59. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

Wenn du entscheiden kannst, weshalb machst du dir dann Sorgen? Wenn du der Meinung bist, dass du dich gerade nicht anders entscheiden kannst, weshalb machst du dir dann Sorgen?

Sozialpraktiker/innen haben beruflich ständig Entscheidungen zu treffen. Sie entscheiden aus dem sprichwörtlichen Bauch heraus oder viel besser: nach reichlicher persönlicher und/oder sozialer Reflexion mit anderen sowie auf der Basis der Theorien und Handlungsmodelle der Sozialen Arbeit über Möglichkeiten, professionelle Hilfe zu veranlassen, andauern zu lassen oder zu beenden. Die Entscheidungen von Sozialpraktiker/innen sind immer auch persönlich, da sie verbunden sind mit der personengebundenen Fähigkeit und Notwendigkeit zur Empathie (um Mitfühlen zu können), der Imagination (um sich in die Situation hineinversetzen zu können), und des Perspektivenwechsels (um eine passendere Position gewinnen zu können).

Das Entscheiden ist eine voraussetzungsvolle Tätigkeit, und zwar aus drei Gründen: Entscheiden lässt sich erstens nur, wenn etwas wahrgenommen und fokussiert wird. Hier geht es um die Fähigkeit, auch minimale Unterschiede zu registrieren. Wer als Fachkraft die – wenn auch vielleicht nur kleinen – Entwicklungsschritte unserer Nutzer/innen nicht registrieren kann, wird überhaupt keine Entwicklung registrieren. Der Stillstand der Nutzer/innen verweist auf den Stillstand unserer (sich setzenden) Unterscheidungen. Zweitens ist die vom Unterschied inspirierte Unterscheidung auf Bezeichnungen angewiesen. Leute, denen die Worte für positive Entwicklungen fehlen bzw. verloren gegangen sind, können ihren wahrgenommenen Unterschieden und Unterscheidungen keinen Ausdruck verleihen. Es fehlen ihnen die Worte, die Begriffe, um zu begreifen, wo jedoch nichts anderes anschlussfähig ist. Drittens ist die Fähigkeit zur Entscheidung angewiesen auf die andere, oft abgeschattete Seite der Bezeichnung. Die Entscheidung, in einer bestimmten Situation professionelle Hilfe zu benötigen, ist z.B. verknüpft mit der Meinung, diese Situation ohne professionelle Hilfe nicht bewältigen zu können.

Für diejenigen, die nicht erkennen, dass es möglich wäre, sich anders zu entscheiden, gibt es gar nichts zu entscheiden. „Sorge dich nicht um Unterscheidungen, lebe!“ könnten wir dieses Lebensmotto bezeichnen. Es wäre allerdings ein Fehler, dies den Einzelnen allein zuzuschreiben. Wir leben unseren Alltag, und wir leben in bestimmten Kulturen. Deren Funktion ist es gerade, bestimmte Fragen nicht mehr zuzulassen und das bedeutet: die Ambivalenz von Wirklichkeit und Möglichkeit auszublenden. Wir wissen, was zu tun ist, was dieses oder jenes bedeutet und wir wissen nicht einmal, dass wir es wissen, weil die Dinge tatsächlich so sind, wie sie uns erscheinen. Und sicherlich gehört zu einem glücklichen Leben bzw. glücklichen Momenten die Fähigkeit, bestimmte Ambivalenzen für eine bestimmte Zeit auszublenden. Wenn wir das immer könnten, worüber sollten wir uns dann Sorgen machen?

Wer sich jedoch in eine entscheidungsfreudige Situation hineingearbeitet hat, hat aus unserer Sicht sehr viel für sich erreicht: Wir hätten bestimmte Informationen oder ihre Bruchstücke aus dem Rauschen in der Umwelt als vielleicht wichtige Ereignisse wahrgenommen. Wir hätten diese Unterscheidungen mit der Idee der positiven Gestaltungsmöglichkeit von Lebensführung in einen zugleich kritischen und konstruktiven Zusammenhang gebracht. Wir hätten gleichzeitig in dem, was wir tun und wie wir es tun, erkannt, dass wir etwas anderes oder etwas anders tun könnten. Und wir hätten außerdem erkannt, dass die damit aufgeworfenen Möglichkeiten zu entscheiden auch anders gedeutet und verstanden werden könnten als es eigentlich in unserer Absicht lag.

Schließlich würden wir noch in der Weise des Entscheidens darauf achten, welche Räume an Handlungsmöglichkeiten durch die Ambivalenz konstruiert werden, an die sich die reflektierte Entscheidung anschließt. Gelänge es uns, die damit verbundenen Positionen zu verflüssigen und die an die jeweiligen Positionen gebundenen positiven Verhaltensweisen in andere wünschenswerte Positionen und Verhältnisse mitzunehmen, hätten wir gemeinsam die in der Entscheidung angesiedelte Ambivalenz genutzt, um auf selbstbesorgte Weise zumindest Momente der Sorglosigkeit anzubahnen. Wenn wir das immer könnten, worüber sollten wir uns dann Sorgen machen?