„erwachsen“ hat ein „s“ zu viel | 1

Prolog

„Nur der wissende Mensch
ist ein freier Mensch!“
(Erich Fromm) 

Vor Jahren schenkte mir meine Tochter ein Büchlein mit dem Titel „Papa, erzähl doch mal!“. Dieses Büchlein war eine Art dicker Fragebogen, den man handschriftlich ausfüllen und dann seinen Kindern zurückgeben konnte. Gefragt wurde u. a. „Welches war Dein Lieblingsspielzeug?“ oder „Was unternahmst Du am liebsten?“ – Fragen, die ich überwiegend überhaupt nicht beantworten konnte oder wollte, weil sie mir an den wesentlichen Themen, Erfahrungen und Einsichten meines Lebens vorbeizugehen schienen. Fragen, zu denen ich etwas hätte sagen können und wollen, sind: „Was hat Dich das Leben gelehrt?“ oder wegen mir auch: „Wer bist Du und warum?“ oder „Konntest Du Dich ändern, oder musstest Du so bleiben, wie Du warst?“ oder auch „Wer willst Du noch werden und wie?“

Als ich 70 Jahre alt wurde, beschloss ich, zu diesen Fragen etwas zu schreiben – verbunden mit der Hoffnung, dass mein eigenes Stolpern, meine Erfahrungen, Reflexionen mir selbst und anderen dabei helfen könnten, mich zumindest so weit zu verstehen, wie ich mich selbst entwirren konnte: in voller Aufrichtigkeit, mit angestrengtem Denken, in sich (ver)dichtender Authentizität behutsam tastend – so mutig und ehrlich, wie ich dies mir selbst gegenüber in der Lage bin zu tun.

Deshalb gehe ich bei meinem pädagogischen Selbstversuch so zu Werke, wie mir dies möglich ist. Dabei entsteht streckenweise sicherlich ein gelehrter Text, aber wohl auch ein Text, der seine Bezüge und seine Anschauungsbasis explizit in meinem eigenen (Er-)Leben findet. Ich hatte das Glück, einen Berufs ausüben zu dürfen, der es mir erleichterte, mich selbst zum Thema zu machen: als erwachsender bzw. alternder Mensch, d. h. als ein soziales Wesen, mit einer Biografie und einer Identitäts- und Kompetenzentwicklung, die sich über Entwicklungsstufen und durch Krisen vollzog – angeregt und begleitet durch signifikante Personen, denen ich vieles verdanke.

Diese Bewegung ist kein Ausdruck eines Kreisens um sich selbst, sondern verdankt sich meinem beruflichen Thema als Wissenschaftler: Die Bildung Erwachsener – ein Thema, bei dem man gar nicht vermeiden kann, es persönlich zu nehmen, sind wir doch gewollt oder ungewollt selbst das – empirische – Beispiel par excellence für das, was es „vermeintlich“1 bloß im Außen zu beobachten und zu untersuchen gilt. Noch bin ich nicht angekommen, sondern immer noch unterwegs, und ich glaube an die Zeilen von Hermann Hesse, der in seinem Gedicht „Stufen“ vermutet, dass „vielleicht auch noch die Todesstunde uns neuen Räumen jung entgegensenden (wird)“ – welch eine schöne Hoffnung!

Von meinem jahrzehntelangen Bekannten, spätem Freund und Gesprächspartner, Pfarrer Wolfgang Doll (1942–2024), von dem wir uns am 13.7.2024 im Rahmen eines bewegenden Trauergottesdienstes in der Kaiserslauterer Friedenskirche im Uni-Wohn-Viertel verabschiedeten, stammt ein Satz, der sinngemäß besagt, dass am Ende einer lebenslangen Suche keine Antwort auf uns warte, wohl aber eine Umarmung (vgl. Arnold, Erhardt, Stief 2022)  – eine ebenfalls hoffnungsvolle, starke Formulierung, die vielleicht am treffendsten ausdrückt, worum es in der Suchbewegung unseres Lebens gehen kann, gehen sollte. Für Wolfgang Doll verbarg sich hinter dieser Metapher eine religiöse Gewissheit, bei mir selbst verstärkte sie die Vorstellung, dass wir es wohl selbst sein können, die da „umarmen“: unser Leben, die vielen Menschen, die uns dabei begegnet sind, die wenigen ganz besonderen Menschen, mit denen wir uns in Liebe verbanden, die Menschen, die uns verpassten oder die wir verpassten und die ganze Zeit, die wir auf der Erde zubringen durften, um das Lebendige in uns zu entfalten – welch ein unglaubliches Geschenk, welch große Gelegenheit!

Mir ist bewusst, dass die Texte der folgenden Serie keine bloße Erzählung oder gar Rechtfertigung der Suchbewegungen meines eigenen Lebens sind. Er ist auch Reflexion, gewissermaßen eine Studie in eigener Sache. Dabei verfalle ich immer wieder in den Stil einer wissenschaftlichen Erörterung, den ich nicht vermeiden kann, aber auch nicht will. Mein ganzes Leben lang habe ich mich um die Präzision der Begriffe und des Begreifens bemüht – wissend, dass dabei lediglich Sprachgebrauch sich erklärt, oft auch zu bloßen Sprachspielen entgleitet, sich zu Narrativen formiert und doch häufig nicht die Einsicht auszudrücken vermag, um deren Erklärung es gerade geht. Diese Undeutlichkeit habe ich mich zu überwinden bemüht – ich wollte das Fortwirken der Erlebnisse erfassen, die mich geprägt und bewegt haben und bis heute durchwirken. Deshalb vermischte ich Reflexion mit biografischer Illustration (kursiv Geschriebenes) – mit einer Einschränkung: ganz persönliche Erlebnisse oder gar die Benennung derer, die da gemeint sind, habe ich weitgehend vermieden oder bloß entfremdet oder andeutungsweise in diese Betrachtungen einfließen lassen.

Herausgekommen ist dabei mehr als eine Autobiografie. Es ist ein erwachsenenpädagogischer Selbstversuch, dessen empirische Basis, wie gesagt, mein eigenes Erleben, Deuten und Suchen darstellt. Dabei ist mir vieles über mich selbst klarer geworden. Dieses zu dokumentieren, auszuloten und zu erläutern, ist die Substanz dieses Versuches, der schließlich auch zu einer Theorie des Bewusstwerdens geriet. Dieser Versuch beschreibt eine Selbstaufklärung, deren Schritte und Formen letztlich auch andere dazu einladen können, den Blick hinter die verborgene Logik des eigenen Stolperns zu wagen. Dahinter kann sich eine weite innere Landschaft auftun, die uns schließlich auch dazu verhilft, sich entschlossener den Möglichkeiten des Lebendigen zuzuwenden und die Zeit, die uns auf dieser Erde vergönnt ist, zur Vertiefung unseres Ausdrucks zu nutzen und uns dem Leben als letzter Gelegenheit täglich neu zuzuwenden.

Rolf Arnold
Waldshut, den 15.11.2024

 

Einleitung:
Ein Selbstversuch

„Die Pädagogik ist eine Lebenslauf-
und Veränderungswissenschaft.
Sie fragt nach den Formen der
Identitäts- und Kompetenzentwicklung:
den erlebten, den verpassten
und den (noch) möglichen.“

Der hier vorliegende Text ist ein Selbstversuch. Er nimmt die Erklärungsansätze der systemischen Konzepte und Forschungen der letzten Jahrzehnte persönlich, indem er die eigene Entwicklung nicht bloß erzählt, sondern auch deren Bedingungen und Möglichkeiten analytisch rekonstruiert. Es geht diesem Selbstversuch somit an keiner Stelle um eine Rechtfertigung dessen, was geschehen ist, sondern allein um dessen möglichst nüchterne Betrachtung und Ausdeutung. Ausgangspunkt ist die These, dass Menschen sich nicht aussuchen, wer sie haben werden können – zumindest gilt dies für die Bedingungen des Aufwachsens und der frühen Persönlichkeitsentwicklung. Ab einem gewissen Zeitpunkt greifen bei vielen Menschen autonome Entscheidungen, die ihren Lebenslauf ausrichten und sie eine eigene Richtung einschlagen lassen. Doch auch diese Autonomie ist nicht vollständig, sie folgt zumeist der Pfadabhängigkeit des bisherigen Erlebens, selbst dort, wo man sich von den tiefen Spuren des Erlebten abgrenzt und fürderhin alles ganz anders zu machen hofft.

In vielem sind und bleiben wir wie unsere Eltern. Wir folgen ihren Mustern selbst in den Fragen, in denen uns dies nicht bewusst oder gar lieb ist. Es ist dann nicht die Richtung, sondern die Art unserer Bewegung, in der wir ihnen in subtiler Treue verbunden bleiben und ihr Leben auch dadurch ehren. Dies scheint nicht allein unvermeidbar zu sein, es ist ganz offensichtlich auch für die eigene Seelenentwicklung von Vorteil.

Bindung wird von Konsonanz getragen, nicht von Dissonanz.

In dem Grundakkord unserer Persönlichkeit schwingen nicht allein die Lebensmelodien unserer Eltern, sondern wohl auch epigenetische Motive fort. In diesen scheinen auch unverarbeitete Themen, Traumata, kollektive Milieu- oder Lebenswelterfahrungen mitzuklingen und den Resonanzboden unserer eigenen Melodie des Lebens zu bilden. Epigenetik, Eltern, Lebenswelt und frühes Erleben statten uns mit den Formen aus, in die hinein wir unser Leben zu gestalten vermögen. Menschen leben zugleich nicht bloß jede(r) für sich einen eigenen Lebenslauf, sie wirken auch an etwas gemeinsam sie Überwölbendem und sie Durchdringendem ungewollt mit, von dem sie nicht genau zu sagen wissen, was es ist:

  • Ist es die Gattungsgeschichte,
  • die geheimnisvolle Evolution sowie
  • übernommene kulturelle oder gar nationale Eigentümlichkeiten, deren Ziel und Zweck sowie Epochenabhängigkeit (vgl. Rotthaus 2021) uns verborgen bleiben, oder
  • ist es einfach nur das, was wir Leben nennen und als solches permanent mit hervorbringen, interpretieren und mitgestalten?

Ein pädagogischer Selbstversuch ist von dem Bemühen getragen, alle diese unterschiedlichen Gesichtspunkte mitzudenken, wenn man sich reflektierend der eigenen Biografie zuwendet, um sich seines eigentlichen Selbst – in seinen zwangsläufigen, gestalteten und noch möglichen Ausdrucksformen - bewusst(er) zu werden. Die Leitfragen eines solchen Versuchs lauten:

  • Wie „musste“ ich zu dem- oder derjenigen werden, der oder die ich geworden bin? Was hat mich geprägt und bewegt? (Die Frage nach den Kontexten und deren „Erbe“)
  • Wer hätte ich – eigentlich – werden sollen, werden können, werden wollen? (Die Frage nach dem eigentlichen Selbst)
  • Wie kann ich – noch – werden, der oder die ich bin oder sein will? (Die Frage nach dem möglichen Selbst)

Nicht alle Menschen haben oder nutzen die Gelegenheiten, sich diesen Fragen systematisch zuzuwenden und zu widmen. Zu ungewohnt ist in unserer Kultur und Gesellschaft noch immer der selbstreflexive Blick des Bewusstwerdens. Zudem fehlen weitgehend die Formen, um eine wirkliche Selbstdistanzierung einzuleiten und sich an dieser abzuarbeiten, um zu einer autonomeren Auswahl und Ausrichtung der noch bleibenden Schritte zu gelangen. Ein solcher Selbstversuch kann im günstigsten Fall zu einer Selbsttransformation führen, die uns durch das unwegsame Gelände der ungeklärten und wohl auch unklärbaren Fragen der Philosophie führt, an deren Anfang der Spruch von Angelus Silesius (1624-1677)2 steht:

„Ich bin, ich weiß nicht wer.
Ich komme, weiß nicht woher.
Ich gehe, weiß nicht wohin.
Mich wundert, dass ich so fröhlich bin“.

Dieser Spruch steckt den Rahmen einer biographischen Selbstreflexion ab. Auch die von Immanuel Kant (1724-1804) formulierten Grundfragen der Philosophie3 weisen in die Richtung einer solchen Bewusstwerdung. Sie lauten:

  • Was kann ich wissen?

Dieser Frage geht es um das, was ich sicher wissen kann bzw. das, was „wahr“ bzw. „wahrhaftig“ ist. Dieses ist mehr als das, was wir erinnern, oder das, was uns der Fall zu sein scheint. Selbst dann, wenn „die Wahrheit die Erfindung eines Lügners (ist)“ (von Foerster/ Pörksen 2008), oder Erinnerungen uns kaum als exakte Fotografien des Gewesenen aufscheinen, sondern stets auch durch Dissonanzreduktion und Verdrängung verzerrt und nicht selten verfälscht werden, geht es um das Bemühen um Evidenzen, um zu verstehen, was wirkt bzw. gewirkt hat. Es ist die Frage nach dem, was uns – so, wie wir haben werden können - bewirkt hat und heute immer noch – meist subtil - unser Denken, Fühlen und Handeln prägt.

  • Was soll ich tun?

Diese Frage ist die Frage nach den Kriterien für unsere Entscheidungen im Umgang mit uns selbst und der Welt. Es ist die Frage nach Ethik und Moral – wissend, dass die Fähigkeit zum Guten den Menschen nicht in die Wiege gelegt wurde, als Anspruch und Möglichkeit aber immer im Raum steht. Das Gute trifft dort auf seine Feinde, wo Opportunismus, Verblendung oder kollektive Nötigung das eigene Überleben oder auch bloß den eigenen Vorteil gefährden. An dieser Stelle neigt der Mensch viel zu häufig dazu, das Eigene schamvoll zu schützen und wegzusehen, wenn inhumane Praxis andere trifft oder er gar selbst im Interesse eines durchschaubaren Eigennutzes unmoralisch handelt. Die deutsche Geschichte ist auch eine Geschichte der Scham vor der „eigenen“ – kollektiven - opportunistischen Unmoral.

  • Was darf ich hoffen?

Diese Frage konfrontiert uns mit unseren Vorstellungen darüber, was sein wird, sein kann und sein sollte. Menschen wollen in Frieden und ohne Hunger sowie frei von Krankheit, Heimatlosigkeit und Bedrohung leben. Sie hoffen, dass ihnen und denen, die sie lieben, ein solches sicheres und erfülltes Leben möglich sein wird. Verdrängt wird dabei die unabweisbare Tatsache, dass wir alle sterben und einander verlieren werden. Nüchtern betrachtet dürfen wir nur auf den Tod hoffen. Er ist „der große Philosoph“ (Hürter 2013), weshalb auch jede einzelne Biografie sich nur von ihm her verstehen und ermessen lässt. Auch der biografische Selbstversuch gewinnt durch „Die aufklärende Kraft der Vergänglichkeit“ seine eigentliche Substanz (vgl. Arnold 2025).

  • Was ist der Mensch?

Was für eine Frage! Eine Antwort auf diese Frage kann bloß das Ergebnis einer Durchdringung der drei vorangestellten Fragen sein. Der Mensch – so könnte man als orientierende These feststellen – ist das reflexionsfähige Tier, das zu dem, was es wissen, sollen oder hoffen kann, durch das eigene Leben Stellung nimmt. Mag sein, dass sich dabei durch diese Stellungnahme das Leben bzw. die Evolution selbst reflektieren, obgleich wir dies nicht wissen, sondern bloß unterstellen können. Denn eigentlich geschieht bei der Reflexion des Menschseins nichts anderes, als dass ein weiterer Text entsteht – ein Text, dem wir einen Wirklichkeitsbezug unterstellen, nachdem wir andere Texte geprüft, genutzt und verworfen haben – aber immerhin ein Text, bei dem wir die alleinige Autorenschaft innezuhaben meinen.

Diese Kant´schen großen Fragen sind Ausdruck eines aufgeklärten – selbstreflexiven - Blickes auf die Welt und sich selbst. Sie sind umfassend: erschöpfend. Sämtliche Philosophien drehen sich um diese Fragen, auch so manche Biographien oder Selbstaufschreibungen. Alles, was erreichbar zu sein scheint, ist, im Bewusstsein dieser großen Fragen zu leben, ohne vorschnell in eine Antwort zu „springen“ und dabei selbst wiederum zu einer Typik zu verkommen: zum Existenzialisten, Christen, Buddhisten, Sozialisten oder Spiritualisten, um nur einige der möglichen Ab- und Eingrenzungen zu erwähnen.

Nur das schwebende Verweilen in der Unbeantwortbarkeit der großen Fragen scheint uns zu einer Bewusstheit zu führen, die mehr über uns selbst auszusagen vermag als eine Einreihung in die ausgetretenen und stark bevölkerten Wege anderer, die vor der Antwortlosigkeit fliehen und sich überlieferten Konzepten bereitwillig anschließen – vielleicht, weil sie nicht verstanden haben, dass am Ende eines suchenden Lebens keine Antwort, sondern bloß eine „Umarmung“ auf uns wartet, wie der bereits eingangs zitierte Satz von Wolfgang Doll besagt.

Viele fliehen vor der Freiheit in Illusionen, wie Erich Fromm (1900-1980) dies wiederholt ausführlich dargelegt hat (vgl. Fromm 1941), statt sich voller Liebe und beständigem Staunen über das tägliche Wunder des Lebens und der Lebendigkeit beidem selbst in humaner Verantwortung zu widmen, in aller Bescheidenheit ständig neue Lösungen zu versuchen und die Zahl der eigenen Lebensmöglichkeiten zu erhöhen (sensu Heinz von Foerster) – ohne die alles verfälschende Anmaßung, „verstanden“ zu haben und – vermeintlich – bereits zu „wissen“.

Für das im vorliegenden Text verfolgte Anliegen stiftete der „soziologische Selbstversuch“ von Pierre Bourdieu (1930-2002) Anregung und Orientierung. Er regte mich selbst dazu an, auch meine eigenen biographischen Aufzeichnungen nicht bloß als persönliche Erzählung, sondern auch als systematische Analyse – gewissermaßen: in eigener Sache - zu gestalten, nicht bloß zu berichten, sondern auch zu reflektieren - vor dem Hintergrund des möglichen und nötigen Erkenntnisstandes von Philosophie, Psychologie und Sozialwissenschaften. In seinem Selbstversuch ging es Bourdieu darum, „zunächst das Feld zu verstehen, mit dem und gegen das man sich entwickelte“ (Bourdieu 2016, S.11). Auch Bourdieu greift bei seinem Selbstversuch „auf Bruchstücke der Selbstobjektivierung“ zurück, die – wie er sagt -

„(ich) entlang meines Weges, während meiner ganzen Forschungstätigkeit zurückgelassen habe und die ich hier zu vertiefen und zu ordnen versuche“ (ebd.).

Auch der hier vorgelegte Selbstversuch kann nicht von der Tatsache abstrahieren, dass sich dessen Autor sein ganzes Forscherleben lang mit den vielfältigen Formen und Ausdrucksweisen des „Er-Wachsens“ und des Erwachsenseins in der postmodernen, aber im Kern immer noch Nachkriegs-Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland befasst hat. Die Ergebnisse dieses Forscherlebens sind umfangreich an anderen Stellen dokumentiert, weshalb es auch in dem vorliegenden Text nicht darum gehen wird, diesen Texten einen weiteren hinzuzufügen.

Ziel meines eigenen biografischen Selbstversuchs ist es vielmehr – wie bereits einleitend zugegeben -, mich mir selbst und vielleicht auch den mir nahen, vertrauten und interessierten Menschen verständlich zu machen – auch durchaus mit dem Hintergedanken, ihnen etwas ganz Persönliches zu hinterlassen, etwas, das als Aufarbeitung und verstehender Rückblick in meinem achten Lebensjahrzehnt entstand: Einblicke in die Grundfesten meines Denkens, Fühlens und Gestaltens, mit denen ich mich stolpernd durch mein Leben bewegt habe, in denen ich mich im Rückblick nicht bloß selbst erkenne, sondern mich auch auflösen und dereinst verabschieden kann.

Meine biografische Selbstreflexion dokumentiert, analysiert und reflektiert eine Entwicklung, die ich mir nicht selbst verdanke, obgleich ich es selbst war, der sich dabei tastend und stolpernd durch die Jahre bewegte. Es waren die Spuren im Elternhaus, die Seelenschmerzen und unbearbeiteten Traumatisierungen (Krieg, Heimatverlust, kollektive Scham etc.), aber auch der Mut und die Aufbruchshoffnungen der Eltern und Vorfahren, die ebenso wirkten, wie die zufälligen Möglichkeiten, Gelegenheiten und Zuwendungen, die mir selbst das Leben schenkte – unerwartet und gewissermaßen selbstlos in der Gestalt von einzelnen Menschen, die an mich zu glauben begannen, als ich dies selbst noch nicht wirklich vermochte. Mit ihrer Hilfe konnte ich das diffuse Gefühl, dass das Leben nur gelingen könne, wenn man sich grenzenlos anstrenge – ständig in der Gefahr, dass man doch scheitern kann -, allmählich hinter mir lassen. Zwar kann ich nicht sicher wissen, wo diese dunkle Anfangstrübung der Ichentwicklung ihre Wurzeln4hat, aber vermuten kann ich es schon: Es scheint mir das kollektive Erleben der Kriegsgeneration gewesen zu sein, die ihr eigenes Überleben bloß gestalten konnte, wenn sie das millionenfache Sterben derer ignorierte, die mit ihnen dereinst Seite an Seite geträumt, gelebt und gekämpft hatten. Diese Dementierung des eigenen Lebens durch den sinnlosen Tod der anderen trugen sie ihr ganzes Leben als letztlich unauflösbaren und unverarbeiteten Widerspruch in ihren Seelen, der sie innerlich bremste und dazu führte, dass sie sich selbst und ihren Kindern ein hoffnungsvolles Aufblühen des eigenen Lebens bloß schwer zugestehen konnten5.

Zum Leitmotiv des Nachkriegslebens vieler Kriegskinder und Kriegsenkel wurde zudem das ideologieresistente

Leben im Bewusstsein der großen Fragen, ohne leichtfüßig einer der vorbereiteten und aufgedrängten Antworten zu folgen oder in eine andere Illusion zu springen!

Dieser Satz ist nach meiner Meinung das Ergebnis einer wirklich klärenden Bewusstwerdung. Diese führt uns zu drei weiteren Fragen, die ebenfalls keine Antwort kennen; sie justieren jedoch den Fokus, der den biografischen Selbstversuch neu zu orientieren vermag. Diese drei Fragen lauten:

  • Was ist Erkennen anderes als ein pfadabhängiges Abbilden?

Wir benötigen eine angewandte Erkenntnistheorie. Die Frage „Was ist Erkennen?“ führt letztlich zu der banalen Einsicht, dass Erkennen uns auf das Vorhandensein und die Funktionsweisen unserer Sinnesorgane, zu denen auch das Gehirn gehört, zurückverweist – letztlich also „bloß“ Ausdruck unserer Biologie ist (vgl. Maturana/ Varela 1987). Wie diese Biologie „funktioniert“, welche „Einsichten“ sich uns daraus ergeben können und wieviel „Objektivität“ (Evidenz) diese uns tatsächlich zu erschließen vermögen, ist eine letztlich wohl ebenfalls unbeantwortbare Frage. Unstrittig ist bloß, dass alles menschengemacht und menschenverbunden ist: Das, was wir beobachten, erklären, schlussfolgern, wiederholen und entscheiden. Die anderen Lebewesen nehmen ebenso wenig Teil an unserer Welt wie das Universum.

  • Seit wann folge ich meinen Narrativen?

Erkennen führt zu inneren Abbildern, die sich als Gedanken in Sprache ausdrücken, mitteilen, teilen und überliefern. Die dabei entstehenden Texte (Gespräche, Geschichten, Meinungen, Bücher etc.) sind Erzählungen, d.h. nicht „real“ – auch, wenn sie Geschehenes beschreiben und interpretieren. Unsere Narrative begleiten uns nicht bloß, sie steuern auch unsere selektive Aufmerksamkeit, indem sich uns bestätigt, was wir schon stets „wussten“ oder gar befürchteten, und andere Lesarten dessen, was uns begegnet, oft erst gar nicht in den Fokus treten lassen. Die verborgenen Kräfte dieser Narrative bewirken, dass vieles so bleibt, wie es war, und dass wir dabei auch bisweilen Geschichten wiederholen, die überhaupt nicht zu unserer eigenen Geschichte gehören.

  • Kann ich mich neu erfinden und wenn ja: wie?

Die aus dem Verborgenen wirkenden Ziehkräfte unseres Denkens, Fühlens und Handelns können wir ertasten, erspüren und rekonstruieren und in Teilen auch transformieren, wenn wir verstanden haben, wie berechenbar wir uns letztlich treu bleiben. Wir haben uns nicht ausgesucht, wie wir haben werden „müssen“, aber wir können aussteigen und neue Blicke auf unser Leben und die uns noch bleibenden – inneren – Möglichkeiten werfen. Mit jedem Schritt in einen neuen Deutungsraum hinein verändern sich auch das Äußere sowie das Gegenüber, und Möglichkeiten der eigenen Lebensgestaltung nehmen auch de facto zu. Dabei entfliehen wir auch mehr und mehr den biografischen Festlegungen und übernehmen endlich die Regie in dem Film, der von uns handelt.

Schon in jungen Jahren haben mich die Romane, Theaterstücke und Tagebücher des Schweizer Autors Max Frisch (1911-1991) immer wieder fasziniert. Er war ein Meister des biografischen Selbstversuches, und auch sein eigenes Leben schien er in dem ständigen Bewusstsein geführt zu haben, dass alles auch ganz anders hätte verlaufen können. Frisch stolperte von Lebensentwurf zu Lebensentwurf und war beständig auf der Suche nach einer tragenden Gewissheit, auf der er sein eigenes Leben endlich errichten konnte. Gleichzeitig sabotierte er alle sich bietenden Stabilisierungsangebote, weil er sich wohl bloß im Unauffindbaren und in der Entwurzelung selbst zuhause zu fühlen schien. Diesen Eindruck stiften zahlreiche seiner Texte.

Es dauerte einige Jahre, bis ich selbst begann, stärker zu unterscheiden zwischen dem, was mich unüberwindbar zu bestimmen scheint, und dem, was als Möglichkeit der – autonomen - Selbstbildung und Selbstbestimmung, zu der ich mich entscheiden kann, in mir ist und zum Ausdruck kommen kann: Hingabe und Verzeihen, Aufbruch und Neubeginn sowie proaktives – mutiges - Denken, Fühlen und Handeln. Ich erkannte und erlebte am eigenen Leib, dass uns die Welt nicht bloß begegnet und nötigt, sondern sich durch gezieltes Spüren und ein Imaginieren, welches unsere inneren Spuren und eigenen Muster überwindet, gestalten lässt. Alles, was uns an Lebensglück möglich ist, muss – so die Lektion - bereits im Inneren als Möglichkeit vorbereitet sein: als Hoffnung, Konstruktion oder Bewusstsein. Deshalb hängt auch unser Glück nicht allein (und wohl noch  nicht einmal in erster Linie) vom Außen ab, sondern von unseren inneren Möglichkeiten, mit dem Außen umzugehen, dieses zu erschließen und zu gestalten – als Opfer, als Täter oder als Künstler bzw. als Drama, Heldenepos oder Kunstwerk.

Diese Gedanken markieren auch einen Weg, auf dem wir in neues Gelände gelangen können. Indem wir uns darin üben, immer bewusster die „bewährten“ Wege des Vorwurfs, der Berechtigung, der unbewussten Wiederholungen des Vertrauten überwinden zu können, um uns mutig in den Unterschied (zum Bisherigen) voranzutasten, verändern sich auch Beziehungen, Optionen sowie Zukunftsmöglichkeiten. Diese proaktive Form der Selbstveränderung ist nach meiner Erfahrung die einzige wirklich wirksame Form, das eigene Leben nachhaltig verändern zu können, um zu erwach(s)en. Wenn wir beständig so handeln, dass sich unsere inneren Möglichkeiten erweitern – weil wir Wiederholungen erkennen und vermeiden, uns bewusst in neuen Formen des Agierens üben, um mit einem zweiten oder dritten Blick frisch zu beobachten, was uns da tatsächlich der Fall zu sein scheint -, kann das Außen uns neu, verändert und optionsreicher erscheinen als bisher.

Diese Fokusarbeit ist mühselig und voller Rückschläge – zu klebrig sind unsere vertrauten Sicht- und Verhaltensweisen mit der Wirklichkeit, die wir beständig konstruieren, verwoben. Ein neuer Blick (auf das Alte) muss deshalb geübt, durchgehalten und allmählich habitualisiert werden, was bloß schwer gelingt, da wir dabei beständig gegen ein ganzes Bündel von eigenen Erfahrungen und Haltungen ankämpfen müssen, die tiefer verankert sind als es die feste Absicht zu einer Umkehr und Neubewertung jemals sein könnte. Es hilft deshalb bloß, eigene -bewusste - Entscheidungen zu treffen, sich der damit einhergehenden Umdeutung („Reframing“) in täglicher Meditations- und Fokusarbeit zu vergewissern und immer dann, wenn wir wieder in den alten Vorwurf abgleiten oder uns dieser hinterrücks anspringt, zurückzurudern, uns am – inneren - Riemen zu reißen und umzukehren. Algorithmen zum Zurückrudern-Üben wurden bereits ebenso entwickelt, wie Tools, mit deren Hilfe eine Umkehr angebahnt und eingeleitet werden kann. Warum sollte es nicht möglich sein, entsprechende Tools für eine bewusste, proaktive Persönlichkeitsbildung zu entwickeln?

Eine solche Infragestellungswelt ist auch die Erlebens-, Erfahrungs- und Entwicklungsbasis einer wahrhaft demokratiefähigen Identität. Unsere Eltern wuchsen selbst meist ohne eine solche innere Ausstattung heran. Mein Vater war 12, meine Mutter 9 Jahre alt, als Adolf Hitler die Macht ergriff und damit alle gesellschaftliche Vielfalt, Toleranz und Offenheit sowie fast jeglicher Einsatz für den Schutz des Fremden und Nicht-Deutschen weitgehend erstarben. Ihnen begegneten bereits in ihrem frühen Leben Gewissheiten, die in Stein gemeißelt zu sein schienen und notfalls mit Gewalt durchgesetzt werden durften, und sie lernten, zu schweigen, statt eigene Standpunkte mutig zu verteidigen. Es war eine Atmosphäre des Duckmäusertums und einer ambivalenten Selbstaufwertung, die ihnen als Resonanzrahmen ihrer eigenen Entwicklung zur Verfügung stand – eine Ausgangssituation, die wir uns heute nur schwer vorstellen können. Welches Ich kann sich entwickeln, wenn nahezu alles vorgegeben ist? Welche Zukunft darf zum Ziel werden, wenn Führer, Volk und Vaterland alles überwölben und durchdringen? Welche Menschlichkeit darf reifen, wenn man bereits seine frühe Zeit in der „Hitlerjugend“ (HJ) oder beim „Bund Deutscher Mädchen“ (BDM) zubrachte?

Wir können diese Kontaminierung unserer eigenen Lebenswelten durch die Elternerfahrungen sehen und spüren, neigen jedoch zugleich dazu, deren Auswirkungen zu bagatellisieren. Diese Bagatellisierung ist in die Liebe zu unseren Eltern gewissermaßen „eingenäht“ und versteckt, da wir nicht auf Vater und Mutter blicken und in ihren Augen auch den Wiederglanz von Selbstaufwertung, Größenwahn und Menschenverachtung ertragen könnten. Dieser spricht aus Fotografien einer sich selbst im „Aufbruch“ wähnenden Zeit, deren Ansprüchen man bereit war, alles unterzuordnen und ihnen die eigene Heimat sowie die Söhne und Väter zu „opfern“. Es ist diese Opferbereitschaft, welche die wahre Quelle von  allem ist, an denen unsere Väter und Mütter mitwirkten, indem sie bereits früh auf sich selbst zu verzichten lernten.

 

Spurensuche

„He´s the one who gives his body
as a weapon of the war.
And without him
All this killing can´t go on“
(Donavan)

Es gibt immer Spuren vor dem Anfang. Diese reichen weit zurück. Sie haben ihre Wurzeln nicht allein im eigenen Leben, sondern im Leben der Eltern und Vorfahren. Deren Erleben und Schicksal würzte einst die Muttermilch, mit der wir unsere ersten Eindrücke in uns aufnahmen. Diese wirken in uns fort als eine Einspurung unseres Blickes auf uns selbst und die Welt. Sie statten unsere eigene Gefühlswelt mit ihren Koordinaten aus und begründen unsere Fähigkeiten, uns selbst und andere zu spüren, ohne dass wir zu erkennen vermögen, was uns geschehen ist und geprägt hat. Es sind diffuse Anfangsgefühle, denen wir unser Normalmaß verdanken, mit welchem wir uns selbst und andere vermessen und dabei oft genug verwechseln.

Wie kann man verwechseln, was nicht selbst zu seinen eigenen Bedingungen hat hervortreten können? Diese naheliegende Frage geht am eigentlichen Kern des Geschehens vorbei, da die Menschen nach ihrer Geburt sich zunächst nur in der Weise, wie sie in anderen Resonanz auslösen, zu spüren vermögen. Doch auch der Begriff der Resonanz beschreibt die ersten Schritte auf dem Weg zum Selbstsein nur sehr unvollkommen, ist doch jede Resonanz auch eine Botschaft oder gar Intervention dessen, der sich uns zuwendet oder sich vor uns verschließt. Unsere seelische Grundausstattung setzt sich somit aus den Botschaften derer, die früh um uns waren: unsere ersten signifikanten Bezugspersonen (meist die Eltern), zusammen.

Wenn ich über meine Anfänge nachdenke, frage ich mich: Welche Botschaften derer, bei denen ich aufwuchs, markierten meinen Horizont zu Beginn der 1950er Jahre - nur wenige  Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges? Es war eine große Sprachlosigkeit um uns herum. Geredet wurde viel, aber wenig gesprochen, wenn man das Gespräch als den Raum eines wechselseitigen Bemühens um Verstehen und Verstandenwerden begreift. Ein Sinnbild dieses Nichtverstehens waren die Kirchenlieder und Bibelstellen, die sich uns Wort für Wort einprägten – wir konnten sie aufsagen, ohne dass diese uns etwas zu sagen vermochten. Indem wir so lernten, uns unverstandene Texte anzueignen, blieben auch wir unverstanden und wurden selbst zu solchen Texten: Mitteilungen bloß andeutend, im Geheimnisvollen erstarrend und autistisch jeden bei sich belassend. Im Rückblick wird spürbar, in welcher inneren Einsamkeit wir als Kinder und Jugendliche zu Beginn der 1950er Jahre begannen, unseren Weg zu gehen: mechanisch, ohne das Sprechen über die Welt mit dem Sich Fühlen in der Welt wirklich verbinden zu können: Abgetrennt und ohne Selbst – eine Selbstlosigkeit der besonderen Art.

Unsere Väter und Urväter waren Soldaten, selbst dann, wenn sie nach den Kriegen noch über viele Jahrzehnte andere Berufe ausübten. Ihre prägenden Jugendjahre hatten sie in den großen Kriegen des 20. Jahrhunderts erfahren, wurden körperlich verwundet und seelisch traumatisiert. Ihr Aufbruch geriet zum Zusammenbruch. Der sogenannte Wiederaufbau nach 1945 wurde von Männern und Frauen gestaltet, die ihre Seelen in den Weiten der Schlachtfelder, im Bombenhagel oder auf der Flucht aus dem, was ihnen Heimat gewesen war, gelassen hatten. Es wurde im Außen wieder aufgebaut, man blickte nach vorne. Im Inneren blieben die Trümmerwüsten bestehen.

Ist es verwunderlich, dass ihre Kinder, die im Umgang mit diesen inneren Trümmerwiesen aufwuchsen, selbst seelisch-strukturelle Besonderheiten ausbildeten, mit denen sie bisweilen mehr mit dem elterlichen Schmerz als mit ihrem eigenen, nach Entfaltung drängenden Selbst verbunden waren? Ihr eigentliches Selbst fand mit seinen suchenden Ausdrucksversuchen oft keine spürbare Resonanz und verstummte deshalb. So blieb auch ihr Aufbruch ungehört – durchwirkt, überlagert und letztlich erstickt durch das unbewältigte Erleben der Eltern.

Das erwachende Ich der Kriegskinder wurde dadurch ungewollt missbraucht, um die eigenen Eltern in Anbetracht ihrer Ernüchterungen auf dem Weg in eine neue Normalität zu begleiten.

Diese Wirkungen der sozialen Erblast sind bei den Kriegskindern oder gar Kriegsenkeln gut dokumentiert. Bei diesen handelt es sich um Menschen, deren Eltern selbst an Kriegsgeschehnissen beteiligt gewesen sind, als schwerst Traumatisierte und um wichtige Reifungschancen Betrogene in das Zivilleben zurückkehrten und den Versuch wagten, ein „normales“ Leben zu führen. Die meisten sprachen niemals über ihre Erlebnisse, nur ihre nähere Umgebung hatte unter den Auswirkungen dieser unverarbeiteten Geschehnisse zu leiden. Sie spürten als Kinder von ehemaligen Frontsoldaten deren emotionale Abwesenheit und Verschlossenheit, übernahmen diese nicht bloß als Modell für das eigene Vater- oder Mutterseins, sondern lernten auch ihre berechtigten kindlichen Bedürfnisse und Erwartungen als Kinder zurückzustellen.

Ihre emotionalen Traumatisierungen konnten die Eltern meist nicht bearbeiten, integrieren und überwinden; meist überließen sie dies als Entwicklungsaufgabe ihren Kindern. Deren Anfang war damit bereits durch eine seelische Hypothek belastet, die sie daran hinderte zu sich selbst vorzudringen. In zahlreichen Schilderungen sogenannter Kriegskinder wird diese intergenerationale Arbeitsteilung eindrucksvoll beschrieben. So dokumentierte u.a. die Psychologin Bettina Alberti (geb. 1960) ihre therapeutischen Erfahrungen aus der Arbeit mit Kriegskindern in dem Buch „Seelische Trümmer“ (Alberti 2021). Darin  schreibt sie:

„Nicht zu fühlen, was ist, ist einer unserer wichtigsten Überlebensmechanismen bei Bedrohung. Funktionieren, verdrängen, verleugnen, sich zurückziehen, nichts mehr zeigen von der inneren Wirklichkeit – ohne diese Fähigkeiten könnten Menschen in einer traumatischen Situation geistig und seelisch nicht überleben. Krieg ist aber eine der traumatischsten Situationen in dieser Welt, und so verschlossen diejenigen, die den Zweiten Weltkrieg erlebt hatten, oftmals ihren inneren Seelenraum. Dies wirkt transgenerational auf die nächste Generation. Die Kriegstraumatisierung und die Prägung durch die NS-Paradigmen brachte viele Eltern dieser Zeit dazu, der Seele ihrer Kinder nicht begegnen zu können, was bei diesen Selbstverleugnung, Einsamkeit und Lebensangst bewirkte. Der Bindungssehnsucht Raum zu geben und das eigene Selbst zu besetzen, ohne in Narzissmus abzudriften, ist für die Generation der in den 50er- und 60er-Jahren Geborenen vor dem Hintergrund ihrer kriegsbelasteten Familienbiografien eine kollektive Aufgabe. ´Unsere Eltern räumten die Trümmer der zerstörten Häuser mit den Händen weg – wir, die nächste Generation, sind mit dem Aufräumen der seelischen Trümmer beschäftigt´, sagt eine 1959 Geborene" (ebd., S. 10 f).

Ganz ähnliche Beschreibungen kann man in den von Annette Goos und Hauke Goos herausgegebenen Lebensberichten von Kriegskindern lesen. In ihrem Vorwort schreiben die beiden Herausgebenden:

„Die Generation der Kriegskinder hat nie gelernt, über ihr Inneres zu sprechen (…): Weil es sie als Subjekt mit eigenen Gefühlen und Bedürfnissen, gar nicht gibt“ (Goos/ Goos 2023, S. 13).

Sie zitieren eine Therapeutin mit den Worten:

„Sie sind kaum geübt darin, nach innen zu schauen und zu sagen, wie es ihnen geht und was sie belastet. Das haben sie schlicht nicht gelernt. Die Vergangenheit wird einfach nur als Schwere wahrgenommen, als Last, das ist das höchste der Gefühle“ (ebd.)

Der Blick auf die emotionalen Bedingungen, in denen Kinder und Jugendliche nach dem Krieg heranwuchsen, lässt das Unfassbare verstehbar werden. Das Unfassbare waren diffuse Gefühle der Angst und Schuld sowie verstellte Zugänge zu dem tragenden Gefühl, mit den eigenen Impulsen, Bedürfnissen und Wünschen berechtigt zu sein. Manche dieser Nachwachsenden wussten nie, wie ihnen geschah und welche inneren Kräfte ihre Zuversicht und ihr Zutrauen in die eigenen Möglichkeiten lähmten. Der Familientherapeut und systemische Wissenschaftler Helm Stierlin (1926–2021) spricht von einer kollektiven „Schamabwehr“ (Stierlin 2010, S. 35), die das Denken, Fühlen und Handeln der Überlebenden des Zweiten Weltkrieges sowie auch den Umgang mit ihren Kindern kennzeichnete. Eine wirkliche Aufarbeitung der eigenen Verstrickungen in Militarismus, Imperialismus und Holocaust fand nicht oder erst sehr viel später – zumindest in Ansätzen6 – statt, doch hatten die Deutschen in den 1950er und 1960er Jahren

„(…) noch lange die Abgründe und Trümmer vor Augen, die ein totalitäres Regime den davon betroffenen Menschen zuzumuten vermag“ (ebd.).

Dieser Anschauungsunterricht war mehr „Anschauung“ als „Unterricht“, da die Hintergründe der Ruinen, das geschichtliche Geschehen selbst, in der Schule meist erst spät – in der Oberstufe des Gymnasiums – aufgegriffen, aber analytisch kaum thematisiert wurden. Für die in den 1950er Jahren Geborenen erfolgte dieser Unterricht erst in den späten 1960er Jahren, wobei sich das Entsetzen und das Grauen des Gewesenen mit den pubertären Abgrenzungsbewegungen des Erwachsenwerdens durchmischte. Es war der Beginn einer Protestkultur, die uns Ende der 1960er Jahre aus dem Verdrängungsmief der Eltern direkt in die Arme einer alternativen Gesellschaftsidee trieb, die andernorts und auch im Unterschied zur deutschen Mehrheitsmeinung Gestalt annahm.

Standen wir als Teenager zu Zeiten der Kubakrise im Jahre 1962, noch im gefühlten Proamerikanismus, so weichte dieser zu Zeiten des Vietnamkrieges der Amerikaner, der 1975 mit deren bedingungsloser Kapitulation endete, vollständig auf, ohne unmittelbar eine andere tragfähigen Position zu eröffnen. Wir waren diffus links und folgten aber nicht selten selbst mit unseren politischen Ansichten und Bewertungen einem Rigorismus, der eine emotionale Entschiedenheit ausdrückte, die selbst in den Schwarz-Weiß-Bildern versunkener Epochen wurzelte. Damit waren wir durchaus Kinder unserer Zeit, wie u.a. das CDU-Plakat „Freiheit statt Sozialismus“ im Bundestagswahlkampf 1975 zeigte. Diese Zeit war keine der Auseinandersetzung und differenzierten Analyse, sondern die Zeit einer aus dem Nationalsozialismus oder gar dem Kaiserreich fortwirkende Rigidität, aus der wir uns bloß selbst durch nüchternes Denken allmählich befreien konnten.

Während der Vorwurf des „Linksfaschismus“, wie ihn Jürgen Habermas 1967 (vgl. Habermas 1968) gegenüber den sich eskalierenden Protestbewegungen der APO (=Außerparlamentarische Opposition) als Warnung ins Feld führte, von vielen als ungehörig verworfen wurde, stießen der „Demokratische Sozialismus“ und die Ostpolitik, wie sie der spätere Bundeskanzler Willy Brandt (1913–1992) profilierte, auf eine deutlichere Resonanz in den Suchbewegungen derer, die sich aus der elterlichen Verdrängungskultur und ihrer diffusen Vordergründigkeit sowie bisweilen religiös durchformten Wohlanständigkeit zu befreien trachteten. Wir wiederholten – ohne dies zu bemerken - die Entnazifizierung unserer Eltern als eine Befreiung aus hegemonialem Erklärungsanspruch und einer im Kern vordemokratisch-rigorosen Einseitigkeit. Gleichzeitig verschlangen wir in dieser Zeit der Suchbewegungen die Bücher von Ho Chi Minh, Mao Zedong, Marx und Lenin ebenso, wie die von Sartre und Camus, griffen aber auch zu den programmatischen Texten von Erhard Eppler (1926-2019), dem späteren Entwicklungshilfeminister, oder Peter Glotz (1939-2005), dem heimliche Vordenker der SPD auf ihrem Weg zum demokratischen Sozialismus. Insbesondere das Buch von Peter Glotz hinterließ bei mir durch seine kaum zu übertreffende Klarheit und seinen nüchternen Evidenzbezug deutliche Spuren (vgl. Glotz 1975).

Wie wir sind und wie wir denken, fühlen und handeln, können wir nur begrenzt selbst entscheiden. Es gibt keinen Punkt Null.

Die Fähigkeit zur reflexiven Selbstwahrnehmung erreichen wir vielmehr meist erst, wenn unser Leben sich bereits in vollem Lauf befindet – wenn überhaupt. Wir haben zu keinem Zeitpunkt die Wahl, wie wir die Welt spüren und verstehen wollen, vielmehr sind wir geprägt durch die Ängste, Entschlossenheiten und  Lebensweisheiten, welche uns früh eingeflüstert wurden. Diese prägen die Grundmuster unseres Selbst, d.h. unserer typischen Formen mit neuartigen, offenen oder gar unbekannten oder ängstigenden Situationen umzugehen. Dieser Sachverhalt wird im Blick auf frühe Traumatisierungen besonders deutlich, er gilt aber auch für die unspektakuläreren Formen unserer Sozialisation.

„Sozialisation“ – welch ein Wort? Es bezeichnet die Prozesse der Selbstwerdung in der Bezogenheit. Ohne diese Bezogenheit auf Eltern, Geschwister, Familie, Freunde oder die Gemeinschaft, in der wir heranwachsen, kann die Personwerdung nicht gelingen. Diese Einsicht ist grundlegend für sämtliche Forschungen der letzten hundert Jahre:

Unser Selbst entwickelt sich durch Imitation, Übernahme und eigene Suchbewegung, getragen von Beziehung und eingebettet in die Emotionalität der frühen Jahre.

Dabei gilt: Nicht alles was wir erleben durften, hat uns gegolten oder gar gedient. Vieles folgte der Logik anderer Biographien, deren Mustern wir ausgesetzt waren und als Normalität erlebten, weil eine andere nicht zugänglich und eine Alternative nicht verfügbar gewesen ist. Erst in der fortgeschrittenen Biographie beginnen wir zu begreifen, wie stark uns diese Muster der Herkunft geprägt haben. Sie haben uns Bilder der Normalität gestiftet, und wir konnten gar nicht anders als durch diese erlebte „Normalität“ auf das zu blicken, was wir selbst erlebten. Auf diese Weise lebte die Vergangenheit unserer Eltern in uns fort, und wir wurden Teil einer über Jahrzehnte, wenn nicht gar Jahrhunderte sich erstreckenden Kontinuität.

Mein Großvater Richard war als Soldat im ersten Weltkrieg den Stellungskämpfen, Materialschlachten und Gaseinsätzen ausgesetzt. Jahre später erblindete er plötzlich und unerwartet – eine Spätfolge des Kontaktes mit Kampfgas. Eines Abends – es muss Anfang der 1920er Jahre gewesen sein - saß er lesend im Wohnzimmer und fragte sein Frau: „Warum hast Du denn das Licht ausgeschaltet?“ Sie hatte das Licht nicht ausgeschaltet. Er war von jetzt auf nachher erblindet. Mein Vater wuchs bei einem Vater auf, der nicht mehr sehen und ihn auch nicht in die Augen sehen konnte. Es war vielmehr sein Sohn, der ihm im Alltag half, ihn begleitete und ihm beschrieb, was sein Vater selbst nicht mehr sehen konnte – eine Vaterlosigkeit der besonderen Art, und zugleich zeigt diese Geschichte, dass mein Vater selbst ein Kriegskind gewesen ist.

Das Ergebnisse solcher sozialen Kettenreaktionen waren nicht bloß Kinder, deren Eltern durch den Krieg um wichtigen Dimensionen einer gesunden Selbstentwicklung und eines authentischen Selbstausdrucks beraubt worden waren, vielmehr konnten sie selbst die Bezogenheit zu ihren eigenen Kindern, den Kriegsenkeln, in einer bloß eingeschränkten Form leben. Ihnen waren die Bilder einer wirklichen Vater- oder Mutterschaft vorenthalten worden.

In dem von Michael Schneider und Joachim Süss herausgegebenen Buch „Nebelkinder“, mit dem programmatischen Untertitel „Kriegsenkel treten aus dem Traumaschatten der Geschichte“ (Schneider/ Süss 2015) finden sich zahlreiche Dokumente einer in dieser Weise behinderten Anfangssituation des Lebens. Merle Hilbik (geb.1969) beschreibt z.B. in diesem Reader das verschlossene Verhalten ihrer Eltern mit der Einschätzung,

„(…) dass sie die Erinnerungen so tief in sich vergraben haben, dass sie sich vielleicht nicht einmal bewusst waren, dass da überhaupt etwas war, Der Krieg war eine staubige Akte, die sie in einer Kiste im Keller deponiert und vergessen hatten“ (Hilbik 2015, S. 47).

Ähnlich ist es z.B. für die Überlebenden des Holocaust mehr oder weniger typisch, dass es ihnen schlecht geht, wie Angela Baumgart beschreibt. Diese Menschen

„(…) inszenieren Probleme in der Gegenwart, die eigentlich mit der Vergangenheit ihrer Eltern oder Großeltern zu tun haben. Durch diese selbst inszenierten Schwierigkeiten geht es ihnen annähernd genauso schlecht. Und wenn es ihnen ausnahmsweise mal gut geht, ist dies mit Schuldgefühlen verbunden.

Bei mir ist es ähnlich. Wenn es mir schlecht geht, fühle ich mich meiner Mutter und meinen Omas nahe. Es gib kaum einen glücklicheren Normalzustand für mich und keinen sichereren Ort, an dem ich mich geborgen fühle“ (Baumgart 2015, S. 82).

Solche Blicke sind ungewöhnlich. Sie setzen das Augenblickliche in Beziehung zu dem Vergangenen und unterstellen eine Kontinuität des subjektiv als normal Empfundenen, die sich über Generationsgrenzen erstreckt. Populär ist diese Sicht der Dinge nicht, wohl aber erklärungsstark. Sie sprengt den in den Sozialwissenschaften verbreiteten Blick auf das einzelne Individuum und setzt dieses in den Kontext der im sehr persönlichen Kontakt überlieferten Gewissheiten. Diese werden emotional eingespurt; das kleine Kind erlebt die Welt seiner Eltern – es ist geradezu die Welt seiner Eltern! In dieser entwickelt es nicht allein sein eigenes Weltbild, es übernimmt auch verstehende Funktionen, lange bevor die Kräfte der Selbstdistanzierung und Reflexion einsetzen können. Und auch diese Kräfte führen nur selten zu der Autonomie, die wir so gerne unterstellen, vielmehr folgen wir in aller Regel einer schier unauflöslichen Verwobenheit mit den frühen Loyalitäten, zu denen wir emotional verführt wurden, ohne diese inneren Prägungen zu durchschauen. Nicht wenige finden sich im Erwachsenenalter dann immer wieder in Lebenslagen wieder, die sie von einem Unglück zum anderen führen - ohne zu begreifen, dass es gerade diese eigene biographische Kontinuität ist, durch die sie die Verbundenheit, Treue und Liebe zu den Kriegs-Generationen, denen sie entstammen, ausdrücken.

Für eine wirkliche Reifung der Persönlichkeit ist es deshalb unerlässlich, sich in einer rückblickenden Bewegung mit dem Schicksal der eigenen Eltern und Großeltern verstehend zu befassen. Nur in einer solchen aufdeckenden Bewegung können wir dem, was uns aus der Tiefe heraus mitbestimmt und orientiert wirklich näher kommen. Dabei geht es nicht darum, sich in einfachen Ursachenerklärungen oder gar Schuldzuweisungen zu ergehen. Vielmehr ist es das Ziel einer solchen Rückbesinnung, uns zu dem Quell-Code unserer eigenen Prägungen vorzutasten. Dabei werden wir fündig, wenn uns der Doppelschritt einer Reifung durch ein selbsteinschließendes Tiefenverstehen gelingt. Dieser Doppelschritt umfasst die beiden Bewegungen:

  • „Meine Gewissheit ist nicht deine Gewissheit!“ Sie ist vielmehr Ergebnis und Ausdruck meiner Lebensbewegung. In dieser wurden mir Erklärungen eingeflüstert, die sich tief in mir zum tragenden Fundament meines Selbst und meines Ausdrucks verdichtet haben. Ich bin so, wie ich habe werden können! Diese Basis meines Selbst kann ich nicht ganz aufgeben, ohne mich zu verlieren, weshalb etwas in mir dazu neigt, mich immer wieder in Lagen zu (ver)führen, die ich ähnlich spüren kann, um mich „sicher“ zu fühlen. Aber indem mir diese Zusammenhänge deutlich werden, öffne ich mich gegenüber der grundlegenden Einsicht, dass die Welt nicht bloß so ist, wie ich sie spüre und verstehe. „Es könnte auch ganz anders sein!“ – dieser Satz ist der Schlüssel, der mir den Zugang zu meiner inneren und auch äußeren Vielfalt öffnet.
  • „Ich darf auch anders sein!“ Nur wir selbst können uns dazu einladen, neue Ausdrucksformen von uns selbst zum Leben zu erwecken, indem wir in uns hineinlauschen und auch unsere Umgebung mit ihren eigentlichen Möglichkeiten achtsamer zu spüren beginnen. „Muss ich zu dem Stellung nehmen, was mir da gerade der Fall zu sein scheint? Inwieweit würde mich diese Stellungnahme festlegen und mir ein anderes – frisches - Erleben dieser Situation verstellen? Könnte ich experimentell mit dieser Äußerung, Situation oder Stimmung umgehen?“ Diese Fragen rücken eine Vielfalt anderer Formen des Lebens in den Blick, denen wir uns im Alltag gerne verschließen. Damit sorgen wir aber auch – ungewollt – selbst dafür, dass alles so bleiben kann, wie wir es kennen, befürchten oder brauchen.

Abb.1: Ying-Yang eines selbsteinschließenden Verstehens

Indem wir uns auf diese Doppelbewegung eines selbsteinschließenden Verstehens einlassen, kann sich alles verändern: Wir können ganz allmählich unser Selbst transformieren und aus bekannten Reaktionsmustern heraustasten, indem wir allzu Bekanntes zu vermeiden üben und uns immer wieder fragen: „Was rufen diese neue Lage, die damit einhergehende Stimmung in mir sowie mein spontaner Reaktionsimpuls mir über mich selbst (und meine Erblast) in Erinnerung?“

Als Erblast bezeichne ich dabei die Summe der Strukturbesonderheiten, die mein Denken, mein Fühlen und mein Handeln seit jeher bestimmen. Diese habe ich mir nicht selbst geschaffen, sie sind vielmehr die innere Seite meiner Lebenswelt, nämlich meine Innenwelt – gewissermaßen die innere und verinnerlichte Seite der äußeren Gegebenheiten meines Aufwachsens. Es sind die Themen, Stimmungen, Redensarten sowie Gefühlswelten, in denen ich Beziehung und Bezogenheit erleben durfte. Auch meine eigene Beziehungsfähigkeit oder Beziehungslosigkeit hat in diesem Amalgam aus frühen Erfahrungen und Erleben seine tiefen Wurzeln. Diese bilden die Haut, aus der wir kaum entschlüpfen können. Wenn wir uns berechtigt fühlen und Recht haben wollen, spricht aus uns diese Erlebensgewissheit und wir deuten die Lage so, wie wir strukturell ähnliche Lagen auszuhalten gelernt haben.

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1 Erwachsenenbildungswissenschaftler:innen blicken auf ihren Gegenstand auch aus den eigenen Formen ihres Erwachsenwerdens – oft selbst noch unterwegs, eine Ausdrucksform ungewollt zum Maßstab erhebend, die noch unfertig sowie durchwirkt und überladen von Ansprüchen und Antreibern ist, die der Klärung harren.
2 Angelus Silesius war ein berühmter Theologe, Mystiker und Arzt im Barock. Mit seinen Epigrammen zählt er heute zu einem der bedeutendsten Vertreter dieser Epoche.
3 Diese Grundfragen finden sich bereits in Immanuel Kants „Kritik der reinen Vernunft“ (von 1781).
4 Philipp Felsch, Professor für Kulturgeschichte an der Humboldt-Universität in Berlin, berichtet in seiner Habermas-Biographie, dass dieser – wie viele seiner Zeitgenossen – zu einer „brutalen Aneignung“ neigte und wirft die Frage auf: „Lässt sich am bibliografischen Hunger seines Oevres (gemeint: das Oevre von Jürgen Habermas; R.A.) nicht vielmehr die Mentalität der Wiederaufbaujahre erkennen – als habe der für die Generation Herzinfarkt so charakteristische Hang zur Überanstrengung auch auf deren Geistesarbeiter abgefärbt?“ (Felsch 2024, S.33).
5 In der Psychotherapie ist in diesem Zusammenhang von einem „Überlebensschuldsyndrom“ die Rede, das sich in intergenerationalen Beziehungen in einer Art „Gefühlserbschaft“ (Freud) auswirken kann. Forschungen bestätigen, „dass traumatische Erfahrungen nur dann an die nächste Generation übermittelt werden, wenn sie von den Betroffenen nicht verarbeitet und folglich auch nicht in die Konstruktion eines lebensgeschichtlichen Sinnzusammenhangs eingebettet werden können“ (Moré 2013).
6 Die Ausstrahlung der Fernsehserie Holocaust am 22.1.1979 im deutschen Fernsehen führte vielerorts zu leergefegten Straßen und brachte den Deutschen wohl zum ersten Mal die Leiden der Juden im Nationalsozialismus auch emotional nahe. Viele sehen bis heute in dieser Wirkung eine Öffnung der Gesellschaft für eine Aufarbeitung der eigenen verhängnisvollen Geschichte und die nachhaltige Etablierung einer Erinnerungskultur.

Literatur