„erwachsen“ hat ein „s“ zu viel | 4

Die Philosophie der letzten Jahre hat begonnen, sich der Frage nach dem Bewusstsein und nach den Möglichkeiten seiner Dekontaminierung durch die historischen, lebensweltlichen und gesellschaftlichen Durchformungen wieder zuzuwenden (vgl. Metzinger 2009; 2023). Dabei thematisiert sie weniger die seelischen Fortwirkungen der „Unfähigkeit zu trauern“ (Mitscherlich/ Mitscherlich 1967) und deren Folgen für die Persönlichkeitsentwicklung, vielmehr wendet sie sich der Hirn- und Emotionsforschung zu und rückt damit die berechenbaren, aber auch banalen – biologischen – Wirkungsmechanismen unseres In- und Mit-der-Welt-Seins in den Fokus. Diese können uns auffallen, und wir können uns von den Eindrücken und „berechtigten“ Reaktionsweisen, die sie uns nahelegen, distanzieren – nach dem Motto:

„Was kann denn ich dafür, dass ich so wahrnehme, denke und fühle, wie das in mir und durch mich geschieht?“

Gleichzeitig wendet sich die neuere Bewusstseinsphilosophie aber auch den Formen und Möglichkeiten einer Selbstbefreiung von den sich in uns zusammenfügenden Wahrnehmungen, Bildern und Beurteilungen zu. Dabei geht sie über die sprachphilosophischen Ernüchterungen hinaus, denen zufolge, wir niemals aus dem „Gefängnis der Sprache“ (Ludwig Wittgenstein) entkommen können, da nur Begriffe und deren grammatikalische Ordnung uns Weltbeschreibungen liefern und Denken sowie Austausch ermöglichen, womit wir „verstehbar“, aber auch berechenbar bleiben. Sie fragt nach den Möglichkeiten eines begriffslosen Gewahrseins, das es uns ermöglicht, uns jenseits der Kontaminierungen durch Lebenswelt und Gesellschaft sowie jenseits der begrenzten Kräfte unserer Sinne und außerhalb des Sprachgefängnisses12 als bewusste Wesen zu uns selbst und der Welt zu positionieren – eine lebenslange Suchbewegung, die u.a. darin ihren Ausdruck findet, dass man sich nicht mehr alles glaubt, was man sich selbst einredet:

Es könnte auch ganz anders sein, und ist es wohl auch! Kontingenz und Unverfügbarkeit bestimmen uns mehr als uns bewusst ist und lieb sein kann.

Auf ein solches reflexives Verständnis von uns selbst und der Welt wurde ich in der Schulzeit auch nicht ansatzweise vorbereitet. Wilhelm von Humboldt, der Begründer der Idee des Humanistischen Gymnasiums, war mit seinen wegweisenden Ideen zur Persönlichkeitsbildung und Ich-Stärkung in dem Altsprachlichen Gymnasium, welches ich besuchte, nicht anzutreffen. Vielmehr erlebte ich als Schüler dieses Gymnasiums die ganze Fragwürdigkeit einer unzeitgemäßen Bildung, die doch allen Ernstes auf der unbewiesenen Hypothese basierte, dass das Eintauchen in die Sprache, Kultur und Welt der alten Griechen und der Römer irgendwelche bleibenden Effekte für meine eigene Persönlichkeitsbildung haben würde. Ich erlebte eine sozial hochselektive Bildungspraxis, die ihre Inhalte und Lernformen bewusst „zweckfrei“ und dadurch lebensfern hielt und geradezu verachtend auf die in den Nachbargebäuden stattfindende – „zweckorientierte“ - berufliche Vorbereitung von Lehrlingen bzw. Auszubildenden schaute. Im Rückblick denke ich bisweilen, dass mich vielleicht doch irgendwie meine Enttäuschung über die mir zugefügte – angeblich humanistische! – Verbildung dazu führte, selbst Bildungswissenschaftler zu werden, der sich neben der Erwachsenenbildung auch schwerpunktmäßig mit der Berufsbildung befasste – dem seit den 1980er Jahren wirklich innovativen Bereich unseres deutschen Bildungswesens. Auf die Frage eines Interviewers anlässlich meines 70. Geburtstages, mit welchem Bildungsdenker ich gerne ein Gespräch führen würde, antwortete ich deshalb spontan:

„Mit Wilhelm von Humboldt, wenn das ginge … über seine Ausschlussthese, der zufolge jegliche (beruflich) nützliche Bildung dem eigentlichen Bildungsanspruch zuwiderlaufe. (…) Weil ich dies für einen der folgenschwersten Denkfehler in der Geschichte der Pädagogik halte, worauf bereits Herwig Blankertz u.a. verwiesen hat, ohne jedoch den Mainstream des pädagogischen Grundgedankenganges wirklich maßgeblich beeinflussen zu können“ (in: Rohs u.a. 2023, S.15).

Meine eigene Suchbewegung ins bewusste Leben begann stolpernd. Die gesellschaftlichen Veränderungen der 1968er erreichten mich als 16/17Jährigen. Die Abwendung von den religiösen Einflüsterungen waren entschieden und voller Angriffe auf Eltern, Pastoren und Obrigkeit, die alle nicht in der Lage waren, uns die tieferen spirituellen und ethischen Dimensionen des Christentums wirklich glaubwürdig und anschlussfähig zu verdeutlichen. Zeitgleich begann ein Lesemarathon, der mich durch die Werke von Sigmund Freud, Carl Gustav Jung, Immanuel Kant und Karl Marx führte – inspiriert durch eine latente Sehnsucht, dem alles ausleuchtenden Hintergrund der Welt näher zu kommen – eine letztlich eschatologische (auf die letzten Dinge gerichtete) Infizierung, in der ich heute die Spätwirkungen meiner „Gottesvergiftung“ (Moser 1989) zu erkennen meine. Es war die gleiche – latente - Illusion des Auserwähltseins, mit der wir dereinst begannen uns zu denen empor zu arbeiten, die die Grundwidersprüche zwischen Kapital und Arbeit wirklich verstanden zu haben meinten, um diese auch tatsächlich überwinden zu helfen. Diese Erhebung war eine Selbstüberhöhung, mit der wir exakt der vorbereiteten seelischen Logik folgten, die wir doch glaubten, hinter uns gelassen zu haben. Wir verirrten uns in linke Sprachspiele, persönliches Auftrumpfen sowie unausgegorene – insuläre – Theorien, die wir gar nicht einzuordnen vermochten. Mein Studium an der Freuen Universität Berlin, welches ich zum Wintersemester 1972 aufnahm, war substanzlos und ohne professionelle Orientierungshilfe, wie wir sie mittlerweile heute für Studienanfänger kennen: Schutzlos wurden wir den sogenannten „Einführungsveranstaltungen“ unterschiedlichster politischen Gruppen ausgesetzt, und die Universität streikte gegen irgendeine vom Senat vorgesehene Regelung, deren Intention ich schon längst vergessen habe.

Ich fühlte mich in dieser Zeit (1972-1974) ziemlich schlecht auf eine selbständige Lebensführung vorbereitet. Sicherlich: Man konnte sich zusammenreißen, Heimweh und Desorientierung aushalten und – wie andere Mitstudierende auch - mutig voranschreiten, doch gab es da eine schwächende Kraft in Anbetracht des – völlig unstrukturierten - Unbekannten, die mich lähmte und schon nach wenigen Semestern in die vertrauten Gefilde der Pfalz zurückkehren ließ. So begann ich dann  an der Erziehungswissenschaftlichen Hochschule Landau) das weiter zu studieren, was man dort studieren konnte (Lehramt Deutsch und Sozialkunde sowie Erziehungswissenschaften) – keine besonnen-abwägende Studienentscheidung, sondern eine Rückkehr in das Vertraute.

Dieser Bericht ist zugleich ein erschütterter Rückblick auf eine einseitig übersteigerte Lebensform, mit deren Hilfe ich die aus den epigenetischen Altlasten herrührende diffusen Ängste, Unsicherheiten … letztlich erfolgreich übertönen konnte. Doch „übertönen“ heißt nicht „sich davon befreien“. Wer sein Eigentliches nur wenig spürt, der ist auch wie gemacht für die Anpassung, das Ertragen und Erdulden – im allenfalls stummen Vorwurf. Der Umgebung, die sich auf ihn einlässt, wird damit unbeabsichtigt etwas vorgemacht. Kaum selbst eingewöhnt in das tragende Gefühl eines O.K.-Seins lässt auch der Getriebene seine Umgebung innerlich beständig zurück, statt sich voll und ganz auf sie einzulassen – eine subtil wirkende Vereinsamungsstrategie, der nicht bewusst wird, welches Ursprungsdrama da beständig re-inszeniert bzw. rekonstelliert13 wird – ein Drama, das zwar nicht ein eigenes ist, einen aber im Kern (mit)bestimmt. Diese selbst verursachte Vereinsamung ist die Kehrseite des angetriebenen Erfolges. 

Nun könnte man einwenden: „Glücklicherweise hast Du diese Zusammenhänge erst zu begreifen begonnen, nachdem die Karriere bereits vollendet war! Sieh mal, was aus Dir geworden ist!“ Doch im Kern sind diese einer Ablenkung folgenden Siege nur Pyrrhrus-Siege, und die Gegenfragen lauten: „Was hätte aus mir werden können, wenn ich dieser diffusen Angst zuvor hätte entschlüpfen können?“ Oder: „Was hätte aus mir werden können, wenn ich mich schon viel früher dem prallen Leben und seinen Möglichkeiten der Begegnung, Beziehung und Vertiefung selbstbewusst hätte öffnen können, statt einer Lebensangst meiner Väter zu frönen?“

Wie dem auch sei: Die latent verankerte (Über-)Lebensangst und innerliche Un(ge)sicher(t)heit hat mich (und viele meiner Generation) zu einem überwertig angetriebenen Leben inspiriert, um der Depression der Vorfahren zu entkommen14, wobei vieles auf der Strecke geblieben ist.

Die antreibende Energie vieler Kriegsenkel ist keine Lebensenergie, sondern in Wahrheit eine, die dem Tode zu entkommen versucht. Doch wer dem Tod entkommt, der gelangt nicht automatisch oder bloß auf Umwegen ins Leben.

Erwachsenwerden ist kein Flanieren durch einen Park der biografischen Möglichkeiten. Diese mögen zwar im Außen in einer bis dato unvorstellbaren Vielfalt vorhanden sein, doch erkennen wir diese nicht als persönliche Perspektiven, wenn sie uns innerlich fremd bleiben. Das eigene Aufwachsen und Er-Wach(s)en benötigt resonante Vorbilder in der unmittelbaren Lebenswelt, um die eigene Selbstwirksamkeit zu erleben und perspektivisch mit einem möglichen - weiteren - Weg zu verbinden. In den 1960er und 1970er Jahren folgte dieser eigene Weg keiner nüchternen Abwägung und Lebensplanung, sondern dem Mainstream der irgendwie nahegelegten nächsten Schritte: So mündeten niedere Bildungsabschlüsse meist automatisch in eine Berufsausbildung, wie Akademikerkinder selbst in der Regel akademische Berufe anstrebten – subtil gesteuert durch die Vorbilder im engeren lebensweltlichen Erfahrungsraum. Zwar konnte in den letzten Jahrzehnten die Durchlässigkeit der Bildungswege enorm erweitert werden, doch sind auch heute noch die soziale Herkunft und das Bildungsniveau der Eltern die eigentlichen Variablen, die den Lebenserfolg der Nachwachsenden bestimmen. Menschen „entscheiden“ somit ihren Weg ins Erwachsensein nicht immer autonom, vielmehr ist dieser häufig bereits bei ihrer Geburt entschieden, und mit jeder Aufstiegsbewegung droht innere Verunsicherung und emotionale Entwurzelung.

Selbst in den Phasen der Bildungsexpansion, gelang nicht allen der nachhaltige soziale Aufstieg durch Bildung. Nicht wenige blieben auf der Strecke oder wurden durch die Aufstiegsbewegung selbst ihrem Herkunftsmilieu und damit sich selbst entfremdet, wie u.a. der erfolgreiche Roman des Franzosen Didier Eribon „Rückkehr nach Reims“ (Eribon 2016) eindrucksvoll beschreibt. Die Gescheiterten kehrten letztlich in die Gefilde ihrer Herkunftsgewissheit zurück. Didier Eribon (geb. 1953) liefert in seinem Roman eine Theoriefolie zum Verständnis des Geschehens. Er nimmt letztlich die gestaltende oder eben auch einengende Kraft des „Habitus“ – ein Konzept von Pierre Bourdieu (1930-2002) – in den Blick. Dieses beschreibt die große Bedeutung der zu Selbstverständlichkeiten geronnenen Formen des Denkens, Fühlens und Handelns, mit denen wir in Milieu und Lebenswelt ausgestattet werden und uns im Vertrauten zu bewegen lernen. Diese Sicherheit entgleitet uns jedoch in dem Moment, in dem wir versuchen, uns in anderen – höheren – gesellschaftlichen Milieus häuslich einzurichten.

Bildungsaufstieg markiert einen solchen Milieuwechsel, der nicht selten die Akteure sich fremd fühlen und orientierungslos werden lässt.

Das Gefühl, nicht dazu zu gehören und unberechtigter Weise eine Position einnehmen zu wollen, verunsichert, beschäftigt und lähmt die Aufsteigenden in einer Weise, die diejenigen, die bereits in das gehobene Milieu hineingeboren wurden, zumeist nicht kennen. Der Bildungsaufstieg ist für diejenigen, die ihn realisieren, so gesehen ein Versprechen, das sich selbst untergräbt. Es erschwert die autonome Aufrichtung auf einem sicheren Erbe der Zugehörigkeit. Er-Wachsen bzw. Erwachsenwerden im Rahmen einer gleichzeitigen Entfremdung vom vertrauten Milieu  kann – wie im Migrationskontext - einer grundlegenden Entwurzelung gleichkommen, die das Individuum „zerreißt“ und „zerteilt“ (Eribon 2017) – eine von den Wissenschaften weitgehend übersehene spezifische Erschwernis der Herausbildung des Erwachsenseins.

Diese biografische Verunsicherung trifft solche Menschen besonders stark, deren frühe Bezugspersonen – wie bereits skizziert - selbst tief verunsichert und enttäuscht darum bemüht waren, innerlich neu Fuß zu fassen. Die – vielfach latente - kollektive Scham der Deutschen im Nachkriegsdeutschland war eine solche Verunsicherung. Kriegskinder und Kriegsenkel wuchsen deshalb im Provisorium einer nach Berechtigung tastenden Suchbewegung heran, die in ihnen selbst die Herausbildung eines Habitus des selbstverständlichen Berechtigtseins beeinträchtigte. Solchermaßen innerlich mit eingeschränkten oder allenfalls religiös-ideologisch aufgepeppten Ersatzstoffen ausgestattet, waren sie innerlich oft bloß schlecht gewappnet, um auch noch die Entfremdungen eines Milieuaufstiegs erfolgreich zu gestalten. Als schier unüberwindbar erwies sich dieser doppelte innere Strukturbruch in solchen Fällen, in denen die gescheiterten Aufstiegshoffnungen der Eltern als Lebensaufgabe an die Kinder delegiert wurden (Motto: „Du musst schaffen, was mir verwehrt geblieben ist!“).

Im Schatten einer solchen projektiven Delegation zu einem eigentlichen Selbst zu er-wachsen, ist ohne eine professionelle Begleitung kaum möglich. Es ist eine Münchhausen-Aufgabe der besonders schwierigen Art. Viele Kriegskinder und Kriegsenkel spürten, dass es bei dem Auftrag, dem sie sich verpflichtet fühlten, nicht wirklich um sie selbst ging, weshalb dieser auch keine stärkende Resonanz in ihrem Innersten zu entfalten vermochte. Es ging vielmehr um die Erfüllung eines – inneren - Versprechens, welches die Eltern sich selbst oder ihren eigenen Eltern gegeben hatten, das sie im darniederliegenden Deutschland jedoch nicht einhalten konnten. Weiteres Delegationsmaterial ergab sich aus der erwähnten „Unfähigkeit zu trauern“ (Mitscherlich/ Mitscherlich 1967). Es wurde verdrängt, nicht getrauert. Die versäumte Trauer wurde vererbt, wie Müller-Hagen 1988 feststellte. Er beschrieb,

„(…) wie die verleugnete und verdrängte Nazivergangenheit auf seelischer Ebene weiterwirkt – und dies bis ins dritte oder vierte Glied. Wir sind heute in der Situation, diese alte biblische Erfahrung erschreckend konkret an uns selbst kennenlernen zu können“ (Müller-Hagen 1988, S.9).

Die in den späten 1940er und 1950er Jahren Geborenen hatten somit innerlich nicht nur an ihrer eigenen resonanzarmen Lebenswelt zu leiden, sie mussten vielfach auch die unbearbeiteten seelischen Themen ihrer Eltern übernehmen. Diese intergenerationale Dynamik, die bereits von Sigmund Freud thematisiert wurde15 und von den systemischen Forschungen zur „vererbten Geschichte“ genauer analysiert wurde (vgl. Couvert 2021), beeinträchtigte das Erwachsenwerden der Nachkriegsgenerationen nicht unerheblich. Vielfach wuchsen die Angehörigen dieser Generationen von Schamgefühlen und diffusen Versagensängsten in ihrer Lebensenergie abgebremst heran und hatten es dadurch deutlich schwerer, eine tragfähige Vorstellung von dem zu entwickeln, worauf sie sich zubewegten. Imperialistische Anmaßung, Rassenwahn, Selbstüberhöhung und grauenvolle – ungesühnte - Verbrechen wirkten in ihren Seelen als diffuse Energien fort, weshalb es eigentlich völlig unzutreffend ist, von einer „Gnade der späten Geburt“ zu sprechen.

Wie diese seelischen Strukturbesonderheiten über die Generationen hinweg weiter gereicht werden und im konkreten Fall das Lebensgefühl und die Lebensenergien der Nachwachsenden beeinträchtigen, lässt sich nicht in einer generalisierbaren Aussage beschreiben. Je nach den jeweiligen Kontextbedingungen, durch die das Leben sie führt, leiten sie die Persönlichkeitsentwicklung in die Irre und eine Wiederholung des Vergeblichen oder werfen sie auf sich selbst zurück. Es ist dieser Moment der „Eigendrehung“, in dem man plötzlich erkennt, dass es keine andere Möglichkeit gibt als die, selbst bei Null zu starten und in die Selbstverantwortung zu gehen.

Diese innere Bewegung gelang mir in meiner Studienzeit (1974-1979. Nach anfänglichem Neuaufflammen der eschatologischen Illusion, die uns in den 70er Jahren dazu verführte, uns als eine Art politischer Avantgarde zu fühlen, die auch in den „Allgemeinen Studentenausschüssen“ (AStA)  ein politisches Mandat (z.B. Stellungnahme zu weltpolitischen Ereignissen, wie z.B. zur Militärdiktatur in Chile) wie selbstverständlich für sich beanspruchte, zog ich mich bereits 1976 bewusst stärker aus diesen Aktivitäten zurück, um mich ganz dem Studium zu widmen. Hintergrund war eine Versachlichung des Blicke auf die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Prozesse, zu der ganz wesentlich der – konservative -  Wirtschaftspädagoge Erich Dauenhauer (1935-2016) und der – sozial-liberale - Soziologe Bernhard Schäfers (geb. 1939) sowie durchaus auch Karlheinz Ingenkamp (1925-2015) beitrugen. Die bildende Kraft des Ersteren erkannte ich erst im Rückblick; als Student war ich mit ihm und seinem Weltbild in ständiger Konfrontation. Schäfers überzeugte mich mit brillanter Argumentation und nüchterner Evidenz (z.B. in seinen Studien zur Sozialstruktur der Bundesrepublik Deutschland), an der alle ideologisch aufgeladenen Argumentationen verdampften. Es war die Zeit, in der ich auch begann, einen tiefen Respekt vor der Komplexität betriebs- und volkswirtschaftlicher sowie gesellschaftlicher Zusammenhänge zu entwickeln – auch das Eintauchen in die Gedanken von Max Weber (1864-1920), der Symbolischen Interaktionisten (Blumer, Mead, Goffman u.a.) oder der Kritischen Theorie (Adorno, Habermas, Horkheimer, Marcuse u.a.) und – Jahre später – der Sytemtheorie von Niklas Luhmann (1927-1998) begann die groben Konzepte der Vergangenheit zu zersetzen und aufzulösen. Dabei schärfte sich nicht nur ganz allmählich ein eigenes wissenschaftliches Profil; die Einblicke in den interpretativen Zugang zu dem, was ist oder zu sein scheint, veränderten vielmehr auch mein eigenes Verständnis von mir selbst und der Welt und führten auch zu einer ersten Distanzierung von dem, was sich in mir selbst beständig zu Wort meldete und zu Reaktionen drängte, die oft grundsätzlich und kompromisslos, aber wenig verstehend, relativierend und zugewandt waren.

Insbesondere in der eigenen Lebenswirklichkeit lebte die alte Schwarz-Weiß-Welt unbestellt immer wieder auf. Erst allmählich konnten rigorose politische Positionen aufweichen, was mit der Zeit sogar zu der seltsamen Praxis führte, dass ich „aus Prinzip“ gegen alle berechtigten Argumentationen war – selbst gegen solche, die meine eigene Einschätzung eigentlich teilten, wenn diese zu entschieden und kompromisslos oder gar mit emotionaler Verve und Engstirnigkeit vertreten wurden. Ich war gewissermaßen „aus Prinzip“ gegen alle Prinzipien, obgleich ich doch selbst welche hatte, für die ich eintrat – eine Paradoxie, aus der man bloß über Begriffsschärfe, Evidenzbasierung und Selbstreflexion auszusteigen vermag.

Eine große Rolle spielte seit meiner Studienzeit der Politologe Fritz Marz (1939-2022), dem ich als Student meines zweiten Hauptfaches Politikwissenschaften begegnete. Fritz ging auf die Menschen zu, interessierte sich für die Gedanken und Argumente seiner Studierenden und lud diese auch zu sich nach Hause ein. Ich erinnere mich noch genau, wie er mich fragte, ob ich mich an einer Veröffentlichung zum Thema „Lernkontrollen im politischen Unterricht“ beteiligen wolle. Damit öffnete er unbewusst einen Weg, den ich mir selbst zum damaligen Zeitpunkt noch nicht zugetraut hätte: den Weg zu einem schreibenden Wissenschaftler. „Der muss mich verwechseln!“, „Wenn der mir bloß auf die Schliche kommt!“ waren Befürchtungen, die mich damals – es muss etwa 1975/1976 gewesen sein – ansprangen. Irgendwann fuhr ich auch an die Uni, um ihm meine Mitwirkung abzusagen; er war aber nicht in seinem Büro. So blieb ich dabei, und es entstand mein ersten Buch in Mitautorenschaft (mit Fritz Marz und Jost Reischmann). Ein zweites folgte 1978 – auf der Basis meiner ersten Staatexamensarbeit („Einführung in die Bildungspolitik“), und allmählich begann ich, mir zuzugestehen, dass meine Texte auch tatsächlich relevant sein könnten (obgleich sie im heutigen Rückblick anfangs noch allzu „wissend“, d.h. beurteilend, abgrenzend und erklärend daherkamen).

Eine tiefe Freundschaft entwickelte sich auch zu meinem Amtsvorgänger, Joachim Münch (1919-2019), der noch viele Jahre nach seiner eigenen Emeritierung (1987) an der Universität präsent war. Es gelang uns beiden, fast die gesamte Zeit meiner eigenen Lehrstuhl-Führung eine wertschätzende und vertrauensvolle Beziehung zu gestalten. Münch war als Emeritus auch noch 25 Jahre nach seiner Pensionierung täglich an der Universität und wie selbstverständlich als ruhiger Begleiter präsent. Wir führten sogar gemeinsame Forschungs- und Publikationsprojekte durch, teilten aber auch ganz persönliche Welten und waren ständig miteinander im Gespräch. Einmal sagte er zu mir: „Weißt Du, Rolf. Mit Dir habe ich über Themen gesprochen, wie mit noch keinem anderen Menschen davor!“ In seinen öffentlichen Auftritten als Sänger sang er auch eine Vertonung des Brecht-Gedichtes „Erinnerungen an die Marie A.“, die ich komponiert hatte. Dieses Gedicht rezitierte er auch bei der Beerdigung seiner Frau – es war den beiden wichtig geworden. Noch kurz vor seinem Tod feierten wir seinen 100. Geburtstag – ich hatte einen Liedermacher engagiert, der ihm einige seiner Lieder sang (darunter auch die „Marie A“).

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12 Nicht von ungefähr landete ich 2023 bei Wilhelm von Humboldt mit seinen Ideen, denen ich in einer Studie, die ich zusammen mit Michael Brater (geb. 1944), dem Begründer der Alanus-Hochschule in Bonn und wegweisendem Ideengeber für eine andere Art der beruflichen Vorbereitung, schrieb, detailliert nachging (vgl. Arnold/ Brater 2025). Dabei war es faszinierend zu verstehen, dass es Humboldt tatsächlich um eine Förderung und Herausbildung der in jedem Menschen auf ganz individuelle Weise schlummernde Kräfte, Talente und Charaktereigenschaften ging – ein Ansatz jenseits aller Nützlichkeitserwägungen, der die Frage aufkommen lässt: „Was – welcher Mensch - hätte aus mir werden können, wenn ich mich in meiner Schulzeit weniger an einem von irgendwelchen Vorstellungen gestifteten Fächer- und Inhalts-Kanon hätte abarbeiten müssen?“

13 Dieses Wort verdanke ich dem Werk der Schweizer Psychoanalytikerin Verena Kast (vgl. Kast 2015).

14 In ihrem viel beachteten Buch „Das Drama des begabten Kindes“ (Miller 2006) beschreibt die Autorin die Grundbewegung eines Lebens, das zwischen den Alternativen der Depression einerseits und der Grandiosität andererseits mäandert – eine Analyse, welche den demokratischen Präsidentschaftskandidaten Al Gore dazu veranlasste, dieses Buch als eines seiner wichtigsten Lektüren in seinem Leben zu bezeichnen (laut einer Meldung der New York Times vom 22.5.2000).

15 In seinem Buch „Totem und Tabu“ schrieb Freud 1913: „Wir dürfen annehmen, dass keine Generation imstande ist, bedeutsamere seelische Vorgänge vor der nächsten zu verbergen“ (Freud 1913).

Literatur