56. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

Probleme sind keine Hindernisse, die wir zu bewältigen haben, sondern Wegweiser, die versuchen uns etwas aufzuzeigen: die passenden Pfade für die Lebensführung.

Lebensführung ist gekennzeichnet durch Handeln, das sich auf bestimmte Ziele richtet. Während wir unser Leben planen und führen, stoßen wir auf Probleme. Ein Problem wäre nicht problematisch, wenn wir es umgehen könnten. Auf diejenigen, die von einem Problem betroffen sind, wirkt das Problem wie ein Hindernis, das bewältigt werden muss. Wir beginnen, an dem Problem zu arbeiten, es kleiner zu machen oder das Hindernis aus dem Weg zu räumen. Fachkräfte versuchen mehr oder weniger erfolgreich, Probleme umzudeuten als Lösungen, die jedoch nicht mehr zu dem passen, worauf sie einstmals reagiert hatten.

Vielleicht gibt es noch andere Vorgehensweisen.

Wir könnten unsere Nutzer/innen etwa so ansprechen: Sie sagten eben, Sie seien mit dem Problem beschäftigt und Sie bräuchten Hilfe, es zu überwinden. Mir kam dabei jedoch folgende Frage: Mal angenommen, das Problem wäre gar kein Hindernis, das zu bewältigen ist, sondern vielmehr ein Wegweiser, der auf etwas hinweist? Worauf könnte dieses Problem für Sie persönlich hinweisen?

Wenn wir es mit Phänomenen zu tun bekommen und diese negativ bewerten, unterscheiden und bezeichnen wir sie als Probleme. Die andere Seite der Unterscheidung sind die Lösungen. Differenztheoretisch betrachtet liegen Probleme und Lösungen dicht zusammen. Für die Lebenspraxis gilt allerdings das Gegenteil. Hier liegen Probleme und Lösungen sehr weit auseinander. Die Lösung für Krankheit wäre ganz einfach Gesundheit. Doch lebenspraktisch liegen diese beiden Seiten manchmal gefühlte 10.000 km weit entfernt. Wer einmal von einer länger währenden Krankheit betroffen war, wird sicherlich zustimmen.

Im Folgenden wollen wir die Differenztheorie von George Spencer Brown nutzen. Damit lässt sich folgende These formulieren: Probleme und Lösungen sind zwei Seiten einer Unterscheidung, die bezeichnet werden können, weil und indem sie Drittes ausschließen. Bei diesem ausgeschlossenen Dritten handelt es sich jedoch um sehr Bedeutsames, nämlich um die Wege und die Vermittlungsmöglichkeiten zwischen dem Problem und der Lösung. Wir unterscheiden Problem und Lösung und müssen vorerst, aber zugleich, die Wege und die Vermittlungsmöglichkeiten ausschließen, um das Problem und die Lösung bezeichnen zu können.

Die Nutzer/innen der Sozialen Arbeit präsentieren Probleme und in der Regel auch Lösungen. Die arbeitslose Person nutzt die Angebote der Arbeitslosenberatung, um wieder in Arbeit zu kommen. In der Arbeitslosenberatung sind jedoch keine Jobs erhältlich, sondern Beratung. Aber wozu? Wenn wir als Sozialpraktiker/innen in dieser Beratung gemeinsam mit den Nutzer/innen Probleme nicht als Hindernisse, sondern als Wegweiser behandeln, können wir in der Beratung das ausgeschlossene und ausgeblendete Dritte, die Wege und Vermittlungsmöglichkeiten wieder einblenden, nämlich die Anschlüsse und Wege, die zwischen Problem und Lösung vermitteln könnten.

Wenn wir Probleme demnach nicht als Hindernisse, sondern als Wegweiser begreifen, die etwas aufzeigen, können wir uns gemeinsam mit den Nutzer/innen fragen, was das sein könne: Ist es etwa die Notwendigkeit, die beruflichen Qualifikationen entscheidend zu verbessern, den Umgang mit bestimmten Situationen mit Vorgesetzten zu verändern oder die je individuellen Teilhabe-Formen an Gesellschaft kritisch zu hinterfragen? Wenn wir so arbeiten, ändern sich die Unterscheidungen. Jetzt stellt sich heraus, dass die Lösung beobachtbar ist als Wegweiser, und zwar in der Weise der Unterscheidung zwischen dem einen Weg, dem anderen Weg und zahlreichen sonstigen Wegen.

Die entscheidende Frage der Beratung lautet demnach nicht, wo die Lösung liegt, denn die liegt differenztheoretisch bereits auf der Hand. Die Frage lautet vielmehr, worauf das Problem die Beteiligten hinweist, wie es weiter geht und wie vorzugehen ist. Insofern wäre es zu kurz gedacht, einfach etwas anderes zu tun, wenn das eine nicht funktioniert. Das wäre vergleichbar mit dem Stochern im Nebel. Vielmehr sollte dialogisch und mehrperspektivisch, und wenn es passt auch in der Rolle des advocatus diaboli, erkundet werden, weshalb der erste Weg nicht infrage kommt, stattdessen jedoch der zweite Weg oder vielleicht der dritte.

Das Reden über Lösungen erzeugt Lösungen. Was aber, wenn der Weg das Problem wäre? Unser Reden über Wege erzeugt Wege. Denn wie sagt der Volksmund: Viele Wege führen nach Rom! Ob Rom allerdings das passende Ziel war, dürfte aus der Rückschau bezweifelt werden. Wie zu zeigen war, ist zuerst der Weg das Ziel.

5 Gedanken zu “56. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

  1. Guten Tag,
    sehr schön der Text!! Aber warum schreiben sie von George Spencer Brown als George Spencer-Braun? Ich hoffe mal das war der Rechtschreibautomat 🙂
    Herzlich grüßt
    C. Auer

  2. Sehr geehrter deaXmac,

    och, auch Ihnen wird mal einer kommen. Einfach kräftig weiterlesen und viel mehr kommentieren, dann kriegen Sie sicher auch mal „das Eckige ins Runde“. Nur nicht gleich die Hoffnung aufgeben, denn wie heißt es: Wer nicht kämpft, hat schon verloren!

    Viele Grüße an Ihre Chefs ( haben Sie vielleicht mehrere?), Ihr Jan V. Wirth

  3. @4 … wie das „Runde ins Eckige“ kommt, interessiert mich zwar entscheidend mehr, im Zusammenhang middem „Fritz sei Wetter“,
    aber ich bemerke, Sie kennen mich offenbar noch nicht im Case-Management.
    Dabei genieße ich im Hier und Jetzt sozusagen Narrenfreiheit und Bestandsschutz gleichermaßen …,
    aber in Sachen Bar & Zahlung wollen wir bei Baecker, Metzger, Wirth mal ein Auge zudrücken …
    Beste Grüße auch von GSB ausm Offshore Stor

    … bin immer noch hocherfreut, daß er seine Mutter entgegen renommierten psychiatrischen Experten-Rats dann doch nicht umgebracht hat. Man muß sich nur einmal vorstellen, was ansonsten all den auszuschlachtenden motherboards noch blühen koennte … vom ISBN-freien Buch ganz zu schweigen

    🙂

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