63. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

Es gibt mindestens zwei bedeutende Tage im Leben von Sozialarbeiterinnen und Sozialpädagogen: Der eine Tag ist der, an dem sie es werden. Der andere Tag ist der, an dem sie erkennen, warum sie es geworden sind.

Kannst du dich noch an deinen ersten Arbeitstag nach dem Studienabschluss erinnern? Das Lernen und Reflektieren hatte sich gelohnt, denn ab sofort bist du, so steht es auf den Urkunden, Sozialarbeiterin bzw. Sozialpädagoge mit einem akademischen Abschluss und einer staatlichen Anerkennung. Formal betrachtet hast du alle nötigen Kompetenzen erworben, um diese Profession auszuüben. Mit sozialprofessionellen Theorien, Methoden und Haltungen bist du vertraut. In ausgewählten Handlungsfeldern beherrschst du einschlägige Verfahren und kennst die dazu passenden Handlungskonzepte inklusive der Ethik-Kodizes. In der Arbeit mit Leuten verstehst du es, wissenschaftliches Wissen, allgemeines Alltagswissen, deine Gefühle und Gedanken sowie das Wissen um die Lebensverhältnisse der Nutzer/innen miteinander sachgerecht und kreativ zu verflechten. Probleme sind bereits Lösungen – so lautet einer deiner (systemischen) Leitsätze, um die dich andere manchmal beneiden. Für deine Kolleginnen und Kollegen sowie deinen Träger bist du eine Bereicherung geworden, um nicht zu sagen: eine Expertin auf ganzer Linie!

Aber etwas fällt dir oder anderen irgendwann auf: Als Expertin strahlst du wie ein Leuchtturm zwar weithin in alle Richtungen aus. Doch am Fuße des Leuchtturms selbst, den du abgibst für all die anderen, da scheint bisher nur Dämmerlicht. Hier kannst du nicht so gut sehen, kennst dich noch nicht so gut aus, kannst nicht alles als eine Art „Objekt“ wie von außen betrachten, von dem du dich wieder lösen kannst. Hier geht es nämlich um dich selbst.

Mit deinen eigenen Themen kannst du nicht so leicht hantieren wie du es mit Theorien und Methoden bisher gemacht hast und wie Kinder es mit Bausteinen uns lustvoll vormachen. Mancher deiner Bausteine ist so schwer, dass du ihn nicht bewegen kannst. Dich macht es vielleicht bereits unsicher, mit ihnen überhaupt in Kontakt zu treten. Es ist ganz so, als wenn du das Fundament bewegen willst, auf dem das steht, was dir doch so vertraut und selbstverständlich geworden ist. Es gleicht dem Vorhaben, auf hoher See die Planken deines Bootes auszutauschen, mit dem du ein Leben lang unterwegs sein wirst.

Wenn du hier anfängst, die blinden Flecke deiner eigenen Entwicklung in deinen relevanten Sozialsystemen ein wenig auszuleuchten, kommt der Tag, an dem du persönlich erkennst, warum gerade du Sozialarbeiter bzw. Sozialpädagogin geworden bist und warum das vielleicht wichtig sein könnte. Es könnte ja alles Zufall gewesen sein. Oder es ist genauso gekommen, wie du es von Anfang an gewollt hast. Vielleicht liegt die Wahrheit in der Mitte, aber wer sagt uns, was wahr ist und wo die Mitte liegt. Und überhaupt: Was folgt daraus?

„Wir leben eben unser Leben“ und meinen damit das Ganze einer unendlich großen Zahl von Ereignissen während des bio-psycho-sozialen Lebensverlaufes. Einen Lebensverlauf können wir jedoch nicht als Ganzes beobachten. In der aktuellen Wirklichkeit, in diesem Moment, gleichen wir einem Tummelplatz von Zellvorgängen, elektrochemischen Impulsen, Hormonen, Emotionen, Gedanken und Kommunikationen, ganz zu schweigen von dem, was bisher in unserem Lebensverlauf in und mit uns passiert ist.

Die Selbstbeobachtung unserer eigenen Entwicklung im Lebensverlauf könnte starten mit der Unterscheidung zwischen Lebenslauf und Biografie. Lebenslauf und Biografie bilden zwei Seiten einer Form, mit der der Lebensverlauf einer Person, wenn auch nur selektiv, beobachtet wird. Mit dem Lebenslauf gewinnen wir ein formbares Medium der sozialen Wahrnehmung von Personen in ihrem Lebensverlauf. Die Biografie dagegen stellt die sinnhafte Selbstbeschreibung einer Person dar, die gegenwartsbasiert eine Reihe von relevanten Ereignissen mithilfe der Vorher-Nachher-Unterscheidung beobachtet. Die Biografie ist nützlich für die mehr oder weniger sinnvolle bzw. gelungene Darstellung der eigenen Entwicklungslinien im Horizont von dem, was war und dem, was noch möglich gewesen wäre. Mit Lebenslauf und Biografie haben wir zwei Taschenlampen am Fuße des Leuchtturms. Es gibt aber noch eine dritte: die Karriere.

Die Karriere ist genauso eine soziale Konstruktion und ein Beobachtungsschema von Personen wie Lebenslauf und Biografie. Karriere wiederum kann verstanden werden als eine sozialstrukturell bestimmte Form des Mediums Lebenslaufs. In der Gesellschaft von Organisationen nehmen Lebensverläufe die Form von Karrieren an. Die eigene Karriere kann daher begriffen werden als eine besondere Form der Kopplung zwischen Individuum und Gesellschaft. Die Karriere beschreibt nämlich die zeitlich ablaufende kommunikative Teilnahme bzw. Nichtteilnahme von Personen an verschiedenen gesellschaftlichen Teilsystemen und/oder Organisationen.

Alle drei Formen der Selbstbeobachtung können wir gemeinsam wie Taschenlampen nutzen, um den Fuß des Leuchtturms auszuleuchten. Alle drei Beobachtungsinstrumente verweisen letztendlich auf die Fähigkeit und auf die Notwendigkeit, seinem Lebensverlauf einen bestimmten Sinn zu verleihen. Das Arrangement der Formen der eigenen Inklusionen und Exklusionen im Lebensverlauf werden nicht mehr fest vorgegeben bzw. bestimmt durch die Zugehörigkeit zu einer Familie, Gemeinde oder Klasse. Die Lebensführung (einschließlich der Karriere) verdankt sich den sozioindividuellen Fähigkeiten zur Sinnstiftung bzw. zur sinnhaften Rekonstruktion dessen, was war oder /nicht war und was sonst noch möglich oder unmöglich gewesen wäre.

Wir erkennen jetzt, weshalb wir in manchen Kontexten und/oder auf bestimmte Erwartungen in mehr oder weniger passender Weise interagieren. Es ist der kritisch-konstruktive Umgang mit der eigenen Gewordenheit, der Sozialisation, der hier die Weichen in eine womöglich passendere Zukunft stellt. Wir verstehen vielleicht besser, wie wir eine tragfähigere Haltung zu unserer Profession entwickeln können.

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