60. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

Probleme sind nicht einfach da, sondern sie bilden sich, weil wir die „Dinge“ so verknüpfen, dass sie entstehen.

Ein Verdienst der systemischen Beratung ist, auf die wechselseitige Abhängigkeit von Phänomenen, Handlungen und Kommunikationen aufmerksam zu machen, die zur Systembildung führen. An solchen Beobachtungen von Beziehungen wollen wir anschließen und darüber hinausgehen.

Beziehungen bzw. Verknüpfungen bestehen etwa zwischen Personen, aber auch zwischen Elementen welcher Art auch immer. Sie sind für die sinnhafte Konstruktion von Wirklichkeit das, was die elektrochemischen Impulse (als Software) für das Gehirn (als Hardware) sind. Die gesamte Wirklichkeit ist nicht nur durchdrungen, verwebt, vernetzt und durchwirkt von mehr oder weniger flexiblen Verknüpfungen. Wirklichkeit ist Verknüpfung (wissenschaftlich: Relationierung) aller verfügbaren Wahrnehmungen und Beobachtungen. Verknüpfungen sind Zusammenhänge, Verhältnisse, Bezugnahmen und Beziehungen zwischen Phänomenen wie Mikrowelle, Zwergantilope, Oma und Opa, Mann und Frau, Armut und Reichtum, Leid und Glück oder eben Problem und Lösung.

Nun stellen wir uns ein neues Verhältnis zur Umgangsweise mit Phänomenen vor. Einige Leute oder Teams in unserer Umgebung erscheinen vielleicht eher gebunden an bestimmte Positionen und Beobachtungsmuster. Wenn wir ihnen zuhören, bekommen wir den Eindruck, dass sie von ihren Verknüpfungen selbst überzeugt sind. Für sie gibt es zunächst keinen Anlass, an diesen Verknüpfungen zu rütteln oder sie infrage zu stellen. Andere Leute oder Teams in unserer Umgebung erscheinen jedoch eher ungebunden zu sein an bestimmte Positionen und Beobachtungsmuster. Wenn wir diesen zuhören, haben wir den Eindruck, dass sie ihre Verknüpfungen als vorläufig geltend betrachten. Für sie gibt es immer wieder Anlass, ihre Verknüpfungen, d.h. ihre selbst hergestellten Zusammenhänge zu hinterfragen und vielleicht neue Anschlüsse herzustellen.

Wenn Probleme durch Verknüpfungen entstanden sind, dann lassen sich auch Lösungen durch Verknüpfungen herstellen, so unsere Grundidee bei der Durchführung von postmodernen Relationen-Aufstellungen.

Das können wir an einem Beispiel vor dem Hintergrund der vorherigen Leitsätze veranschaulichen: Wir nehmen an, dass jemand derzeit arbeitet, jedoch demnächst studieren möchte und dies als Problem bewertet. Das Problem entsteht hier, weil jemand in einer Wirklichkeit lebt, die jedoch eine andere sein soll und sicherlich sein könnte. Diese derzeitige Lebenssituation als Wirklichkeit wird verknüpft mit Erfahrungen und Informationen, die schließlich in die Deutung hineinführen, die aktuelle Wirklichkeit als defizitär zu bewerten. Hier geht es vielleicht um fehlende soziale Anerkennung, um zu niedriges Gehalt oder um mehr Verantwortung, mit anderen Worten: um mehr Inklusion.

Die gewünschte Zukunft hingegen besteht allgemein in der Aufnahme eines Studiums, oder wenn wir so wollen: in der Entwicklung und Erweiterung der eigenen Lebensführung. Zweifellos ist die „gewünschte Zukunft“ eine „verknüpfte Zukunft“, die das Einschreiben und Studieren, das Kennenlernen von interessanten Personen, das erfolgreiche Absolvieren von Prüfungsleistungen und auch das Feiern der Erfolge am Wochenende miteinander wertschätzend und positiv verbindet.

Jetzt ist die Frage, was es braucht, um eine Inklusionschance zu begünstigen. Um von der Exklusions-Wirklichkeit in die Reichweite von Inklusions-Möglichkeiten zu gelangen, braucht es zumindest: Fähigkeit, Bereitschaft und eine attraktive Zukunft. Für diejenigen, die sich in der Ambivalenz von Wirklichkeit und Möglichkeit auf professionelle Unterstützung angewiesen sehen, liegen diese Verknüpfungen nicht auf der Hand. Umso mächtiger das Problem erscheint, umso mehr binden wir uns an bestimmte Beobachtungsweisen. Denken wir nur an die erlernte Hilflosigkeit, die dadurch gekennzeichnet ist, dass Leute, die beinahe ohnmächtig in andauernden Schwierigkeiten stecken, zum Schutz ihrer eigenen Identität zunehmend sämtliche Ursachen für die Schwierigkeiten ihrer Umwelt zuschreiben.

Wir können diese Verknüpfungen von Wirklichkeit, Bereitschaft, Fähigkeit und Möglichkeit aufstellen, auslegen und schließlich durchwandern, wohl wissend, dass weitere Verknüpfungen wie Unterstützer/innen oder Zeit in den Wahrnehmungshorizont kommen. Es liegt eine große Chance darin, die Energie von Aufstellungen gleich ganz am Anfang von Veränderungsarbeit für zügige und nachhaltige erste Schritte hin zu einer gewünschten Zukunft zu nutzen. Das Motto könnte lauten: „Lass die Lösung nicht anbrennen“.

Relationen-Aufstellungen lassen sich gemäß des zuvor Gesagten für alle (konstruierten) Verknüpfungen und Zusammenhänge einsetzen. Für „gebundene Berater/innen“ ist die Herausforderung, sich von der Verengung von Relationen auf Beziehungen zwischen Personen zu lösen. Es gilt vielmehr, diese Verknüpfungen in den Blick zu nehmen, die vom Problem zur Lösung führen wie Brücken, die auch „nur“ auf Verknüpfungen beruhen.

Die Reichweite von Relationen-Aufstellungen wird begrenzt durch den dialogisch hergestellten Auftrag und die Ungebundenheit der Beteiligten an vorherrschende, etwa gesellschaftlich hergestellte Verknüpfungsmuster. Professionalität wird auch bei Relationen-Aufstellungen wie immer gesichert durch

  • Rückkopplungen mit den Nutzer/innen,
  • etappenförmiges, partizipatives, transparentes Vorgehen,
  • sozialberuflich bzw. berufsethisch geltende Ethik-Kodizes und
  • regelmäßige bzw. abschließende Auswertungen des Verlaufes der professionellen Hilfe hinsichtlich der Fragen, was sich kognitiv, emotional und aktional, also in Kopf, Herz und Hand verändert hat.

 

5 Gedanken zu “60. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

  1. @Lisbeth

    Sehr geehrte, liebe Lisbeth, vielen Dank für Ihre interessante Nachfrage. Ein Buch mit diesem Titel und einer entsprechenden Ableitung gibt es noch nicht, wird jedoch derzeit zwischen Heiko und mir diskutiert. Die „Relationen-Aufstellung“ geht nicht aus der Methode der renommierten „Struktur-Aufstellung“ von Sparrer und Kibed hervor, sondern ist ein Eigengewächs direkt ableitbar aus der postmodernen- systemisch-konstruktivistischen Theorie und Methodenentwicklung in der Sozialen Arbeit von Kleve und Wirth.

    Bei Insa Sparrer (2006) in „Systemische Strukturaufstellungen – Theorie und Praxis“ auf Seite 7 finde ich folgende Bestimmung:

    „Wir verstehen die Systemischen Strukturaufstellungen, im Folgenden mit SySt – abgekürzt, als Interventionssystem und Sprache, mit deren Hilfe Systeme im Raum
    mit Personen als Repräsentantinnen für Teile des Systems dargestellt werden können. Ziel einer solchen räumlichen Abbildung ist es, das betrachtete System zu veranschaulichen, zu untersuchen und in gewünschte Richtungen zu verändern.“

    Jetzt ist diese Begriffsbestimmung keine aktuelle und sicherlich ist der Ansatz seit 2006 weiter entwickelt worden! Eine solche Zielsetzung wie oben verfolgen wir jedoch nicht. Im Prinzip geht es bei uns darum, so wie ich unser postmodernes Herangehen bisher verstehe, den Prozess der Konstitution der sozialen Wirklichkeit über wechselseitig aufeinander verweisende Unterschiede und Unterscheidungen, im besonderen über „symbolische Konzepte“ (zum Beispiel „Zugehörigkeit“ bzw. „Inklusion“) dafür zu nutzen, kognitive Wege vom Problem zur Lösung anzubahnen und zu kokonstruieren. Im Prinzip stellen wir also keine Systeme auf, auch keine Strukturen, sondern kognitive Landkarten, deren Orte über Verknüpfungen (Relationen) miteinander in Beziehung stehen und zusammen mit den Nutzer*innen und Klient*innen beleuchtet und besichtigt werden.

    Soweit stehenden Fußes von mir!

    Viele Grüße, Jan V. Wirth

  2. Ein Erratum:
    „deren Orte über Verknüpfungen (Relationen) miteinander in Beziehung stehen“
    Genauer:
    „deren Orte nur ,sind‘, weil die Verknüpfungen sie als solche hervorbringen“.

  3. Symbolische Konzepte! Eine gute Herangehensweise, lernen wir doch über symbolische
    Inhalte mehr als über das rein kognitive. Für mein Empfinden entbehrt die SYST viel an
    emotinalem Erleben, natürlich ist das rein subjektiv. Jeder erlebt anders. Ich freue mich, wenn
    Sie dieses Buch schreiben, es bringt weiter.
    In der Literatur C.G.Jungs kann man eine Menge über Relationen lesen. Er hat die Symbole
    immer wieder in den Mittelpunkt gestellt. Leider gibt es kaum noch C.G. Jung Therapeuten.
    Die kognitiven Therapien sind die einzigen welche sie noch finden können.

  4. Vielen Dank!

    C.G. Jung, danke auch für diesen Hinweis. Übrigens auch ein angehender Systemtheoretiker der Psyche. Er postuliert „eine Person [als] ein psychisches System, welches, im Falle der Einwirkung auf eine andere Person, mit einem anderen psychischen System in Wechselwirkung tritt.“ (in: Jung. Praxis der Psychotherapie. Beiträge zum Problem der Psychotherapie und zur Psychologie der Übertragung. 1958).

    Viele Grüße!

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