55. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

Die erste Aufgabe von Beratung ist es, Phänomenen den passenden Namen zu geben.

Soziale Arbeit reagiert auf soziale Probleme der Lebensführung. Für die sozialarbeiterische Beratung als spezielles Setting gilt im Grunde das Gleiche. Das allgemeine Beratungssystem startet beispielsweise in dieser Weise:

  • B(erater/in): „Was führt Sie zu mir/uns?“
  • N(utzer/in): „Ich suche die Lösung für ein Problem.“
  • B: „Was ist für Sie denn derzeit das Problem?“
  • N: „X ist das Problem.“
  • B: „Okay!“

Das Beratungssystem könnte auch starten, wenn Leute von Dritten aufgefordert werden, Beratung in Anspruch zu nehmen:

  • B: „Was führt Sie zu mir/uns?“
  • N: „Andere meinen, ich hätte ein Problem.“
  • B: „Welches Problem sehen denn die anderen bei Ihnen?“
  • N: „Es geht um X“.
  • B: „Okay!“

Das Beratungssystem beginnt erst, wenn interagiert, kommuniziert wird mit Bezug auf ein Phänomen, das von irgendjemanden als problematisch unterschieden und als bearbeitungsnotwendig bezeichnet wird. Damit lässt sich der Startpunkt für systemische Beratung markieren. Als sinnverwendende Lebewesen sind wir nicht nur in einem sensorischen Kontakt mit Phänomenen. Wir setzen uns darüber hinaus in Bezug zu diesen Phänomenen, und zwar über die Zeichen, die wir dabei verwenden. Wenn wir oder unsere Nutzer/innen im Zuge der Lebensführung mit problematischen Phänomenen zu tun bekommen, bewerten wir diese Phänomene mit Gefühl. Wir verleihen ihnen zugleich Bezeichnungen, sonst könnte die Kommunikation nicht darauf Bezug nehmen.

Wenn Nutzer/innen mit uns Beratungssysteme bilden, können wir uns nicht direkt über die Phänomene beraten. Eigentlich beraten wir uns über die zutreffenden Bezeichnungen, Beschreibungen, Erklärungen und Bewertungen der Beteiligten. Insofern startet jede Beratung mit der Frage, wie das problematische Phänomen benannt sowie davon ausgehend beschrieben und erklärt wird.

Der ideale Fall wäre, wenn die Nutzer/innen eine möglichst konkrete, handhabbare Bezeichnung für das Problem mitbringen und präsentieren, die sich mit unserem trägerseitigen Auftrag ungefähr deckt. Damit kann das Beratungssystem überhaupt erst loslegen. Noch wissen wir nicht, mit welchen Unterscheidungen und Bezeichnungen das präsentierte Problem konstruiert wird. Die erste Aufgabe von Beratung ist es daher zu klären, um welche Art von Problem es sich handelt und wie es mit anderen Problemen in Verbindung steht.

Da wir selbst keinen Zugriff auf die außerhalb des eigenen Systems wahrgenommenen Phänomene haben, sind es die Unterscheidungen, die den Bezeichnungen zugrunde liegen, die das Phänomen kommunikativ konstruieren. Daher ist es für die Situationsanalyse wichtig, dialogisch und mehrperspektivisch um die treffenden Problemtitel, und selbstverständlich ebenfalls um die zutreffenden Ressourcen-Titel, zu ringen.

Das Suchen nach der passenden Bezeichnung für ein Phänomen ist nicht nur wichtig, damit alle Beteiligten an einem Strang ziehen, nämlich weg vom Problem in Richtung möglicher Lösungen. Im mehrperspektivischen Blick auf Problemzusammenhänge und dem Durchkreuzen der diesen zugrunde liegenden Unterscheidungen könnte es bestenfalls zu einer Aufweichung, Verflüssigung und Verschiebung der Problemkonstruktion kommen, die nun von den Beteiligten als passender oder positiver beschrieben wird.

Ein Beispiel: Der Nutzer kam in die Beratung mit einem Suchtproblem. Im Zuge der Erstgespräche stellte sich heraus, dass vor allem das Fehlen einer beruflichen Perspektive die weitere Entwicklung des Nutzers bzw. die Verbesserung seiner Lebensumstände einschließlich des Suchtmittelkonsums blockiert. Es geht an dieser Stellung der Beratung nun nicht mehr um „Sucht“ im Unterschied zur „Abstinenz“ oder um „Krankheit“ im Unterschied zu „Gesundheit“. Der Problemtitel änderte sich und damit die ihm zugrunde liegenden Unterscheidungen. Der neue Problemtitel lautet „sinnvolle Arbeit“ und wird profiliert im Unterschied zu „sinnlose Arbeit“. Und wie schon bei der ersten Problemkonstruktion liegen dieser Unterscheidung erneut mehrere Werte zugrunde. Ein weiterer Wert einer zweiseitigen Unterscheidung ist das von ihr ausgeschlossene Dritte, also die Menge aller mit der Zwei-Seiten-Form ausgeschlossenen Beobachtungsmöglichkeiten.

Wenn das Problem zu eng, zu konkret und zu eindimensional beschrieben wird, versuchen wir, die Komplexität zu erhöhen, indem wir neue, auch anders mögliche Problemtitel einspeisen. Dabei verwenden wir bestenfalls Unterscheidungen, die die Anzahl der damit zugleich ausgeschlossenen Beobachtungsmöglichkeiten reduzieren, d.h. statt „Sucht“ abstraktere Begriffe wie „Gesundheit“ oder „Sinn“. Wenn sich Nutzer/innen in diesem durch Abstraktionen aufgespannten virtuellen Kosmos wenig orientieren können, ziehen wir an der Rettungsleine, indem wir unsere Kommunikation dichter an konkreten künftigen Situationen und unmittelbaren Handlungsmöglichkeiten entlangführen.

Unser kommunikationstheoretisch fundierten Beratung könnten wir den Namen Postmoderne Beratung geben. Sie bezieht Beschreibungen wechselseitig aufeinander und entfaltet genau dadurch produktive Widersprüche und Ambivalenzen, sie hilft beim Dekonstruieren von Problemen und beim Konstruieren von Lösungen. Soweit die Beratung die damit zugleich ausgeblendeten, ausgegrenzten und zugleich ausgelöschten Beschreibungsmöglichkeiten wieder einzublenden und aufzubauen versucht, wäre sie eine im doppelten Sinne postmoderne Beratung. Möglicherweise passt eine solche Beratung sehr gut in die heutige Zeit, in die VUKA-Welt, die von Volatilität (Flüchtigkeit), Unsicherheit, Komplexität und Ambivalenz gekennzeichnet ist.

 

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