61. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

Die häufigste Zumutung, die Menschen widerfährt, ist die Vereinfachung ihrer Gedanken, Gefühle und Handlungsimpulse.

Es gibt Leute, die einen Mercedes-Motor für ein komplexes Gebilde halten. Warum eigentlich nicht? Weil damit aus dem Blick geraten kann, worum es beim Umgang mit Komplexität geht. Komplexität ist nicht beherrschbar. Komplexität ist auch nicht quantifizierbar, so als ob eine Ganzheit erst ab einer willkürlich festgelegten Zahl von z.B. 10.000 Einzelelementen komplex wäre. Komplex ist eine Menge von Elementen, bei der nicht mehr jedes Element mit jedem anderen Element verknüpfbar ist.

Komplexität ist kein Seins-Sachverhalt, sondern ein beobachterabhängiges Phänomen. Erst wenn wir Komplexität von anderem unterscheiden, lässt sich Komplexität wahrnehmen bzw. beobachten und bezeichnen. Zugleich gehen wir mit dem Konzept von Komplexität davon aus, dass wir zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht alle auf der Welt verfügbaren Möglichkeiten des Handelns und Erlebens realisieren (können).

Nehmen wir uns Menschen: Jede/r von uns ist eine komplexe/r bio-psycho-sozialer Systemzusammenhang. Rein biologisch besehen „bestehen“ wir aus weiteren Systemen wie etwa unserem Nervensystem oder den Organen des Körpers, die ihrerseits aus weiteren Systemen bestehen: Zellen, Molekülen und Atomen. Die jetzt gerade in uns ablaufenden Prozesse liegen vollständig im Schatten unserer Beobachtungen. Zugleich ist das Informationssystem unseres Körpers aus vielen Milliarden von miteinander verbundenen Zellen aufgebaut. Ein einzelnes Gehirn, ein drei Pfund schweres feuchtes Gewebe mit dem Aussehen eines Kohlkopfes ist in sich dichter verknüpft als alle Telefone auf der Erde.

Wir gehen davon aus, dass Komplexität nicht beobachtbar ist. Allerdings wissen wir uns zu helfen. Um die zahllosen wechselseitig aufeinander bezogenen Ereignisse und Prozesse in unserer Umwelt zu verarbeiten, vereinfachen wir sie: Wir generalisieren. Wir bilden z.B. Persönlichkeits-Typen, Muster der Lebensführung, Kategorien für gruppenbezogene Merkmale und hierarchische soziale Strukturen. Die Reduktion von Komplexität durch Generalisierung ist jedoch als ambivalent zu bezeichnen, denn die Funktion von Generalisierung ist der Verzicht auf Unterschiede.

Der Gruppe von wohnungslosen Personen ist gemeinsam, dass sie keine mietvertraglich gesicherte Unterkunft haben. Wohnungslose Personen „haben“ – von außen besehen! – oft die gleichen Probleme. Eine solche Generalisierung ist ein Zugangspunkt für strukturelle Veränderungen durch Sozialpolitik. Unzweifelhaft ist es jedoch so, dass sich für jede (wohnungslose) Person eine besondere Entwicklungsgeschichte und Individualität beobachten lässt. Hier liegen Anlass und Zugangspunkte für ethisch-normativ begründete Soziale Arbeit in ihrer fachlich-persönlichen Gestaltung von positiven und lösungsorientierten Interaktionen.

Für die individuelle Person ist die Kommunikation mit dem bzw. den Anderen existenziell. Für jede Art des Zugangs zu den Ressourcen der sozialen Systeme der Gesellschaft spielt die Fähigkeit zum Kontakt, zur Beziehung und zum Herstellen von Kooperation eine besondere Rolle. Hierbei sind wir auf Sprache angewiesen. Sprache lässt sich ebenfalls als komplex bezeichnen. Im Deutschen z.B. lässt sich die relativ kleine Zahl von etwa 40 Phonemen (kleinste bedeutungsunterscheidende sprachliche Einheiten) zu mehr als 60.000 Morphemen (kleinste bedeutungstragende sprachliche Einheiten) zusammensetzen, die allein oder miteinander kombiniert die ca. 350.000 Stichwörter im Duden ergeben. Aus Silben und Wörtern können wir demnach eine unbegrenzte Zahl von Sätzen und Konzepten bilden, selbst solche, die wir vorher nie gehört oder gelesen haben. Gerade die historisch junge Profession und Disziplin der Sozialen Arbeit lässt sich ohne neu entworfene Wörter nicht vorstellen: „Fürsorge“, „Wohlfahrtspflege“, „Sozialpädagogik“ oder „Sozialarbeit“ und zahlreiche mehr.

Das war die gute Nachricht. Die schlechte Nachricht ist, dass die Kommunikation zwischen Leuten manchmal dem Versuch gleicht, ein Kamel durch ein Nadelöhr zu schleusen. Wie können wir uns das erklären, jenseits der prominenten Kommunikationstheorien (Kommunikationsaxiome, Eisbergmodelle usw.)?

Das Nadelöhr entsteht, weil in unserer Kommunikation keine Gedanken an Gedanken anschließen können. Wer meint, dass in der Kommunikation Informationen wie Gedanken, Gefühle oder Handlungsimpulse übertragen werden, liegt – zumindest aus systemtheoretischer Sicht – daneben. Vielmehr ist es bei genauerer Betrachtung so, dass wir über pulsierende Luftmoleküle miteinander kommunizieren, wobei zugleich das dabei entstehende soziale System Eigenkomplexität in Form von Erwartungen aufbaut. Nun stell dir vor, wie komplex manche Situationen und die damit verbundenen Emotionen sein können. Erinnerst du dich (auf deine Weise) an den letzten Konflikt in deiner Familie? Möglicherweise ging es dabei um Verantwortung, Schuld oder Liebe. Solche komplexen Emotionen passen meistens nicht durch das Nadelöhr der Kommunikation.

In solchen bzw. ähnlichen Situationen kann es – insbesondere in der Berufsausübung – dazu kommen, dass wir unseren Kommunikationspartner de-individualisieren („Die kenne ich schon.“) und de-kontextualisieren („Er verhält sich immer so.“), um die kommunikative Situation für uns zu vereinfachen. Dies tun wir dann, wenn wir mit der uns überfordernden Komplexität noch nicht umgehen können. Ohne Zweifel ist das eine nützliche Funktion, aber wir laufen Gefahr, einander dabei Unrecht zu tun.

Wir blenden zugleich die oben angesprochene Ambivalenz von Generalisierung und Unterschiedsbildung aus. Im Umgang mit geschätzten Interaktionspartnern wie unseren Nutzer/innen und Kolleg/innen sollten wir zügig die benutzten Vereinfachungen einblenden, reflektieren, um bestenfalls unsere Interaktionen wieder komplexer werden lassen. Erst durch die Wieder-Sichtbarmachung von Unterscheidungsmöglichkeiten werden wir handlungsfähiger, weil wir nun die Komplexität gestalten können. Zugleich sind wir vielleicht sprachlos bzw. handlungsunfähig, und oft könnte genau das die angemessene Handlungsweise sein. In dem Augenblick des Gewahr-Werdens der Ambivalenz unseres Handelns stockt fürs erste der Handlungsfluss und die reale oder simulierte Interaktion kann in einer Art Schwebe bleiben.

Letztlich, aber nicht abschließend, ist Ambivalenz nicht lediglich der Preis, den wir für unsere Fähigkeit zur Reflexion zahlen. Womöglich ist sie vor allem das Juwel in der Krone einer Sozialen Arbeit, die die Gedanken, Emotionen und Handlungsimpulse der Menschen und die dabei entstehenden Kommunikationen nicht vereinfacht, sondern als das nimmt, was sie für uns Sozialpraktiker/innen sein sollten: manchmal irritierend und unverständlich, bestenfalls aber immer so, dass passende Bedeutungen und Anschlussfähigkeiten entstehen können.

3 Gedanken zu “61. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

  1. Ein gutes Beispiel für Generalisierungen: das ICD10, demnächt 11.
    Hier gibt es z.B. die Generalisierte Angsstörung.
    Es gibt den Borderliner, den Schizoiden, den Narzissten…Verständlich, dass viele Therapien
    wenig bringen, denn es ist immer noch üblich, dem User dieses zuzuschreiben. Wie schon F.B.Simon in seinem Video sagte“Diagnosen sind Beschimpfungen“. Ein tolle Basis für gemeinsames Arbeiten! Ändern wird dies das neue Manual, der RDoC (Reader Dignostik of
    Criteria) – hier wird menschlicher beschrieben. Systemisch umschrieben.

  2. Sie erfahren schon über you tube oder google einiges.
    Intressant auch die neue Diagnose: Social Communication Disorder, welche
    die Autismus-Asperger-Spektrum-Störung außer Kraft setzt.
    Heute berichtete das Deutsch Ärzteblatt(Newsletter), dass neue Studien (u.a.auch
    Uni Bonn) klar zeigen: Die überwiegende Mehrheit der Auffälligkeit sind genetisch
    begründet und damit anders zu betrachten – und sozialer zu behandeln. Das
    Deutsche Ärzteblatt schlussfolgert messerscharf: ein neues Diagnosesystem ist
    unumgänglich notwendig. Es könnte ja europäisch sein!

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