57. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

Zuhause ist nicht nur ein Ort, sondern ein Gefühl, das auf Beziehungen beruht.

In Deutschland haben ca. 19 Millionen Personen einen Migrationshintergrund und in der Welt waren nie zuvor so viele Millionen Menschen auf der Flucht wie in diesen Monaten des Jahres 2018. Menschen sehen sich aus den verschiedensten Gründen veranlasst, ihre Heimat und ihr Zuhause zu verlassen. Sie nehmen viele Wagnisse und Erschwernisse auf sich, um sich ein neues Leben aufzubauen. Als Fremde unter Einheimischen suchen sie ein neues Zuhause, das sicher ist und eine bessere Zukunft bietet. Aus Kriegsgebieten oder Ländern in wirren sozialen Zuständen zu fliehen ist eine Funktion der existentiellen menschlichen Selbsterhaltung und des Selbstschutzes und insofern eine Reaktion, die keiner moralischen Kommentierung mehr bedarf.

Wer irgendwo hin flüchtet oder auswandert, weil es anderswo zu unsicher und hoffnungslos scheint, der braucht ein Zuhause. Ein Dach über dem Kopf, eine sichere Schlafgelegenheit oder besser einen Wohnraum in einer freundlichen Umgebung. Das ist nicht nur ein Bedürfnis, sondern eine sozial geteilte Erwartung, die auf der Fähigkeit beruht, sich betroffen zu fühlen, ohne betroffen zu sein. Doch das Dach über dem Kopf, der Gemeinschaftswohnraum und sogar die eigene Wohnung, das eigene Zuhause, sie erfüllen in ihrer gegenständlichen Verfasstheit stets nur für kurze Zeit einige wenige, wenn auch wichtige Bedürfnisse. Das Zuhause hat eine hohe symbolische Bedeutung als „Ort der freiwilligen Selbstexklusion“, um sich vom sozialen Geschehen oder von schwerer körperlicher Tätigkeit zu erholen, sich von allzu viel Nähe zu distanzieren und im Rückzug ins Private das Handeln Anderer nachzuerleben. Das Zuhause hat gewissermaßen eine Ankerfunktion, denn es ist ein Fixpunkt, von dem Wege wegführen und wieder zurückführen: hier lässt sich vor Anker gehen, das ist „unser Hafen“.

Allerdings bauen wir in der Regel zu unserer Couch, zu unserem Wasserkocher oder zu unserer Raufasertapete keine „Beziehung“ auf, auch wenn uns das manchmal so scheinen mag. Diese physische Umwelt wird in Besitz und Gebrauch genommen, wir eignen sie uns an im Zuge der gemeinsamen Herstellung von räumlicher, territorialer Identität. Für die soziale Identität ist damit noch nichts gewonnen. Der hier in Spiel kommende Begriff der Beziehung ist für uns auf etwas reserviert, das zwischen Personen geschieht. Der bedeutendste Aspekt einer solchen Beziehung ist das System von Geben und Nehmen. Erst in diesem wechselseitig abhängigen Prozess zwischen dem „Du“ und dem „Ich“ kann das entstehen, was als je besondere soziale Identität einer Person bezeichnet wird und sich allmählich zu einer festen (erwartbaren, vertrauenswürdigen) Adresse verfestigen kann. Durch die hier entstehende Kommunikation zwischen einander Bekannten und Unbekannten werden Erwartungen ausgetauscht, Rechte und Ansprüche formuliert und bestenfalls kulturelle Differenzen reflektiert. Dieses mehr oder weniger umfangreich werdende Netzwerk an Beziehungen, so behaupten wir, ist der Wurzelboden, auf dem Betroffenheit, Anteilnahme, wechselseitige Unterstützung, Fürsorge, Liebe und gemeinsames Lernen erst wachsen. Nur die gemeinsame Benutzung und der soziale Gebrauch von „Raum“ und „Ort“ produzieren die an wertgeschätzte Beziehungen gebundenen Gefühle, die uns das Zuhause oder gar die Heimat symbolisieren.

Wer, wie wir, Lebensführung als sinnbasiertes Arrangieren von Inklusion (Teilnahme, Mitmachen, Mitentscheiden) und Exklusion (Nichtteilnahme, Nichtmitmachen, Nichtmitentscheiden dürfen) begreift, stößt unweigerlich auf deren Ambivalenz. Wie fast jedes Phänomen kann auch die Inklusion als ambivalent beobachtet werden. Wer Inklusion für die einzige Lösung hält, hat Freiheit nie kennengelernt. Denn das Gefühl von Zugehörigkeit, der Anerkennung, der Wertschätzung oder der Befähigung sind nicht umsonst zu haben. Deren andere Seiten heißen Verantwortung, Unverzichtbarkeit, Eingebundenheit und Abhängigkeit.

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