58. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

Wer Inklusion für die Lösung hält, hat das Problem nicht verstanden.

In der Sozialen Arbeit hat es eine bis zu den Wurzeln der Profession zurückreichende Tradition, Gemeinschaftsfähigkeit, Integration und Inklusion zu beschreiben, zu erklären und zu fordern. Mit Blick auf Personen oder Gruppen, die dauerhaft von der Gesellschaft ausgegrenzt oder ausgeschlossen werden, bleibt das eine unverzichtbare Aufgabe. Zugleich stoßen wir in der Analyse der heutigen Gesellschaft und ihrer Lebensführung auf ein damit zusammenhängendes Problem: Eine vollständige Exklusion von Personen oder Gruppen aus der Gesellschaft lässt sich kaum nachweisen. Was wir in der funktional differenzierten Gesellschaft zumeist finden, sind zeitlich oder sachlich begrenzte Teilexklusionen. Beispielsweise haben zugewanderte Personen innerhalb der ersten Jahre im Einwanderungsland zum Teil recht unterschiedliche, aber nicht reduzierbare Ansprüche und Rechte auf Aufenthalt, Arbeitssuche, Bildungsmöglichkeiten und Sozialleistungen. Zum Beispiel sind Langzeitarbeitslose in sehr unterschiedlicher Weise an sozialen Zusammenhängen bzw. gesellschaftlichen Teilsystemen beteiligt. Der Tatbestand einer vollständigen gesellschaftlichen Exklusion als komplettes und dauerhaftes Herausfallen aus dem Sozialen wird fast nie erfüllt. Die heutige Gesellschaft erlaubt keine Robinsonaden.

Wir richten unseren Fokus daher mehr auf die situative Exklusion, eine im Verlauf der Lebensführung sehr normale Nicht-Teilhabe. Das klassische Beispiel dafür ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie: Wer etwa abends in der Gastronomie arbeitet, einen Straßenbahnzug fährt, berufsbegleitend studiert usw., kann nicht gleichzeitig für die Familie da sein. Systemtheoretisch formuliert: Die andere Seite der Inklusion in den Arbeitsmarkt ist die Exklusion aus der Familie.

Wir bezeichnen diese zeitlichen und sachlichen Unvereinbarkeiten von Inklusion und Exklusion als Probleme der heutigen Lebensführung. Manchmal macht es für das Individuum Sinn, nicht an der Gesellschaft, ob im Großen oder im Kleinen, teilzunehmen. Manchmal macht es für die Gesellschaft, ihre Teilsysteme und Institutionen Sinn, nur bestimmte Personen und Adressen an der Kommunikation teilnehmen zu lassen, manchmal nicht.

Damit ist zugleich die Ambivalenz von Gesellschaft und Individuum aufgeworfen. Der Mensch lebt zwar sein Leben selbst, doch er kann es nicht allein. Wir als Einzelne sind auf Gesellschaft angewiesen. Doch manchmal – mit Sartre gesagt – „sind die Hölle die Anderen“. Dann erleben die Einzelnen die Gesellschaft nicht als Bereicherung, sondern – wie etwa im Mobbing oder der Stigmatisierung – als Belastung, die sich im Grenzfall von sozialer Ausgrenzung ins existenziell Unerträgliche hin entfaltet.

Für die Klärung und Bearbeitung dieser Probleme der Lebensführung, die sich in der Ambivalenz von Inklusion und Exklusion darstellen, sind Sozialpraktiker/innen in besonderer Weise fachlich geeignet und ausgebildet. Für die sozialarbeiterische Gegenstandsbestimmung lässt sich daher sagen, dass Soziale Arbeit die in der sozialen Wirklichkeit eingelassenen Prozesse und Strukturen von Inklusion und Exklusion beschreibt, erklärt und bewertet. Das sozialarbeiterische bzw. sozialpädagogische Bezugsproblem besteht in der Klärung und Bearbeitung von Problemen der Lebensführung, Lebensführung verstanden als Arrangieren von Inklusions- und Exklusions-Kombinationen.

Das Grundproblem der Lebensführung mit einer solchen Theorie im Rücken ist demnach nicht: Exklusion und deren Lösung sei selbstverständlich Inklusion, sondern der Umgang mit der dadurch aufgeworfenen Ambivalenz. Inklusion in ihren Formen von Teilnahme, Mitmachen, Mitentscheiden hat zeitlich und sachlich sehr gravierende Folgen für die Beteiligten, die je unterschiedlich gedeutet und bewertet werden können. Analog trifft dies auf Exklusion zu in ihren Formen von Nichtteilnahme, Nichtmitmachen, Nichtmitentscheiden.

Eine Schlussfolgerung für uns als Einzelne könnte lauten: Wer Inklusion für die einzige Lösung hält, hat Freiheit nie kennengelernt. Das Gefühl von Zugehörigkeit, der Anerkennung, der Wertschätzung oder der Befähigung sind nicht folgenlos zu haben. Deren andere Seiten können heißen Verantwortung, Unverzichtbarkeit, Eingebundenheit und Abhängigkeit. Und es steht eben nicht naturhaft, gottgegeben oder politisch von vornherein fest, inwiefern dies bevorzugte Optionen für die Beteiligten sind.

Eine von uns entwickelte Visualisierung zeigt vier Quadranten des Kompasses der heutigen Lebensführung mit jeweils auftretenden Ambivalenzen, die sich sachlich zeitlich wechselseitig verschränken, voneinander profitieren und wechselseitig blockieren können (siehe Abbildung hier: http://www.systeams.org/index.php/blog/86-begriffe-blog/80-4-quadranten-der-lebensfuehrung).

Jede Lebensführung hat also mit vier Seiten zu tun: mit (1.) „Individuum“ und (2.) „Gesellschaft“ und dazu querstehend mit (3.) „Inklusion“ und (4.) „Exklusion“. Aus den vier Blickwinkeln von Individuum und Gesellschaft auf Inklusion und Exklusion entstehen jeweils unterschiedliche Unterscheidungen und Beobachtungen, die sich den jeweiligen vier Quadranten zuordnen lassen. Keineswegs soll die Aufzählung der Ambivalenzen Vollständigkeit beanspruchen. Dies würde den theoretischen Prämissen einer Ermöglichungsprofession zuwiderlaufen. Allerdings dürften die hier wissenschaftlich entfalteten und situativ konkret werdenden Ambivalenzen besondere Bedeutungen für die Lebensführung haben.

Um die Ambivalenzen der Lebensführung persönlich-professionell in den Blick zu bekommen sowie zu beschreiben, zu erklären, zu bewerten und schließlich zu bearbeiten, braucht es manchmal Unterstützung im Leben: Unterstützung durch einen – manchmal durch Multi-Probleme vernebelten – Kompass zur Orientierung und durch selbstreflexive Fachkräfte. Diese werden ressourcen- und lösungsorientiert mit den Nutzer/innen die nächsten möglichen Schritte besprechen und wenn nötig gemeinsam umsetzen.

 

2 Gedanken zu “58. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

  1. … sehr guter Artikel, der, so wie ich es verstehe, die Ambivalenz von Zugehörigkeit und Ausschluss sehr gut darstellt.
    Ich denke, dass der Begriff von Inklusion zum einen vom Begriffsverständnis einerseits und einer Grundhaltung einer die Norm vertretenden Mehrheit gegenüber einer der Abnorm vertretenden Minderheit innehat. -Und natürlich auch umgekehrt.

    Das heisst: Nach meinem Verständnis geht es bei Inklusion darum, dass grundsätzlich eine Minderheit dort bei der Mehrheit Zugang hat, wo es für Sie, aus welchen Gründen auch immer, wichtig und/oder förderlich ist. – Der mentalen und physischen Gesundheit wegen.
    Also eben nicht nur dabei sein können/müssen, sondern dazugehören können.

  2. Sehr geehrter Herr Ernst,

    Vielen Dank für Ihre Rückkopplung zu uns! Ihre Nachricht lässt mich darauf hoffen, dass dieser Leitsatz, genauso wie Sie es getan haben, konkret und praktisch angewendet werden kann mit Blick auf verschiedene Möglichkeiten, das Verhältnis von Gesellschaft und Individuum zu (re-)konstruieren.

    Gerade auch Ihr letzter Satz trifft: „nicht nur dabei sein können/müssen, sondern dazugehören können“.

    Und vielleicht ist die Trias von „Möglichkeit“ (4), „Fähigkeit“ (3) und „Bereitschaft“ (2) noch durch „Wirklichkeit“ als Ausgangsposition (1) zu ergänzen. Methodisch bearbeitbar als „Ambivalenzbearbeitung von Inklusion und Exklusion“ mit einer neuen Variante einer Aufstellungs-Arbeit mit mindestens diesen vier Relationen/Positionen (R/P) (inklusive einigen unbekannten R/P‘).

    Was meinst Du, Heiko?

    Viele Grüße!

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