Zur Einführung

Q102014 ist das neue abcdefghiklmnopqrstuvwxyz


Dirk Baecker notierte 2007 auf den Buchrücken von "Studien zur nächsten Gesellschaft" #SznG:


"Wir haben es mit nichts Geringerem zu tun als mit der Vermutung, dass die Einführung des Computers für die Gesellschaft ebenso dramatische Folgen hat wie zuvor nur die Einführung der Sprache, der Schrift und des Buchdrucks."


#DataLiteracy - Elemente einer Kulturform der Digitalisierung soll am #PaulWatzlawick-Kongress Ende Oktober 2020 vorgestellt werden. Es ist eine Zusammenstellung von solch "dramatischen" Elementen, welche schon heute leicht zu fotografieren sind - wenn gewusst wird, worauf geschaut werden soll ;-)


Die Kultur der Gesellschaft der Gesellschaft ändert sich. Ständig.


Es ist für uns selbstverständlich geworden zu sagen, dass dabei konservative und progressive Kräfte am wirken seien. Es wird von linken und rechten Positionen gesprochen. Das Feld der Politik sieht sich zuständig dafür, diesen ständigen Aushandlungsprozess zwischen Interessensgruppen zu koordinieren und in verlässlichen Verbindlichkeiten festhalten zu lassen.


Aber irritationsfrei ist von solch vermeintlichen Klarheiten nicht mehr zu reden. Es hat sich etwas verändert. (Was eigentlich?) Es wird darauf gepocht (wer eigentlich?), was alternativlos zu akzeptieren und zu verteidigen sei.


Etwa die Idee der Demokratie oder der Universität.


Aber die angebotenen Lösungen, erscheinen plötzlich als Problem selbst. (Paul Watzlawick lässt lächelnd grüssen.)


Zum Beispiel das Copyright.
- Kinder, welche mit dem Daumen am Smartphone geboren wurden, verstehen das Copyright als ein Recht zu kopieren. (Das wirkt auf einige sehr anregend. Auf andere sehr aufregend.)


Zum Beispiel die Nationalstaaten.
- Die Politik macht Gesetze für ihr Territorium, auch wenn längst klar ist, dass weite Teile ihrer Bürgerinnen und Bürgern nach Massstäben, Richtlinien und Bedingungen von gewinngeilen, gänzlich unerreichbaren Konglomeraten gesteuert und bestimmt werden. (Und es gibt Regierungen, welche ganz offensiv darauf drängen, dass rechtsstaatlich relevanteste Entscheidungen an private Dienstleister wie Google, Amazon, Facebook, Apple, Microsoft "ausgesourced" werden.)  


Zum Beispiel die Bildungseinrichtungen.
- Die Schulen vermitteln Wissen, unterrichten Fähigkeiten und Kompetenzen, welche weder für die Jugendlichen attraktiv, noch für die Aufnahme im Arbeitsmarkt entscheidend sind. (Selbst wenn diese an einem aktuellsten Tablet, multimedial und spielerisch aufbereitet sind.)


Das Andere ist anders.
Nein: Nicht besser.
Nein: Nicht schlechter.
Einfach bloss anders.
Es geht darum, das "Andere anders zu machen":


Wir schliessen mit dieser Publikation zu #DataLiteracy direkt an die zwei Bände von "Die Form der Unruhe" an.


Unsere Perspektive ist die Handlungswissenschaft von Sozialarbeit, welche sich als eine Arbeit am Sozialen versteht. (Und nicht als Arbeit an Körpern. Und nicht als Arbeit an Psychen.)


Soziale Arbeit beobachtet Austauschprozesse zwischen Menschen und beauftragt sich selbst, dabei mitzuwirken, dass eine Kultur gepflegt wird, welche es einzelnen Menschen und Gruppen von Menschen ermöglicht, ein gelingendes, ein glückliches Leben zu gestalten. Sozialarbeit thematisiert beständig Machtfragen. Behinderungs- und Begrenzungsmacht (Silvia Staub-Bernasconi).


Nein: Wir werden keine "Theorie" beschreiben. Auch, weil wir davon ausgehen, dass "Korrelation das neue Kausalität" ist. Vielleicht stellen wir nicht einmal "ein Konzept" vor:


Wir legen eine Sammlung von Werkzeugen ab. Eine Sammlung von Elementen aus unserer Praxis, welche uns einen praktischen Unterschied machen.



Zum Begriff #Kulturform


Wenn Kultur das ist, was dem einzelnen Normal erscheint - ob es um die Art und Weise des kochens, wohnens, lebens und liebens geht - beobachten Beobachtende starke Unterschiede innerhalb und über die Grenzen von Gesellschaften von Gesellschaften hinweg.


Jede Kulturform ermutigt und entmutigt bestimmtes Verhalten von Menschen und Gruppen von Menschen.


Es geht auch uns (SznG, S. 10) nicht darum, einen Entwurf für eine Universalgeschichte zu schreiben. Wir schliessen uns lediglich dem Vorschlag von Niklas Luhmann und dem Spiel von Dirk Baecker an, drei breitest dokumentierte Kulturformen auftreten zu lassen, um danach kreativ danach zu fragen, wie wohl "eine nächste Kulturform" auf die für Menschen relevanten Fragen antworten wird. Und: Wir behaupten, dass diese Antworten - diese "nächste Kulturform" - bereits "fotografierbar", bereits "anwesend", umstandlos "beobachtbar" geworden sei.


Und: Wir gehen davon aus, dass diese nächsten Antworten typischerweise den aktuellen "Dickhäutern" - wie wir es kürzlich in der NZZ genannt haben (Text kostenfrei im Blog dissent.is) - nicht gefallen kann. (Darum geht es ja vermutlich. (So?)


"Neue Medien, ermöglichen der Gesellschaft der Gesellschaft eine nächste Antwort auf Die Soziale Frage." /sms ;-)


Zum Begriff #DataLiteracy


Das englische Kofferwort öffnet ein breites Assoziationsfeld. Würden wir von "Datenkompetenz" oder "Informatische Literalität" sprechen, fühlten wir uns eingeengt, gegängelt, vorprogrammiert. Das englische Literacy verweist ähnlich wie das deutsche "Alphabetisierung" auf Kultur, oder eben: auf Kulturform. Lesen, schreiben, rechnen - stillsitzen und gehorchen - das mussten die zappeligen Bauernkindern in der Schule lernen, um Teil einer aufstrebenden industriellen Revolution werden zu dürfen. Was wir heute lernen wollen - ob als junge Menschen oder als junge Alte - ist viel mehr:


- Was mache ich gut?
- Was macht mir Spass?
- Und: Tut das auch meiner Um:Welt gut?


Den Verweis im Kofferwort auf "Daten", wollen wir als Hinweis auf die Unterscheidung von "Daten - Information - Wissen" sehen. Jede Information besteht aus einem mehr oder weniger grossen, mehr oder weniger nachvollziehbaren Satz von Daten, welche als Grundlage zum Handeln genutzt wird. So zeigt #DataLiteracy sofort die Grundannahme, dass de:konstruktion von "Unterscheiden - Beobachten - Handeln" (Paul Watzlawick 4.0, Piazzi/Seydel) erzwungener massen reflektiert wird - wenn nicht von einem selbst, dann doch von anderen (und anderem). 


Zum Begriff #Digitalisierung


Wir nutzen den Begriff Digitalisierung ausschliesslich als die Bezeichnung der 4. Industriellen Revolution nach:
1. Mechanisierung
2. Motorisierung
3. Automatisierung
4. Digitalisierung.


Es ist uns wichtig, das 4. Axiom von Paul Watzlawick weiter nutzen und die Unterscheidung Digital:Analog in seinem Sinne anwenden zu können.


Jede der vier Revolutionen hat menschliches Leben tiefgreifend verändert, selbst - und insbesondere jene - welche weder Maschinen noch Automaten bei sich zu Hause rumstehen hatten. Auch die 4. Industrielle Revolution, die Digitalisierung, erkennen wir nicht an Steckdosen, Kabeln, leuchtenden Bildschirmen.


Kurzum: Wir haben dem Begriff #Digitalisierung einen Ort erfunden, an welchem die Verwendung - selbst in den Wissenschaften! - kritisiert, pulverisiert und keinen weiteren Schaden mehr anstellen kann.


Warum wir eine möglichst einfache Sprache nutzen?


Es ist eine Errungenschaft von Neuzeit, Aufklärung, Moderne, dass akzeptierbares Wissen umstandslos transparent und nachvollziehbar sein muss. Das heisst nicht, dass sich keine Fachwörter herausbilden dürfen, dass alles ganz einfach - und damit ganz sicher viel zu einfach - gesagt werden muss. Aber es entspricht der Beobachtung aus drei Medienwechseln, dass die behaupteten Grundlagen, die Axiome, die Basis auf welche sich eine Kulturform begründet, durch eine nächste Kulturform hyperaffirmativ integriert wird. Wie Nachvollziehbarkeit und Transparenz von der nächsten Kulturform integriert wird, kann aktuell im Diskurs um #OpenData gut gezeigt werden:


OPEN ist das neue Sicher.
FREE ist das neue #ServicePublic. (Daran arbeiten wir noch: #öGöG ;-)


Warum wir kaum Quellenangaben machen werden, aber viele Links zu Wikipedia setzen.


Alles was wir denken, haben andere früher, differenzierter, eleganter gedacht. Die Berufung auf die Autorität durch Autorenschaft ist uns hinfällig geworden. Wir zeigen nicht die Kausalitäten unserer Gedanken, sondern machen die Konstellation unserer Gedanken zugänglich. Wo immer wir es hilfreich erahnen, diesen Verweisen nachgehen zu können, zeigen wir einen Link. Direkt zu einem Buch, einem Blog, einem Zettelkasten, einem Mikroblogging auf Social Media oder eben - auf Wikipedia. Die Genese des akzeptierten, relevant gewordenen, übermittelten Wissens auf der Ebene einer Weltgesellschaft, ist dort weniger im Haupteintrag, als viel mehr in der Versionsgeschichte, in anderen Spracherversionen, auf Wikidata und/oder auf jeweiligen Diskussionsseite zu beobachten.


Warum vor so vielen Wörter ein # steht.


Ein Hashtag vor einem Wort wirkt heute in vielen Social Media Plattformen wie ein Label, ein Keyword, eine Stichwort auf einem einzelnen Zettel in einem Zettelkasten. Wir nutzten in den letzten Jahren insbesondere Twitter als einen solchen Zettelkasten in einem offenen Netz. Durch die Beobachtung von #DataLiteracy bei Twitter, wird ermöglicht, dass in jedem Zeitpunkt deutlich wird, wie andere den Begriff nutzen, lässt gesuchte Kritik anzeigen, öffnet die eigene Gedankenwelt. Wann immer es uns zum Thema zu passen scheint, verlinkten wir den Hashtag zu Twitter. Falls nicht, wird damit wenigstens angedeutet, dass unter diesen Hashtag rasch weitere Hinweise zu finden sind.


Warum Q102014 das neue abcdefghiklmnopqrstuvwxyz ist?


Google hat sich 2015 eine Trägerorganisation gebildet, um den entstandenen Konzern zu organiseren. Sie nannten ihr börsenkotiertes Unternehmen: Alphabet und erwirkten sich den Top-Level-Domain .xyz - Damit kommt ein Unternehmens-Credo gut zum Ausdruck: abc.xyz. Tatsächlich buchstabiert Google das gesamte Alphabet durch. Von A bis Z. Von Alpha bis Omega. (Und danach wird es anders weiter gehen.)


Das Alphabet ist eine begrenzte Liste. Ein Ordnungsprinzip. Eben: Eine Liste. Nicht nur Umberto Eco hat die geniale Idee der Listenbildung beschrieben und erklärt. Der Punkt ist bloss: Es gibt eine interessantere Ordnungsmöglichkeit. Der Zettelkasten hat diese Idee durchgespielt. Zunächst in der universitären Bibliothek, um das auf fest gestellte Wissen - welches insbesondere als Verweis auf loderndes Unwissen, auf eine dramatische Unruhe - in der Form der Ruhe zur Darstellung bringen zu können und zugänglich zu machen. Aber die Volltexterfassung der Zettelkästen in Computersysteme hat den Verschlagwortungsprozess - zu welchem es einen Beruf, eine Profession, eine Disziplin gibt: Bibliothekswissenschaften - beinahe überflüssig gemacht.


Womit wir es heute zu tun haben, ist ein gigantisches Netz von Datenpunkten - welche mehr oder minder offen, mehr oder minder frei - im Internetz direkt adressierbar sind.


Hier könnte deutlich gemacht werden, warum das radikale am radikalen Konstruktivismus nach Niklas Luhmann so attraktiv für uns ist: Sein Kommunikationsbegriff - im Anschluss an Paul Watzlawick - ermöglichte ihm die Aussage, dass eben Kommunikation kommunziere, nicht Menschen. Und präzis das erleben wir heute: Daten, Information, Wissen kommunizieren. Mit, durch und auch ganz ohne Menschen. Diese Vorstellung von Kommunikation wird uns ermöglichen, jene dramatischen Folgen, welche Dirk Baecker im eingangs gemachten Zitat aufruft zu erkennen und zu beschreiben. Übrigens:


Q102014 ist die Adresse der für Maschinen lesbaren Beschreibung des Begriffs Hyperlink im Semantischen Web von Wikidata. Und ja: In #Sprint33 arbeiten wir an der Idee, die Daten aus Wikidata nicht nur für Wikipedia nutzen zu können, sondern auch in Blogs mit unterschiedlichsten Content-Management-Systemen: Q102014.xyz ist das neue abc.xyz (Aber das wäre jetzt ein anderes Thema ;-) Zum Schluss vielleicht noch:


Die Liste gehört zur Kulturform von Buchdruck.
Der Hyperlink gehört zur Kulturform von Computer.


Jetzt sind wir mitten im Thema von dieser hier zu realiserenden Publikation angekommen. (Dort wollten wir ja hin.) Und jetzt geht es anders weiter. (So?)


/end


dissent.is/muster, 16. August 2020

Stefan M. Seydel/sms ;-)
aka @sms2sms

(*1965), M.A., Studium der Sozialen Arbeit in St. Gallen und Berlin. Unternehmer, Sozialarbeiter, Künstler.


Ausstellungen und Performances in der Royal Academy of Arts in London (Frieze/Swiss Cultural Fund UK), im Deutsches Historisches Museum Berlin (Kuration Bazon Brock), in der Crypta Cabaret Voltaire Zürich (Kuration Philipp Meier) uam. Gewinner Migros Jubilée Award, Kategorie Wissensvermittlung. Diverse Ehrungen mit rocketboom.com durch mehrere Webby Award (2006–2009). Jury-Mitglied “Next Idea” Prix Ars Electronica 2010. Pendelte bis 2010 als Macher von rebell.tv zwölf Jahre zwischen Bodensee und Berlin. Co-Autor von “Die Form der Unruhe“, Umgang mit Information auf der Höhe der Zeit, Band 1 und 2, Junius Verlag Hamburg. Ruhendes Mitglied im P.E.N.-Club Liechtenstein. Er war drei Jahre Mitglied der Schulleitung Gymnasium Kloster Disentis. Seit Ende 2018 entwickelte er in Zürich-Hottingen in vielen Live-Streams – u.a. in Zusammenarbeit mit Statistik Stadt Zürich und Wikimedia Schweiz – den Workflow WikiDienstag.ch, publizierte während der Corona-Krise in der NZZ einen Text über Wikipedia und schreibt aktuell an: #DataLiteracy – Elemente einer Kulturform der Digitalisierung im Carl Auer Verlag, Heidelberg. Im Juli 2020 kehrt er mit seinem 1997 gegründeten Unternehmen (Spin-Off mit Aufträgen der FH St. Gallen, Gesundheitsdirektion Kanton St. Gallen, Bundesamt für Gesundheit (BAG) und der EU aus einer Anstellung als Leiter Impuls- und Pilotinterventionen für die Aids-Hilfe St. Gallen/Appenzell) zurück nach Dissent.is/Muster, mitten in die Schweizer Alpen.