53. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

Veränderungen sind leicht, solange sie einen nicht (zufällig) selbst betreffen.

Ändere dein Leben doch einfach!

Die gewöhnliche Form der wechselseitigen Einflussnahme im Alltag ist der Appell. Er tritt meist gehäuft auf und verweist ab einem bestimmten Punkt des Geschehens vehement auf das, was bisher ergebnislos versucht wurde. Wenn aber etwas nicht klappt, versuche es anders oder mach was anderes!

Soziale Arbeit ist bekanntlich angetreten, Menschen dabei zu helfen, sich selbst zu helfen. Der beste Weg der Selbsthilfe scheint zu sein, dass die Nutzer/innen sich oder ihre Lebensumstände auf eigene Weise in die gewünschte und nützliche Richtung ändern. Doch dies ist manchmal nicht leicht und oft sogar unmöglich. Wenn die Nutzer/innen dies ohne äußere Unterstützung könnten, würden sie es doch bereits getan haben. Was von außen machbar erscheint, ist von innen nicht ohne weiteres möglich. Was ist das Problem bei der „Veränderung“?

Zunächst einmal könnten wir uns erinnern an die kleinen und großen erfolgreichen Veränderungen im eigenen Leben. Woher hatte ich den Mut, Neues zu beginnen? Wodurch wurden die Veränderungen ausgelöst? Wie habe ich das geschafft? Worauf konnte ich bauen? Wer hat sie begleitet? Wer hat mich getröstet, wenn es mal nicht klappte? Wir werden dann feststellen, dass wir in den meisten Lebenssituationen von irgendjemanden, sei es dem Partner oder der Partnerin, der Familie oder anderen unterstützt wurden. Damit sind wir zugleich angelangt im vitalsten Bereich der Sozialen Arbeit: Arbeiten für das Soziale, Arbeiten mit dem Sozialen, Arbeiten am Sozialen.

Um das Soziale einzublenden, das (als Kommunikation) im strengen empirischen Sinne unsichtbar ist, könnten wir die systemische Perspektive dazu schalten. Die systemische Perspektive ist eine Prozessperspektive. Alles Leben ist im Fluss, alle Gedanken werden immer wieder neu hervorgebracht, alles Soziale ist in Bewegung. Es ist jedoch nicht alles in diesen Veränderungen und Prozessen von Bedeutung, selbst wenn wir alles wahrnehmen könnten, was uns selbst verständlich nicht gelingt. Es sind die Unterschiede, die einen Unterschied machen. Absichtsvolle, bewusste und zielgerichtete Veränderungen an uns selbst passieren ständig, sind also der Regelfall. Trotz aller widrigen Umstände verbleibt ein Rest an Handlungsfähigkeit bei uns, auch wenn sich das aus der Innenperspektive anders darstellen mag. Die Geschichte der menschlich-sozialen Evolution ist reich an Beispielen dafür.

In der Sozialen Arbeit geht es nicht einfach nur um Veränderungen, sondern um „Problemlösungen“. Dies ist ein erheblicher Unterschied. Das Leiden an einem Problem, welcher Art auch immer, führt dazu, dass sich selbst die Betroffenen stetig damit beschäftigen. Sie versetzen sich in den Alarmmodus und versuchen, das Problem zu erkennen und zu lösen. Die Betroffenen blenden das scheinbar Unwichtige aus und isolieren so das Problem. Ein Problem tritt jedoch selten isoliert auf, sondern steht zumeist im Zusammenhang und zwar im Zusammenhang mit Beobachtern. Eine Beobachtung ohne Beobachter lässt sich erkenntnistheoretisch nicht darstellen. Diesen unauflöslichen Zusammenhang von Beobachtung und Beobachter könnten wir beinahe als Grundgesetz der systemischen Perspektive bezeichnen.

Der erste Zusammenhang ist der von „Problem“ und „Beobachter“ bzw. „Beobachterin“. Für eine Familie kann die Zerstörung des Hauses durch einen großen Brand eine Katastrophe bedeuten. Für den anderen Beobachter oder die andere Beobachterin von innen oder außen ergibt sich eher die Beobachtung einer obdachlosen Familie. Für unseren Leitsatz heißt das: Veränderungen und Problemlösungen beginnen bereits mit einem Wechsel der Perspektive. Interessanterweise ist der Wechsel der Perspektive nicht möglich ohne den Standort zu wechseln. Vom immer gleichen Ort bekommen wir das immer gleiche zu sehen (die Möglichkeit der Verfeinerung von Unterscheidungen lassen wir hier einmal außen vor).

In der neuen Perspektive und dem neuen Standort werden bestenfalls Gelegenheiten sichtbar, sonst können Betroffene auf eine Standort- und Perspektivenveränderung gut verzichten. Wollen wir Gelegenheiten schaffen, ist auf verschiedene Aspekte zu achten:

  • Durch welche Unterscheidungen wird die jeweilige Gelegenheit konstruiert?
  • Wie wird das Angebot kommunikativ entfaltet, wie wird und wem gegenüber wird darüber erzählt ?
  • Welche Gelegenheit ergibt sich daraus für wen?
  • Welcher Nutzen ergibt sich aus der Gelegenheit?
  • Welche Chancen, aber auch welche Risiken werden jeweils beobachtet? Denn es gibt durchaus gute Gründe, sich nicht zu ändern: da wissen wir wenigstens, was wir haben!

Das Lösen und Loslassen von gewohnten Perspektiven führt zwangsläufig zur Begegnung, ja zum Teil zur Konfrontation mit dem Neuen. Ohne Sicherheitsleine (Jemand ist für mich da.), Mut (Ich schaff das.) und Neugier (Ich will was Neues.) wird hier nichts gehen, es sei denn der Zufall hilft nach. Am Zufall selber ist systemisch betrachtet wenig zufällig. Es ist nämlich die Beobachtung, die ein Ereignis zu einem Zufall stilisiert. Zufälle sind demnach Ereignisse, die wir nicht erwartet haben, deren Ursache wir nicht durchschauen und denen wir dennoch Bedeutung verleihen. Es lebe der Zufall, denn viele Erfindungen beruhen auf Zufall. Denken wir nur an das Penicillin!

Vergessen wir den Appell. Problemlösungen lassen sich begünstigen durch Perspektivenwechsel, Gelegenheiten und Zufälle. Alle drei Komponenten könnten wir fachlich und methodisch herbeiführen. Vergessen wir dabei nicht, dass sich die Nutzer/innen an anderen Menschen und auch an uns Sozialpraktiker/innen orientieren. Um andere zu verändern, fange bei dir an! Und wie Sauerstoff ein müdes Lagerfeuer in einen frischen Brand verwandelt und erst so Platz für das Neue schafft, so kann die eigene spielerische Freude an der Selbstveränderung andere Menschen mitnehmen in die für sie passenden Richtungen.

2 Gedanken zu “53. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

  1. Ist es ein Zufall, dass ich jetzt, gerade aus Italien kommend, die bunte Vielfalt noch im Kopf, auf diesen lebendigen Blog stoße, der das Soziale so vielfältig beschreibt. Gesehen habe ich Menschen mit dunkler Haut, die in ihren bunten Gucci-Kleidungsstücken das Leben in vollen Zügen genossen. Afrikaner steht Gucci hervorragend und offenbar ist genug davon da, das gilt auch für den gleichnamigen Duft. Wenn Sonne ein System bescheint, verändert allein das so ziemlich alles. Aussen und innen, in mir. Ein Zufall, dass beim Nachbarblog Kehrwoche über die Sozialpädagogisierung diskutiert wird? Soziale Arbeit war in den siebziger Jahren ein Schimpfwort. Der Sozialarbeiter ein Loser. Erziehungswissenschaftler übernahmen oft den Job. Mit welcher Prämisse? Im Jugendamt mit der Einstellung, wir verstehen uns als Anwalt des Kindes! Da kamen die Eltern schlecht bei weg und mit ihnen natürlich auch das Kind. Mit der Systemischen Sozialen Arbeit hat sich das wieder verändert und unser Land braucht sie dringend all diese Menschen in der Sozialen Arbeit.

  2. „Ist es ein Zufall, dass ich jetzt, gerade aus Italien kommend, die bunte Vielfalt noch im Kopf, auf diesen lebendigen Blog stoße, der das Soziale so vielfältig beschreibt. “

    Von innen betrachtet ja, von außen betrachtet nein :D.

    Vielen Dank für Ihre wertvollen Erfahrungen.

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