62. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

Sozialer Wandel beginnt nicht mit einem zustimmenden Ja, sondern mit einem kritischen Nein.

Ein Merkmal Sozialer Arbeit ist, dass sie in ihrer Vorgehensweise die sozialen Entstehungszusammenhänge von Problemen der Lebensführung, insbesondere von Exklusion mit einbezieht. Dabei geht es nicht nur darum, Problemzusammenhänge von der individuellen und der gesellschaftlichen Seite aus zu betrachten. Ein solcher Perspektivenwechsel ist zwar notwendig, aber nicht hinreichend.

Für das Verstehen der wechselseitigen Abhängigkeiten von Verhalten und Verhältnissen arbeiten wir mit dem Konzept der Zirkularität. Eine zirkuläre Perspektive nehmen wir dann ein, wenn wir die sozialen Verhältnisse in ihren Folgen auf die Lebensführung von Individuen beschreiben, erklären und bewerten. In Form von Erwartungen und Zuschreibungen sind diese Anlass und Ursache für Menschen, daran in bestimmter Weise anzuschließen, sich daran zu orientieren. Somit können sich die berüchtigten Teufelskreise und zugleich die berühmten Engelskreise verfestigen.

Soziale Arbeit geht in ihrem Vermitteln zwischen Verhalten und Verhältnissen, mithin zwischen Individuum und Gesellschaft beständig das Risiko ein, das Eine (die Verhaltensorientierung) dem Anderen (dem Sozialsystembezug) vorzuziehen. Das ist verständlich, schließlich sind die Nutzer/innen (mit ihren Familien) in der Interaktion unmittelbar präsent, während die Anderen, das Soziale, die Gesellschaft ausgeblendet sind. Denn Soziales Arbeiten vollzieht sich zumeist im Privaten, in den persönlichen Lebensbezügen der Menschen, die sich abgrenzen von den sozialen Systemen der Gesellschaft, obgleich sie sich ohne diese nicht reproduzieren könnten.

Die Annahme, dass jedes Individuum in seiner Lebensführung auf besondere Weise auf soziale Verhältnisse reagiert und in diesen agiert, ist nützlich und wichtig. Deshalb arbeiten wir auch mit individual-psychologischen Theorien und Methoden in der Sozialen Arbeit. Diese haben das Ziel, psychische Strukturveränderungen beim Individuum zu initiieren. Würden wir jedoch nur mit diesen Zielsetzungen agieren, würden wir uns gänzlich der professionellen Notwendigkeit berauben, die sozialen Bedingungen von Inklusion/Exklusion kritisch-konstruktiv zu thematisieren. Dafür brauchen wir die Sozialtheorien, etwa von Adorno/Horkheimer, Bauman, Beck, Habermas und vor allem von Luhmann, Baecker, Fuchs, Nassehi und vielen weiteren Sozialtheoretikern. Erst dann können wir beobachten, wie soziale Verhältnisse regelmäßig und wiederkehrend bestimmte Probleme der Lebensführung produzieren, etwa gefährdete Inklusion bzw. drohende Exklusion.

Jeder Fall ist anders, weil Individuen sich unterschiedlich verhalten können. Jeder Fall ist gleich, weil soziale Systeme Probleme produzieren. Diese Einsicht könnten wir als eine Grundlage der Reflexion in der Fallbearbeitung bezeichnen.

Ohne diese Einsicht neigen wir einerseits dazu, Individuen dafür zu halten, wofür sie die Gesellschaft hält, nämlich für Leute, die anderen ständig Probleme machen. Andererseits würden wir dazu neigen, die sozialen Systeme dafür zu halten, wofür Leute mit Problemen diese Systeme halten, nämlich für Systeme, die ihnen ständig Probleme machen.

Wenn wir ent-schleunigen und innehalten, gelingt uns eine Reflexion darüber, was wir tun, und wie wir es tun. Die Reflexion thematisiert Beobachtungsmöglichkeiten und erweitert so zugleich den Raum an Handlungspotentialen. „Reflexion und Aktion“ bezeichnen das Wechselspiel der professionellen Sozialen Arbeit. Hierbei achten wir auf drei Ebenen: auf Interaktion, Organisation und Gesellschaft.

Interaktion: Solches Vorgehen eröffnet bestenfalls die Möglichkeit, die Interaktion so zu gestalten, dass wir unterschiedliches soziales Erleben und Handeln ausprobieren, kritisch reflektieren und Neues ausprobieren. Für uns kann das bedeuten, in diesen Interaktionen mit Verhaltensweisen konfrontiert zu werden, die unsere Erwartungen zunächst enttäuschen. Eingedenk der sozialen Situation, in der wir stellvertretend für die Gesellschaft auftreten, sind hier unsere Fähigkeiten gefragt, Ja und Nein sagen zu können und ganz unabhängig davon den Mitteilungszusammenhang fortzusetzen.

Organisation: Der gelingende Umgang mit Zustimmung und Ablehnung lässt sich nicht nur beziehen auf Interaktionen zwischen Personen, die mit Blick auf bestimmte Aufträge als Veränderungsarbeit zu gestalten sind. Auch die Organisationen, ihre Teams und Abteilungen können lernen, dass Mitarbeitende, die sich an der Entwicklung und Verbesserung der beruflichen Praxis interessiert zeigen, wertvolle Organisationsmitglieder sind, weil sie etwa den Wandel der Lebensverhältnisse der Nutzer/innen oder der Arbeitsverhältnisse im eigenen Träger kritisch mit beobachten. Immerhin bestände die Möglichkeit, sich stets mit einem „Interessiert mich nicht“, „Das geht ja nicht anders“ oder „Das halte ich eigentlich nicht für gut“ aus der Affäre zu ziehen.

Gesellschaft: Beim Blick auf gesellschaftlichen Strukturwandel liegen die Dinge ähnlich. Ungleiche Lebensverhältnisse, erschöpfende oder krank machende Inklusionsverhältnisse oder Langzeitexklusion dürfen von Fachkräften Sozialer Arbeit nicht ignoriert werden. Der notwendige kritische Blick auf die Gesellschaft entsteht anhand des Doppelten Blickes der Sozialen Arbeit, der die Ambivalenz von Wirklichkeit und Möglichkeit entfaltet, in dem – im Anschluss an Adorno – die Wirklichkeit verneint, d.h. als auch anders mögliche Wirklichkeit bewertet wird.

Sozialer Wandel beginnt demgemäß mit einem kritischen Nein, denn wenn z.B. das „Arm-sein“ das Problem ist, kann das „Arm-bleiben“ nicht die Lösung sein.

Es gibt viele Formen des sozialen Protestes als Bürger/innen, es gibt passende Handlungsmodelle für uns Sozialpraktiker/innen. Das Konzept des Empowerments, das ursprünglich aus der Gemeindepsychologie stammt, verweist vehement auf die Notwendigkeit, Leute und ihre Familien stark zu machen, zu ermutigen, sich ihres gemeinsamen Lebensraumes zu ermächtigen und die regionalen Verhältnisse mit zu beeinflussen, mithin sich selbst darin zu organisieren. Es geht um Macht, Macht verstanden als Unterscheidung von Macht und Ohnmacht, sein Leben selbst zu führen. Soziale Arbeit kommuniziert vielleicht noch zu wenig machtförmig. Dabei prozessiert die Machtkommunikation Sozialer Arbeit bestenfalls im kritisch-konstruktiven Durchsetzen ihrer ethisch und normativ ausgearbeiteten Standpunkte.

In der Aus- und Weiterbildung der Sozialen Arbeit ist die Auseinandersetzung mit den sozialen Verhältnissen seit Beginn fest verankert. Dennoch, für die Praxis lässt sich vielleicht manchmal das Gegenteil konstatieren. Dies hat mit den Struktur und Kulturen von Organisationen zu tun. Die Mitarbeiter/innen könnten ihre eigene Exklusion befürchten, wenn sie mit der sozialpädagogischen bzw. sozialarbeiterischen Planung und fachlichen Ausgestaltung von Hilfen in ihren Organisationen nicht einverstanden sind, indem sie „Nein, weil…!“ sagen. Und es wäre eine interessante Forschungsfrage, wie die Organisationen Sozialer Arbeit kommunikativ auf interne Ablehnung reagieren.

Dabei wäre das sich selbstorganisierende Team in einer entsprechenden Organisation gut beraten, diese wertvollen Beobachter/innen zu konsultieren, statt sie zu ignorieren oder gar zu exkludieren. Fruchtbar scheint es uns, regelmäßig Rückkopplung zu ermöglichen und auf Wechselseitigkeit der Perspektiven zu achten. Aus dieser Sicht ist zu überlegen, wie eine Ethik der Organisation einen sicheren und zuverlässigen Rahmen schafft – und zwar dafür, wie innerhalb der Organisation mit Ideen, Meinungsverschiedenheiten, Dissens und Konflikten konstruktiv, d.h. soziale Verhältnisse umgestaltend umgegangen wird.

2 Gedanken zu “62. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

  1. „Die Mitarbeiter/innen könnten ihre eigene Exklusion befürchten, wenn sie mit der sozialpädagogischen bzw. sozialarbeiterischen Planung und fachlichen Ausgestaltung von Hilfen in ihren Organisationen nicht einverstanden sind, indem sie „Nein, weil…!“ sagen. Und es wäre eine interessante Forschungsfrage, wie die Organisationen Sozialer Arbeit kommunikativ auf interne Ablehnung reagieren.“

    … und jetzt?
    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/festival-games-for-change-pc-spiele-fuer-eine-bessere-welt-15670937.html?printPagedArticle=true#pageIndex_0

  2. „Es geht um Macht, Macht verstanden als Unterscheidung von Macht und Ohnmacht, sein Leben selbst zu führen. Soziale Arbeit kommuniziert vielleicht noch zu wenig machtförmig. Dabei prozessiert die Machtkommunikation Sozialer Arbeit bestenfalls im kritisch-konstruktiven Durchsetzen ihrer ethisch und normativ ausgearbeiteten Standpunkte.“

    Das liegt im Wesentlichen an der flächendeckenden Unbildung im Umgang mit Statistiken,, alles und jedes erst einmal kategorisieren und anschließend im #metoo-Format immer über denselben Kanal letztlich als amuse gouelle totquatschen zu müssen.
    Da kann man sich gleich auch als Kloake verdingen und in der Gosse Wasser saufen.

    Nein, es gibt keinen Umschlag von Quantität zu Qualität.
    Wie soll das gehen?
    Und dann vielleicht auch noch unter dem Motto „immer mehr desselben“?
    Wie z.B. im Umgang mit Fichten …
    und seinen Reden an die deutsche Nation

    „Der eigentliche Obskurantismus ist nicht, dass man die Ausbreitung des Wahren, Klaren, Nützlichen hindert, sondern dass man das Falsche in Kurs bringt. “
    Goethe

    … aber eigentlich ficht mich das Alles nicht an,
    im Sinne der Illuminaten

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