64. Leitsatz für eine systemische Soziale Arbeit. Wirth/Kleve: Die postmoderne Ermöglichungsprofession

Postmoderne bedeutet nicht, dass alle Perspektiven gleich brauchbar sind, sondern die konstruktive Nutzung der Ambivalenz, die beim Gewahrwerden unterschiedlicher Perspektiven entsteht.

Der Diskurs der Postmoderne steht regelmäßig kurz vor seinem Ende. Sein Pluralismus und Relativismus böten offene Türen für verschiedene Kritiken. Wir wollen hier die Pro- und Contra-Argumente nicht aufwärmen, sondern erläutern, warum die postmoderne Theorie und Haltung nach wie vor sehr brauchbare Anregungen für die Soziale Arbeit bieten.

Insbesondere Jean-François Lyotard hat die These aufgestellt, dass in der heutigen Gesellschaft das Wissen sein festes Statut verliert und postmodern wird. Die drei „großen Erzählungen“ der Moderne, nämlich die Hermeneutik (das Sinnverstehen), die Dialektik (verstanden als zielgerichtete Entwicklung des menschlichen Geistes und der Gesellschaft) und die Emanzipation (die Befreiung des Menschen von natürlichen und sozialen Zwängen), haben sich als nicht realisierbar erwiesen: Hinsichtlich der Hermeneutik zeigt sich die Unabschließbarkeit und Kontingenz des Verstehen; bezüglich der Dialektik offenbart sich eher eine Ambivalenz der Geistes- und Gesellschaftsentwicklung, dass nämlich Fortschritte auch mit Rückschritten bzw. Lösungen mit neuen Problemen einhergehen; und die Idee der Emanzipation wird damit konfrontiert, dass der Gewinn von Unabhängigkeit neue Abhängigkeiten herausfordert.

Im Rahmen unseres systemischen Verständnisses wollen wir „Postmoderne“ als Prozess-Begriff mit Entwicklungsfähigkeit nutzen. Wir agieren postmodern, wenn wir uns von einer autoritären Wissenschaft abkehren und die Geltungsansprüche einer Rationalität im Singular bzw. der Vernunft oder des gesunden Menschenverstandes grundsätzlich infrage stellen. Die Abkehr von einer autoritären Wissenschaft bedeutet praktisch, wann immer möglich, Verfahren zu nutzen, die transparent, dialogisch, mehrperspektivisch, beteiligungs- und vernetzungsfördernd ablaufen. Das Infragestellen der einen Vernunft hat praktisch die Konsequenz, verschiedene Formen der Rationalität anzuerkennen und ergebnisoffen miteinander fruchtbar zu machen.

Die von uns bevorzugte postmoderne Ermöglichungsprofession versucht nicht, widerspruchsfreie Sozialtheorien aufzustellen bzw. mit eindeutigen Selbstbeschreibungen von Gesellschaft und Individuen zu arbeiten, sondern verweist auf einen wissenschaftspraktischen Rahmen für dialogische Arbeitshaltungen und beteiligungsfördernde Verfahren sowie wissenschaftliche Thesen unter Beachtung ihrer sozialen Bedingtheit und Konstruktion. Sie anerkennt die Vielfalt unterschiedlicher Lebensformen und Denkweisen nicht nur zum Schein, um sie etwa unter den Deckmänteln aufrichtiger Fürsorge oder realistischer Wissenschaft zu homogenisieren oder auf eine einheitliche Linie zu bringen. Die postmoderne Ermöglichungsprofession hat keine Universallösungen parat, denn ein solches Ideal wäre ja wieder Ausdruck und Vehikel für nicht postmoderne Zielsetzungen.

Unser Ansatz liegt demgegenüber im konstruktiven Umgang mit der hier angedeuteten Vielfalt in einer pluralistischen Gesellschaft, in der sich zahlreiche Formen der individuellen und sozialen Gestaltung von Lebenswelten und Lebensverläufen entwickeln und etablieren. Zudem geht es um die Anerkennung von Ambivalenz als unumgängliche Erscheinung in nahezu allen Bereichen des sozialen und individuellen Lebens sowie in den Theorien, Haltungen und Methoden der Sozialen Arbeit.

Alle Leitsätze dieses Buches sind durchzogen und eng verflochten mit der Bestimmung von Ambivalenz als Gleichzeitigkeit von Wirklichkeit und Möglichkeit im Medium von Sinn. Diese Ambivalenz kann nicht aufgelöst, sondern nur weiter verschoben werden. Denn wie jede Beobachtung einen blinden Fleck zur Voraussetzung hat, produziert jede Sinnverwendung Ambivalenzen, ohne die sie keine wäre. Ambivalenzen sollen demnach nicht allein als Problem, sondern vielmehr als Lösungen bewertet werden. Wenn Nutzer/innen keinen Zugang zur Ambivalenz ihres Handelns haben, verfügen sie mit Blick auf ihre Probleme nicht über die Möglichkeit der Unterscheidung von Wirklichkeit und Möglichkeit.

Für eine postmoderne Ermöglichungsprofession mit ihrer gesteigerten Kompetenz in der Bearbeitung von Ambivalenz bieten sich methodisch etwa Sinn-Aufstellungen an. Mit diesem Konzept versuchen wir, die sinnhaften Relationen zwischen Sozialsystemen und psychischen Systemen im Horizont ihrer Möglichkeiten zu betrachten. Wir behaupten, dass in Aufstellungen weder Sozialsysteme noch Strukturen, sondern Sinnsysteme in ihrer psychosozialen Bezogenheit und vorläufigen Verknüpfung aufgestellt werden. In der Neuverknüpfbarkeit, Flüchtigkeit und Entwicklungsfähigkeit dieser Sinn-Relationen liegen neue Chancen für postmodern vorgehende Veränderungsarbeit, etwa im Rahmen psychosozialer Beratung, beim Teamcoaching oder der Organisationsentwicklung.