Von der Sozialen Arbeit in die Ökonomik

Meine Berufung an die Universität Witten/Herdecke auf den WIFU-Stiftungslehrstuhl für Organisation und Entwicklung von Unternehmerfamilien

Zum Ende des vergangenen Jahres erhielt ich einen Ruf auf den WIFU-Stiftungslehrstuhl für Organisation und Entwicklung von Unternehmerfamilien am Wittener Institut für Familienunternehmen (WIFU) der privaten Universität Witten/Herdecke, den ich angenommen habe. Am 1. Juli 2017 werde ich in Witten beginnen.

Die Forschung und Lehre des WIFU wurde in den letzten Jahrzehnten maßgeblich geprägt von den Gründungsprofessoren des Instituts, von Fritz B. Simon und Rudolf Wimmer sowie – in der Nachfolge der beiden Kollegen – von Arist von Schlippe. Neben betriebswirtschaftlichen und juristischen Schwerpunkten des WIFU, die ebenfalls durch Lehrstühle und Professuren repräsentiert werden, erforscht das Institut Familienunternehmen und Unternehmerfamilien aus einer system- sowie ambivalenztheoretischen Perspektive. Als Sozialwissenschaftler, der genau diese theoretischen Schwerpunkte vertritt, ist es für mich eine besondere Ehre und große Herausforderung, am renommierten WIFU, das zur Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der privaten Universität Witten/Herdecke gehört, tätig zu werden (siehe hier zur Selbstdarstellung der Fakultät anlässlich ihres 25-jährigen Jubiläums: https://www.youtube.com/watch?v=6BCpG0H5L7A&t=5s).

Damit wechsele ich zwar den Arbeitskontext, wandere von der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Sozialen Arbeit in die Welt der Ökonomik, aber bleibe meiner theoretischen Perspektive treu. Denn genauso wie die Soziale Arbeit eine Praxis ist, die sich gewinnbringend ambivalenztheoretisch reflektieren lässt (siehe dazu grundsätzlich Kleve 2007), sind Unternehmerfamilien in ihrer besonderen Gestalt als Einheiten familiärer und unternehmerischer Kommunikationsformen ambivalente Sozialformen (siehe etwa Simon 2012; von Schlippe 2014). Die Besonderheit von Familienunternehmen und Unternehmerfamilien kommt darin zum Ausdruck, dass sich hier die „kleine“ Gesellschaft der familiären Privatheit, die über verwandtschaftliche Zugehörigkeit sowie starke Gefühle (Liebe) geprägt wird, mit der „großen“ Gesellschaft des Wirtschaftssystems verbindet, in dem die anonyme Logik des Geldes die sozialen Beziehungen strukturiert. Denn Unternehmerfamilien sind Familien, deren Mitglieder – häufig bereits über mehrere Generationen – Eigentümer/innen von Unternehmern sind oder als deren Gesellschafter/innen fungieren.

Weiterhin passt mein neues Arbeitsfeld am WIFU in mein seit einigen Jahren zunehmendes Interesse für eine Reflexion unserer Gesellschaft auf der Basis klassischer und neuerer Konzepte des Liberalismus, etwa der so genannten österreichischen Schule der Nationalökonomie in der Tradition von Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek. Familienunternehmen sind wohl am ehesten das, was Mises und Hayek und in der Fortsetzung ihrer Positionen der radikal-liberale Autor Roland Baader (etwa 2004; 2010; 2016) meinen, wenn sie von einem Kapitalismus sprechen, der nicht erst durch besondere Programme der Politik „sozial“ werden muss, sondern der per se eine soziale Dynamik aufweist, deren Wirken den Wohlstand aller Bürgerinnen und Bürger mehrt (siehe aktuell dazu etwa Habermann 2017). Dass unser heutiger Kapitalismus, die aktuelle Form der Marktwirtschaft diesen Ansprüchen nicht genügt, zahlreiche Fehlentwicklungen aufweist, soll nicht bestritten werden. Dennoch könnten gerade Familienunternehmen als positives Beispiel gelten; diesen ist eine besondere Verantwortung eigen: Sie sind nicht an der Erzielung kurzfristiger Profite, sondern an der Langfristigkeit ihrer Geschäfte und an der Nachhaltigkeit ihrer Erfolge interessiert, so dass diese auch noch den zukünftigen Generationen der Familie ein Auskommen bieten und die Wünsche ihrer Kunden befriedigen.

Zudem verknüpfe ich mich mit dem Lehrstuhl an der Universität Witten/Herdecke mit der Vergangenheit meiner eigenen Familie, sowohl mütterlicherseits als auch väterlicherseits. Ich bin zwischen den Jahren 1969 und 1986 in einer Unternehmerfamilie in Mecklenburg aufgewachsen, bei meinen Großeltern mütterlicherseits. Mein Großvater gründete in den 1920er Jahren zwei kleine Unternehmen, die sowohl die Nazi- als auch die DDR-Zeit als private Betriebe überstanden, aber einige Jahre nach der Wiedervereinigung in den Händen der dritten Generation der zunehmenden Konkurrenz erlagen. So erlebte ich, was es heißt, wenn sich in einer Unternehmerfamilie Familiäres/Privates und Betriebliches/Geschäftliches permanent vermischen, wenn sich die Liebe für die Familie nicht trennen lässt von der Leidenschaft für das Unternehmen.

Ich bin zwar in der DDR unter der Prämisse meiner Großeltern aufgewachsen, dass Privateigentum für die Ökonomie besser ist als Staatseigentum, verstand mich nach der Wiedervereinigung jedoch als eher kapitalismuskritisch. Mit der bevorstehenden Arbeit auf dem Wittener Lehrstuhl sehe ich für mich die Chance, mein Verhältnis zum Kapitalismus und zum marktwirtschaftlichen Unternehmertum einerseits und mein an sozialem Ausgleich und einer menschengemäßen Gesellschaft orientierten Haltung andererseits in eine passende Balance zu bringen.

Dieses Thema führt schließlich zu meinem Großvater väterlicherseits, zu Prof. Dr. Fritz Behrens (https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Behrens), der nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst an der Universität Leipzig politische Ökonomie lehrte, dann (nach Revisionismus-Vorwürfen durch die SED) an der Akademie der Wissenschaften der DDR forschte. Er war großer Kritiker der staatlichen Planwirtschaft und trat für die Initiierung von betrieblichen und gesamtgesellschaftlichen Selbstverwaltungsprozessen ein, entwickelte etwa eine Theorie “vom Absterben der wirtschaftsorganisatorischen Funktion des Staates” im Sozialismus (siehe resümierend in einem posthum veröffentlichten Werk: Behrens 1992).

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Das, was ich hier im Blog auch zukünftig zu schreiben plane, passt weiterhin sehr gut zum Titel „Reduzierte Komplexe“. Denn ich sehe meine Berufung an die Universität Witten Herdecke auch als eine Aufwertung der Sozialen Arbeit als praktische Sozialwissenschaft. Denn worauf ich abschließend hinweisen möchte, ist, dass das Wittener Forschungsprogramm zur Systemtheorie von Familienunternehmen/Unternehmerfamilien durch einen Psychiater (Fritz B. Simon) und einen Politikwissenschaftler (Rudolf Wimmer) begründet wurde, dann von einem Psychologen (Arist von Schlippe) fortgeführt und nun auch von einem praktischen Sozialwissenschaftler, der maßgeblich neben seiner soziologischen Kompetenz eben auch Sozialarbeiter ist, weiter entwickelt wird.

Literatur

Baader, R. (2004): Geld, Gold und Gottspieler. Am Vorabend der nächsten Weltwirtschaftskrise. Gräfelfing: Resch.

Baader, R. (2010): Geldsozialismus. Die wirklichen Ursachen der neuen globalen Depression. Gräfelfing: Resch.

Baader, R. (2016): Das Ende des Papiergeldzeitalters. Ein Brevier der Freiheit. Herausgegeben von Rahim Taghizadegan. Bern: Müller.

Behrens, F. (1992): Abschied von der sozialen Utopie. Berlin: Akademie.

Habermann, G. (2017): Über die soziale Wärme des Kapitalismus. Berlin.

Kleve, H. (2007): Postmoderne Sozialarbeit. Ein systemtheoretisch-konstruktivistischer Beitrag zur Sozialarbeitswissenschaften. Wiesbaden: VS.

Schlippe, A. v. (2014): Das kommt in den besten Familien vor. Systemische Konfliktbearbeitung in Familien und Familienunternehmen. Stuttgart: Concadora.

Simon, F. B. (2012): Einführung in die Theorie des Familienunternehmens. Heidelberg: Carl-Auer.

 

8 Gedanken zu “Von der Sozialen Arbeit in die Ökonomik

  1. Gratuliere zu Ihrer Berufung! Das wird sicherlich spannend.
    Und danke für Ihre Offenheit. So viel erfahre ich selten in den Carl-Auer-Blogs.

  2. Das Thema der Organisation und Entwicklung von Unternehmerfamilien unter dem Aspekt einer spezifischen Werte-Orientierung (Vertrauen und Loyalität) in inhabergeführten Unternehmen und in Familienunternehmen halte ich aus zwei Aspekten für hochaktuell: Erstens komme ich aus einer Familie väterlicherseits, die ein kleines Familienunternehmen besitzt, und habe, nachdem mein Bruder dieses Unternehmen übernahm in mehreren Familienunternehmen gearbeitet, bis ich jetzt in einem weltweit operierenden Aktienunternehmen gelandet bin; daher kenne ich die Unterschiede der Unternehmensführung aus eigener Erfahrung. Zweitens geht der Trend im Zuge der Globalisierung der Ökonomie in Richtung Aktienunternehmen, wobei ich nicht bloß die juristischen und marketingstrategischen Aspekte, sondern vor allem die Wege der Entscheidungsfindung und der Unternehmensausrichtung meine; aktuelles Beispiel ist für mich das Familienunternehmen Wild in Eppelheim bei Heidelberg, das kürzlich an einen US-Investor verkauft wurde.
    Punkt eins betrifft mein Empfinden als Arbeitnehmer: In Familienunternehmen besteht eine manchmal zu enge Bindung an das Schicksal und an die Willkür einzelner Personen. Das betrifft vor allem die Bevorzugung von Familienangehörigen, die nicht unbedingt immer die besseren Manager sind, aber nicht so einfach in die Wüste geschickt werden können wie in einem Aktienunternehmen.
    Bei Punkt zwei handelt es sich um die Orientierung am Kapitalmarkt, die teilweise – nein: oftmals – „menschenunwürdige“ Arbeitsbedingungen und unethische bzw. unmoralische Unternehmensstrategien zur Folge hat, jedoch auch einen wirtschaftlich sichereren Rahmen für alle Mitarbeiter bietet.
    Ich sehe die wesentlichen Unterschiede aus Arbeitnehmerperspektive so:
    Familienunternehmen sind humaner, aber wirtschaftlich instabiler.
    Aktienunternehmen sind inhumaner, aber wirtschaftlich stabiler.

  3. Familienunternehmen sind strategisch oftmals langsamer, träger und konservativer als Aktienunternehmen, die anpassungsfähiger und innovationsfreudiger als Familienunternehmen sind.
    Und es gibt auch Aktienunternehmen mit einem starken, oft familiendominierten Hauptaktionär. Diese Unternehmen fallen durch Finanzierungsvorteile auf: durch überdurchschnittliche Eigenfinanzierung und unterdurchschnittliche Schulden im Verhältnis zum Mittelzufluss (Cash-flow).
    Doch das wissen Sie alles viel besser als ich.

  4. Zwischenfazit: Meiner Meinung nach wäre die Welt, in der wir leben, eine (moralisch) bessere und (finanziell) gesündere, wenn es mehr Familienunternehmen und wenn es mehr staatliche=gesamtgesellschaftliche Kontrolle und mehr staatliche=gesamtgesellschaftliche Mitbestimmung in Aktienunternehmen gebe. Doch ist das eine realistische Perspektive? Auch Sie tendieren ja zum Wirtschaftsliberalismus…

  5. Ich würde nicht sagen, dass ich zum Wirtschaftsliberalismus tendiere. Denn genauso könnten Sie sagen, dass ich den Wissenschafts-, Kunst-, Politik-, Pädagogik-, Rechts- oder Familienliberalismus teile. Mit der Systemtheorie gehe von der funktionalen Differenzierung der gesellschaftlichen Funktionssysteme aus, die jeweils eigenständig operieren und zugleich aufeinander angewiesen sind, sich als relevante Umwelten voraussetzen, die also autopoietisch (autonom) und strukturell gekoppelt (heteronom) gesellschaftlich eingebettet sind. Daher würde ich eher von einem komplexen Liberalismus sprechen, wie ihn Armin Nassehi beschreibt (siehe etwa hier: http://www.murmann-verlag.de/die-letzte-stunde-der-wahrheit.html) oder klassisch: von einer ordoliberalen Position im Sinne Wilhelm Röpkes (siehe etwa hier: http://www.roepke-institut.org/index.php?id=1394). Diese Position ist wiederum sehr verwandt mit dem, was in der Systemtheorie als Kontextsteuerung bezeichnet wird. Demnach lassen sich die gesellschaftlichen Subsysteme durch die Gestaltung ihrer ökologischen Rahmenbedingungen zu Selbstanpassungen anregen. So kann die Politik und das Recht Spielregeln, also sozio-moralische Ordnungsprinzipien für die Wirtschaft setzen, die die wirtschaftliche Autopoiesis politisch und rechtlich rahmen. Ein grundlegendes Prinzip ist etwa die Risikoverantwortung, dass also diejenigen, die wirtschaftlich riskant handeln, eben auch die Verantwortung dafür zu tragen haben, also etwa die daraus resultierenden Gewinne beanspruchen können, aber eben auch mögliche Verluste und unternehmerisches Scheitern zu schultern haben. Ich sehe diese unternehmerische Verantwortung besonders in Familienunternehmen als stark sozio-moralisch verankert.
    Zum Thema Wirtschafts-/Neoliberalismus finde ich einen aktuellen Beitrag von Karen Horn sehr aufschlussreich: „Ist der Neoliberalismus schuld an ‚The Donald‘ und Konsorten?“: http://www.insm-oekonomenblog.de/15417-ist-der-neoliberalismus-schuld-an-the-donald-und-konsorten.

  6. @ 5: Gut, wenn Sie die systemtheoretische Ökonomik und den komplexen Liberalismus als ganzheitlichen Theorieansatz unserer sozialen Marktwirtschaft definieren, der die „Interdependenz der Ordnungen“ (Walter Eucken) berücksichtigt, dann bin ich auf Ihrer Seite. Doch praktisch betrachtet vertreten nur wenige politische Parteien diesen Ansatz – wohl nicht mal die FDP, wenn ich nicht irre – und Wirtschaftsunternehmen schon mal gar nicht. Eine CDU/CSU+Bündnis90/Grüne+FDP-Koalition im künftigen deutschen Bundestag müsste mich eines Besseren belehren. Das wäre möglicherweise angenehmer als eine SPD+Bündnis90/Grüne+DieLinke-Koalition. Aber am wahrscheinlichsten wird es die dritte CDU/CSU+SPD-Koalition in Folge (und auf Dauer) geben.

  7. @0: „Denn genauso wie die Soziale Arbeit eine Praxis ist, die sich gewinnbringend ambivalenztheoretisch reflektieren lässt (siehe dazu grundsätzlich Kleve 2007), sind Unternehmerfamilien in ihrer besonderen Gestalt als Einheiten familiärer und unternehmerischer Kommunikationsformen ambivalente Sozialformen (siehe etwa Simon 2012; von Schlippe 2014).“

    Da kommt die Frage auf: Welche soziale Phänomen lassen sich eigentlich nicht ambivalenztheoeretisch reflektieren?

  8. @7 Manche Sozialformen, sozialen Phänomene konfrontieren uns eher mit Ambivalenzen als andere, etwa Unternehmerfamilien/Familienunternehmen oder Soziale Arbeit. Personen im Kontext dieser Systeme fällt es schwerer, Ambivalenzen auszublenden. Sie sind aufgrund der sozial-strukturell verankerten Ambivalenzen dieser sozialen Kontexte, aufgrund der zeitlich parallel laufenden Gleichzeitigkeit des Unterschiedlichen/Gegensätzlichen nicht nur in der Beobachtung, sondern auch hinsichtlich ihrer sozialen Inklusion mit Ambivalenzen konfrontiert. Systemtheoretisch ließe sich dies wohl auch als „Polykontexturalität“ beschreiben.

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