(6) META - Wie redest du hier? (Glossar)

Du scheint ja gewisse Wörter sehr eigen anzuwenden...


sms: Es geht so. Ich gleiche mich durchaus mit dem "Lexikon des systemischen Arbeitens" ab... Aber dieses Geschwätz der letzten 2 Jahrzehnten von "Digitalisierung" - zum Beispiel, das musst du zugeben!? - wenn das Paul Watzlawick gehört hätte... Auffallend, dass präzis dieses Wort aus dem 4. Axiom von Paul nicht erklärt ist, ja? 


Ok. Aber werde mal konkret: Was meinst du, wenn du diesen Titel gewählt hast: #DataLiteracy - Elemente einer Kulturform der Digitalisierung... Was meinen all diese Worte im Einzelnen?
sms: Die Worte im Einzelnen... (lacht laut)
Geht es nicht um Korrelation, Konstellation, Zusammenhänge. Auch - und gerade - bei Worten?


Du weisst was ich meine, ja?
sms: Ich befürchte. Ja. (lacht)
In der Publikation werde ich ein ausführliches Glossar integrieren. Die Worte aus dem Titel der Publikation nutze ich so:


#DataLiteracy


sms: "Data Literacy" ist das neue "Alpabetisierung": "Lesen, schreiben, rechnen" - still sitzen und gehorchen (lacht), das war der "Bildungskanon" von Neuzeit, Aufklärung, Moderne. Aus Sicht einer Klosterschule, passte diese erbärmliche Reduktion insbesondere auf die anstehenden Industriellen Revolutionen. Und tatsächlich marschierten dann ja auch die Arbeiter wie die Soldaten in den Krieg...


Du nutzt auch hier die Idee von #Medienwechsel, wie es Dirk Baecker (SznG) ausformuliert.
sms: Genau. Die Klosterschule war die Bildungseinrichtung der Schriftkultur und orientierte sich an den sieben freien Künsten. Die Volksschule war die Bildungseinrichtung der Buchdruckkultur und orientierte sich an der Alpabetisierung. Die Behauptung, welche ich also ausprobieren will, heisst #DataLiteracy. Wobei es auch mir nicht um den Entwurft einer Universalgeschichte geht. Ich suche nach Unterscheidungen, welche mir einen praktischen Unterschied machen...


Und warum mit einem #?
sms: Die Raute vor einer Zeichenkette generiert in vielen SocialMedia-Plattformen Listen. Es sind Auszeichnungen, wie wir sie in Zettelkästen nutzen, seit es Bibliotheken gibt. Ein Hashtag ist ein Label, ein Tag, ein Stichwort, mit welchem ich meine Notizen ablegen, teilen, austauschen, sortieren, anordnen kann. In einem offenen Netz findet sich so leicht Kritik, Irritation, Verbindung.


Elemente


sms: Der Element-Begriff ist in diesem Kontext von Systemischen Denken breit Anschlussfähig. Hier zeigt es zudem an, dass an einer Listenbildung gearbeitet wird, welche sich nicht abzuschliessen sucht. Ganz im Gegenteil. 


Kulturform


sms: Form und Kultur und Kulturform: Eine wunderschöne Tagcloud, ja? Zu Form: Wir unterscheiden nicht Form und Inhalt, sondern Form und Struktur. Und Kultur soll uns das sein, was mir "als Normal erscheint" und oftmals mir selbst und der Gesellschaft der Gesellschaft unsichtbar bleibt. Konkret: Die Idee vom Medienwechsel macht den Vorschlag, dass es kommunikative Möglichkeiten gäbe, welche einen Sinnüberschuss zu generieren vermöge, welche "die Normalität" der Gesellschaft der Gesellschaft störe, irritiere, prekarisiere. Neue Medien - wir denken dabei lediglich an Sprache, Schrift, Buchdruck, Computer - ermöglichen durch dieses Fähigkeit eine nächste Antwort auf "Die Soziale Frage". Als Sozialarbeiter ist das meine Frage. Ich arbeite ja als Sozialarbeiter am Sozialen. Und nicht an Körpern. Und nicht an Psychen.


Zusammengefasst?
sms: Die Entwicklung einer Kulturform ist für Gesellschaft und für Individuen wichtig, um mit Überforderung durch viel zu viele Möglichkeiten einen "normalen" Umgang gefunden werden kann. Darum ist das Gedankenspiel - es ist ein Spiel! ein informatives, kreatives, informierendes Spiel - vom Medienwechsel so produktiv: Ich kann mir ganz leicht Kulturformen erfinden, welche mir vertraut vorkommen und werde so angeregt, Elemente einer Kulturform zu (er)finden, welche auf die Herausforderung durch mitkommunizierende Datenbanken, Rechner, Maschinen angemessen eingehen.


Das gelingt derzeit nicht?
sms: Leicht beobachtbar ist, wie Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Massenmedien, Künste, Bildungsinstitutionen - in der NZZ habe ich sie polemisch als "Dickhäuter" zusammen gefasst (lacht) - ihre Lösungen als alternativlose Lösungen in immer grösserer Aggressivität und in immer grösserem Verbund durchzusetzen suchen. Für Sozialarbeit erinnert das an die Hinweise, wie sie Paul Watzlawick auf den Punkt gebracht hat: Es sind oftmals gerade die erfolgreichen Lösungen, weche zum Problem selbst werden. Dass die Idee der Demokratie nicht das Ende der Sozialen Fahnenstange ist, haben die Anarchisten - jene Träumenden von einem herrschaftsfreien Leben - schon immer gewusst. Und welche dramatischen Probleme die Universität generiert hat, auch dazu müssen wir als deutschprachige Wissenschafter nicht lange herumrätseln. Welche Rolle dabei die Kunst spielt, die Massenmedien und von der elenden Koppelung von Sozialer Sicherheit an Erwerbsarbeit, wollen wir gar nicht erst zu reden beginnen, ja?


Digitalisierung


sms: Einer der ärgerlichsten Quatschbegriff der letzten zwei Jahrzehnte. Ich habe mich lange gegen die Aufnahme dieses Begriffs in den Titel gewehrt. Immerhin habe ich zwei Jahrzehnte täglich gegen die Übernahme dieses Begriffs in den Kontext unserer Fachsprachen gewehrt.


Warum nutzt du den Titel jetzt doch?
sms: In vielen Gesprächen ist es dann gelungen, diesem Quatschbegriff einen guten Ort zu geben, wo dieser keinen Unsinn mehr anzustellen vermag: Wir bezeichnen mit Digitalisierung lediglich und ausschliesslich die 4. Industrielle Revolution. Mechanisierung, Motorisierung, Automatisierung, Digitalisierung. Von der Dominanz einer Welt, welche in linear-kausalen-deterministischen Imaginiert wird, zu einer Weltvorstellung, welche von Prozessen, Beziehungen und seltsamen Schlaufen ausgeht. Diese 4. Industrielle Revolution bringt die beiden sehr erfolgreichen, sich scheinbar gegenseitig ausschliessenden, Ideen von Kompliziertheit und Komplexität in ihrer "Komplementarität" - wie William James und später auch Physiker es genannt haben - zur Darstellung.


Um ein Buch zu verkaufen, ist das Schlagwort Digitalisierung sicher auch günstig.
sms: Ja. Eben. Darum wollte ich es auch nicht drin haben. (lacht)


ProdUsing


sms: Ein Kofferwort, welches die Unterscheidung von produzieren und konsumieren löscht. Je weniger wir auf die Herstellung von Dinge fokussiert sind, je mehr wir auf die Herstellung von Daten, Information, Wissen fokussierst sind, um so unsinniger wurde die in früheren industriellen Revolutionen zentrale Unterscheidung. Ich schreibe in der Wikipedia mit und nutze sie. Ich bin beides: Produzent und Konsument, im gleichen Augenblick. Ein ganz grosses Element der Kulturform der Digitalisierung. (lacht) 


Was war das Radikale am "Radikalen Konstruktivismus"?


sms: Für mich hat diese Frage Niklas Luhmann in einem von Suhrkamp im Print on Demand distribuierten Bändchen von Fritz B. Simon entschieden. Luhmann stellt ein Kommunikationsbegriff vor, welcher "jede Bezugnahme auf Bewusstsein oder Leben, also auf andere Ebenen der Realisation autopoietischer Systeme streng vermeidet." Ich würde also lediglich das Wörtchen "streng" mit "radikal" ersetzen und wiederholen: Als Sozialarbeiter arbeite ich am Sozialen. Und nicht an Bewusstein und nicht an Leben, also anderen Ebenen der Realisation autopietischer Systeme. Die Bio-Psycho-Soziale Denkfigur legt dabei nahe, beim 1. Axiom von Paul Watzlawick - "Du kannst nicht nicht kommunzieren" - noch einmal frisch anzusetzen:  


1. Ich kann nicht nicht unterscheiden.
2. Ich kann nicht nicht beobachten.
3. Ich kann nicht nicht handeln.


Geht es darum in der Publikation, welche du jetzt hier machenwirst?
sms: Nein. Das sind einfach meine Annahmen. Aber die werde ich hier nicht explizieren. Aber dazu einigen Gedanken in: (2) META - Wer schreibt hier? Wozu?