54. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

Die eindrücklichste Intervention ist die Person der professionellen Fachkraft selbst.

Soziale Arbeit ist unbestritten und bleibt trotz zunehmender Digitalisierung eine interaktionsbasierte Profession. Sie findet zumeist in personenzentrierten Interaktionssystemen statt. Das sind Sozialsysteme, die ihre Grenzen zur Umwelt durch die Differenz von Anwesenheit und Abwesenheit ziehen. Interaktionen zu gestalten ist einer der Kernaufgaben von Sozialpraktiker/innen.

Es gehört zum Grundwissen von Berater/innen, dass in der Interaktion die nonverbale Kommunikation eine ebensolche oder gar wesentlichere Rolle spielt im Vergleich zur verbalen Kommunikation.  Mehrabian untersuchte bereits 1977 die impliziten Kommunikationen von Emotionen und Haltungen. Nur 7 % der Kommunikation machen die tatsächlichen Wörter aus, 38 % der Kommunikation sind Vokalisationen wie Tonhöhe, Geschwindigkeit, Lautstärke, Ton usw. und 55 % der Kommunikation seien visuell und nonverbal.[1] Es sind stumme und implizite Mitteilungen, Signale und Botschaften, die die Interaktion maßgeblich beeinflussen. Die wechselseitige visuelle Wahrnehmung nimmt hierbei eine gewisse Führungsrolle ein.

Dazu passend ist das Eisbergmodell der Kommunikation der Palo-Alto-Schule (Watzlawick und andere). Dieses Modell findet seine Bewährung und empirische Entsprechung, wenn wir Kommunikationen beobachten, in denen sich Anwesende – von außen betrachtet – inhaltlich um Kleinigkeiten streiten. Die Inhaltsaspekte sind der Teil des Eisbergs, der über der Wasseroberfläche schwimmt. Während die zwei Personen miteinander streiten, steigt in uns die Hypothese auf, dass es sich um eine problematische Beziehung handelt, aus der die beiden Kommunikationspartner/innen womöglich ohne Hilfe nicht entkommen können. Diese Beziehungsaspekte liegen in dem größeren Teil des Eisbergs, der sich unter dem Wasser befindet.

Aus dem Zusammentragen und Integrieren dieser Ergebnisse in das eigene Erleben lässt sich der Schluss ziehen, dass der Person der Fachkraft in ihrer nonverbalen und visuellen Wahrnehmung eine sehr eindrückliche Rolle zukommt. Die Nutzer/innen orientieren sich in der Interaktion an den stummen Signalen, impliziten Botschaften und der visuellen Erscheinung der Fachkraft, ohne dass sie das zugleich auch registrieren oder gar thematisieren.

In einem auf YouTube zu findenden Video, das die Soziale Arbeit in einem Jugendstrafvollzug beschreibt, sehen die Zuschauer/innen einen Sozialarbeiter mit längeren, ungekämmten Haaren  in einer relativ legeren Kleidung. Wenn wir dieses Video als Fachkräfte sehen, dann können wir feststellen, dass dieser Sozialarbeiter seinen Beruf ausgezeichnet vorstellt und Fachlichkeit ausstrahlt, so dass wir uns ihn sehr gut in der Arbeit mit straffällig gewordenen Jugendlichen vorstellen können. Diese Fachlichkeit ist von außen nicht ohne weiteres bemerkbar oder ist sogar Gegenstand von Witzen. In den Kommentaren zu dem Video findet sich etwa die Frage: „Warum sehen Sozialarbeiter immer aus wie Penner?“ Ein anderer User antwortet: „Weil sie Penner sind!“

Dieses Beispiel zeigt zugleich hervorragend, was Fachlichkeit im eigentlichen Sinne ausmacht jenseits von allzu humorigen Laienvorstellungen über die passende Berufskleidung von Sozialarbeiter/innen in einem Strafvollzug. Für den beobachtbaren Sozialarbeiter zählt – und zu Recht – zuerst der von Anfang an gelungene Kontakt zu seinen Klienten. Der Verzicht von Statussymbolen der Kleidung (etwa der Krawatte) oder von teuer anmutenden Schmuck (die falsche Rolex) trägt ganz sicher dazu bei, das Eis zu Beginn von Interaktionen mit seinen oft von Ausgrenzung und Armut betroffenen Jugendlichen zu brechen.

Wenn dieser Sozialarbeiter aufgrund einer Fachlichkeit zu einem Fachvortrag eingeladen wird, bei dem regional führende Vertreter/innen von Politik, Verwaltung und Wirtschaft ebenfalls anwesend sind, könnte er bei der Vorbereitung zufällig auf das Buch The Presentation of Self in Everyday Life von Erving Goffman aus dem Jahre 1959 stoßen. In der damit verbundenen Theorie wird anhand der Metapher des Theaters gezeigt, wie sich Interaktionen entwickeln durch die Wechselseitigkeit der Selbstdarstellung eines Handelnden gegenüber einem anderen und der Wahrnehmung dieser Selbstdarstellung beim anderen, dem sie jeweils gilt. Während dieser Interaktionsgestaltung bleiben wir in größere Ensembles eingebunden (wie Teams, Organisationen und Teilsysteme), innerhalb derer oder in Bezug auf die wir handeln. Der Sozialarbeiter könnte womöglich für sich selber zu dem Schluss kommen, dass er für diesen Vortrag vielleicht einmal von seiner üblichen Arbeitskleidung abweicht, um so den Erfolg seiner Selbstdarstellung beim Publikum zu begünstigen.

Wie es auch sei: Wir könnten gut beraten sein, wenn wir uns stetig vergewissern, innerhalb welchen Ensembles wir unsere – stets mit einer bestimmten Haltung und Fachlichkeit verbundenen – Persönlichkeit zu präsentieren haben. Sind es Nutzer/innen, Kolleg/innen, Justizvertreter/innen oder Vertreter/innen der Medien? Auf die unterschiedlichen Adressat/innen unserer Kommunikation sollten wir uns flexibel einstellen. Wir spielen in gewisser Weise zwar Theater, aber nicht um zu täuschen. Es geht uns professionell betrachtet darum, den Erwartungen unterschiedlich differenzierter Ensembles bzw. Teilsysteme auch in unserer Selbstdarstellung gerecht werden zu müssen und damit die gemeinsame Interaktion als wechselseitige Angelegenheit erfolgreich zu gestalten.

Unser Selbst basiere, so Goffman, nicht auf einem typischen Charakter oder verdanke sich einer organischen Ausstattung. Das Selbst lasse sich interaktionsbezogen beschreiben als ein Spektrum von durchaus auch dramatischen Effekten aus Szenen und Interaktionen wechselseitiger gelungener oder gescheiterter Selbstdarstellung.

Das Entscheidende ist demnach für uns, ob wir mit unserer Selbstdarstellung an die Erwartungen unserer Interaktionspartner anschließen können und wie diese Gestalt von Interaktionen im Lichte der Öffentlichkeit Anerkennung findet. Zwar mag der Mensch auch ein Augentier sein, wie Rammstein erfolgreich singen. Wir können hier jedoch mit der Brille der Interaktionstheorie andeuten, dass die Phänomene ein ganz klein wenig komplizierter liegen.

[1] Mehrabian, Albert (1977): Silent messages. Belmont, Calif.: Wadsworth.

3 Gedanken zu “54. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

  1. „Wir spielen in gewisser Weise zwar Theater, aber nicht um zu täuschen.“ Ich würde das nicht „Theater“ nennen, sondern das Hervorholen von unterschiedlichen „Teilen“, die im mir schlummern, um glaubwürdig und anschlussfähig für das Gegenüber zu werden/sein. Meine Erfahrung: wenn es für einen selbst Theater ist, fühlt man sich auch häufig nicht authentisch…

  2. noch eine Ergänzung: und diese unterschiedlichen Teile in mir selbst hervorzuholen, macht ziemlich viel Spaß 🙂

  3. Nur dann haben wir keinen Schutz mehr, denn das Hervorholen von Anteilen würde ja sehr Persönliches zutage fördern. Solange wir Theater spielen, können wir uns auf die Rolle stützen und uns schützen, denn die Rolle ist gleichzeitig der beste Schutz vor Verletzungen der Seele/Psyche.

    Vielen Dank für Ihre wertvolle Rückmeldung!

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