51. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

Gesprächsführung mithilfe eines standardisierten Fragebogens ist kein Zeichen von Professionalisierung, sondern ein fachliches Armutszeugnis.

Am frühen Morgen des 10. Oktober 2006 fanden Mitarbeiter/innen des Bremer Jugendamts die in eine Plastiktüte gewickelte Leiche des zweieinhalbjährigen Kevin in der Wohnung seines Stiefvaters im Kühlschrank. Kevin war von dem drogenabhängigen Mann zu Tode misshandelt worden, obwohl die Familie bereits vom Jugendamt betreut wurde. Zweifellos ein erschütterndes Ereignis, ein grausames und sinnloses Geschehen. Immer dann, wenn Kinder zu Tode kommen, misshandelt werden, stellt sich die lautstarke Frage, wie solche Tragödien hätten vermieden werden können. Immer dann wird der Ruf nach Regeln des Umgangs mit bestimmten Adressatengruppen sozialer Dienstleistungen besonders laut.  Wo liegt jedoch das Problem genau aus unserer Sicht?

Soziale Arbeit ist eine gesellschaftliche Reaktion auf soziale Probleme der Lebensführung. Mit ihr sind große Hoffnungen verbunden. Hoffnungen, Menschen zu Arbeit zu verhelfen, Eltern bei der Förderung und Erziehung ihrer Kinder zur Seite zu stehen, Behinderungen und Krankheiten zu bewältigen, Obdachlose von der Straße zu holen, soziale Isolation und Ausgrenzung zu bekämpfen usw. Dass solche Vorhaben geplant, organisiert, finanziert und in ihrer Wirkung beurteilt werden müssen, stellen wir nicht infrage. Wir stellen infrage, wie mit den Nutzern/innen sozialpädagogisch/sozialarbeiterisch passend umzugehen ist. Gerade der Schutz des Kindes ist eine rechtsstaatliche Aufgabe, durch die Sozialpädagogen/innen in die Position von sogenannten „Garanten“ rücken, und zwar als Garanten des Schutzes von Kindern wie Kevin und vielen anderen, die sich in einer solchen existenzgefährdenden Lage befinden.

Die meisten Ansätze der sogenannten Experten, der Politiker/innen, der Bürokraten/innen und der Verwalter/innen beinhalten den Vorschlag, Standards und Regeln zu verbessern, zu vermehren, Prozessabläufe schriftlich zu fixieren und Indikatoren und Kriterien für gelungenes Handeln zu erarbeiten. Es sind Hochzeiten für die Befürworter/innen von Sozialtechnologien. Sie versuchen uns zu beeindrucken mit ihren schnellen und wirkungsvollen Lösungen im Kostüm von Standardisierung, Formalisierung und totalem Qualitätsmanagement.

Doch diese Ansätze greifen fachlich zu kurz, denn sie entsprechen nicht den normativen Horizonten der Sozialen Arbeit. Der Fall Kevin hat das beispielhaft gezeigt. Kevin musste nicht sterben, weil die Familie, der drogenkranke Mann oder der Case-Manager zu wenig kontrolliert wurde. Es ist vielmehr ein offenes Geheimnis, dass die Fallbelastung bekanntermaßen oft viel zu hoch ist, um situationsgerechte Problem- und Ressourceneinschätzungen zu leisten. Viele Fachkräfte im Jugendamt als Teil des öffentlichen Dienstes erleben zudem ihr eigenes Amt nicht als „lernende Organisation“, so wie es eigentlich wünschenswert wäre. Ihre Arbeitsaufträge lauten, immer mehr administrativ zu verwalten als sozialpädagogisch zu handeln. Und wie immer heißt genau das: keine Zeit und keine persönlichen oder beruflichen Ressourcen zu haben für das Erfassen, Verstehen, Beraten, Aushandeln von Problemen und Ressourcen und der Suche nach einzelfallgerechten Lösungen.

Selbstverständlich lassen sich soziale Dienstleistungen gestalten und vergleichend in ihren Zielen koordinieren. Doch die lautstark ins Feld geführten Steuerungsparadigmen aus der Politik sind die falschen. Sie führen uns in eine allgegenwärtig technokratische Gesellschaft von Hierarchien, Expertentum und Eliten. Ein solches Expertentum kann sich nur an messbaren Ergebnissen und Produkten orientieren, da ihm andere Mittel nicht zur Verfügung stehen.

Doch Soziale Arbeit folgt nicht solchen vermeintlich rationalen Gesetzen, sondern vielmehr eigenen Richtlinien, wie sie aus der Hermeneutik oder der Systemtheorie abgeleitet werden könnten. Das, was sie leistet, kann nicht von außen erklärt oder gar vorhergesagt werden, sondern nur im Rahmen einer an Einzelfällen orientierten inneren Logik in ihrem Sinn verstanden werden. Das Kaffeekränzchen von Nutzern/innen und Sozialpädagogen/innen bleibt daher fachlich wichtig, um sich kennen zu lernen, Vertrauen zu stiften, Kooperation zu befördern und/oder ihre Erfolge zu feiern. Das lässt sich von außen wohl nicht leicht erkennen.

Doch vergessen wir nicht Kevin, seine Familie und die Frage nach Regelungen. Selbstkritik und Selbstzweifel sind für uns ganz wichtig, um unsere eigenen Anteile an Interaktionen, Organisation und Ergebnissen zu reflektieren. Wie lassen sich nicht verhandelbare Richtlinien und Regeln von innen und aus der Praxis heraus gewinnen, um eine sozialpädagogisch passendere Ausführung von sozialen Dienstleistungen zu gewährleisten?

Zunächst einmal gilt festzuhalten, dass persönliche Nöte und Krisen so vielfältig sind, dass Hilfen nur individuell zugeschnitten sein können. Die Formalisierung von Prozessen, Einteilung von Anspruchsberechtigten in verschiedene Fallgruppen und die Klassifizierung von Vorgehensweisen und Reaktionsweisen von Beteiligten scheint uns in dieser (sozialpädagogischen) Hinsicht sinnlos. Für die Gesprächsführung mit standardisierten Fragebögen, die beispielhaft für Standardisierung und Formalisierung steht, ist möglicherweise auch gar kein Studium der Sozialen Arbeit nötig. Hierfür könnten doch auch weniger qualifizierte Leute eingesetzt werden. Das und sicher vieles anderes gilt es für uns Sozialpraktiker/innen kritisch zu erkennen, wenn wir uns mit diesen von außen kommenden Erwartungen und Anforderungen in der Kinder- und Jugendhilfe auseinanderzusetzen zu haben. Hier klopft das technizistische Paradigma an unsere Bürotür. Woran erkennen wir es jedoch? Wir erkennen ein solches technologisches Vorgehen daran, dass es in hohem Maße geregelt, routinisiert und manipulativ eingesetzt wird.

Richtig ist: wo es keine Regelungen gibt, machen alle, was und wie sie es wollen. Wir haben uns zu fragen, wie wir zu den sozialpädagogisch passenden und richtigen Regelungen kommen. Unter Beachtung unserer bekannten normativen Horizonte (Vielfalt, Selbstorganisation und wechselseitige Abhängigkeit u.v.a.) sollten wir zumindest auf folgende Punkte Wert legen, wenn wir Regelungen brauchen:

  • Die Regelung sollte kommunikativ und dialogisch entstanden sein. Die Regelung wird also nicht von oben nach unten in Auftrag gegeben, sondern unter der Beteiligung der Anwender/innen und der Betroffenen diskursiv entwickelt und realisiert.
  • Die Regelung sollte selbstverständlich einzelfalloffen bleiben, d. h. sie muss notwendigerweise eine hinreichende Menge an Gesichtspunkten berücksichtigen können, die sie selbst außer Kraft setzt.
  • Die Regelung sollte weiterhin einen dynamischen Charakter haben, d. h. in sich beweglich und in ihrem Anspruch auf Regelung vorläufig. Die vorläufige und dynamische Regelung, die nichts anderes ist als der temporäre Ausweis bisheriger Lernergebnisse und -erfahrungen der Beteiligten, muss kontinuierlich von innen und außen überprüft und bewertet werden können.

Es verwundert nicht, dass wir für die Umsetzung solcher Überlegungen auf besondere persönliche und berufliche Selbst-Konzepte angewiesen sind. Eine postmoderne Bewusstseinshaltung könnte eine ideale Folie sein, auf der der eigene Umgang mit Widersprüchen, Ambivalenzen und Paradoxien reflektiert werden kann. Dieses Konzept sollte für die Unterschiede, Unterscheidungen und Kontraste im eigenen Berufsfeld sensibel bleiben und diese im Team auf die bisher nicht realisierten Möglichkeiten und Alternativen gegenbeobachten lassen.

Solche Teams in „lernenden Organisationen“ können noch mehr, und zwar grenzüberschreitend denken und vielfältig beobachten, in ihren Argumentationen zielorientiert und abwechselnd Themen aufschließen, Ergebnisse verdichten, infrage stellen und genau dadurch neue Alternativen für die Beteiligten eröffnen. Diese Teams betreiben „Dekonstruktion“, eine Methode der postmodern-systemischen Sozialen Arbeit. Und vielleicht stellst Du gerade jetzt fest, dass du das Glück hast, in einem solchen Team arbeiten zu dürfen, von denen wir uns natürlich noch viel mehr wünschen.