Leidenschaften und Magie sind die Schienen, auf denen sich der wissenschaftliche Fortschritt immer schon bewegt hat.“ wird auch -ohne die Richtung zu ändern- nicht wirklich Neues hervorbringen, sondern sich lediglich im Rahmen des gut Gemeinten (ver)-halten.
    Im Ergebnis erscheint dies dann als ein -bereits vom Ansatz her- gleichgerichteter Pfad, unter dessen Ägide an vorgeblicher Vielfalt Lösungen zum Problem werden können. (frei nach Watzlawick)

    „Der Gegensatz von Kunst ist nicht Natur, sondern gut gemeint“
    Gottfried Benn

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