Die Sozialpädagogisierung der Gesellschaft

Potentieller Klient der Sozialen Arbeit: „Ich habe doch kein Problem!“ Sozialarbeiterin: „Sehen Sie, genau das ist ihr Problem, dass sie dieses nicht sehen wollen!“

Wir leben in einer funktional differenzierten Gesellschaft. Das heißt, dass sich die Gesellschaft aus unterschiedlichen Funktionssystemen zusammensetzt, die ihre eigenen Blicke auf die Gesellschaft spezialisieren und ausdehnen.

  • Aus der Perspektive der Politik geht es um Macht, Machterhalt und Machtgewinn.
  • Die Wirtschaft dreht sich um Geld, um das Kaufen und Verkaufen.
  • Im Rechtsystem werden juristische Regeln etabliert und durchgesetzt.
  • Die Wissenschaft sucht nach Erkenntnissen, die bis auf weiteres als wahr gelten können.
  • Im Bildungssystem werden Biographien mit Abschlüssen, Zeugnissen und Zertifikaten versorgt.
  • Im Gesundheitssystem werden Krankheiten identifiziert und behandelt.
  • In der Sozialen Arbeit wird denen professionell geholfen, die sich selbst nicht, nicht mehr oder noch nicht wieder helfen können und auch von anderen keine passende Hilfe erfahren.

Die kleine Auswahl der benannten Funktionssysteme (es lassen sich weitere benennen, etwa Kunst, Sport, Militär oder Religion) kann verdeutlichen, dass unsere Gesellschaft eine Gesellschaft parallel laufender unterschiedlicher Perspektiven ist, die sich jeweils für wichtiger als die anderen Perspektiven halten. Jedes System überschätzt sich und unterschätzt die anderen, verabsolutiert zudem die eigene Perspektive, versucht mit dieser, die gesamte Gesellschaft in den Blick zu bringen.

Alles erscheint dann etwa als Geld, als Ökonomie, als Kapitalismus, wenn wir den Blick auf die Wirtschaft richten. Wenn wir von der Politik ausgehen, wird jeder soziale Sachverhalt zur Frage von Macht und damit einhergehenden Interessen. Aus der Perspektive des Rechts fällt nahezu überall Regelungsbedarf an. Das Bildungssystem bezieht uns inzwischen lebenslang ein. Das Gesundheitssystem scannt die Menschen permanent auf mögliche Krankheiten ab. Und auch die Soziale Arbeit umfasst inzwischen die gesamte Gesellschaft, sozialpädagogisiert das, was zu sozialpädagogisieren geeignet ist.

Glücklicherweise ist es den Funktionssystemen nicht möglich, bis auf unsere psychischen Strukturen, bis auf unser Innerstes durchzudringen. Unsere Innenwelt ist zwar sozial eingefärbt und auf Soziales angewiesen. Aber sie bleibt frei, sich immer auch abzuwenden: von den Zumutungen der Wirklichkeiten gesellschaftlicher Systeme.

10 Gedanken zu “Die Sozialpädagogisierung der Gesellschaft

  1. „Glücklicherweise ist es den Funktionssystemen nicht möglich, bis auf unsere psychischen Strukturen, bis auf unser Innerstes durchzudringen. Unsere Innenwelt ist zwar sozial eingefärbt und auf Soziales angewiesen. Aber sie bleibt frei, sich immer auch abzuwenden: von den Zumutungen der Wirklichkeiten gesellschaftlicher Systeme.“
    Dem wird jeder Psychologe und jeder Psychiater widersprechen. Wohin soll sich unsere „freie“ Innenwelt abwenden? Wo findet sie ihre „Freiheit“? In der Liebe, im Glauben, in der Hoffnung?

  2. … in der Selbstbestimmung, das Soziale in eigener Weise aufzufassen, zu interpretieren und darauf zu reagieren. Psychologen und Psychiater haben ja genau damit ihr Hauptproblem zu meistern: zu intervenieren, ohne in der Lage zu sein, aus ihren sozialen Positionen heraus, das Psychische direkt erreichen zu können.

  3. @2: „in eigener Weise“???? Das ist pure Illusion – jedenfalls für alle Menschen, die nicht von Geburt an als Mönche oder Nonnen gelebt haben.

  4. Diese vermeintliche Illusion führt offenbar dazu, dass Sie in eigener, von mir nicht determinierbarer Weise im Blog kommentieren. Selbstverständlich bedienen Sie sich dazu sozial akzeptierter Formen des Schreibens, der deutschen Sprache und ihrer Regeln. Aber die Kombinationen und Rekombinationen, die Sie vollführen, die ihre Argumente formen, bestimmen Sie selbst. Ich wiederum versuche dann zu verstehen, wie Sie verstehen – wiederum eigenständig vor dem Hintergrund der Vielfalt psychischer und sozialer Möglichkeiten.

  5. @4: Dieser Illusion unterliege ich nicht. Die Funktionssysteme prägen derart meine psychischen Strukturen, dass sie spürbar bis auf mein Innerstes durchdringen. Das zeigt u.a. meine Teilnahme an diesem Blog, dem ich mich nicht so einfach entziehen kann und der es mir nicht freistellt, mich immer auch abzuwenden, sobald ich mich auf ihn eingelassen habe (nur ein winziges Beispiel für die Durchdringung der Psyche durch die Totalität der Gesellschaft). Wenn meine psychischen Strukturen frei von allen Funktionssystemen wären, könnte ich gar nicht „funktionieren“ und vernünftige Beiträge zu diesem Blog, zu meiner Arbeit und zu meiner Familie leisten.

  6. @5 Da wären wir dann wieder beim klassischen Matroschka-Konzept der ineinander verschachtelten Systeme: die Totalität der Gesellschaft umfasst eben alles Biologische und Psychische, eben den gesamten Menschen. Wo ist der Differenzierungsgewinn hin, den uns die Luhmannsche Theorie gebracht hat, die deutlich macht, dass wir beides denken können: zum einen die operationale Abgeschlossenheit selbstreferentieller Systeme (Autopoiesis) und zum anderen ihre strukturellen Koppelungen, ihr gegenseitiges Bereitstellen von Umweltkomplexität?

  7. @6: Ganz so trivial ist die m. E. weitgehende These von der Totalität der Gesellschaft nicht. Daran haben sich Hegel, Adorno und Foucault abgearbeitet. Die Totalität der Gesellschaft beschreiben sie als den „alles durchdringenden Äther“, den „totalen Verblendungszusammenhang“ usw. Selbst der weniger pessimistische Habermas spricht von der „Kolonialisierung der Lebenswelt“.

  8. @7 Letztlich sollten wir uns m. E. vor Augen halten, dass alle wissenschaftlichen Theorien Modelle sind und nicht mit der (unerreichbaren) Realität verwechselt werden sollten – oder mit Watzlawick: Speisekarten, die wir nicht mit den Speisen verwechseln sollten, diese nicht statt jener verspeisen, um uns nicht über den schlechten Geschmack beschweren zu müssen. Mit anderen Worten, sicherlich können Sie mit Hegel, Adorno, Foucault oder Habermas die Gesellschaft beschreiben, erklären und bewerten. Nur sehen Sie dann eben anderes als mit Luhmann. Meine Ausgangsperspektive ist zumeist die Luhmannsche Theorie, so dass ich von der operationalen Abgeschlossenheit der drei Systemklassen des Biologischen, Psychischen und Sozialen ausgehe und damit jedwede gegenseitige operationale Durchdringung der Systeme ausschließe. Ich sehe damit, was ich sehe – freilich sind auch andere Perspektive möglich, die anderes einblenden … Nur reden wir aneinander vorbei, wenn wir uns vor dem Hintergrund der Inkommensurabilität der genutzten Theorien kommunikativ aneinander abarbeiten.

  9. Eine Speisekarte ist geschriebene Sprache. Hier steht etwa Mousse au Chocolat. Nun gibt es aber eine Sprache jenseits der Schriftlichkeit, jenseits des „Bezeichnens“ von „Welt“ durch „Zeichen“, es ist die Mündlichkeit, der Laut, der Sound, stets zutiefst verkörpert. Das Mousse durchdringt hier die materielle Anhäufung, es ist in-worlded als Soundwelle [mus o ʃɔkɔ’la],
    als Schaum, der das Geschäumte durchdringt. Indem ich Mousse au Chocolat auf der Speisekarte lese, entsteht in meinem Inneren eine mousseartige Aufwallung, ich sehe vielleicht meine Mutter vor dem inneren Auge, die riesige Schüsseln davon im Kühlschrank aufbewahrte und es meine kindliche Freude war, den Finger in den Schokoladenberg zu stecken. Oder die flüssige Schokolade in das Obers zu rühren. Das Zeichen „Mousse“ hängt nicht als Namenstäfelchen auf dem „Mousse“, es bezeichnet nicht das „Mousse“, sondern ohne „Mousse“ kein „Mousse“ – ohne Mouse keine Mouse, ohne Muse keine Muse…Der Begriff als Sound kann nicht Bezeichnen. Vielmehr haben wir das Mousse schon als Mousse erkannt, wenn wir die Speisekarte lesen können. Und auch wenn wir einen braunen Schaumhaufen sehen und dazu „Mousse au Chocolat“ sagen, haben wir schon eine Unterscheidung vollzogen (und nicht nur eine). Das Lesen an sich ist eine ungeheuer komplexe Leistung. Wir erlernen sie um das 5./6. Lebensjahr, manche früher, andere später, manche nie. Doch wie nehmen wir die Speisekarte wahr, bevor wir sie „lesen“ können? Was ist ein Zeichen wie M – bevor wir es als „M“ lesen können?
    Luhmann in Ehren. Ich nage mich seit Wochen durch seine Bücher, es ist viel Wertvolles darin enthalten. Doch er überwindet das platonische Denken nicht, er setzt Zeichen zum Bezeichnen voraus. Vielleicht wäre es auch möglich diese „Speisekartenmetapher“ nicht immer und immer wieder unreflektiert wiederzukäuen, sondern darüber einmal eine Weile nachzudenken?

  10. @8: Das macht mir Spaß! Luhmanns Sozialtheorie und Systemtheorie halte ich für eine geniale, nützliche, kreative und künstlerische Theorie!!!! SUPER!!!! Aber es ist bloß eine THEORIE. Sie abstrahiert von der Realität. Sie liefert Aha-Erlebnisse – aber doch bloß aus der Distanz. Doch ich bezweifle die These von der „Inkommensurabilität der genutzten Theorien“. Mir schwebt eine kritische Systemtheorie vor.

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