52. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

Auch eine systemische Soziale Arbeit, die eindeutige Bewertungen von richtig und falsch relativiert, erlaubt die Feststellung von Fehlern.

 Dies stellt uns vor die Frage, was überhaupt ein Fehler ist. Fehler werden durch die Unterscheidung von falsch/richtig als Bewertungen konstruiert. Wenn ein Fehler benannt wird, dann können wir fragen, in welcher Weise die Unterscheidung von richtig und falsch genutzt wurde. Bestenfalls liegt dieser Bewertung eine Fachlichkeit zugrunde, die sich in professionellen wie wissenschaftlichen Diskursen und Praktiken bewährt hat. Nur wer von dieser Fachlichkeit ausgeht, kann zugleich ahnen oder gar wissen, was als richtig und was als falsch anzusehen ist. Leider ist es so, dass wir vor dem Hintergrund der sozialarbeiterischen Fachlichkeit vieles, was wir praktisch beobachten können, als falsch bewerten könnten.

  • Fachlich falsch ist es beispielsweise, die Sichtweisen, Perspektiven und Motivationen der Nutzer/innen in deren zumeist angespannten Lebenssituation zu vernachlässigen.
  • Fachlich falsch ist es, die Kontakte zu den Nutzer/innen geringzuschätzen.
  • Fachlich falsch ist es, Verfahren und Instrumente zu verwenden, deren theoretischer Hintergrund nicht erläutert und verstanden wurde.
  • Fachlich falsch ist es, die Verwendung von Verfahren und Methoden im Team nicht miteinander abzustimmen und sich auf einen vorläufigen geltenden Standard festzulegen.
  • Fachlich falsch ist es, die sozialarbeiterische Ethik der Hilfe zur Selbsthilfe zwar zu postulieren, aber methodisch die Chronifizierung von Hilfsbedürftigkeit zu befördern.
  • Fachlich falsch ist es zu tolerieren, dass die Organisation und Finanzierung Sozialer Arbeit (etwa über Tagessätze und Fachleistungsstunden) eher die Ausweitung der Hilfebedürftigkeit der Nutzer/innen befördert als deren Verringerung.

Wie aber kommt es zu Fehlern? Ein Aspekt, der zu beachten wäre, ist die Anpassung von aus anderen Professionen oder Disziplinen erfolgreich verwendeten Instrumenten, Verfahren und Strukturen an die Soziale Arbeit. Eine unreflektierte Übernahme und das Nichtanpassen des Instruments bzw. der Struktur an die jeweiligen Aufträge und Kontexte der Sozialen Arbeit ist ein Fehler (Primärfehler), der zu vielen weiteren Fehlern (Sekundärfehler) führen kann.

Die Auswahl und der Einsatz von Verfahren und Instrumenten erfolgt in der sozialen Praxis am besten unter folgenden Kriterien, so unser Vorschlag:

  • Das Verfahren hilft, bildet und fördert Nutzer/innen in der Umsetzung ihrer selbst entworfenen und sozial akzeptierten Lebensentwürfe.
  • Das Verfahren ist auf aktive Beteiligung der Nutzer/innen ausgerichtet.
  • Das Verfahren ist in seiner Durchführung und seinen Zielen für die Nutzer/innen transparent.
  • Das Verfahren zeigt die Wechselwirkungen auf zwischen Person und Umwelt, Individuum und System bzw. individuellem Verhalten und sozialen Verhältnissen.
  • Das Verfahren unterstützt den konstruktiven und kritischen Dialog zwischen Nutzer/innen und Sozialpraktiker/innen.
  • Das Verfahren befördert die Teilhabe und Vernetzung der Nutzer/innen und die Vielfalt ihrer Lebensformen.

Wie ist das mit der Verantwortung für Fehler? Selbstverständlich lässt sich vieles auf die Kommunikation schieben. Kommunikation ist das einzige Mittel der Verständigung und Absprache. Vom systemischen Arbeiten her betrachtet ist der Fokus auf Kommunikation konsequent. Doch bei der Fehlersuche geht es immer auch um die mögliche rechtliche Verantwortung. Die Gesellschaft, die Verantwortlichen und nicht zuletzt die Opfer von Fehlern wollen die Fehler einzelnen Akteuren zuschreiben.

Die Unterscheidung von richtigem und falschem Handeln Einzelner sollten wir als systemische Sozialpraktiker/innen nicht einfach über Bord werfen. Unsere Fehleranalyse führt jedoch weiter als das bloße Zuschreiben von individueller, moralischer und rechtlicher Verantwortung. Gerade als systemische soziale Praktiker/innen ist uns die folgende Einsicht wichtig: Das Verhalten wird durch die Verhältnisse erzeugt, die wiederum erzeugt werden durch das Wiederholen dieses Verhaltens. Ein endloser Kreisel. Eine Ur-Sache, auf die alles Verhalten und alle Ereignisse zurückführbar wären wie beim „Urknall“, lässt sich hier nicht finden.

Werfen wir einen Blick auf die soziale Umwelt der Sozialpraktiker/innen. Wir sind fast immer in ein Team eingebettet. Ein solches Team entwickelt gemeinsame Verhaltensweisen, kollektiv geteilte Theorien und durch die Zeit der Zusammenarbeit sich entfaltende Arbeitskulturen. Auch der aktive und vor allem selbstkritische Umgang mit Fehlern gehört dazu. Dieses Team ist wiederum eingebettet in eine Organisationsstruktur, während die Organisation (etwa wie das Jugendamt) relativ stark von politischen Entscheidungen abhängt. Das Wissen um diese vielen Systemzusammenhänge entlastet uns nicht von der Verantwortung, das fachlich Richtige zu tun. Unsere erste Handlungsorientierung beziehen wir nicht aus Politik, Verwaltung oder Recht, sondern aus den Diskursen der eigenen Profession.

Die Profession und eigene Einsichten geben uns maßgeblich vor, wie richtig zu handeln ist. Als einzelne Fachkräfte bleiben wir abhängig von unserem Team. Ein Team, das sich uneinig ist über die Anwendung bzw. die Nutzung von Verfahren und Methoden, wird keine Einigkeit herstellen über ihre fehlerfreie Anwendung und Durchführung. Der Einsatz von Theorien und Methoden der Sozialen Arbeit in der Praxis und Profession bleibt daher abhängig von der Weise, wie diese Theorien und Methoden in das Team integriert werden.

Die einzelne Fachkraft kann zur Wirkungslosigkeit verurteilt werden, wenn das Team als soziales System nicht an der fachlichen und persönlichen Weiterentwicklung interessiert oder nicht dazu fähig ist. Aber sie sollte dies nicht hinnehmen. Wenn das System von innen nicht veränderbar ist, sollte wenn möglich die Exit-Option gewählt werden. Die Suche nach dem fachlich und persönlich passenden Team ist nicht einfach, aber sie bleibt eine Aufgabe, der wir uns nicht entziehen können.

Doch auch das Team braucht eine kontinuierliche fachliche Aufsicht und fallweise Unterstützung von außen. Wer stellt sicher, dass die Teamleitung das wirklich leistet, was als Leistung einer Leitung allgemein definiert wird? Hier gibt es womöglich Nachholbedarf und viele Wege, dies systematisch zu gewährleisten. Doch die Bretter sind dick, die zu bohren sind. Der öffentliche Dienst inszeniert sich massenmedial als „Fels in der Brandung“ der postmodern gewordenen Gesellschaft. Und wer würde schon an einem so witterungsfesten Gebilde wie es ein Fels ist mit der Nagelfeile herumkratzen wollen?

Wir sollten unnachgiebig interessiert sein am kontinuierlichen Praxis/Theorie-Transfer. Das Studium der Sozialen Arbeit bietet in der Regel eine breite Auswahl von interessanten Verfahren und Instrumenten. Studierende zeigen sich als neugierig, aufmerksam und zum Teil begeistert von den Möglichkeiten des methodischen und theoretisch unterfütterten Handelns. Im sogenannten Praxisschock wird diese Begeisterung abgekühlt, ja sogar eisgekühlt mit Verweisen wie „Das kennen wir (machen es aber nicht)!“, „Das ist nichts Neues (deswegen machen wir es nicht)!“ und/oder „Das kennen wir nicht (deswegen machen wir es erst gar nicht)“. Und auch das sind Fehler, und zwar des gesamten Teams mit seinen Verantwortlichen! Diese haben vielleicht Folgendes noch nicht verstanden: Wer Soziale Arbeit betreibt, sollte Entwicklung und Reflexion in Formen von Team- und Fallberatung nicht als Mühsal oder Angriff auf das eigene Ego, sondern als Notwendigkeit und Chance zugleich betrachten.

2 Gedanken zu “52. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

  1. Versuch einer Ergänzung: Fachlich falsch ist auch, den gesamtwirtschaftlichen und gesellschaftspolitischen Gesamtkontext ausser Acht zu lassen. Unbestritten, dass Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession advokatorisch agiert. Und dieses in der Regel im System und selten von aussen. Die Systemzusammenhänge betreffen daher jeweils die Personen und die Organisationsteile zugleich. Somit kommen neben den professionsbezogenen Reflexionen stets auch die der Verortung in Welt hinzu. Somit sind auch verwendete Instrumente und Verfahren gegenüber KlientInnen, Organsiation und Gesellschaft zu verantworten – gleichzeitig. Anstrengend, spannend und notwendig.

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