Humberto R. 
 Maturana 

 Neurobiologe und Philosoph 

„Humberto Maturana ist ein behutsam auftretender Revolutionär, ein Neurosoph, der durch seine besondere Mischung aus Neurobiologie und Philosophie die Grenzen der Normalwissenschaft sprengt. Seine Ideen haben die systemische Welt zwischen Santiago de Chile und Bielefeld elektrisiert und inspiriert. Ich würde sagen: Humberto Maturana hat die Idee der Autonomie in das Zentrum der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Debatte eingeschleust – und stets eines klar gemacht: Wir bringen die Welt hervor, die wir leben. Und was immer wir wünschen, sollten wir tun. Für mich ist es, gerade in Zeiten der lauter werdenden Hassgesänge und der spürbaren Erosion des demokratischen Bewusstseins, diese Einsicht, die eine besondere Aktualität besitzt.“

Bernhard Pörksen

Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen, gemeinsam mit Humberto Maturana Autor des Buches Vom Sein zum Tun. Im Carl Auer-Verlag gibt er die Reihe Systemische Horizonte heraus.

Humberto Maturana, Bernhard Pörksen
Vom Sein zum Tun
Die Ursprünge der Biologie des Erkennens
223 Seiten, 15 Farbabb., Kt, 4. Aufl. 2018
19,95 €
ISBN 978-3-89670-669-0

Humberto Maturana, Bernhard Pörksen
From Being to Doing (eBook)
The Origins of the Biology of Cognition
ca. 223 Seiten, 15 Farbabb.
18,99 €
ISBN 978-3-8497-8112-5

Humberto Maturana live auf dem science l fiction Kongress in Heidelberg
Heinz von Foerster über seine erste Begegnung mit Humberto Maturana

Ich bin natürlich zu allen Konferenzen gefahren, wo es um Informationsverarbeitung und das Nervensystem und so weiter ging. Ralph Gerard, ein ehemaliger Teilnehmer der Macy-Konferenzen, hat im Jahre 1962 eine große Konferenz mit dem Titel Information Processing in the Nervous System in Leiden veranstaltet, und ich bin dorthin geflogen.

Die Konferenz war eigentlich für Montag und Dienstag angesetzt, aber zu meiner Freude hat Ralph Gerard uns schon für Freitag eingeladen. Ich fand das eine geniale Idee, denn Menschen, die aus Amerika kommen, haben einen jet lag. Dann ist dort Scheveningen; diese herrlichen Strände sind gleich um die Ecke. Also ich war begeistert. Ich kam also am Freitag abend an und habe einen Zettel in meinem Zimmer gefunden. Da schreibt Ralph Gerard: „Morgen findet eine kleine Begrüßungsfeier statt. Kommen Sie um neun Uhr zur Universität.“ So war ich um neun Uhr dort. Ralph Gerard steht da und sagt: „Meine Damen und Herren, ich freue mich, dass Sie alle da sind. Ich habe geplant, heute und morgen, Samstag und Sonntag, eine Generalprobe für unsere Konferenz am Montag und Dienstag zu machen. So würde ich jeden von Ihnen bitten, Ihren Vortrag heute oder morgen zu halten, dann die Kritik von den verschiedenen Mitgliedern entgegenzunehmen und dann die korrigierte Version am Montag und am Dienstag vorzutragen.“ Ich habe geglaubt, ich werde verrückt. Eine Konferenz ist ja dazu da, dass man auf dieser Konferenz spricht und nicht vorher eine Generalprobe hat. Also ich sage mir: „Ich denke überhaupt nicht daran, da mitzumachen“, schleiche also vorsichtig aus dem Zimmer hinaus, das viele Türen auf einen langen Korridor hatte. Also ich schleiche da heraus, mache die Türe vorsichtig hinter mir zu und schaue den Korridor entlang. Am anderen Ende schleicht auch jemand ganz vorsichtig aus diesem Zimmer heraus und macht die Türe zu.

Also ich sage: „Sagen Sie, haben Sie die Absicht, diese Vorkonferenz mitzumachen?“ Der sagt: „Nein. Nicht im Mindesten. Das ist mir viel zu langweilig.“ Ich habe gesagt: „Wollen Sie vielleicht mit mir nach Amsterdam fahren? Da können wir ins Museum gehen und sehr gut essen. Würden Sie das tun?“ – „Ja, ich wäre entzückt“, sagt er. Ich sage: „Mein Name ist Heinz von Foerster“, und er sagt: „Mein Name ist Humberto Maturana.“ Auf diese Weise haben wir uns kennen gelernt.

Maturana hatte damals schon zusammen mit McCulloch, Pitts und Lettvin ein ganz berühmtes Papier veröffentlicht: What the Frog’s Eye Tells the Frog’s Brain. Es handelt sich um Folgendes. Man glaubte in der Neurophysiologie immer, dass das Bildchen, das von der Linse auf die Retina geworfen wird, dann durch die Nerven in den visuellen Kortex geleitet wird und man dann dort „sieht“.

Maturana und Lettvin haben herausgefunden, dass davon überhaupt keine Rede ist. Was der Kortex bekommt, ist ein unglaublich vorerrechnetes Konstrukt, das mit dem Originalbild überhaupt nichts mehr zu tun hat. Das ist eine erstaunliche Erkenntnis: Die Information über ganz fundamentale Eigenschaften, wie zum Beispiel, ob ein Körper rund oder eckig ist, kommt schon vom Auge in den Kortex und wird nicht erst dort errechnet. Du bekommst also schon ein analysiertes Bild in den Kortex, bevor du überhaupt darüber reflektierst, was das alles ist. Das wird von den neural nets, den Nervennetzen, analysiert, mit denen wir uns am Biological Computer Lab von Anfang an sehr beschäftigt haben.

Also Maturana und ich waren die schwarzen Schafe. Als wir am Montag oder Dienstag wieder in Leiden waren, haben die Leute überhaupt nicht mehr mit uns gesprochen. Entweder war das aus Neid, weil wir eine gute Zeit in Amsterdam gehabt hatten, oder sie waren wirklich böse, weil wir dieses Spiel nicht mitgespielt haben. Ich habe Maturana gleich eingeladen, zu uns ans Biological Computer Lab zu kommen, und das hat er natürlich mit Entzücken angenommen. Das war schon ein guter Start.

Es sind diese persönlichen Beziehungen, die die Basis der Gruppe am Biological Computer Lab gebildet haben. Alle waren befreundet; alle waren wahrscheinlich mehr oder weniger schlimme Kinder.

Auszug aus dem Buch von Heinz von Foerster und Monika Bröcker
Teil der Welt
Fraktale einer Ethik – oder:
Heinz von Foersters Tanz mit der Welt
368 Seiten, 36 Farbabb., Kt, 3. Aufl. 2014
29,95 €
ISBN 978-3-89670-557-0

Heinz von Foerster, Bernhard Pörksen
Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners
Gespräche für Skeptiker
167 Seiten, 5 Fotos, Kt, 11. Aufl. 2015
21,95 €
ISBN 978-3-89670-646-1

Heinz von Foerster, Monika Bröcker
Teil der Welt
Fraktale einer Ethik – oder:
Heinz von Foersters Tanz mit der Welt
368 Seiten, 36 Farbabb., Kt, 3. Aufl. 2014
29,95 €
ISBN 978-3-89670-557-0

Bernhard Pörksen
Die Gewissheit der Ungewissheit
Gespräche zum Konstruktivismus
237 Seiten, Kt, 3. Aufl. 2015
19,95 €
ISBN 978-3-89670-670-6

George Lakoff, Elisabeth Wehling
Auf leisen Sohlen ins Gehirn
Politische Sprache und ihre heimliche Macht
191 Seiten, Kt, 5. Aufl. 2018
19,95 €
ISBN 978-3-8497-0141-3

Jürgen Ruesch, Gregory Bateson
Kommunikation
Die soziale Matrix der Psychiatrie
348 Seiten, Kt, 2. Aufl. 2012
39,- €
ISBN 978-3-89670-836-6

Niklas Luhmann
Einführung in die Systemtheorie

334 Seiten, 9 Farbabb., Kt, 7. Aufl. 2017
29,95 €
ISBN 978-3-89670-839-7

Autopoiesis - Wir haben verstanden

Matthias Eckoldt
Kann sich das Bewusstsein bewusst sein?
Gespräche mit Dirk Baecker, Markus Gabriel, John-Dylan Haynes, Philipp Hübl, Natalie Knapp, Christof Koch, Georg Kreutzberg, Klaus Mainzer, Abt Muhô, Michael Pauen, Johannes Wagemann und Harald Walach
247 Seiten, Gb/SU, 2018
24,95 €
ISBN 978-3-8497-0202-1

Fritz B. Simon
Formen
Zur Kopplung von Organismus, Psyche und sozialen Systemen
317 Seiten, Gb/SU, 2018
54,- €
ISBN 978-3-8497-0225-0

Rolf Arnold
Ach, die Fakten!
Wider den Aufstand des schwachen Denkens
178 Seiten, Gb/SU, 2018
29,95 €
ISBN 978-3-8497-0226-7