„erwachsen“ hat ein „s“ zu viel | 2

Mit den Jahren veränderte sich für viele Kriegskinder und Kriegsenkel der Blick auf die Eltern. In den Fokus trat auch die starke Resilienz, die aus ihrem Bemühen um einen Neuanfang nach 1945, der wohl kaum anders gelingen konnte als durch eine Verdrängung der Schrecken der Vergangenheit, sprach. Diese hatten sie nicht nur erduldet, sondern sahen sich gezwungen, in Armee und Gesellschaft „mitzumachen“ – ein neutrales Verbum, das ohne Vorwurf daherzukommen scheint, aber doch als solcher empfunden wurde. Je mehr wir selbst den Weg in die Erwachsenenrolle fanden und gestalteten, desto deutlicher verstummte der leise Vorwurf gegen die Eltern, der das kollektive Bewusstsein der Nachwachsenden in den 1960er und 1970er Jahren bestimmte. Viele begannen zu verstehen, dass sie sich selbst als Zwanzigjährige vielleicht auch nicht dem Widerstand angeschlossen hätten, sondern ebenfalls darum bemüht gewesen wären, ihr Leben in den Nischen des Totalitären mehr oder weniger sicher sowie ungestört und bequem einzurichten, ohne aktiv „mitzumachen“.


Meine Mutter erzählte mir, dass eine Schulfreundin sie aufforderte, auf ihrem Nachhauseweg einmal in der S-Bahn sitzen zu bleiben und bis zur Endstation mitzufahren. Dies war in Posen, wohin zahlreiche Lettlanddeutsche 1939 umgesiedelt wurden. Sie befolgte den Rat und fuhr an einem KZ vorbei, an dessen Zäunen sie die ausgemergelten, von Hunger und Entbehrung gezeichneten Insassen sah. Bestürzt fuhr sie nach Hause und erzählte dies ihrem Vater, der daraufhin sagte: „Sprich niemals mit irgendjemanden darüber, was Du gesehen hast, und vergiss das Ganze!“ Und mein Vater erzählte, dass ihn als junger Soldat in Polen – er war selbst 19 Jahre alt – ein älterer Jude ganz aufgeregt angesprochen habe, da seine Familie die Aufforderung erhalten hatte, sich am nächsten Tag mit kleinem Gepäck am Güterbahnhof einzufinden, um mit unbekanntem Ziel „weggebracht“ zu werden. Mein Vater habe ihn guten Gewissens beruhigt, dass es wahrscheinlich bloß darum gehe, Zivilisten aus der Kampfzone zu evakuieren – er konnte sich ganz offensichtlich zum damaligen Zeitpunkt wirklich nicht vorstellen, was die jüdischen Familien nach ihrem Abtransport erwartete.


Jahre nach dem Tod meines Vaters (im Jahre 2005) fand ich im Nachlass meiner Mutter auch Aufzeichnungen, die mein Vater 2003 – zwei Jahre vor seinem Tod – abgeschlossen haben musste. In diesen beschreibt er seine große Verbitterung nach dem Krieg, als er erkennen musste, für welche verbrecherischen Absichten seine Generation hatte herhalten müssen. Er berichtet dabei auch, dass ihm als ganz jungem Mann glaubhaft eingeredet wurde, dass Deutschland von seinen Nachbarn bedroht werde und entschlossen verteidigt werden müsse – eine „selbstlose“ Inanspruchnahme durch eine überwältigenden „Mission“, die alle zarten Versuche einer proaktiven und selbstbestimmten Gestaltung des eigenen Lebens überwucherte und im Keim erstickte. Oft frage ich mich, was und wie mein Vater hätte werden wollen, wenn er dieser Überwältigung nicht zu Beginn seines Eigenen ausgesetzt worden wäre. Geht mich diese Frage etwas an? Ja, denn in mir selbst und zahlreichen Angehörigen meiner Generation wirkt diese Überwältigung des Eigenen durch etwas Totalitäres subtil und unverstanden fort – hat es doch einen Kraftquell weitgehend zum Versiegen gebracht, aus dem auch wir, die Nachwachsenden, uns hätten nähren wollen.


Die Eltern sprachen nicht über das, was sie in den Jahren des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges (1939–1945) selbst erleben, erdulden und erleiden mussten. Insbesondere aus dem Krieg heimgekehrte Väter waren meist emotional gebrochen. Ungewissheit, Massensterben und die kollektive Scham nach dem Erkennen der Gräueltaten in deutschem Namen hatten ihre innere Lebenskraft geschwächt. Man kann als Nachgeborener kaum nachvollziehen, wie man sein Leben entschlossen gestalten kann, wenn man auch innerlich bei null neu startet. Die „Stunde Null“ beschrieb auch diese kollektiv-psychologische Ausgangslage unserer Eltern: Sie versuchten, neu zu starten und machten dabei mit ihrer Verdrängung des Erlebten und mit ihrem Schweigen über das Böse ungewollt sich selbst sowie ihren Kindern etwas vor. Viele dieser Kinder starteten nicht bei null, sondern bei minus 10 – nicht wissend, was ihren Lebensmut abbremste und sie ungewollt zu Spezialisten im Verdrängen von Trauer und Traurigkeit werden ließ.


Ein unbekannter Dichter hat dieses Schweigen in bislang unveröffentlichten Versen in die Worte gefasst: 


Das Schweigen der Väter
Seit mehr als siebzig Jahren schon
schweigt ihr vor dem Unsagbaren
und uns schwere Träume droh´n,
um das Grauen zu erfahren. 


Dieses geht nicht einfach fort,
es legt sich auf und zwischen uns,
findet auch so manchen Ort
um zu dunklen uns´re Stund´. 


An diesem ward ihr selbst beteiligt,
nicht gewollt, auch selbst bedroht,
hattet ihr es viel zu eilig,
zu vergessen – noch verroht.


                    Warum konntet ihr nicht sprechen,
                    nicht erzählen, was geschah
                    auch erklären die Verbrechen,
                    die zu dulden Mitschuld war. 


Eure Schuld ließet ihr offen,
nicht wissend, dass dies gar nicht geht.
Vergebens eure Kinder hoffen,
dass ihr Lebensglück sich dreht. 


Und sie nicht durch Schuld gelähmt
im eig´nen Leben stecken bleiben,
weil sie ständig ganz beschämt
in der Schwere sich aufreiben


Statt zu gestalten, was nur ihnen
ward an Lebenskraft verliehen
Nicht blind folgend euren Schienen,
um nach Auschwitz zu entfliehen. 


Dorthin, wo eure Unschuld blieb,
im Terror durchaus wohl geordnet
was der deutsche Michel trieb
als Hochmut die Moral gemordet.


                    Warum konntet ihr nicht sprechen,
                    nicht erzählen, was geschah
                   
auch erklären die Verbrechen,
                   
die zu dulden Mitschuld war.


Noch Jahrzehnte später wirken
Eure Taten bitter nach
Schuld verborgen in dem Nirgends
machen traurig uns und schwach.


                    Warum konntet ihr nicht sprechen,
                    nicht erzählen, was geschah
                   
auch erklären die Verbrechen,
                   
die zu dulden, Mitschuld war.


Die Spuren des eigenen Lebens wurzeln tief. Sie weisen weit zurück und prägen unser Fühlen, Denken und Handeln – nicht vollständig, aber doch in einer subtilen Bestimmung dessen, was wir für zulässig, möglich und angemessen halten. Dabei sind es nicht allein die Schatten der Vergangenheit, sondern auch ihre Lichtverhältnisse. Je nachdem, ob das Leben unserer Vorfahren durch Sesshaftigkeit, Sicherheit und Wohlstand geprägt oder durch Verfolgung, Armut und Bedrohung gekennzeichnet gewesen ist, wird das eigene Leben eher von Vorsicht oder Zuversicht getragen. Diese epigenetischen Grundlagen des Individuellen sind in der Wissenschaft gut belegt, wenn auch nicht erklärt. Sie können die Weltsicht von Familien, Ethnien und Nationen prägen – selbst, wenn diese Wirkungen nicht zwingend in jedem einzelnen, sondern bloß als signifikanter Trend feststellbar sind. Nicht selten wird in finsteren Zeiten dieses kollektive Unbewusste angesprochen, und ehe sich die Individuen versehen, werden sie selbst von einem emotionalen Tiefenrausch mitgerissen, zu dem sie sich willentlich niemals entschieden hätten (vgl. Goldhagen 2012).


Selbst wenn wir fest entschlossen zu den Grundwerten unserer demokratischen Verfassung und der Menschenrechte stehen, scheinen nicht alle  Menschen innerlich gut gewappnet zu sein gegen diese heimliche Prädisposition in ihrer Seele. Wo sind diese historisch verankert? Im zweiten oder ersten Weltkrieg? In den Auseinandersetzungen des 19., 18, oder 17. Jahrhunderts? Wie wirken die kollektiven Erfahrungen der Bedrohung im 30jährigen Krieges (1618–1648), in dem ganze Landstriche entvölkert wurden, in unseren Seelen fort – auch die Erfahrung, dass es überlebenssichernder sei, sich opportunistisch auf die Seite des jeweils Stärkeren zu schlagen, statt sich selbst und die eigenen Kinder den Schlächtern der Gegenseite auszuliefern? Wo liegen die eigentlichen Wurzeln unserer inneren Vergangenheit? Und inwieweit verweisen Aggression, imperiales Gehabe und die Verknechtung sowie Ausbeutung anderer Völker nicht allein auf die Bosheit der jeweiligen Feinde, sondern wurzeln auch als lauernde Bereitschaft in unseren eigenen Genen?


Trotz Aufklärung und Humanismus brachte Europa, allem voran das Land der Dichter und Denker, unvorstellbares Grauen in die Welt. Doch auch das Leben mit der Schuld der Väter sowie die Unverzichtbarkeit von Wiedergutmachung und Versöhnung fanden Eingang in das kollektive Gedächtnis der Völker der Täter. Unsere Seelen werden nicht nur von den rücksichtslosen Weltbildern unserer Vorfahren, sondern auch von ihren Versöhnungsgesten und ihrem selbstlosen und tatkräftigen Einsatz für Würde, Toleranz und Gerechtigkeit durchwirkt und getragen. Wissen wir sicher, ob unter unseren Vorfahren nur Mitläufer oder gar auch Täter waren? Oder dürfen wir hoffen, dass es unter ihnen auch Menschen im Widerstand gab – Desserteure, Kritiker, wahre Demokraten oder mutige und kompromisslose Christen?


Wie viele Generationen benötigen wir, um das eigene Denken, Fühlen und Handeln gegenüber der inneren Gefahr des Wegsehens, Mitlaufens oder gar Beteiligtseins sicher zu wappnen? Und: Welche intergenerational wirksamen – gleichwohl unbestellten – Einspurungen unseres eigenen Denkens, Fühlens und Handelns lauern bereitwillig in uns, um anzuspringen, wenn Autokratismus, chauvinistische Selbstüberhöhungen oder aufkommende Feindbilder in Europa wieder salonfähig werden und unsere Lebenswelt sowie Lebensmöglichkeiten mitzubestimmen beginnen? Zu welchen Widerstandsformen können wir greifen, damit wir selbst, aber vor allem unsere Kinder und Enkelkinder dereinst nicht in autokratischen Gesellschaften oder gar in ständiger Kriegsgefahr oder dauerhafter Verarmung leben müssen? Sind die von T. W. Adorno (1903–1969) u.a. beschriebenen kollektiven Charaktermerkmale des Deutschen, autoritären Lösungen zuzuneigen – nach oben zu buckeln und nach unten zu treten –, mittlerweile unwirksam oder dauern sie verborgen fort, um jederzeit wieder aufzuleben? Und wie können wir vermeiden, dass die uns subtil überlieferte – teutonische – Rigidität nicht beginnt, unser eigenes Denken, Fühlen und Handeln zu bestimmen, indem wir uns innerlich bequem und mit unterkomplexen Begründungen einrichten, da doch die Kriegstreiber letztlich stets die anderen zu sein scheinen? Doch tritt nicht auch in der Art und Weise, wie wir Kriegstreibern begegnen, ansatzweise wiederum derselbe Stoff zutage, den wir nur im Gegenüber meinen bekämpfen zu sollen, nicht  als lauernde Bereitschaft in uns selbst?


Klaus von Donany (geb. 1928) beschreibt in seinem letzten Buch „Nationale Interessen“ (Donany 2022), wie die Fragwürdigkeit des westlichen Umgangs mit den russischen Sicherheitsinteressen, die komplexe Verstrickung nationaler Interessen auf allen Seiten – auch auf Seiten der Nato-Staaten – sich letztlich verhängnisvoll auswirkten und man immer weniger in der Lage gewesen sei, die „berechtigten“ Interessen aller zu berücksichtigen. Diese Einseitigkeit begünstigte letztlich die verbrecherische Eskalation der für Russland ungelösten Sicherheitsfragen durch den Überfall auf die Ukraine im Februar 2022. Die Kämpfe finden überwiegend in ukrainischen Gebieten statt, durch die auch im zweiten Weltkrieg deutsche Panzer rollten. Und die noch lebenden Wehrmachtssoldaten werden dabei in den Nachrichten mit Ortsnamen konfrontiert, die sie zum letzten Mal im eigenen Kriegserleben, über das sie kaum reden konnten, gehört haben: Kiew, Bachmut … aber auch Rostow. Auch die Kriegskinder kennen diese Ortsnamen aus dem Nachlass ihrer Eltern und spüren, wie das aktuelle Kriegsgeschehen ihre von den Vätern übernommenen diffusen Ängste und Beklemmungen wiederbelebt.


Mein eigener Vater war im Juli 1942 im Alter von 21 Jahren bei der zweiten Eroberung von Rostow als Panzeroffizier dabei. Im August dieses Jahres wurden dort zwischen 15.000 und 18.000 Juden durch Massenerschießungen sowie Tausende von Psychiatriepatient:innen und russische Kriegsgefangene systematisch ermordet – ohne dass die deutsche Wehrmacht davon etwas mitbekam – so die offizielle Lesart. Dabei wurden am 11. Und 12. August 1942 etwa 20.000 Juden in der Schlangenschlucht (Smijewskaja Balka) erschossen. Etwa 50.000 Einwohner von Rostow, d.h. etwa ein Zehntel der Vorkriegseinwohnerzahl, wurden als Zwangsarbeiter nach Deutschland gebracht. Das Massaker in der Schlangenschlucht wurde von der Einsatzgruppe D des Sicherheitsdienstes durchgeführt, welche der 11. Arme der Wehrmacht zugeteilt war, wie man bei Wikipedia erfahren kann.7


Die frühen Spuren, auf denen sich die in den späten 1960er Jahren erwachende Generation bewegte, waren Kriegsspuren. Diese führten nirgendwohin. Gleichwohl waren sie ständig präsent: Als Grundstücke, auf denen niemand mehr wohnte, als körperlich Versehrte im Straßenbild, als Familien, die unvollständig blieben und als Geschichten über Menschen, die „im Krieg geblieben sind“. Die Davongekommenen hinterließen ihren Kindern ungewollt eine provisorische Welt, in der man nur schwer Heimat finden und Zukunft gestalten konnte. Verdrängte und unartikulierte Erinnerungen durchwirkten und belasteten die Seelen ihrer Kinder, die meist nicht erkennen konnten, was ihre eigene Lebensenergie bremste und sie in den Modus eines scheiternden Lebens hineinsog. Sie spürten die Scham und die Schuld wie eine kollektive Depression, die man sich nicht leisten wollte, die aber nur verschwinden konnte, wenn man sie benennen, durcharbeiten und verarbeiten konnte.


Dazu gab es keine Gelegenheiten. Und deshalb blieben den Nachwachsenden auch ihre Väter mit den sie prägenden Ernüchterungen, Kränkungen und Traumatisierungen oft emotional unzugänglich. Sie mussten in den 1960er und 1970er Jahren vielfach ohne den stabilisierenden Rückhalt des Väterlichen – als Kinder einer „vaterlosen Gesellschaft“ – erwachsen werden – eine Formulierung, die der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich (1908–1982) im Titel seines 1963 erschienenen Werkes prägte (Mitscherlich 1963). Mitscherlich ging es dabei nicht um einen bedauernden Blick auf das Schwinden traditioneller Rollenbilder. Er beleuchtete vielmehr die psychoanalytisch deutlich zutage tretenden Folgen eines Aufwachsens ohne überzeugende und durch tiefe Bezogenheit gesicherte Orientierungen. Diese gab es nicht, oder es gab sie bloß als vordergründige Maßgaben eines kalten Zynismus, einer aufgesetzten Religiosität oder eines Aufbruchs in die Konsumgesellschaft. Mitscherlich legte den Finger in die Wunde, indem er die „Unfähigkeit zu trauern“ (Mitscherlich/ Mitscherlich 1967) als Grund für das kollektive Schweigen, Verdrängen und Vergessen in den Fokus rückte und damit sichtbar werden ließ, wie wenig orientierende Wirkung von einer solchermaßen „gelebten“ Unglaubwürdigkeit im Erziehungskontakt zwar ungewollt, aber auch unvermeidbar ausgehen musste.


Diese Feststellung ist kein Vorwurf, sondern Ergebnis einer nüchternen Analyse. Es geht nicht um eine Beurteilung oder gar Verurteilung der inneren Möglichkeiten der Kriegsgeneration, sondern um ein Verstehen dessen, was ihr Leben prägte, prägen musste – mit derselben historischen Kontingenz – „they didn´t choose who they are!“  (Lelord 2019) –, die auch unser eigenes Werden durchwirkte und uns zu denen werden ließ, die wir werden konnten: Wir – die Nachgeborenen – im Lichte einer „Gnade der späten Geburt“, wie der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl (1930–2017) dies nannte, sie – die Überlebenden – im Schicksal eines Heranwachsens in der dunkelsten deutschen Epoche, welche ihnen Ideale aufnötigte, die nicht die ihren waren, von denen sie sich aber auch nicht zu distanzieren vermochten. Die Mitscherlichs beschrieben, wie die Kriegsgeneration nach dem Verlust dieser Ideale, kaum anders „konnte“ als die eigene innere Leere dadurch zu überspielen, dass sie sich mit Haut und Haaren dem Wiederaufbau im Außen verschrieb, ohne Anregungen oder gar Hilfestellungen für ihren eigenen inneren Wiederaufbau. Es gab nach dem Krieg keine Anlaufstellen für die Behandlung posttraumatischer Belastungsstörungen, obgleich es diese in Hülle und Fülle gab. Die junge Bundesrepublik war im Kern eine posttraumatische Gesellschaft.


Es spricht viel dafür, dass die Traumata, unter denen unsere Väter nach dem Krieg litten, durch Entzugserscheinungen zusätzlich verstärkt wurden. Die deutschen Wehrmachtssoldaten trugen alle Methamphetamin bzw. das „Schlafbeseitigungsmittel“ Pervitin in ihren Tornistern – Drogen, die sie zu unermüdbaren Zombies werden ließen. Norman Ohler beschreibt in seiner Studie über „Drogen im Dritten Reich“ die oftmals schlachtentscheidende Aufputschwirkung dieser Drogen (Ohler 2020). Noch viele Jahre nach dem Kriegsende schreckte mein Vater schreiend aus dem nächtlichen Schlaf hoch oder fiel aus dem Bett – eine extreme Ausdrucksform posttraumatischer Belastungsstörungen ebenso, wie mögliche Nebenwirkungen eines extremen Drogenentzugs. Vielleicht waren es solche Drogenerfahrungen, die das Aushalten von Extrembelastungen ermöglichten, Aushalten zum alles überlagernden Lebensmodus werden ließen, zugleich aber zu emotionaler Ausdrucksarmut und zur Unfähigkeit zu trauern beitrugen.


In den 1960er und 1970er Jahren brachen die inneren Widersprüche zwischen „Wir sind wieder wer“ und „Wir stehen nicht zu dem, was war“ u.a. im Zusammenhang mit dem Vietnamkrieg unübersehbar auf, und eine ganze Generation begann sich gegen ihre Väter und ihre eigene innere Leere zu erheben. Irrtümlich geriet diese Bewegung „antiautoritär“, obgleich das eigentlich – aktuelle – Manko nicht ein Zuviel, sondern ein Zuwenig an spürbarer Autorität war. „Autorität durch Beziehung“ (von Schlippe/Omer 2016) kannten die Kriegskinder und Kriegsenkel nicht aus eigenem Erleben.


Ralf Junkerjürgen, Professor für romanische Kulturwissenschaften an der Universität Regensburg führt die mit den Karl-May-Filmen der 1960er Jahre aufflammende Popularität von Winnetou und Old Shatterhand darauf zurück, dass – wie er schreibt – beide


„(…) einem neuen Bedürfnis der Deutschen entsprachen, nämlich der tiefen Sehnsucht, sich nach der historischen Katastrophe wieder als Teil der Welt betrachten zu dürfen. Winnetou und Old Shatterhand waren Reintergrations- und Normalisierungsfiguren und lieferten den filmischen und sichtbaren Beweis dafür, dass man erneut zur westlichen Völkergemeinschaft gehörte. (…) Damit nicht genug, Während sich bei Karl May letztlich alles um das `Ich´, mal als Old Shatterhand, Kara Ben Nemsi dreht, verschiebt sich der Fokus der Filme auf Winnetou und damit direkt auf den Völkermord an den Native Americans. Darf, ja muss die deutsche Winnetou-Begeisterung daher nicht auch als verschobene emotionale Auseinandersetzung mit der Shoah verstanden werden?“ (Junkerjürgen 2024, S.20),


Wie dem auch sei, vielleicht kommt einem dieser Zusammenhang zu konstruiert vor. Was man aber gleichwohl feststellen kann, ist, dass die Figur des Winnetous einer vater- und vorbildlosen Generation eine Identifikationsfläche bot, die sie auch moralisch mit dem Denken, Fühlen und Handeln eines „Edelmenschen“ – so der Gegenentwurf Karl Mays gegen den Nietzsch´schen „Übermenschen“ – in Verbindung brachten. In seinem berühmten Vortrag am 22.3.1912 in Wien charakterisierte Karl May Winnetou – wie man bei Günter Scholdt nachlesen kann – als einen Edelmenschen der tatkräftig


„(…) für eine Welt des Friedens, der Abkehr von Ich-Sucht und Gewalt und eine Anstrengung jedes einzelnen im Sinne menschlich-christlicher Vervollkommnung“ (Scholdt 2000)


eintrete. Karl May ging es dabei


„um eine Besserung und Veredelung des Menschen“ (ebd.) –


Eine Interpretationsfläche auf der die eher unglaubwürdig gewordenen religiösen Konzepte in neuer Aufmachung fortleben und Gestalt gewinnen konnten. So betrachtet konnten die „Edelmenschen“ Winnetou und Old Shatterhand ihre sozialisatorische Wirkung gerade in der Generation der vaterlosen Kriegskinder wirksam entfalten.


Diese Edelmensch-Sozialisation war aber selten nachhaltig. Später flüchteten die solchermaßen sozialisierten innerlich oft selbst in eine Autoritätsverwirrtheit sowie eine Beziehungslosigkeit eigener Art. Dabei lehnten sie Autoritäten nicht unisono ab, sondern ersetzten bloß die überlieferten Autoritäten durch Gestalten, die bei genauerer Betrachtung nicht weniger totalitäre Züge aufwiesen wie die Autoritäten, von denen man sich selbst zu distanzieren trachtete. So entstand ein Autoritarismus des Antiautoritären, der sich selbst in seinen Paradoxien mehr und mehr verstrickte. Marx, Lenin, Fidel Castro, Che Guevara oder Mao Tsetung und Ho Chi Minh waren die schillernden Gestalten, von denen sich die Autoritätsverwirrten neue Orientierungen versprachen – ohne tiefe Bezogenheit, gewissermaßen durch intellektuelle Annäherung und Belesenheit, d.h. genauso emotionslos und fragil sowie Richtigkeit und Berechtigung reklamierend, wie die Autorität ohne Bezogenheit, die man in der eigenen Kinderstube erfahren  hatte.


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7 In einer Ausstellung mit dem Titel „Die Vergessenen“ war bis zum 1. November 2018 in Mannheim eine Ausstellung über die „Opfer deutscher Besatzung in Rostow am Don von 1941 bis 1943“ zu sehen.


Literatur