„erwachsen“ hat ein „s“ zu viel | 6

Wir können nicht an denen achtlos vorübergehen, die uns im angestrengten Denken bereits vorangeschritten sind. Es ist nicht so, dass Kant, Nietzsche, Hegel, Wittgenstein, Bateson u.a. bloß in sich gekreist sind und uns nichts zu sagen hätten. Sie bieten uns Abkürzungsmöglichkeiten an auf unserem Weg zur Klärung in eigener Sache. Angestrengtes Denken führt nicht zu einer substanziellen Klarheit, es leuchtet aber die Sackgassen aus, in die es uns hineinlockt, während wir beobachten, spürend ausloten und behutsam denken. Es nutzt die Schärfe des Begriffes und die Klarheit der Sprache – wissend, dass es sich damit bloß in einem Abbilden versucht, das nicht an die Realität zu herabzulangen vermag. Dabei meidet das angestrengte Denken bequeme Kurzschlüsse, unterkomplexe Erklärungen und Zuschreibungen sowie überlaute Aha-Erkenntnisse. Es hilft uns wahrhaft zu erkennen, indem wir das Bekennen hinter uns lassen.

Angestrengtes Denken gleicht einem Stolpern, keiner entschlossenen Bewegung auf dem Pfad des Erwachens. Wir entledigen uns unseres – vermeintlichen – Wissens und kommen in einer Suche an, die sich auszudrücken versucht, aber kaum mitteilen kann. Dabei vertiefen wir uns in Fragen, nicht in Antworten.

Meine eigene Bemühungen, angestrengt zu denken, führte mich schließlich nach vielen Jahrzehnten zur Frage des Bewusstwerdens und des Bewusstseins – ein Themenkomplex, dem ich in den vorliegenden Aufzeichnungen ein eigenes Kapitel widme. In diesem Zusammenhang ist mir etwas anderes wichtig. Es geht um den Sachverhalt, dass wir uns durch die Archive zunächst auch nur mit der Landkarte bewegen, die wir bereits in Händen halten. Wir lesen und vertiefen selektiv, nicht gründlich prüfend, abwägend und schlussfolgernd, wie es eigentlich die Aufgabe einer vernunftgeleiteten Klärung sein müsste. Dabei vertiefen wir ungewollt die Abgrenzungen zwischen uns und denen, die sich in anderer Weise – auch ihren eigenen Anfangseinspurungen treu bleibend – darum bemühen, sich selbst und die Welt zu verstehen. Wir waren – wie ich bereits schrieb – in den 1970er und 1980er Jahren in einem eschatologischen Taumel, d.h. in einer irgendwie auf die Klärung der großen Fragen gerichteten Bewegung, gefangen und auch streckenweise rigide in dem, was wir glaubten herausfinden zu können, bereits herausgefunden zu haben. Insbesondere diese bisweilen zutage tretende Rigidität macht mir noch heute rückblickend zu schaffen. Welche eigene Unsicherheit meldete sich in dieser Entschiedenheit zu Wort? Was war das überhaupt für ein Gebräu, diese Mischung zwischen „Ich kläre – im Unterschied zu Euch – die wirklichen Grundwidersprüche und Wirkungszusammenhänge“ und „Wer das anders sieht, der lehnt nicht allein mein Denken, sondern auch mich ab“? Man kann diese Rigidität abmildern, ohne sogleich in einen Anything-Goes-Pluralismus abzugleiten, der alle Erklärungen als irgendwie gleichermaßen gültig ansieht – eine durchaus im Konstruktivismus angelegte Relativierung. Und doch gibt es in diesem auch das “verpflichtende Argument“ –„un argumento para obligar“, wie Maturana das ausdrückt (vgl. Maturana 1997), welches genau gegenüber der Konstruktivität des Seins keine andere Deutung zulassen kann, weil Evidenz und Logik dagegen zu stehen scheinen.

Wie auch immer: Auch ich begriff allmählich, dass es beim entschiedenen Denken stets auch um etwas Eigenes gehen kann – ein Zusammenhang, den man erkennen und unbedingt vermeiden sollte, will man nicht immer dort festhängen, wo man – innerlich – schon stets gewesen ist: bei einer als Erkennen getarnten Ichsuche bzw. einer „Selbstoffenbarung“ (Schulz von Thun 1990, S.26), einem scheinbar begründet daherkommenden Kampf um Anerkennung sowie einem sich eschatologisch aufdonnernden Eifer etc., ohne einen auch bloß ansatzweisen klärenden Zugang zu den Unsicherheitswurzeln im eigenen Ich – „immer noch rigide, aber auf einem höheren – elaborierteren - Niveau!“ – zu finden.

Nur allmählich vervollständigt sich das Mosaik meiner seelischen Anfangsausstattung, mit der ich dereinst gestartet bin und auf dessen zentralen Puzzle-Steinen auch heute noch mein Selbst basiert, ob mir dies nun gefällt oder nicht. Wie jeder Mensch musste auch ich erst mühsam lernen, mich nicht länger wörtlich zu nehmen, d.h. nicht allen Impulsen, die sich in mir regten, sogleich Ausdruck zu verschaffen. Anfangs durchfluteten mich diese Impulse unbestellt und unverstanden, sie waren Ich. Später wirkten sie aus dem Verborgenem, und ich bemerkte, dass ich in bestimmten Situationen anders dachte, fühlte und handelte als andere: meine Mitschülerinnen und Mitschüler, die Kommilitonen, die Kolleginnen. Allmählich lernte ich, mich – innerlich – zurückzunehmen und bewusst unterschiedlich zu agieren, um dem lauernden Spontan-Impuls des Denkens, Fühlens und Handelns nicht stattzugeben.

Erst im Rückblick, nach vielen Jahren konnte ich diesem Mosaik-Teil meiner Seele mehr und mehr auf die Spur kommen. Es war die Doppel-Helix von kollektiver und sozialer Scham, die Fortdauer der unverarbeiteten Kriegsschuld einerseits und die gesellschaftliche Entwurzelung meiner Eltern andererseits. Sie gehörten – zumindest anfänglich - eigentlich nicht dazu, zumindest musste mein Vater seine Vorstellungen von beruflicher Entwicklung und sozialer Position nach dem Krieg weitgehend beerdigen und sich mit dem bescheiden, was ihm das Leben an Möglichkeiten bot – eine Nötigung der Umstände29, die er mit stoischer Gelassenheit hinnahm. Heute kann ich ganz deutlich spüren, wie diese Enttäuschung ihn sein ganzes Leben über mitbestimmte, selbst wenn er niemals darüber sprach oder gar klagte. Zu irgendeinem Zeitpunkt – vermutlich in den 1950er Jahren – hatte er sich arrangiert und seine Hoffnungen auf seine Kinder verlagert, wie so viele damals. 

Sicherlich: Wir können uns damit trösten, dass auch unsere Persönlichkeit Ergebnis einer „Gewalt der Gesellschaft“ (sensu Eribon) ist, deren prägender Verformung wir uns nicht entziehen konnten: Kollektive Scham, verbissene Suche nach einem neuen sozialen Gewölbe (Religion), welches den bisherigen Irrweg durch Rechtglauben und „Rechthandeln“ (vgl. Foucault 1976) aus den Seelen zu vertreiben verspricht, und die de facto durch einen sozialen Aufstieg erlebten Gefühle eines anfänglichen Fremdseins und Nicht-Aufgehobenseins sind Mosaik-Bausteine, die unbestellt unser Er-Wachsen prägten. Ob und inwieweit wir diesen Elementen in unserer Seele aber auch im weiteren Lebenslauf immer noch zu Diensten sind, berührt schon den Bereich einer Selbstverantwortung, der wir uns zu stellen vermögen oder eben nicht. Indem es uns gelingt, ihre Macht zu verringern, öffnet sich uns eine innere Leere, die wir neu füllen können:  mit Elementen, die wir uns selbst aussuchen können. Dann können wir lernen,

– versöhnlich zu sein und wirklich verzeihen zu können,
– zu vertrauen und gleichzeitig „auf der Hut“ zu sein,
– uns gegenüber anderen zu öffnen,
– ihnen immer wieder die Hand zu reichen,
– uns in einem anderen Menschen zu beheimaten und
– das Risiko der Liebe zu wagen,
– in Freude zu altern und
– mit sich und der Welt dereinst versöhnt zu gehen.

Lesen bildet nicht nur, es unterstützt auch die Suche nach tragfähigeren Referenzpunkten für das eigene „Erwach(s)en“, nachdem die Anfangskonzepte sich aufgelöst haben.

Jedes wirkliche Erwachsenwerden ist ein Erwachen zu sich selbst, eine Bewusstseinsbildung, die von einem zunehmenden Gewahrsein durchdrungen ist.

Es ist klärend, sich dabei zunächst der philosophischen, insbesondere der sprachphilosophischen, aber auch der psychologischen Ansätze zu bedienen, die das Denken, Fühlen und Handeln des Menschen zum Thema haben. Indem wir psychoanalytische Texte auf uns wirken lassen und uns auch mit den Einsichten der Emotionsforschung und der Hirnforschung vertieft befassen, können wir gar nicht anders, als uns selbst zum Forschungsprojekt zu werden – und einen Selbstversuch zu starten. Die nüchternen Fragen sind dann:

– Was hat mich so werden lassen, wie ich geworden bin?
– Welche durchschaubaren – auch banalen – Wirkungszusammenhänge meiner Seele sind für die Ausdrucksformen meines Ichs verantwortlich, mit denen ich mich mir selbst und anderen „zumute“?
– Und: Möchte ich – nachdem ich vieles verstanden habe – so bleiben, wie mich die Umstände von Lebenswelt und Gesellschaft, aber auch die epigenetischen Altlasten sowie meine inneren Mechanismen haben werden lassen, oder möchte und kann ich zu jemand anderem werden?

Es sind diese und weitere Fragen, die uns in eine tiefe Selbstreflexion zu führen vermögen. Zunächst entstehen dabei weitere Texte - Selbstgespräche, Selbstaufschreibungen oder vertrauliche Gespräche, in denen wir uns beständig in der Gefahr befinden, von einer Stereotypen zur nächsten zu taumeln.

Allmählich sickern diese Texte jedoch auch in unser Lebensgefühl ein: dieses wird poröser, weniger auf Fels gebaut, unsicherer, dabei aber auch offener. Erst indem es uns gelingt, die Texte hinter uns zu lassen und uns dem Schwung, in den sie uns versetzt haben, voll und ganz zu überlassen, kann eine Transformation der eigenen Person – eine Selbstbildung - einsetzen, die auch aus neuen Begriffen, neue Wege erwachsen lassen kann.

Diese Bewegung mutet paradox an, nutzen wir doch die Texte eines differenzierten Verstehens, um schließlich aus diesen Texten Anregungen für die unmittelbare, von Gefühlen getragene Lebensbewegung zu entnehmen, deren Energie sich nur voll zu entfalten vermag, wenn wir darüber nicht wiederum Texte verfassen, sondern sie durchspürt in uns aufnehmen. Texte – „Archive“ – verbleiben nämlich im Kognitiven, von dem wir auch noch nicht wirklich verstanden haben, was dieses ist – außer dass es uns über die Sprache, das Denken und Sprechen sowie Kommunizieren mit den Anderen in einer geteilten Wirklichkeit verbindet bzw. zu verbinden scheint.

Auf alle Fälle belassen uns alle Formen des Denkens, Begründens und Auskunft-Erteilens im Textlichen und entfernen uns von dem Tiefen, das unsere Bewegung eigentlich steuert: die Kraft unseres emotionalen Ichs, von dem wir keine Vorstellung haben, haben können. Wir können uns ihm in Imaginationsübungen nähern oder in einer bewusstseinserweiternden Meditation tief in das Dickicht der Gefühle eintauchen, um uns dort wie in einem Museum voller Verwunderung, Erstaunen und Überraschung die Bilder anzuschauen, die sich dort finden lassen. Indem wir diese einfach auf uns wirken lassen, ohne sie zu bewerten oder sogleich kognitiv zu verarbeiten, können wir den inneren Welten, denen wir entstammen, ganz allmählich auf den Grund gehen.

Diese inneren Welten stecken voller Geschichten – eigenen und denen unserer Eltern und Vorfahren sowie unseres Kulturraumes und unserer Lebenswelten. In diesen Geschichten ankert der Blick auf die Welt, mit dem wir selbst aufwuchsen und durch den wir selbst auch gelernt haben, auf unsere Welt zu blicken, sei es voller Freude und Gestaltungskraft oder eher zögernd, abwartend und grundsätzlich ängstlich und bewahrend.

Selektives Erkennen, projektive Ursachenzuschreibungen und selbsterfüllende Prophezeiungen wirkten und wirken dabei ineinander und „sorgen“ dafür, dass uns die Welt auch meist nur so begegnet, wie wir sie kennen oder wie wir sie befürchten und auszuhalten vermögen – eine Versteifung unserer Weltsicht, die uns unbemerkt einschränkt, lähmt und unsere Möglichkeiten erstickt.

Das „Was hätte aus uns werden können wenn …?“ findet in uns selbst kaum Substanzen, aus denen heraus wir einen erneuten Aufbruch gestalten können, der auch ein Ausbruch werden könnte. Wir sind auf uns selbst zurückgeworfen – nur Lesen und das Sich-Versenken in andere Weltdeutungen und biographische Entwürfe können uns dann auf substanzielle Abwege (ver)führen.

Insofern hilft Lesen. Es kann zu einem Ersatz für die lange entbehrte innerliche Vielfalt werden, und es kann uns selbst öffnen, indem es uns Material für unseren eigenen Weg in die Freiheit stiftet – eine Freiheit jenseits der „bewährten“ Muster, eine Freiheit, die uns tief zu erschüttern und aufzurütteln vermag und eine Freiheit, der wir uns mit bangem Herzen, aber entschlossen Schrittes zuwenden können, um – endlich – zu unseren Möglichkeiten zu erblühen.

In meinen Trainings, Workshops und Coachings mit Führungskräften habe ich in den letzten Jahren oft diesen Aufbruch zu sich selbst – zu dem eigentlichen Selbst – angestoßen und bei zahlreichen Menschen erste vorsichtige und bisweilen ängstliche Schritte begleitet. Dabei habe ich viele an dem teilhaben lassen, was ich selbst in meiner persönlichen Transformation – in meinem Selbstversuch - gelernt habe: die Un(ge)sicher(t)heit als willkommene Basis auf dem Weg zu sich selbst schätzen zu lernen. Nur indem uns die Begriffe entgleiten, vertraute Selbstbilder zerbrechen und wir uns in einem anderen Licht zu sehen vermögen, können wir unserer inneren Vielfalt begegnen und zu Veränderungen voranschreiten. Das Ziel einer solchen Veränderung ist dabei keineswegs beliebig! „Zielfähig“ sind letztlich bloß Bewegungen, die zu einer Erweiterung und Verbesserung unserer bisherigen Eindrucks- und Ausdrucksformen beitragen. Diese Bewegungen entstammen alle in der einen oder anderen Weise einer Dissonanzerfahrung. Durch erlebte Dissonanz (Kritik, Konflikte, Verlust, Anregung, Infragestellung und Perspektiverweiterung), mit deren Hilfe die in uns selbst persistent fortwirkende Konsonanz irritiert und verfremdet wird und sich in neuen Akkorden und Melodien ausdrücken kann, öffnet sich das Gefängnis unserer bisherigen Gewissheiten und entlässt uns in das weite Feld frischer, bislang übersehener oder gemiedener Möglichkeiten des Lebens.

Lesen, Denken und Schreiben eröffnen Auswege der besonderen Art. Sie verdichten die Geländer, an denen wir unser Spüren immer differenzierter „begreifen“, d.h. zum Ausdruck bringen und damit als Text vor uns (und andere) hinstellen können. Diese Veräußerlichung ist und bleibt jedoch nur ein Abbild dessen, was sich in uns selbst regt – immer schon: unbegriffen und vielleicht auch unbegreifbar. Sprache, textliche Vorlagen und Ausdrucksmöglichkeiten geben uns aber immerhin die Möglichkeit, dieses innere Geschehen scheinbar zu „objektivieren“ und zu „verdichten“. Wir spüren das Konsonante nicht länger bloß in unseren Regungen und Bestrebungen, sondern können es vielmehr auch „archivieren“. Dieser raffinierte Vorgang ermöglicht uns immerhin, eine gewisse innere Distanz gegenüber dem zu erzeugen, was eigentlich einem Innen entstammt, er verführt uns aber zugleich dazu, diesem Inneren eine ähnliche Äußerlichkeit zu unterstellen, wie sie das Außen in grober Gewissheit für uns hat: Ein Tisch ist auch für den anderen ein Tisch, während eine Enttäuschung nur für denjenigen diese besondere emotionale Aufladung hat, der bereits selbst in ähnlicher Weise enttäuscht wurde. Er kann einem anderen nicht die eigentliche Substanz dieser Enttäuschung „mitteilen“ und bleibt mit dieser im Grunde genommen allein. Selbst, wenn der oder die andere „verstehen“ kann, wie schwer die berichtete Erfahrung gewesen sein muss, kann er deren dauerhaft prägende Spuren für das eigene Ich seines Gegenübers nicht wirklich nachvollziehen.

So bleiben die epigenetischen Wahrnehmungsmuster von Kriegsteilnehmern und Kriegsenkeln für denjenigen ungefüllt, der diese nicht in sich trägt. Er kann den Berichten lauschen, aber deren alles durchwölbende Wirkungen nicht nachvollziehen. Das Grauen selbst kann er nicht begreifen, weil dieses als Trauma in die Lesarten, Erwartungen und eigenen Verhaltensweisen in strukturähnlichen Lagen ausstrahlt und die „Normalerwartungen“ der Traumatisierten bestimmt. Diese machen es dann so, wie alle anderen: Sie deuten die Wirklichkeit, die ihnen begegnet, so, wie sie diese auszuhalten gelernt haben (vgl. Arnold 2005) – eine unhintergehbare – dichte - subjektive Färbung, die im Begreifen, Bezeichnen und Berichten auf der Strecke zu bleiben droht.

Diese Unhintergehbarkeit unserer Grammatik des Erlebens ist mir selbst in meinem Leben sehr oft begegnet – anfänglich unverstanden, später verwundert-vertraut, aber bei anderen immer wieder neu überraschend. Da diese Grammatik dafür sorgt, dass alles innerlich beim Alten bleiben kann, hören wir – wie bereits gesagt - das Gras selbst dort immer wieder wachsen, wo für andere gar keines ist. So wird die Lockerheit eines völligen Neubeginns von der Angst der Ungeborgenheit und einer lebensbedrohlichen Strukturlosigkeit überlagert und kann dazu führen, innerlich die Flaggen zu streichen und dem sich Öffnenden zu entfliehen. Es meldet sich dabei die elterliche Gefühlswelt des Untergangs. Diese kann so auch noch Jahrzehnte nach dem Krieg bei ihren Kindern dazu führen, dass diese sich oft nicht vollständig befreit und locker den Möglichkeiten des Lebendigen zuwenden können, sondern ihre Neuanfänge bloß aus der ängstigenden Substanz eines existentiellen Bedrohtseins heraus gestalten, was nicht selten zum Abbruch und zur Aufgabe führt. Die alte innere Grammatik muss letztlich in Geltung bleiben „dürfen“. Ich habe selbst erlebt, wie diese Ambivalenz Nachfahren von Holocaust-Opfern dazu „verpflichtetet“, selbst zu scheitern, um den berechtigten Gefühlen ihrer Vorfahren, die in den Gasöfen von Auschwitz blieben, gerecht zu werden. Wir sind somit in allem, was wir tun, auch der intergenerationalen Balance in uns selbst verpflichet, die sich zu Wort meldet und unser Denken, Fühlen und Handeln subtilst steuert. Von wegen „Jedem Anfang wohnt ein Zauber innen …“ (Hesse). Es gilt auch das Gegenteil: „Jedem Anfang kann eine Bedrohung innewohnen, die uns ängstigt und verwehrt zu leben“ – die Bedrohung eines unbewältigten Untergehens.

Mein eigenes Leben steckt voller solcher inneren „Untergänge“: Auch im Gegenüber erlebte ich als Führungskraft zahlreiche solcher – mir völlig unpassend erscheinenden - Reaktionen von anderen: der letztlich nicht ausräumbare Vorwurf „Du hast mich nicht genügend gesehen!“ trotz meiner Förderung und Unterstützung – bis hin zur unverstehbaren plötzlichen  Illoyalität, Anfeindung und Intrige durch Menschen, denen ich meinte, bloß in bester Absicht alle Türen geöffnet zu haben. Auch in ihnen war eine Grammatik des Fühlens am Wirken, die sie letztlich – wie erwähnt -  das Gras wachsen zu hören „zwang“ (z.B. „Der meint es nicht gut mit mir!“), wo gar keines wuchs.

Auch in Anbetracht dieser Wirkungszusammenhänge zwischen Innen und Außen kann es uns helfen, zu lesen und ebenso über das Denken nachzudenken, wie das Erkennen zu erkennen, ohne, dass wir uns der Kraft der skizzierten Mechanismen in unserem eigenen Leben jemals selbst vollständig zu entziehen vermögen. Doch es „behauptet“ sich anders, wenn wir einmal erkannt haben, dass sich letztlich in alles, was uns der Fall zu sein scheint, die behauptende Substanz unserer Grammatik der Gefühle unentwirrbar einmischt. Uns bleibt bloß das ständige Bemühen, immer und immer wieder hinter unseren spontanen Eindruck zurückzurudern und „frisch“ zu denken, zu fühlen und zu handeln – eine Sisyphos-Aufgabe.

Aber Sisyphos war – so lesen wir bei Albert Camus (1913-1960) (Camus 1950) – ein glücklicher Mensch. Er blieb nicht in der Klage „stecken“, sondern lebte tapfer sein Leben: nach vorne, wissend, dass „vorne“ bloß der Tod wartet. Auch Camus war letztlich Repräsentant eines trotzigen „Dennoch“, wie es für den Existenzialismus der 1960er Jahre typisch war. Sartre, Camus, de Beauvoir u.a. brachen mit den Bemühungen, das Wesen des Menschen und den Sinn seines Lebens gehaltvoll zu bestimmen und arrangierten sich mit dem Offensichtlichen: dem absurden Faktum seiner Existenz, d.h. dem „Geworfensein“ des Menschen, das der dunkle Philosoph Martin Heidegger (1889-1976) in den Blick gerückt hatte. Der Existenzialismus verzichtete auf Erklärungen zu den großen Fragen und ließ die Menschen in ihrer Orientierungssuche bewusst allein: „Es gibt keinen Sinn, keine Richtung. Ihr seid dazu verdammt, Euerm Leben selbst eine Richtung zu stiften“ – so lautete sein Fazit.

Dieses Fazit entfaltete für uns Nachwachsende in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre eine große Attraktivität, nachdem wir begonnen hatten, uns von den großen Erzählungen „Kirche“, „Christentum“, „Amerikanismus“ sowie „Wachstum“ und „Wohlstand“ zu lösen. Irgendwie kam alles zusammen: Der Protest gegen die Inhumanität und Scheinheiligkeit der Verbündeten USA, Iran, Chile  u.a., das Aufkommen einer Pop-Kultur mit neuen Themen und Klängen (Hair, Woodstock etc.) und unsere eigene Suche als Teenager am Beginn unserer Bewusstseinsreise, die plötzlich voller Optionen zu stecken schien. Wir konnten wählen, wir konnten uns abwenden, wir konnten uns widersetzen und wir konnten uns für die moralisch „bessere“ Seite „entscheiden“ – ein Luxus der Freiheit, der unseren Eltern als Teenager nicht vergönnt gewesen ist.

Schreiben ist die Ausdrucksform eines konsequenten, begrifflich scharfen und angestrengten Denkens. Im Schreiben entkommen wir dem Gedankensurfen, das von Eindruck zu Eindruck torkelt und sich in vertrauten Satzsequenzen und Verwechselungen zu verfangen droht. Mit der Zeit fallen uns die Wiederholungen unserer Statements und Kommentare selbst auf, und das Gefühl einer gelangweilten Vergeblichkeit leitet nicht selten ein Verstummen ein, mit dem sämtlicher Vertiefungs- und Verständigungsdrang zu erlöschen und einer zynischen Grundhaltung Platz zu machen droht. Wir verstummen dann, weil wir nichts mehr zu sagen wissen – weder uns selbst, noch anderen.

In diesem Verstummen jedoch, kommen wir nicht mehr voran auf unserem Weg, zu einem eigentlichen Selbst – einem Selbst, zu dem wir uns entschieden und dessen Ausdruck wir uns abgerungen haben. Indem wir unsere Gedanken, Fragen und Versuche jedoch in Selbstaufschreibungen notieren, können wir uns dieser Eigentexte rückblickend zuwenden und diese auch daraufhin befragen, ob und inwieweit wir tatsächlich einer Eigenlinie Ausdruck verleihen oder noch immer in Ichzuständen festhängen, deren Grundmuster wir nicht uns selbst, sondern einer epigenetischen und frühen sozialen Prägung verdanken, ohne uns vielleicht jemals wirklich selbst innerlich aufgerichtet zu haben.

Karriere als Flucht

„Vor Ankommen wird gewarnt!“
(Paul Watzlawick)

Hinter vielen Karrieren steckt eine ungestillte Bedürftigkeit. Aus dieser können mächtige Antreiber entstehen, die dazu anstiften, Grenzen zu überschreiten, um alles hinter sich zu lassen. Der innere Frieden wird so beständig vertagt. Er stellt sich nie ein, so dass Weiterstreben die einzige Option zu sein scheint. Zugleich verkommt dieses Streben mehr und mehr zu einem Selbstzweck, wenn nicht gar zum eigentlichen Anliegen: „Wer strebt lebt!“ lautet das verborgene Motto, dem nicht auffällt, dass es sein eigentliches Ziel schon längst aus den Augen verloren hat – dieses vielleicht noch niemals deutlich vor Augen hatte. Im Kern geht es um ein Fortstreben ohne ein klares Wohin. Hauptsache fort. Doch wer bloß fortstrebt, kommt niemals an. Und es gilt auch der Satz von Paul Watzlawick: „Vor Ankommen wird gewarnt!“(Watzlawick 2009), führt das substanzlose Ankommen doch häufig zu der Enttäuschung, dass die endlich, nach vielen Mühen erreichte Lage auch nicht zu halten vermag, was man sich von ihr versprochen hat.

Deshalb müsste das vorangestellte Watzlawick-Diktum eigentlich lauten: „Vor Aufbruch wird gewarnt!“ Wer allein im Aufbrechen sein Glück vermutet, sollte sich der nüchternen, aber keineswegs ohne ein tiefes Spüren klärbaren Frage zuwenden, welche Klage über den Ausgangszustand, von dem er oder sie sich lösen möchte, da fortdrängt. Oftmals ist Aufbruch nämlich bloß ein Ausweichen vor einer bedrängenden Seelenlage, die nur in dem Ursprungskontext – der als innerer Kontext fortdauert – gelöst werden kann. Für die, die diesen inneren Weg der Klärung nicht zu beschreiten wissen (oder keine Gelegenheit dazu haben), bleibt das Fortstreben eine Flucht – eine „Flucht vor der Freiheit“, wie Erich Fromm schrieb (vgl. Fromm 1947). Die Freiheit, die er dabei im Blick hatte, war eine seelische Freiheit, d.h. die gelingende Verbindung mit den Kräften des Lebendigen, Zugewandten, Liebenden und Friedvollen, nicht die Klage oder gar Anklage.

Wer anklagt – ob zu Recht oder Unrecht -, bleibt innerlich einer Haltung verhaftet, die keine wirkliche Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen bereit ist. Irgendwie verharrt die eigene Seele dabei in einem Wartestand – darauf hoffend, dass irgendwer einem endlich die Erlaubnis oder Anerkennung erteilen möge, in die Verantwortung zu gehen und die eigenen Dinge so zu regeln, wie er oder sie das vermag.

Diese Hoffnung ist eine Illusion; nicht wenigen stiftet die Klage auch – unbewusst - einen Vorwand für die abgebremste eigene Lebensbewegung, für deren Feststecken man nicht in die Selbstverantwortung zu gehen „braucht“, da man ja ein Opfer ist. Dies ist der heimliche Nutzen der Klage: eine Entschuldigung, die einen jedoch selbst zum Täter werden lässt, der andere zur Duldung der eigenen Besonderheit zwingt. Diese sind gehalten – sind sie an einer Beziehung interessiert -, sich gewissermaßen um die Person mit ihren Besonderheiten zu gruppieren, d.h. auf sie Rücksicht zu nehmen und alles auf sie auszurichten.

Wer nicht zu erkennen vermag, dass diese Ermächtigung zur Verantwortungsübernahme nur als Selbstermächtigung zu haben ist, der kann leicht in die Dauerschleife einer ungerichteten Klage gleiten, die zur vorauseilenden Anklage gegen sich selbst werden kann. Dies ist auch die innere Ausgangslage vieler Kriegsenkel, deren Eltern nach dem Krieg selbst in einer Atmosphäre der Selbstzweifel und Selbstanklage aufbrachen, statt inne zu halten, zu trauern und aus dieser Trauer heraus einen neuen Zugang in die Liebe zu finden, indem es ihnen gelingt, sich selbst zu lieben – so, wie sie sind bzw. so, wie sie haben werden „müssen“.

Diese Bewegung kann jedoch bloß gelingen, wenn Menschen erfreut und nachhaltig im Leben begrüßt und in ihrem Aufwachsen liebevoll begleitet werden. Überlieferte Disziplinierungskonzepte, wie „der Kinderwille muss zunächst gebrochen werden, um dann durch Erziehung neu gebildet werden zu können“30  oder „Eisen erzieht“-Parolen haben im 19. Und 20. Jahrhundert die Seelen vieler Kinder und Jugendlicher zerbrochen und tief verängstigte Menschen hervorgebracht, die nicht gelernt hatten, ihrer eigenen Kraft und Berechtigung zu vertrauen. Deren gelernte Verunsicherung bildete nicht allein eine kollektive Resonanzfläche für Unterordnung und Autoritätsgläubigkeit, die sich leicht von gewissenlosen Machtmenschen und Sadisten nutzen ließ, sie schnürte auch den eigenen biografischen Mut der einzelnen ein. Diese erlebten nach dem „Untergang“ von Autoritarismus und imperialem Größenwahn nicht allein die erwähnte kollektive Scham, sie verfügten auch kaum über eigene innere Ressourcen, um die im Entstehen begriffene Demokratie wirklich mit Leben zu erfüllen und am Leben zu halten.

Wir leben in einer Aufstiegsgesellschaft, deren Grundprinzip darin liegt, das Gelingen der eigenen Biografie danach zu bemessen, dass man – im Vergleich zur eigenen Herkunftsfamilie – eine höhere Position im System der gesellschaftlichen Ungleichheit zu erreichen vermochte. Übersehen wird dabei gerne, dass bei diesem Kampf um Status der Misserfolg der einen die Voraussetzung für den Erfolg der anderen ist. Wiederaufbau und wirtschaftlicher Erfolg seit den 1950er Jahren haben es quer durch alle Schichten ermöglicht, dass diese Aufstiegshoffnung sich breit realisieren konnte: Der Soziologe Ulrich Beck (1944-2015) sprach in diesem Zusammenhang von dem „Fahrstuhleffekt“ (Beck 1986, S. 121ff), der darin seinen Ausdruck fand, dass die allermeisten Menschen den gesellschaftlichen Status ihrer Herkunftsfamilien hinter sich lassen  und im System der gesellschaftlichen Ungleichheit ein paar Stockwerke nach oben fahren konnten. Dabei „lernten“ sie, ihre Lebensbewegung selbst an einer Statuspassage auszurichten, die nur deshalb zum „Erfolg“ führte, weil sie andere dabei hinter sich lassen konnten.

Diese Bewegung stärkt ungewollt einen Individualismus der Einsamkeit: Andere erscheinen uns als Vergleichsgrößen. Wir lernen, zu ihnen aufzublicken oder auf sie herabzublicken – so die Fortdauer eines aristokratischen Konzeptes, das sich in die persönlichen Orientierungen hineinwölbt und die ganz eigenen Vorstellungen und Lebensziele in den Hintergrund treten lässt. Aufzusteigen bzw. „oben“ zu sein ist eine diffuse Zielrichtung, die insbesondere jene zu überfordern droht, die im eigenen Aufwachsen keine diesbezüglichen Routinen entwickeln und habitualisieren konnten. Die Welt, in die sie streben, ist ihnen fremd und wird ihnen bloß um den Preis einer Entfremdung von ihrem Ursprungskontext zugänglich.

Aufstiegshoffnungen verstellen zudem den Blick auf andere Dimensionen, in denen sich auszudrücken vermag, welches menschliche Wachstum dem einzelnen möglich wäre, um sich zu sich selbst zu entfalten. Seit der Aufklärung ist dieses Geheimnis der menschlichen Subjektivität im Fokus, es wurde aber vielfach verstellt und verschüttet durch Ideologien (z.B. durch das Leistungsprinzip), die um die Auf- und Abstiegsbewegungen des einzelnen wucherten. Dabei konnten sich Vorstellungen und Theorien zum Ziel und Zweck der Persönlichkeitsentwicklung verbreiten, die zugleich die gesellschaftliche Ungleichheit legitimierten und zementierten. Als „gebildet“ wurden Menschen angesehen, die sich in den lebensfernen Dimensionen der Überlieferungen auskannten, nicht diejenigen, die eine erstaunliche Verantwortlichkeit sowie lebenspraktische oder handwerkliche Tüchtigkeit an den Tag legen konnten – unabhängig von der Bildung, die sie genossen hatten, den Abschlüssen, die sie erreicht hatten, und dem Beruf, den sie ausübten. Alles war verengt auf den gesellschaftlichen Status und die Unterordnung unter ein kulturelles Erbe, von dem bloß behauptet wurde, dass es in den Seelen der so Gebildeten Ethik und Moral anzuregen und grundzulegen vermochte und sie auf dem Weg der persönlichen Entfaltung dessen, „was Menschsein eigentlich bedeutet“ (Martin Buber) wirksam unterstützen konnte.

Wir waren in unseren Jugendjahren (1963-1972) der subtilen Gewalt eines Curriculums ausgesetzt, dessen heimliche Funktion der gesellschaftlichen Auswahl diente. Man konnte beobachten, wie im Gymnasium über die Jahre alle diejenigen „aussortiert“ wurden, deren Herkunft nicht dem Bild einer „wohlgeordneten“ Bürgerlichkeit entsprach. Meine Klassenkameradinnen und Klassenkameraden entstammten zu fast 100 Prozent keinem Arbeitermilieu; sie hatten fast alle Eltern, die selbst studiert hatten oder zumindest wirtschaftlich erfolgreiche Unternehmen besaßen – Unterschiede, die sich deutlich spürbar in den Wohnverhältnissen, den Autos, die die Eltern fuhren, und der teilweise extrem ungleichen finanziellen Ausstattung des Nachwuchses (mit Taschengeld, später eigenen Autos etc.) zeigten. So wuchsen die wenigen, die einem anderem Kontext entstammten, ungewollt (?) in einem Gefühl der sozialen Inferiorität auf, das nahtlos an dem das Elternhaus durchströmenden Gefühl, nicht dazuzugehören, anknüpfte und dieses bisweilen auch zu einer tragenden Versagensangst verdichtete.

Es ist eine Eigenart der biografischen Flucht, dass man sich auf ihr nicht wirklich entkommen kann. Spätestens dann, wenn das Erreichte zur Routine erstarrt, die – endlich, nach so vielen Mühen - erreichte Position aufgegeben werden muss und der zeitliche Horizont sich spürbar verengt, blicken die Geflohenen auf ihr Leben zurück und halten meist vergeblich Ausschau nach den eigentlichen Substanzen ihres Ich. Nicht alle werden sich dabei selbst zum Studienobjekt, viele verbeißen sich in verzweifelte Versuche, das, was gewesen ist, um jeden Preis zu verteidigen und in ihren Erinnerungen zu einem gelungenen Meisterwerk zu stilisieren, selbst, wenn sie sich damit vollständig den Weg für eine Rückkehr zu ihren Anfängen, in denen sie sich selbst aufgegeben oder verloren haben, verbauen.

Ich konnte zahlreiche Kolleginnen und Kollegen beobachten, wie sie nach ihrer Pensionierung konzeptionslos vor sich hin torkelnden. Einige schienen sich zu schämen, andere taten so als habe sich nichts verändert und hofften wohl insgeheim, es würde keiner bemerken, dass sie noch immer an der Hochschule ein- und ausgingen – eine Selbsttäuschung, der durch den professoralen Status begünstigt wird. Von Wilhelm Mader – er war viele Jahre Professor für Erwachsenenbildung an der Universität Bremen - hörte ich, dass dieser einen völlig anderen Abgang inszenierte. Er hatte anlässlich seiner Emeritierung eine Abschiedsvorlesung zum Thema „Was ist Glück?“ gehalten,  hatte danach sein Büro abgeschlossen und war in den Schwarzwald umgezogen – eine konsequente Bewegung, die meinem eigenen Wechsel an die Schweizer Grenze in vielem ähnlich ist. Ein solcher Abschied ist ein klarer Schnitt. Er ist aber auch konsequent und würdiger als das Verweilen in den Kulissen eines Schauspiels, das schon längst vorüber ist.

Aufstieg und Karriere sind jedoch nicht nur eine Flucht – oder vielmehr eine, die gar keine ist-, sondern bloß ein Umweg. Wenn dieser Umweg durch die Archive führt und die Fliehenden mit komplexeren Landkarten ihres inneren Geschehens ausstattet, können sich auch unterwegs ihre Motive wandeln und die Flucht unter der Hand zu einem Aufbruch werden – einem Aufbruch zu sich selbst. Dann enttarnt sich, was uns bislang angetrieben hat, und verwundert beginnen wir zu verstehen, was wir bislang versäumten und wie wir uns den anderen zumuten „mussten“. Die Nachdenklicheren versuchen deshalb, sich – allein oder mit Hilfe - zurück zu tasten, um ihr epigenetisches und emotionales Erbe noch einmal – oder oft: erstmalig – zu durchspüren. Dieses Tasten ist eine innere Bewegung, die ohne Vorwurf und ohne Schuldzuschreibung auskommen muss, da beides uns ein Opfer bleiben lässt, dessen Bewegung den aufrechten Gang nicht kennt, nie kennengelernt hat. Im aufrechten Gang schreiten wir „gravitätisch“ einher – ein Wort, dessen Bedeutung vielleicht darauf verweist, dass wir den Schwerpunkt, das Gravitationszentrum – endlich - in uns gefunden haben. Erst in dieser Bewegung können wir selbst die Verantwortung für das übernehmen, was unseren Weg gesäumt hat – das Stärkende ebenso, wie das Schwächende. Versäumen wir diese Verantwortungsübernahme hingegen, dann bleibt unser Schwerpunkt außerhalb, es zieht uns, statt dass wir in uns ruhen. Es treibt uns dann „unverantwortlich“ bzw. „ohne Antwort“ weiter dahin („voran“, „nach oben“, „fort“ etc.), mit dem bekannten Ergebnis, dass uns die offene Frage nach unserem Quellcode bis in den Tod hinein verfolgt und unsere Schritte  – hinter unserem Rücken: „hinterrücks“ - bestimmt. Wir können dann nicht zu denen werden, die wir eigentlich sein könnten, sondern bleiben diejenigen, die wir haben werden müssen. Das zufällige Ich, dem wir dabei treu bleiben, sind nicht wir. Es ist vielmehr ein Amalgam aus übernommenem Unerledigtem, eigenem frühem Erleben und bisherigen Erfahrungen, die uns bereits zu versteifen begonnen hatten, bevor wir verstehen konnten, was da vor sich geht.

Es geht der eigentlichen Identitätsentwicklung deshalb darum, den Schwerpunkt in sich selbst zu ertasten. Dieser ist dort spürbar, wo alles in uns ruhig, achtsam und versöhnlich ist und keine inneren Parolen uns mehr zur Flucht antreiben. Dieser innere Ort ist ein Ort der Gelassenheit, Genügsamkeit und des Gewahrseins. Er ist frei von Furcht und Klage. Auch die eigene Vergänglichkeit und der Tod haben an diesem Ort ihren Platz. Wer diesen Ort in sich freilegen konnte, lebt achtsam und abschiedlich – eine Bewusstheit, die sich bloß umschreiben lässt. Sie ist mit Worten kaum zu erfassen, da es ein Lebensgefühl ist, welches dieser Ort zu stiften vermag. Die „Bewussten“ folgen einem besonderen Credo, sie drücken dieses durch ihre Lebensbewegung aus und sind ihm tief verpflichtet – auch und gerade dann, wenn es sie wieder einmal zur Flucht drängt.

Dieses Credo31 lautet:

Credo eines bewussten Menschen

Ich glaube, dass Menschensein eigentlich bedeutet,

– die Wahrheit über sich selbst und das, was einen antreibt, schonungslos zu enthüllen,
– um zu erkennen, wer wir sind, und zu erahnen, wer wir sein könnten,
– ohne sich dabei in oberschlauen Konzepten, Stellungnahmen oder nicht enden wollender Vertextung – Sprachspielen - zu verirren,
– sondern vielmehr ganz darauf zu konzentrieren, die Farbtöne, Bilder und Gedanken, mit denen wir uns die Welt und uns selbst üblicherweise ausmalen, genau zu erspüren,
– um die Atmosphäre der in uns fortklingenden Welten – eigener und überlieferter - emotional zu rekonstruieren,
– in einer schweigenden inneren Bewegung, die weder – vorschnell - Ursachen zuschreibt, noch Schuld vorwirft, sondern
– bloß beobachtet, wie wir dabei vorgehen, wenn wir uns oder anderen von uns selbst erzählen oder auf sie wirken,
– dabei einem immer deutlicheren Bild unseres eigentlichen Ichs folgen,
– dem wir uns entscheiden zu glauben,
– auch um den Preis, uns von den bislang unser Leben tragenden Gewissheiten zu verabschieden,
– diese hinter uns lassen,
– ihnen entgegentreten und
– uns bisweilen - wie der Baron Münchhausen - mit eigener an Hand am Schopf aus dem Sumpf des Alten zu ziehen,
– uns dauerhafter den Quellen des Lebendigen zuzuwenden,
– diese immer wieder aufzusuchen und niemals mehr zu verlassen –
– koste es uns, was es wolle!

Zu dieser Bewusstseinsarbeit gelangte ich erst nach der Jahrtausendwende. Erst dann begann ich, mein Nachdenken über mein Selbst, seine Geschichte und seine – ungenutzten – Möglichkeiten bewusster in den Fokus zu nehmen und die anerzogene Rigidität eines „Ich bin ok, Du bist nicht ok!“ mehr und mehr hinter mir zu lassen. Diese Bewegung war nicht geplant, aber sehr wohl hilfreich: Sie führte mich zu einer Tiefe und Veränderungsbereitschaft, deren Wurzeln nicht in mir angebahnt waren. Es war eine unbekannte, aber weite Landschaft, die ich dabei zu betreten begann. Heute vermag ich nicht zu sagen, wer ich geworden wäre, wenn ich meinen damaligen Weg in den Leitplanken von Gut und Böse, Richtig und Falsch und dem angestrengten Bemühen, Erwartungen zu erfüllen, nicht hätte verlassen können.

Auch mein wissenschaftliches Interesse lenkte ich mehr und genauer auf die Frage nach der Entwicklung der Persönlichkeit und des Selbst – im Anschluss an die Subjektphilosophie von Fichte, Humboldt u.a., auf der Basis der Hirnforschungen und der philosophischen Gewahrsamkeitsstudien (vgl. Metzinger 2009;2023) -, und ich erkannte, dass auch ich selbst in meiner Persönlichkeit nicht festgelegt bin, sondern mich auf der Basis eigener Entscheidungen darüber, wer ich sein will, zumindest in Ansätzen neu erfinden konnte. Auf die lange in irgendeiner subtilen Weise „nützliche“ Verschlossenheit und hintergründige Lebensangst sowie die häufige Kompromisslosigkeit blicke ich heute auch voller Unverständnis zurück – ja, und es gibt auch Menschen in meinem Leben, denen ich mich heute in anderer Weise verständlich machen würde, wenn sich unsere Wege trennen und wir uns voneinander abwenden würden.

Liebe, Beziehung,
Familie

„Und die Liebe, die Du gibst,
ist die Liebe, die Du kriegst“
(von Knyphausen)

 Bezogenheit lernt man nicht, man wächst in ihr auf. Die Art, wie wir uns selbst angenommen und geliebt fühlen durften, stiftet uns die Formen, in denen wir die Beziehungen zu den von uns geliebten Menschen erleben und selbst gestalten. Dabei werden wir – ob uns dies gefällt oder nicht – gleichermaßen zu Opfern wie Tätern. Opfer werden wir dann, wenn Liebe uns in unserer Kindheit und Jugend vornehmlich als eine „bedingte Liebe“ (sensu Erich Fromm) zuteilwurde – eine Liebe, die an Wohlverhalten und die Erfüllung von Erwartungen gebunden wurde. Dies ist wohl bei den meisten Menschen – auch - so der Fall gewesen. Eine solche Liebe ist unsicher. Man kann jederzeit aus ihr herausfallen. Ganz anders ist dies bei der unbedingten Liebe, die uns wie die Luft zum Atmen einfach so, wie wir sind, selbstverständlich umfängt – egal, was wir tun und was aus uns wird. Diese stattet uns mit einem tragenden Lebensgefühl aus. Wir können dann zu Menschen werden, die sicher gebunden sind und aus dieser eigenen Sicherheit heraus auch andere bedingungslos zu lieben vermögen32. Zu Tätern werden wir dann, wenn wir uns selbst – weil wir es nicht anders gelernt haben - anderen nur unter gewissen Bedingungen zuwenden können und diese anderen selbst mit einer Liebe umfangen, die in ihrem Kern fragil ist und keine selbstlose Form der Zuwendung kennt oder auszuhalten weiß.

Was diese grundlegende Anfangsausstattung anbelangt, so sind wir alle unschuldig. Niemand kann sich selbst aussuchen, unter welchen Bedingungen er oder sie geliebt wurde.

Viele haben die bedingungslose Liebe niemals kennen gelernt und gestalten deshalb auch die eigenen Liebesbeziehungen in ihrem Erwachsenenleben häufig – ungewollt - als Geschäftsbeziehungen – eine Gegebenheit, die spätestens in vielen Scheidungsprozessen deutlich zutage tritt. Man feilscht dann um Anteile am gemeinsamen Besitz, beraubt sich gegenseitig der Sicherheiten, und nicht selten werden auch die gemeinsamen Kinder zur innerlichen Parteinahme genötigt und dadurch in ihrer eigenen Seele und auch in ihrer eigenen Liebesfähigkeit nachhaltig verletzt. Dabei wirkt sich eine kollektive Unfähigkeit zu Lieben aus, die ein gesellschaftlicher Grundsachverhalt zu sein scheint: Liebe wurde nicht bloß nicht erlebt, sie wurde auch nicht gelernt oder geübt.

Es gab und gibt auch später kaum Räume, in denen die Nachwachsenden tatsächlich ein bedingungsloses Umfangensein von Anerkennung, Wertschätzung und Zuwendung erleben können. Vielmehr sind die allermeisten Beziehungen in unserer Gesellschaft Konkurrenzbeziehungen, in denen man bloß erhält, was man „verdient“, und in denen die Menschen bereits früh lernen, ihren eigenen Tauschwert und den der anderen einzuschätzen. „Leben im Vergleich“ wird so unbewusst zum Lebensmodus, dem wir auch in unseren Nahbeziehungen oft nicht völlig entschlüpfen können. Dessen bevorzugte Ausdrucksform ist die Beurteilung. Wir vernachlässigen die wertfreie Beobachtung des Gegenübers – wie einen „Sonnenuntergang“ (C. Rogers) - und „springen“ quasiautomatisch in die Beurteilung. Mit der Zeit beobachten wir nur noch beurteilend, gleiten in die Wiederholung unseres uns unbekannt bleibenden Anfangsdramas und bleiben so hinter den spezifisch menschlichen Möglichkeiten der (Aus-)Gestaltung von Beziehung, Zusammenleben und Gesellschaft sowie Frieden weit zurück.

Gleichwohl kann einem die bedingungslose Liebe auch im späteren Leben begegnen. Dann ist sie ein Glücksfall, und nicht allen Menschen gelingt es, diese Liebe, wenn sie ihnen begegnet,  auch als solche zu erkennen, sie in ihr Leben zu lassen, ihr zu folgen und sie zu pflegen. Ihr eigenes inneres Bedingtheitsgeflecht vertreibt das Bedingungslose oft ungewollt aus dem eigenen Leben, da ihnen Bedingtheit ein Wiedererkennen sowie Gewissheit und Sicherheit stiftet. „Das kann doch nicht sein, dass mich jemand so liebt, wie ich bin, wo ich doch noch überhaupt nichts dafür getan habe – da muss doch ein Haken dabei sein“ drückt wohl die eigene Überraschung und Überforderung der allermeisten Menschen aus, die – selbst in einer bedingten Liebe aufgewachsen – ihr Glück nicht fassen können, wenn ihnen eine Bezogenheit begegnet, die alles auf den Kopf stellt, was sie bislang zu fühlen gewohnt waren.

Rein theoretisch wussten wir – seit Erich Fromms „Die Kunst des Liebens“ (Fromm 2003) - wohl, dass die Liebe ein Geschenk der Freiheit ist, die so lange dauert, solange sie dauert und dass sich in der Nähe zu einem Menschen alle möglichen eigenen Strukturbesonderheiten auszuwirken beginnen, die uns den anderen und uns selbst so fühlen lassen, wie wir das können – weitgehend ohne Bezug zu dem, wie das Gegenüber tatsächlich zu uns ist. „Wir können einander nicht verstehen, bloß verwechseln“ – schrieb ich in einem eigenen Text über die Liebe (Arnold 2014), und befasste mich darin auch mit der „Illusion der falschen Ursachenzuschreibung“, von der der Hirnforscher Gerhard Roth spricht (Roth 2004). Indem wir uns  unangemessen – weil falschen Zuschreibungen, Beurteilungen  oder Vorwürfen folgend – verlieben und trennen, verpassen wir die eigentliche Kraft der Liebe, die darin liegt, dass wir uns in einem anderen Menschen beheimaten und dessen Anwesenheit an unserer Seite immer wieder als ein tägliches Wunder neu erleben. Das gelingt uns bloß, indem wir die erwähnte Illusion tatsächlich hinter uns lassen und uns voll und ganz der Unverfügbarkeit der Liebe hinzugeben lernen. Wir lieben nicht, weil …, und wir werden auch nicht geliebt, wenn … Sobald wir Gründe sammeln und Ursachen für unsere Liebe zu identifizieren versuchen, bewegen wir uns in eine Richtung, die Berechtigungen kennt und überprüft. Ist das Gegenüber nicht vielleicht doch eine Mogelpackung? Werde ich von ihm bzw. ihr vielleicht überhaupt nicht geliebt? Bin ich so, wie ich bin, liebenswert? Ja, nur so – ohne Anstrengung, aber auch ohne Ansprüche oder gar Berechtigungen. Liebe kann sich bloß entfalten, wenn wir uns selbst für liebenswert halten und gelernt haben, uns in diesem Bewusstsein einem nahen Menschen anzuvertrauen und ganz hinzugeben.

Man kann Beziehungsfähigkeit lernen und üben. Dies ist kein leichtes Unterfangen für Menschen, die in gebrochener Bezogenheit aufwuchsen. Wärme und Herzlichkeit sowie Nachfragen, Interesse und Zugewandtheit bleiben ihnen fremd, weil sie ihnen als Grundausstattung ihrer Basispersönlichkeit selbst fehlt – nicht ganz, aber doch als kontinuierliche Selbstverständlichkeiten. Auch hierin können sich epigenetische Altlasten von Autoritarismus, Vertreibung, Heimatlosigkeit, Unrecht und grauenvoller Ungesichertheit und Lebensbedrohung auswirken.

Das Selbstbewusstsein und die Selbstkonzepte, die solchermaßen „geprägte“ Kinder, Jugendliche oder Erwachsene durch ihre Lebensbewegung auszudrücken vermögen, irrlichtern nicht selten „zwischen Depression und Grandiosität“ (vgl. Miller 2006) – ein fragiles Selbst profilierend, welches oft ein ganzes Leben lang vergeblich nach einem tragfähigen Grund tastet. Menschen, die mit einer solchen Beeinträchtigung ihre Bezogenheit auszudrücken versuchen, verirren sich häufig in den Durchmischungen zwischen Außen und Innen. Ihnen gerät leicht zum Vorwurf an ein Gegenüber, was in Wahrheit – bzw. in erster Linie - den Entbehrungen der eigenen Seele entstammt. Das Bedrohtsein ist ihre zweite Haut, und nicht selten folgen sie in ihrem Leben dem Motto „Es geht mir gut, wenn es mir schlecht geht“ (vgl. Arnold 2005, S.12). Zudem haben auch sie es oft selbst – bevorzugt - mit Menschen zu tun – suchen sich diese geradezu mit sicherem Instinkt aus -, die ebenfalls in ihrer Bezogenheit durch eigene ungelöste Themen bestimmt sind, weshalb sie dazu neigen, projektiv im Anderen das zu beklagen, was doch in ihrem eigenen Inneren der Aufklärung harrt und der Transformation bedürfte. Selbst Trennung und Neubeginn eröffnen mit einer solchen seelischen Anfangsausstattung selten einen wirklichen Durchbruch zu wahrer Bezogenheit, dauert doch das Ungeklärte in der eigene Seele fort und harrt auf weitere Gelegenheiten, um in neu adressierten Beschwerden zum Ausdruck zu gelangen – eine tragische Wiederholungsschleife, der zu entkommen Selbstreflexion und Selbsttransformation erfordert, wollen wir nicht in den uns nahen Menschen beständig erneut das suchen und zu finden meinen, was wir selbst früh entbehrt haben.

Auch in den modernen Gesellschaften werden die Nachwachsenden kaum auf die Fallstricke und Verstrickungen, welche Beziehung und Bezogenheit für sie bereithalten, vorbereitet. Verbreitet ist deshalb eine Kultur „der falschen Ursachenzuschreibung“ (Roth 2004), der zu entkommen sowohl Einsicht, wie auch Kompetenz und Routine fehlen. Ein hoher Prozentsatz der Menschen gleitet deshalb an den Möglichkeiten einer bewussten und sie tragenden Liebe vorbei, verfehlt deren Lebensenergie und findet sich nicht selten noch im fortgeschrittenen Alter in einer ernüchternden Leere wieder - Erik Erikson spricht in diesem Zusammenhang von „Ekel“ (Erikson 1996) -, selbst wenn sie in einer Partnerschaft ihr Leben zubringen.

Ist es übertrieben zu sagen, dass wir in lieblosen Gesellschaften leben? Ist es abwegig zu vermuten, dass auch unsere bevorzugten Lesarten der menschlichen Konflikte bis hin zu kriegerischen Auseinandersetzungen letztlich ihre Wurzel in einer verpassten Ichentwicklung der Akteure haben? Wie kann ein Mensch sich von ausgrenzenden oder imperialen Konzepten vereinnahmen lassen, voller Aggression über andere herfallen oder diese für alle Unbill dieser Welt verantwortlich machen, der in sich tief verstanden hat, dass auch er in anderen bloß das zu sehen vermag, was tief in ihm selbst als Möglichkeit hat entstehen können? So gesehen sind wir noch immer mit der – inneren – Aufarbeitung der Entgleisungen einer größenwahnsinnigen Geschichte beschäftigt, die unsere Großeltern- und Elterngenerationen dazu genötigt hat, ihre Identität mit äußerer Beteiligung (an Deutschtum, Eroberung und Führerkult oder religiösem Wahn, auserwählt zu sein sein) zu füttern, statt sich wirklich in der Auseinandersetzung mit den tiefen Einsichten der großen Geister der Philosophie und Literatur zu den inneren Möglichkeiten dessen durchzuarbeiten, was Menschsein eigentlich bedeutet bzw. bedeuten kann. Diese Feststellung ist kein Vorwurf an irgendwen, sondern eröffnet uns den Weg zu einem trauernden Verständnis der kollektiven Versäumnisse, die sich in den Entgleisungen zum Inhumanen Ausdruck verschafften und diese – seelisch - überhaupt erst ermöglicht haben. Diesen waren unsere Eltern und Großeltern ausgesetzt, die sich selbst dabei verpassten; Angebote einer beschützten und begleiteten Reifung waren vielen von ihnen kaum zugänglich.

Auch heute hat sich die Liebesfähigkeit der Menschen nicht wirklich grundlegend verändert, obgleich es sie gibt: Angebote zur Selbstreflexion, Transformation und Heilung, um die Welt der Beurteilung und des Vorwurfs hinter sich zu lassen, wirksam einen Weg zu beschreiten, der einem dabei hilft, zu werden wer man sein kann (vgl. Arnold 2019b).

Es ist ein großer Glücksfall, wenn Menschen bei ihrem Versuch, alte Muster hinter sich zu lassen und diejenigen zu werden, die sie sein könnten, Unterstützung und Begleitung erfahren. Den allermeisten Menschen bleibt beides verwehrt, und sie torkeln deshalb oft im selbstgewissen Gefühl der Berechtigung in ihre alten Verhaltensmuster zurück, an denen sie festhalten, weil sie ihnen letztlich vertrauter sind als das beängstigend Neue, nicht, weil die alten Muster ihnen einen angemessenen Umgang mit den jeweils aktuellen Lagen ermöglichen. Deshalb wiederholen sie ihre Gefühle, Konflikte und Verstrickungen immer wieder aufs Neue und spüren vielleicht dereinst in einem diffusen Gefühl, dass ihr Leben sich ihnen nach eigenen Maßgaben präsentierte und alle Veränderungen im Außen an dem eigentlichen Kern des beständigen Unglücks vorbeizielten. Spätestens dann erkennen sie, wie sie sich und die anderen verpassten und selbst nicht werden konnten, wer sie hätten werden können:

Reflexionsstarke Menschen, die in der Lage sind, in ihren Spontaneindrücken stets ihr eigenes Echo zu erkennen und dessen Einflüsterungen nicht zu folgen, sind freie Menschen. Sie trauen sich, der Wiederholung zu entkommen und sich mutig und entschlossen der humanen Vielfalt mit ihren Möglichkeiten zuzuwenden.  

In aller Regel öffnen sich dem Einzelnen die reiferen Bewusstseinsformen erst im fortgeschrittenen Lebenslauf – meist auch nicht von alleine -, d.h. zu einem Zeitpunkt, zu dem man bereits auf eine eigene Beziehungsgeschichte zurückblickt und hoffentlich in den Genuss eines Umdenkens in eigener Sache gekommen ist. Indem es nämlich gelingt, die erwähnte Routine der vertrauten und erwartbaren Ursachenzuschreibung umzudeuten und die soziale Welt, wie sie einem zu sein scheint, (auch) als Echo auf die eigenen Emotions- und Deutungsmuster zu verstehen, wird eine Umkehr („Metanoia“) zunächst denkend, dann aber auch praktisch möglich. Ein Mensch, der sich dabei selbst aufgegeben hat, um sich eigentlich erst zu entdecken, steht für die Frische eines Denkens, Fühlens und Handelns, die ein tiefer Ausdruck des Humanum ist. Erst, wenn wir hinter alle Gewissheiten, die uns bislang trugen, zurückfallen, können wir uns selbst, die anderen und die Welt so entdecken, wie sie losgelöst von den Verzerrungen unserer Wahrnehmung und unseres erwartbaren – langweilig wiederholenden – Urteils auch gemeint sein könnten. Diese Bewegung markiert die eigentliche Aufklärung als einen „Ausstieg aus selbstverschuldeter Unmündigkeit“, wie sie Kant – wenn auch kognitiv verengt - gemeint hat - „selbstverschuldet“, weil beharrend, bequem und ignorant gegenüber dem, was grundsätzlich auch möglich wäre und sein könnte.

Sicherlich: Lesen, Nachdenken und Selbstaufschreibungen können einem dabei behilflich sein, diesen Weg zum Eigenen zu entdecken und freizulegen. Man kann die Einsichten der Identitätsforschung sowie der Hirn- und Emotionsforschung „persönlich“ nehmen und sich selbst zu einem Forschungsprojekt werden. Um jedoch der kuschelig-wärmenden Bewusstheits-„Wanne“33 tatsächlich zu entkommen und das eigene Selbst transformieren zu können, sind andere – substanziellere (!) – Maßnahmen erforderlich, die uns unabweisbar aus der konsonanten Ähnlichkeitswelt hinauszuführen und neuen – bislang ungeahnten - Selbsterfahrungen entgegenzuführen vermögen.

Menschen folgen in ihrer Entwicklung und in ihrem Selbstausdruck nicht nur den Impulsen und Bildern ihrer Eltern und ihrer Lebenswelt, sie gestalten auch selbst den Erfahrungsraum für die Ichentwicklung ihrer Kinder (mit). Diese reifen an den Geländern, die sich ihnen in den geordneten und den ungeordneten Bahnen ihrer Eltern bieten – zumeist von diesen unbewusst selbst genutzt, gesucht und erprobt. Wichtige Räume, mit denen die Erwachsenen die Welt ihrer Kinder einspuren, anregen und prägen, sind dabei – nach allem, was wir wissen - Zuverlässigkeit, Struktur und Stabilität sowie nachfragendes Zugewandt- und Interessiertsein.

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29 Didier Eribon (geb. 1953) spricht in seiner „Autosozioanalyse“ (Eribon 2021, S.20) von dem Mechanismus  einer „unterwerfenden Subjektwerdung“ (ebd., S.38) und lotet detailliert die subtilen Wirkungsmechanismen der nötigenden Gewalt der Gesellschaft aus.
30 Zu erwähnen ist z.B. der Erziehungsratgeber von Johanna Harrer (1900-1988) mit ihren eng an die Rassenideologie und Disziplinierungsvorstellungen der Nazidiktatur angelehnten Vorschlägen (z.B. in „Die Mutter und ihr erstes Kind“ oder „Mutter, erzähl von Adolf Hitler“), die auch im Nachkriegsdeutschland „in bereinigter Fassung“ noch vielfach aufgelegt wurden und sich einer großen Nachfrage erfreuten. Der „Aberglaube Disziplin“ (Arnold 2007) wirkt(e) bis in unsere Tage fort.
31 Die Idee zu diesem „Credo“ wurde angeregt durch das „Credo eines Humanisten“ von Erich Fromm (https://fromm-online.org/leben/credo-eines-humanisten/ (Aufruf am 25.7.2024).
32 Neben dieser „begünstigenden“ Wirkung lassen sich aber auch solche beobachten, in denen längst erwachsene Menschen weiterhin in der Trance unterwegs sind, dass ihnen alles wie von selbst zufliegt und auch wie selbstverständlich zusteht. Auch eine solche narzisstische Verwirrung kann das Aufwachsen beeinträchtigen, wie auch umgekehrt frühe Entbehrung bzw. erzwungene „Frühautonomie“ – eine Mischung zwischen Zutrauen und Zumutung – durchaus stärkend wirken können. Es lassen sich eben nur schwer universalistische Gesetzmäßigkeiten feststellen, da es beides gibt: das „Schlechte des Guten“ (Watzlawick 2005) ebenso, wie das „Gute des Schlechten“ abbildbar in einer Gaußschen Normalverteilung zwischen den Polen „gefördert/ umfangen“ einerseits und „vernachlässigt/ resonanzlos“ andererseits.
33 Dieses Bild wurde von dem Erziehungswissenschaftler Diethelm Wahl (geb. 1945) angeregt, der in seinen Forschungen herausgearbeitet hat, dass z.B. Lehramtsstudierende in der Lage sind, ihre Alltags-Vorstellungen von Verhalten, Persönlichkeit und Erziehung durch die Lektüre wissenschaftlicher Einsichten zu differenzieren, jedoch dann, wenn sie in der eigenen Praxis als Lehrer:in später selbst „unter Druck“ geraten, diese Differenzierungen wieder aufgeben und in ihre alten emotionalen Vorstudien-Gewissheiten zurückgleiten (Wahl 1991) – eine Wirkung, die m.E. einen generell wirksamen Mechanismus von Aufklärung und Bewusstseinsentwicklung bzw. Bewusstseinserweiterung kennzeichnet.

Literatur