PEER COUNSELING

Kompetenz der Vielen -
viel Kompetenz

Peer Counseling – eine neue Beratungsmethode? Nicht ganz. Peer Counseling organisiert Beratung unter Gleichen:

  • In der Multifamilientherapie nutzt man den Umstand, dass die Beratung Suchenden hoch sensibel sind für andere Familien, die mit ähnlichen Problemen konfrontiert sind. Unter Anleitung können sie vom Experten für ihr Problem selbst zum Berater für andere werden.
  • Der Familienrat greift als Methode gemeinschaftliche Lösungsstrategien der neuseeländischen Maori auf. Soziale Arbeit bedeutet dann, dass professionelle Helfer und die Familie gemeinsam ein Netzwerk aus Unterstützern knüpfen – Verwandten, Freunden und anderen Menschen aus dem Umfeld, die den Klienten mit Rat und Tat zur Seite stehen.
  • Auch Professionals selbst hilft Peer Counseling, Ressourcen zu erschließen und Lösungen zu formulieren. Bei der kollegialen Beratung unterstützen sie sich in konkreten Fragen der Profession und der Praxis gegenseitig und stellen ihr Know-how jeweils passgenau einander zur Verfügung.

In diesem Sinn ist Peer Counseling also ein Ansatz, der mit bewährten Methoden neue Wege beschreitet. 


  

Gespräch mit Michael Scholz, gemeinsam mit Eia Asen Herausgeber „Handbuch der Multifamilientherapie

Worin besteht die besondere Wirksamkeit der simultanen Arbeit mit Familien in der Therapie?

Michael Scholz: Chronische psychische Störungen und Erkrankungen führen sehr häufig zu einer Isolation der betroffenen Familien, weil diese sich dafür schämen. In der Multifamilientherapie (MFT) werden sechs bis acht Familien mit den gleichen Schwierigkeiten, in einer Gruppe behandelt. Dadurch wird ihr sozialer Rückzug aufgelöst. Bei guter Gruppenkohäsion können sie sich leichter öffnen und den anderen anvertrauen. Sie erleben, dass sie nicht die einzigen mit diesem Problem sind. MFT, wie wir sie verstehen und praktizieren, vermeidet weitestgehend Beratung und reduziert Psychoedukation deutlich. Sie hilft den Eltern eigene, quasi maßgeschneiderte Strategien für ihren spezifischen Umgang mit ihrem Kind zu entwickeln. Es fördert ihr Engagement, ihre Beschäftigung mit den Kindern und auch den Mut, andere Alternativen im Umgang mit ihrem Kind zu probieren.

Sie konnten für Ihr aktuelles Buch namhafte Vertreter der MFT gewinnen. Spiegelt das „Handbuch der Multifamilientherapie“ den State of the Art hinsichtlich der theoretischen und methodischen Praxis von MFT?

Michael Scholz: Das Handbuch ist schon ein State of the Art in Hinblick auf die Theorie und neue praktische MFT-Felder. Es baut auf „Praxis der Multifamilientherapie“ auf. Gleichzeitig stellt es den Stand der internationalen und nationalen Forschung dar, auch mit dem Ziel, die vielen Ansätze in Deutschland zu bündeln, zu koordinieren und auf ein internationales Niveau zu bringen.

Sie schreiben, dass man vielfach einem überholten Rollenverständnis auf Seiten der Helfer begegnet. Worin liegt die besondere Chance der Verbindung von MFT mit einer systemischen Haltung bei Betreuern und Therapeuten?

Michael Scholz: Mit dem tradierten Rollenverständnis ist gemeint, dass wir abkommen von der tradierten, professionellen Beratungshaltung und den Eltern zwar als Profis, aber eher auf Augenhöhe dabei helfen, selbstständig eigene Lösungen mit Unterstützung der anderen Familien zu finden, im Schonraum der Gruppe zu üben und zu optimieren. Dieser Paradigmenwechsel ist ein wichtiger Wirkfaktor dafür, wie wir MFT verstehen, praktizieren und vermitteln. Die systemische Haltung namhafter Therapeuten hat mit Sicherheit zu ihrer Verbreitung beigetragen. Dazu zählen auch die in der DGSF entwickelten Weiterbildungsrichtlinien, die zu einer von der DGSF zertifizierten Multifamilientherapie-Weiterbildung führen werden. Zur Verbreitung in Deutschland haben mit Sicherheit auch die jährlichen MFT Tagungen beigetragen.

Ihr neues Buch ist im Wortsinn ein Schwergewicht: Es ist sehr umfangreich und randvoll mit methodisch-konzeptionellen Betrachtungen, Modellen aus unterschiedlichsten Praxisbezügen, Fallvignetten u.v.m. Welches Signal setzen Sie mit einem so umfassenden Werk innerhalb der MFT-Szene?

Michael Scholz: Ich glaube, das Handbuch ist ein wichtiger Meilenstein. Es ist aber noch längst nicht das Ende der Fahnenstange. So werden künftig auch verschiedene MFT Projekte für Flüchtlingsfamilien entstehen, die die kulturellen Besonderheiten berücksichtigen und die sprachlichen Barrieren auf verschiedensten Wegen überwinden werden. Auch in der theoretischen Differenzierung wird mit Sicherheit noch einiges zu erwarten sein.

Wo sehen Sie die MFT in fünf Jahren? Wohin wird sie sich entwickeln? Welche neuen Anwendungsfelder zeichnen sich ab?

Michael Scholz: Die MFT hat sich in Deutschland vor allem mit Blick auf Kinder und Jugendliche entwickelt, nicht jedoch – wie seit langem international – im Erwachsenenbereich. Das wird sich ändern. Es wird sich eine intensive Zusammenarbeit der verschiedensten Institutionen entwickeln, damit notwendige langfristige kontinuierliche Betreuung bedürftiger Familien angeboten werden kann. Auch müssen in der Forschung international anerkannte Ergebnisse vorgelegt werden, damit die MFT ein wissenschaftlich anerkanntes Psychotherapieverfahren werden kann, um spätestens dann von den Kostenträgern angemessen finanziert zu werden.

Handbuch der Multifamilientherapie

Eia Asen, Michael Scholz
Handbuch der Multifamilientherapie
443 Seiten, Gb, 2017
84,-€
ISBN 978-3-8497-0192-5


Praxis der Multifamilientherapie

Eia Asen, Michael Scholz
Praxis der Multifamilientherapie
240 Seiten, Kt, 3. Aufl. 2015. 24,95 €
ISBN 978-3-89670-822-9

Wer in einer Konfliktsituation steckt, hat für das eigene Problem meist eine eingeengte Sichtweise – aber viel Verständnis, Einfühlungsvermögen und Lösungsideen für ähnliche Probleme bei anderen. Diesen Umstand macht sich die Multifamilientherapie zunutze: Man setzt auf die Familien als Experten für die Probleme der jeweils anderen Teilnehmer. So entsteht ein soziales Netzwerk, das den Familien Halt, Zuversicht und Lösungskompetenz für ihre Probleme vermittelt. Dieses detaillierte Handbuch beschreibt die psychotherapeutischen Prinzipien, Techniken und Anwendungsgebiete der Multifamilientherapie, die zunehmend auch in Deutschland nachgefragt und eingesetzt wird. Anhand von typischen Beispielen aus ihrer Beratungspraxis stellen die Autoren 74 störungsspezifische, Gruppen- und Familien-Übungen mit ganz konkreten Anleitungen vor. Wer professionell in der Beratung von Familien, in Jugendhilfe, Schule oder medizinisch-psychologischen Diensten tätig ist, findet hier eine überzeugende Therapieform, die rasch und wirkungsvoll zu guten Lösungen führen kann.

Stimmen zum Buch

„Eine exzellente Basis für Trainings in der Multifamilientherapie: theoriebasiert, handfest, sehr konkret, ideenreich und spielerisch.“ - Prof. Dr. Jochen Schweitzer

„Ein Grundlagenbuch, das zu den Standards in Jugendhilfe, Schule und medizinisch-psychologischen Diensten gehört.“  - Marie-Luise Conen

Frank Früchtel, Erzsébet Roth
Familienrat und inklusive, versammelnde Methoden des Helfens
255 Seiten, Kt, 2017
29,95 €
ISBN 978-3-8497-0185-7

„Zusammen ist man weniger allein“, heißt es so schön. Wo Menschen sich mit sozialen Problemen konfrontiert sehen, gilt dieser Satz umso mehr.

„Familienrat“ nennt sich ein innovativer Ansatz für die Soziale Arbeit mit Familien, der die Stärken von größeren Familiengruppen bündelt und sie mit der Fachkompetenz von professionellen Helfern zusammenführt. Sein Ursprung liegt in den Praktiken der neuseeländischen Maori. Hier werden Probleme als Anlass verstanden, Gemeinschaft herzustellen. Ihre Ursachen werden nicht individuellen Symptomträgern zugeschrieben und Lösungen nicht von Hilfeexperten erwartet, sondern von Verwandtschaft, Netzwerken und anderen Menschen aus dem Umfeld.

Für die Soziale Arbeit ist das sehr bereichernd: Kinderschutz z. B. braucht ein aufmerksames, wohlwollendes Umfeld; Integration oder Resozialisierung brauchen Unterstützer aus dem Netzwerk. Problemlösungen, die auf diese Weise gemeinsam entwickelt werden, bringen fast automatisch auch Inklusionseffekte mit sich.

Das Buch stellt praxisnah die methodischen Elemente des Familienrats vor und geht auf die Herausforderungen der „versammelnden“ Arbeit ein. Die Kombination von journalistisch präsentierten Beispielen und deren fachlicher Analyse aus wissenschaftlicher Perspektive machen den besonderen Charme dieses Buches aus.

Justine van Lawick, Margreet Visser
Kinder aus der Klemme
Aus d. en v. Hildegard Höhr
195 Seiten, Kt, 2017

34,95 €
ISBN 978-3-8497-0170-3

Nach einer Trennung leiden Kinder besonders, wenn es Eltern nicht gelingt, einen konstruktiven Weg einzuschlagen. Trauer, Verletzungen und Enttäuschungen sind der Nährboden für nicht enden wollende Konflikte, in denen die Kinder zwischen die Fronten, in einen Loyalitätskonflikt und überhaupt aus dem Blick geraten. Sie stecken in der Klemme.

Justine van Lawick und Margreet Visser haben mit ihrem Programm „Kinder aus der Klemme“ einen neuen Weg für diese Familien gefunden. Sie arbeiten im Multifamiliensetting mit zwei parallelen Gruppen: einer Elterngruppe und einer Kindergruppe. Statt auf die Fehler und Verletzungen des anderen Elternteils wird der Blick wieder auf die Kinder gerichtet. Und statt wie gewohnt zu zweit in alte Muster zu verfallen, werden die Eltern angeregt, neue Sichtweisen zu entwickeln – nicht zuletzt durch Rückmeldungen der anderen Eltern.

Auch die Kinder machen neue Erfahrungen: Sie sind nicht allein, anderen Kindern geht es ähnlich. Im geschützten Rahmen können sie ihren Gedanken und Gefühlen Ausdruck verleihen.

Das Programm „Kinder aus der Klemme“ ist sowohl für Jugendhilfe und Erziehungsberatung wie auch für den klinischen Kontext der Kinder- und Jugendpsychiatrie geeignet.


Bernd Schmid, Thorsten Veith, Ingeborg Weidner
Einführung in die kollegiale Beratung
126 Seiten, 11 Farbabb., Kt, 2. Aufl. 2013
14,95 €
ISBN 978-3-89670-731-4

Organisationen verstehen sich heute zunehmend als Kompetenznetzwerke aus Erfahrungen und Wissen von Teams und Einzelnen. Der größte Teil dieser professionellen Kompetenz entsteht beim Arbeiten und in der Beziehung zu anderen.

Das Konzept der kollegialen Beratung erhebt diesen Umstand zur Methode: Kollegiale Beratung wird hier als Verfahren verstanden, bei dem sich Kollegen in konkreten Fragen der Profession und der Praxis gegenseitig unterstützen und ihr Know-how jeweils passgenau zur Verfügung stellen. Systematisch aufgebaut und genutzt, steigert kollegiale Beratung die Zufriedenheit der Mitarbeiter und verbessert die Effizienz des Unternehmens.

Das Buch führt auf kompakte Weise in die kollegiale Beratung ein. Von den Grundlagen der Methode über den Aufbau einer kollegialen Lernkultur bis zum nachhaltigen Verankern in Organisationen beschreiben die Autoren alle Prozessschritte und Komponenten. Zahlreiche Fallbeispiele, leicht umsetzbare Beratungsübungen, Methodenvorschläge und Checklisten garantieren den direkten Transfer in die Praxis.