„erwachsen“ hat ein „s“ zu viel | 8
Die wohl grundlegendste Frage des Bewusstwerdens ist die nach dem Ausstieg aus den bekannten Mechanismen und Formen des Wahrnehmens: Kann man sich – wenn man die Funktionsweisen des Gehirns sowie des Gefühlskörpers der Menschen „begriffen“ hat – der Wirkungen dieser letztlich „banalen“ Kräfte, die uns und unser Verhalten „determinieren“ (vgl. Roth 2002), tatsächlich entziehen? Dies ist möglich – als eine Annäherungsbewegung, die ständig geübt werden muss, ist doch die Gefahr des Rückfalls in die Formen, zu denen der Autopilot bevorzug greift, beständig präsent. Bewusste Menschen verfügen jedoch über eine Korrekturfunktion, welche die eigenen Textentwürfe löscht, bevor diese zum Ausdruck werden oder bereits als Mails versandt wurden. Um der selbstorganisierenden Bewegung des Autopiloten zu entkommen, kann es hilfreich sein, bewusst in den Unterschied zu gehen – sich selbst in den Unterschied zu „zwingen“ - und genau über das Gegenteil des Eindrucks, zu dem einen der erste Impuls drängt, zu meditieren, dieses zu fühlen und auszudrücken – die vielleicht einzige innere Bewegung, die wirkliche Veränderungen zu bewirken vermag, ist doch jede Veränderung in ihrem Kern eine Selbstveränderung (vgl. Arnold 2019a).
Einer Klientin, die in einem immer wieder entstehenden Vorwurf an ihren Partner abglitt, der sie voneinander entfernte (es ging um dessen Beziehung zu seiner Tochter aus einer früheren Verbindung), sandte ich vor ihrem Aufbruch in einen gemeinsamen Urlaub mit ihrem Partner die folgenden „drei schlauen Urlaubstipps“:
– Wenn Du wieder einmal das Verhalten des geliebten Menschen interpretierst, bewertest etc. – was Du ja nicht mehr tust, aber bloß für den Fall – dann setze Dich still auf einen Stuhl, nimm ein Aspirin42 und warte, bis diese Interpretation vorbei ist.
– Frage Dich stets: Was will mir mein Eindruck (Ärger, Enttäuschung etc.) über mich in Erinnerung rufen?
– Danke dem Gegenüber – zumindest in Gedanken – täglich dafür, dass es Dich an diesen Punkt geführt hat, weil Du an diesem Bewertungspunkt umkehren und reifen kannst!
Wenn Du diese drei Tipps intensiv berücksichtigst, könnt ihr Euch in die Arme sinken und Du kannst ihm zuflüstern: „Ich sehe Dich nicht, wie Du bist, sondern so, wie ich bin. Verzeih mir!“
So oder ähnlich kann man sich der erschöpfenden und auch langweiligen Wiederholung im eigenen Leben allmählich entwinden – auch in den ausweglosesten Lagen. In dem Bildungsroman „Die Kunst des Pilgerns“ wird detailliert beschrieben, welch langer Weg eines Wieder-Aufeinander-zu-Gehens dadurch möglich wird, dass man den Weg des Vorwurfs und der alten Konsonanz verlassen kann, um das Dissonante, das die Beziehung immer wieder zu zerstören droht, neu zu betrachten. Susann, der Hauptperson in diesem Roman, gelingt es auf einer langen Pilgerreise, eine erschütternde Enttäuschung durch ihren Mann allmählich zu überwinden und sich das Bild einer Annäherung zu konstruieren, dessen tägliche Imagination beide schließlich wieder zusammenführt (vgl. d´Lonra 2025): in eine neue, aber gemeinsame Welt. Dieser Roman beschreibt letztlich die Kraft der Imagination als einer Form der Bewusstheit, welche die immer wirksame Selffullfilling-Prophecy-Kraft der eigenen Vorstellungswelt selbstreflexiv und konstruktiv zu nutzen weiß.
Versinkt man hingegen in Schmerz und Katastrophisierung, dann bleibt die eigene Lage sehr wahrscheinlich auch schmerzhaft und katastrophal. Wem es hingegen gelingt, in einem inneren Bild an einer möglichen Wirklichkeit festzuhalten und aus diesem Bild heraus seinem Gegenüber – neu - zu begegnen, dem- oder derjenigen kann es auch gelingen, sich dem geliebten Menschen in einer Resonanzoffenheit zu zeigen, die zusammenführt und das Sehnsuchtsbild zur Wirklichkeit werden lassen kann – ein Mechanismus, den die Hirn- und Wahrnehmungsforschung eindrücklich beschreibt (vgl. u.a. Dispenza 2016). Letztlich geht es dabei um die bereits mehrfach erwähnte Kompetenz zur „frischen“ Wahrgebung (Arnold 2023) – die Schlüsselfähigkeit jeder Veränderung, aber auch zur gelingenden Gestaltung der eigenen Biografie.
Dem lauten Rauschen der Sprachspiele kann man ebenso entschlüpfen, wie den sich ungefragt zu Wort meldenden Einflüsterungen der eigenen Dämonen, indem man diese überhaupt nicht mehr zu Wort kommen lässt, sondern sich gewissermaßen an ihnen vorbei direkt für das Dickicht der Gefühle und inneren Bilder achtsam öffnet – diese eher wiedererkennend „begrüßt“ statt sich unreflektiert ihrem Sog auszuliefern. Solche direkten Wege in eine tragende Achtsamkeit können neben einer Emotions-Meditation auch psychoaktive Substanzen unterstützen, mit deren Hilfe seit alters43 her Prozesse einer seelischen Heilung oder Bewusstseinserweiterung initiiert und ermöglicht wurden, und die auch in der psychotherapeutischen Begleitung einen spezifischen Nutzen zu stiften versprechen (vgl. Jungaberle u.a. 2008; Revenstorf u.a. 2022). Mit Hilfe dieser Substanzen verschiebt sich – wie der bekannte Systemiker Fritz B. Simon schreibt -
„(…) die Grenze zwischen bewussten und unbewussten Strukturen. Sie eröffnen den Zugang zu bis dahin unbewussten Strukturen und Assoziationen, indem sie den Fokus der Aufmerksamkeit auf im Prinzip bewusstseinsfähige, aber im Alltag aus dem Bewusstsein ausgeschlossene Strukturen richten“ (Simon 2022, S.12).
Dieser Blick kann nicht nur (auf)klärend wirken; er kann auch eine Transformation der gewohnten Sichtweisen unterstützen, indem er deutlicher zu erkennen hilft, welcher frühen Logik eingeschliffene Denk-und-Fühl-Programme weiterhin spontan folgen, obgleich die auslösende Ursprungssituation selbst schon längst nicht mehr gegeben ist. Ein solcher – sich selbst aufklärender Blick – kann die Voraussetzungen dafür schaffen, sich gewissermaßen „eigenhändig“ aus Verstrickungen in falsche, unterkomplexe oder gar anmaßende Ursachenzuschreibungen zu befreien und – endlich – dem ungerichteten oder falsch adressierten Vorwurf zu entkommen. Wem dies gelingt, der- oder diejenige kann sich zumindest den alten und unbestellt – meist verzerrend - wirkenden Kräften der eigenen Wahrnehmung entwinden. Diese Befreiung ist ein erster und unabdingbarer Schritt, kann man sich doch nicht mit den alten Einflüsterungen in der Seele neuen Möglichkeiten wirksam zuwenden und diese entschlossen gestalten, ohne dass sich unter der Hand genau das wiederholt, was wir stets befürchteten.
Eine solche Bewusstseinserweiterung öffnen das eigene Denken, Fühlen und Handeln für neue Wege44. Diese können zunächst imaginiert, antizipiert und als Grundlage eines Bildes von sich selbst und der eigenen Zukunft kultiviert werden, welches eine zunehmend stärkere innere Kraft entfalten und das alte Wiederholungs-Ich allmählich überwachsen oder gar verdrängen kann. Wem dies gelingt, der ist zu sich selbst aufgebrochen. Ihm bzw. ihr eröffnen sich Möglichkeiten, die bisher übersehen worden waren, weil alte Parolen sowie Gewohnheiten und Ängste in ihm z.B. das Bild eines eher defensiven Ichs stärkten, ohne dass er klar zu benennen wusste, welches frühe oder übernommene Erleben die eigene Lebensenergie dabei innerlich noch immer bremste und ihn im eigenen Unglück zurückhielt.
Es gelang mir selbst erst mit der Zeit, zahlreichen meiner sich selbst erfüllenden Befürchtungen auf die Schliche zu kommen und deutlicher zu spüren, dass auch ich im Außen bloß in der Lage war, das aus mir heraus zu leben, was in mir als Zutrauen bereits selbst vorhanden war – eine erschütternde Einsicht in einige der Stolperungen in meinem Leben. Erst, wenn auch ich wirklich in der Lage bin, den Konfliktpartnern in meinem Leben – trotz allem, was sie mir an Unverständlichem und Unzumutbaren angetan haben – zu sagen: „Ich sah Dich nicht, wie Du bist, sondern wie ich bin!“, wird sich die Tür zu einem auf Verzeihen basierenden, vorwurfsfreien Selbst ganz öffnen können – eine unangenehme, aber unvermeidbare und wegweisende Einsicht45.
An Workshops zur Bewusstseinsarbeit nehme ich seit fast 25 Jahren in regelmäßigen Abständen teil – Erfahrungen, die dazu geeignet sind, die mächtigen konsonanten Kräfte in der eigenen Seele aufzuweichen und den Blick auf das, was tatsächlich wirkt oder sein könnte, zu schärfen. Während solcher Erfahrungen kann es gelingen, die eigene, einspurende Gefühlslogik wie unter einer Lupe genau zu studieren und zu erkennen, in welchen neuen Lagen uns diese in die alten Reaktionsmuster hineindrängt. Wir können dann erkennen, wie wir die Lagen, durch die uns das Leben führt, immer wieder in der Weise (re)konstruieren, in der wir dereinst lernten die Welt auszuhalten:
– in einem stets wirksamen Gefühl der prinzipiellen Gefährdung und Ungesichertheit (als seelische Kontaminierung durch das epigenetische Erbe der Überlebenden),
– sich das pralle und gelingende Leben irgendwie selbst nicht wirklich zuzugestehend (oder allenfalls als „Lohn“ für eine übermäßige Angestrengtheit),
– beständig das Scheitern (Versagen, Schuldigwerden oder gar Sterben?) erwartend (da ohne wirkliche Berechtigung für eigenes Gelingen und Erfolg unterwegs) und
– sich insgesamt eher als unschuldiges Opfer beliebiger Umstände, denn als Täter erlebend.
Heute kann ich zumindest kognitiv verstehen, wie schwer es für andere Menschen ist, sich selbst jemandem anzuvertrauen, der diese dunkle – misstrauende - Seite in sich trägt und sich aus ihr heraus bloß schwer gegenüber den Formen eines lebendigen Ausdrucks zu öffnen vermag und diese Formen erst selbst mühsam erlernen muss. Dabei kann man kaum eine Perfomance erreichen, wie sie für diejenigen typisch ist, die in der warmen Gewissheit einer bedingungslosen Lebensbejahung oder eben mit einer bedingungslosen Resilienz ausgestattet aufwachsen konnten. Es bleibt immer angelernt, die Zugewandtheit muss immer wieder – absichtsvoll – den vorbereiteten inneren Tendenzen abgerungen werden – eine Dauerbeschäftigung, wie sie sich anderen nicht in dieser Penetranz in den Weg zu stellen scheint.
Ohne das Fremde, mit dem ich während meiner Zeit in der interkulturellen Bildungsarbeit (1983-1989) in engere Berührung kam, idealisieren zu wollen, kann ich im Rückblick feststellen, dass mich insbesondere die Erfahrungen in Lateinamerika dabei unterstützt haben, andere Formen des Umgangs zu gestalten. Ich kann mich noch gut erinnern, wie „fremd“ es sich anfangs anfühlte, mit Menschen aus Kolumbien, Peru, Costa Rica oder anderen Orten zu kooperieren, sie zu befragen, von ihnen eingeladen und in ihren Alltag einbezogen zu werden – nahezu immer freundlich, aufgeschlossen und bezogen.
Bewusstseinsarbeit eröffnet uns keine bislang verschlossene Tür zu einer „objektiven“ Wahrheit, sie vermag lediglich das eigene Gewahrsein zu steigern. Dieses Gewahrsein-Können ist eine Kompetenz, die uns vor Verwechselungen zu schützen und gegenüber den „neuen“ Nuancen dessen, was wir erleben, aufzuschließen vermag.
| Das Vergangene wiederholt sich nicht unaufhörlich, außer wir selbst wiederholen es, indem wir den sich aufdrängenden Lesarten der Vergangenheit folgen und es ihnen überlassen, uns die Wirklichkeit auszumalen. |
Bewusstheit im Sinne eines grundlegenden Gewahrseins ist mit einem Akteur vergleichbar, der ein Fahrzeug nicht bloß nutzt, sondern zugleich darum weiß,
– wohin dieses ihn zu transportieren vermag,
– welche Ziele außerhalb dessen Reichweite liegen,
– ob es die Umwelt unnötig kontaminiert oder schont,
– wie es ggf. repariert werden kann,
– welche anderen Transportmöglichkeiten zur Verfügung stehen und
– wohin man auch alleine – zu Fuß – gelangen kann.
Wie geübte Fahrradfahrer stets ein Toolkit (mit den Utensilien und Werkzeugen für das Radflicken, den Radwechsel etc.) mit sich führen, ist auch der bewusste Mensch stets mit einem Set von Fähigkeiten unterwegs, die er nutzen kann, um in keine der ihm ach so bekannten Bewusstseinsfallen zu stürzen. Diese Fallen sind:
– die unterkomplexe Ursachenzuschreibung (= aktuellen Eindrücke und Gefühle werden bevorzugt auf ein „schuldhaftes“ Verhalten eines aktuellen Gegenübers zurückgeführt);
– die Lesart-Armut (= strukturähnliche Erlebnisse werden in der immer selben Weise empfunden, gedeutet und beurteilt);
– die typische Spontanreaktion (= die eigene Reaktion ist Ausdruck der eigenen inneren Möglichkeiten, selten eine wirklich um Angemessenheit und zärtliche Offenheit bemühte, verstehende Bezugnahme),
– die Asymmetrie der Du-Botschaft (= man gleitet selbst in die Opferposition und markiert das Gegenüber als Quelle allen Ungemachs, wobei man eine sich selbst überhöhende One-up-one-down-Hierarchie herstellt), und
– die unnötige Sturheit (= das Gegenüber wird so gedeutet, wie man es selbst aushalten kann, ohne sich selbst – in dem, was man ist und glaubt schon immer gewesen zu sein, zu verlieren).
Der bewusste Mensch weiß um diese Bewusstseinsfallen und ist in der Lage, sein eigenes Echo im Gegenüber zu erlauschen oder gar zu antizipieren. Sein Toolkit hilft ihm dabei, die genannten Bewusstseinsfallen zu „umschiffen“. Dabei kommt er für sich allmählich weiter – nicht gleich sofort, sondern eher in der Art und Weise, wie es die Geschichte vom Loch in der Straße von Portia Nelson (1920-2001) beschreibt:
„Autobiographie in fünf Kapiteln46
1.
Ich gehe eine Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich falle hinein.
Ich bin verloren … Ich bin ohne Hoffnung.
Es ist nicht meine Schuld.
Es dauert endlos, wieder herauszukommen.
2.
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich tue so als sähe ich es nicht.
Ich falle wieder hinein.
Ich kann nicht glauben, schon wieder am gleichen Ort zu sein.
Immer noch dauert es sehr lange, herauszukommen.
3.
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich sehe es.
Ich falle immer noch hinein … aus Gewohnheit.
Meine Augen sind offen.
Ich weiß, wo ich bin.
Es ist meine Schuld.
Ich komme sofort heraus.
4.
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich gehe darum herum.
5.
Ich gehe eine andere Straße“.
Diese Autobiographie beschreibt einen Weg in eine Bewusstwerdung, die von der Einsicht getragen ist, dass es im Kern letztlich darum geht, auch dafür die Verantwortung zu übernehmen, wie wir mit den Widrigkeiten des Lebens, für die wir nichts können, umgehen. Wer in der dauerhaften Klage über diese Widrigkeiten „festhängt“, den kann man zwar bemitleiden und trösten, man kann ihm oder ihr aber nicht wirklich „helfen“. Es bedarf einer eigenen Entscheidung für eine „andere Straße“. Solange dieser Entscheidung immer wieder – oft mit neuen Erklärungen und vermeintlich „guten“ Gründen oder subtileren Kommentaren - ausgewichen wird, gibt es ganz offensichtlich einen heimlichen Nutzen für den- oder diejenige, die da festhängen, leiden und klagen. Ihnen ist nicht zu helfen; sie können sich bloß selbst – durch eine bewusste Entscheidung - helfen.
Es bleibt letztlich eine schwierige Bewegung für die Selbstarchäologie in eigener Sache, diesen heimlichen Nutzen selbst aufzudecken, gründlich zu prüfen und endlich zu verabschieden, um sich für eine selbstbewusste Lebensgestaltung in die eigene Kraft aufzurichten – eine Bewegung, die vielen Menschen nicht gelingt. Diese Selbstaufgabe meinte Erich Fromm (1900-1980) mit seinem Hinweis, dass es das Ziel des Lebens sei, ganz geboren zu werden, die meisten Menschen allerdings stürben, bevor sie ganz geboren worden seien (vgl. Fromm 1971) – ihren vertrauten Lesarten folgend, in Rigiditäten erstarrt und in endlosen Wiederholungsschleifen auf den Tod zu stolpernd.
Abschiedlichkeit
„Habt ihr denn tatsächlich geglaubt,
dass ihr dort, worauf ihr beständig zuschreitet,
niemals ankommen werdet?“
(Montaigne, 1533-1592)
Im Rückblick verändert sich das erinnerte Leben. Zugleich wandelt sich das „Jetzt“ immer häufiger zu einem „Jetzt noch“, und der Gedanke an die Vergänglichkeit hält mehr und mehr Einzug in die Alltagsbewussheit. Indem wir uns dem eigenen Ende nähern, mischt sich bei vielen der Tod als unbestellter Gesprächspartner in die Kommunikation - die der Begegnungen und die unserer Selbstgespräche - ein. Es denkt, fühlt und handelt sich anders, wenn die Rest-Biografie immer überschaubarer wird. Die Themen wandeln sich, und die Entschiedenheit, mit der wir uns ihnen widmen, nimmt ab, während Geduld und Demut wachsen. Irgendwie verjüngt sich alles immer wieder auf die großen Fragen, deren Klärung nicht möglich ist, die uns aber immer intensiver anspringen, beschäftigen und in unserem Denken, Fühlen und Handeln bestimmen.
Das Alter lässt der Oberflächlichkeit keinen Raum. Wir beobachten, wie unsere Formen des Ausdrucks und des Eindrucks untergehen werden und können uns über das Unbegreifbare doch wiederum bloß in den uns „geläufigen“ Formen austauschen – welch ein schwacher Trost!
Spätestens mit dem Tod der eigenen Eltern wächst die Ernüchterung. Es ist dieses Unwiederbringliche, das uns tief zu erschüttern vermag. Wie viele unserer „signifikanten Anderen“ (G.H. Mead) sind schon gestorben? Merkt man, dass man unabweisbar älter wird, daran – wie Montaigne schrieb -, dass man mehr Menschen kennt, die bereits gestorben sind als solche, die noch leben? Viele meiner engsten Begleiter und guten Freunde sind bereits gestorben: Mike Melunsky (1950-2005), Fritz Marz (1939-2022), Horst Siebert (1939-2022) und Wolfgang Doll (1942-2024), auch mein Doktorvater Jochen Kaltschmid (1932-2018) oder durchaus auch meine frühen Förderer und Ermutiger Hans Tietgens (1922-2009) und auch Karlheinz Geißler (1944-2022). Früher war mir nicht bewusst, wie grundlegend sich das eigene Lebensgefühl verändert, wenn man erkennen muss, dass man bereits selbst „in der ersten Reihe“ (gemeint: vor dem Grab) steht, wie die Pfälzer sagen.
An dieser Stelle wandelt sich der Blick auf sich selbst und das Leben, wenn man sich gegenüber dem Gespräch mit dem Tod öffnet. Wie gesagt: „Der Tod ist der große Philosoph“ (Hürter 2013). Wir können mit ihm in Gedanken unsere Themen, Absichten und Vorhaben besprechen und darauf achten, wann er die Stirn in Falten legt und uns fragen will: „Bist Du wirklich ganz sicher, dass Du Dich in Deiner immer knapperen Lebenszeit tatsächlich damit befassen willst? Willst Du Dich nicht viel lieber den Vorhaben widmen, die Dich vertiefen, die über Dich hinausweisen und mit denen Du Dich den Menschen, die Du liebst, zeigst und ihnen hilfreich zur Seite stehst?“ Solche Hinterfragungen können unsere Lebensenergie neu justieren. Wir können – endlich – damit beginnen, uns den wirklich wesentlichen Fragen, Formen und Themen zu widmen.
Der eigenen Vergänglichkeit wohnt eine aufklärende Kraft inne (vgl. Arnold 2025). Diese kann den Menschen auf eine neue Stufe des Erwach(s)ens führen. Auf dieser Stufe eröffnet sich eine gestaltende Energie, die ihre Form dem Abschied verdankt. Wer sich bereits mehrfach verabschieden musste – von geliebten Menschen, vertrauten Orten oder auch liebgewonnenen Gewissheiten und Gewohnheiten -, der oder diejenige „weiß“ darum, dass nichts bleibt, wie es war. „Todo cambia“ sang Mercedes Sosa (1935-2009). In ihrem Lied heißt es:
„Das, was sich gestern verändert hat
wird sich morgen wieder verändern
müssen, so wie ich mich verändere.“
„Y lo que cambió ayer
Tendrá cambia manana
Así como cambió yo.“
Die Gewissheit der Vergänglichkeit vermag unser Denken, Fühlen und Handeln ab dem Zeitpunkt grundlegend zu wandeln, an dem wir diesem Zuendegehen des Vertrauten nicht länger ausweichen können, es vielleicht sogar bewusst einladen und gestalten47. In jungen Jahren sind Abschied und Vergänglichkeit meist noch keine drängenden Themen. Dies beginnt sich jedoch mit dem Tod der eigenen Eltern, die uns plötzlich nicht mehr als tragende Kraft begleiten, allmählich zu verändern. Spätestens ab diesem Zeitpunkt sind wir innerlich ganz auf uns selbst verwiesen, und wir können spüren, wie die vorwärtsstrebende Kraft des Lebens uns über den Verlust hinweg und in eine unabweisbare Selbstverantwortung hinein drängt, die von einer demütigen Einsicht in die Unvermeidbarkeit der unaufhaltsam sich realisierenden Logik getragen wird, dass der Tod der Alten eine subtile Voraussetzung für das Leben und die Entfaltung der Nachwachsenden ist.
Leben entwickelt sich in Schüben des Entstehens und Vergehens. Diese „Schübe“ sind die Generationen, die sich auf dem Zeitstrahl des Werdens nicht einholen oder gar überholen können. Vielmehr gehen die einen den anderen voran – uneinholbar, unvermeidbar und bloß eine Weile Hand in Hand.
Ich kann mich noch genau erinnern, wie ein Freund mir einmal erzählte, dass er sich bisweilen fragen würde, wo denn seine bereits vor Jahren verstorbenen Eltern „seien“. Diese Frage hat mich damals verwundert; ich verstand sie erst, nachdem meine Eltern auch gestorben waren – irgendwie dann doch überraschend, während doch mein Gespräch mit ihnen noch nicht abgeschlossen war. Wir sprechen auch nach dem Tod unserer Eltern weiter mit ihnen – imaginiert, implizit und vielleicht auch bloß so, dass wir uns in ihrer Liebe bewegen. Für mich war der Tod meines Vaters total schmerzhaft: eine bis dato unbekannte, ins eigene Mark treffende tiefe Erschütterung. Heute denke ich bisweilen, dass dieser Schmerz noch viel größer für die Menschen sein muss, die sich von ihren Eltern abgewandt und diese in einem – meist unausgesprochenen Vorwurf – im Alter alleingelassen oder in Distanz gehalten haben. Mit dem Tod ihrer Eltern werden sie nicht nur um die Chance beraubt, ihr Gespräch fortzusetzen – sie haben vielmehr endgültig die ungenutzte Chance verspielt, selbst im lebendigen Kontakt mit ihren eigenen Wurzeln zu erwach(s)en.
In meinem Leben bin ich sehr froh darüber, dass ich mich um meine Eltern in ihrem Alter wirklich kümmern konnte. Nie vergesse ich ihre Freude über meine Hochzeit, an der sie beide anwesend waren – zwei Jahre vor dem Tod meines Vaters. Und niemals vergesse ich auch die sechs letzten Jahre, die meine Mutter bei uns in der Einliegerwohnung lebte. Im Rückblick waren natürlich auch diese Altersphasen viel zu kurz – zwar in bewusster Zuwendung zu den Eltern gestaltet, aber irgendwie doch in einer Und-so-weiter-Illusion, so als gäbe es nach der augenblicklichen Phase doch noch weitere. Dies ist nicht so, weshalb wir im Umgang mit den alten Eltern bereits den bald anstehenden Abschied von ihnen spüren, vorbereiten und gestalten können. Wer dies versäumt und die Eltern weitgehend alleine altern lässt – in einer Phase, in der diese sich nicht mehr „wehren“ können – beraubt sich auch selbst der Chance, sich zu einer tiefen, sich selbst im Einklang mit dem Werden und Vergehen befindenden, zugewandten und um ihren eigenen Abschied wissenden großherzigen Person zu entwickeln. Etwas Unversöhnliches wirkt in ihm oder ihr fort, das sie selbst dereinst einzuholen droht.
Es gibt aber auch Abschiede ohne den Tod. Auch sie setzen uns dem Atem der Vergänglichkeit aus: Entfremdungen, Zerwürfnisse, vergehende Beziehungen, Trennungen und Konflikte sowie Krankheit, Krieg und Verwüstung. Solche Ereignisse drängen Menschen aus Vertrautem und können ihre Lebenswelten grundlegend erschüttern. Plötzlich tun sich Dissonanzen auf, die bisher Gültiges endgültig dementieren. War alles bloß eine Täuschung? Wer hat da wen ge- oder enttäuscht? Wir erkennen dann oft einander nicht wieder, obgleich wir viele Jahre in einer geteilten Welt gelebt haben. Etwas von dem Zwischen-uns ist gestorben. Auch solche Erfahrungen können uns mit der Flüchtigkeit unserer Gewissheiten konfrontieren; auch sie sind eine Vorbereitung auf die letzte große Enttäuschung: die Enttäuschung unserer Und-so-weiter-Illusion, aus der heraus wir leben und nicht selten – fälschlicherweise - unsere Zuversicht und Lebenskraft beziehen. Selbst, wenn wir in Beziehungen ausharren, um zu jedem Preis in einem Und-so-weiter verweilen zu können, spüren wir unabweisbar deren Vergänglichkeit, welche die eigene Kontinuität in Frage stellt.
In meinem Leben habe ich, wie wohl alle Menschen, nicht bloß den Tod naher Menschen erlebt, sondern auch das Verblassen von Beziehungen infolge der Strukturbesonderheiten der Beteiligten. Diese Erfahrungen waren immer mit dem Gefühl verbunden, ein Gegenüber nicht (mehr) wiedergewinnen zu können – eine harte Kränkung, die zunächst einmal als solche genommen und verdaut werden will. Wir erleben uns als machtlos, wenn alle Klärungsversuche gescheitert sind, das vertraute Gegenüber uns entgleitet und Abschied und Trennung anstehen. Diese beinhalten einen tiefen Schmerz, der auch ein Schmerz über die eigene Machtlosigkeit ist – ähnlich der Ohnmacht, mit der wir dem Tod begegnen. Beides – Machtlosigkeit und Ohnmacht – bringen uns einem neuen Lebensgefühl näher – einem Lebensgefühl, das nicht mehr vornehmlich durch Konzepte des Aufbruchs, der Gestaltung und der Kontrolle durchdrungen ist. Vielmehr beginnen wir auch aus einer Substanz heraus zu leben, die dem Unverfügbaren, Unvermeidbaren und Schicksalshaften in Demut zugewandt ist.
Leben „darf auch einfach nur vergehen“ (d´Lonra 2021, S.) – das Leben, welches bewusst tut, was ihm ja ohnehin bloß zu tun bleibt: selbst in der Blüte der Jahre auf das eigene Vergehen zuzustreben. Dieser Abschiedlichkeit unseres Lebens können wir uns mit selbst initiierten Abbrüchen, Entwurzelungen und Neuanfängen zumindest ein Stück weit entziehen. Auch der Wechsel von Kaiserslautern nach Waldshut nach meiner Emeritierung (Ende 2020) war eine solche Loslösung aus den alten Kulissen meines bisherigen Lebens.
Der Tod ist unvermeidbar und letztlich auch unverstehbar. Wir begreifen weder den Grund, noch die Logik eines Lebens, das zur Entfaltung, Ausdrucksvielfalt und Bewusstheit führen kann, um dann schließlich doch vollständig in uns zu vergehen – allenfalls fortzuwirken in den eigenen Kindern, in Erinnerungen und dem, was von uns im günstigen Fall „bleibt“ und fortwirkt. Die Bäume sterben, doch der Wald bleibt. In der uns zur Verfügung gestellten Zeit können wir aufblühen und zu denjenigen werden, die wir eigentlich sein können. Dabei können sich dem nüchternen Blick die durchschaubaren Mechanismen unseres Denkens, Fühlens und Handelns sowie die Pfad- und Sprachabhängigkeit unserer Narrative entbergen – ohne damit jemals selbst gar ein erhellendes Licht auf die großen – unklärbaren - Fragen des Menschseins werfen zu können. Wer bewusst und abschiedlich zu leben gelernt hat, hat sich meist bloß ausreichend gegen die Irrtümer, die Spekulationen oder die „Sprünge“48 (in Religion, Spiritualität oder Ideologien) gewappnet. Er weiß, dass er nicht „weiß“ (Sokrates), sondern bloß in der Lage ist, die Unbeantwortbarkeit der großen Fragen tapfer auszuhalten und sich peu à peu von anmaßenden (Er-)Klärungen zu befreien.
Abschiedlich zu leben heißt, den eigenen Eindrücken zu misstrauen und die kontaminierten Begriffe zu meiden, um sich dem Nichtwissen zu überlassen, asymmetrische Beziehungen zu meiden, die Sogkraft der Verlautbarungen hinter sich zu lassen und innerlich still zu werden. Erst in dieser eigenen Stille kann man sich für den Klang einer Grundmelodie zwischen Werden und Vergehen, Freude und Leid, Schönheit und Verfall sowie Liebe und Verlust öffnen, deren Töne, Akkorde und Rhythmen durch uns hindurchklingen, unser Leben als einen Resonanzraum nutzen und uns zur Improvisation unserer eigenen Melodie oder gar zur kurzzeitigen Brillanz mit einer eigenen Kadenz49 einladen. Vielleicht ist die Abschiedlichkeit letztlich ein Zurücktasten zu den sprach- und gedankenlosen Anfängen des Lebens auf der Welt, als noch keine Fragen existierten, da noch niemand nach einer Antwort suchte.
Letztlich scheint es mir auch im Hinblick auf die eigene Vergänglichkeit im Kern darum zu gehen, sich darin zu perfektionieren, im Bewusstsein der großen Fragen zu leben, ohne diese zu verdrängen oder auszublenden. Michele de Montaigne (1533-1592) schreibt:
„Auf den Tod sinnen heißt auf Freiheit sinnen. Wer sterben gelernt hat, versteht das Dienen nicht mehr“ (Montaigne 2001).
Diese Äußerung befreit und entlastet gleichermaßen. Sie kann uns aus der Selbsttäuschung eines „Immer-so-weiter“ befreien und auch von der Vorstellung lösen, dass ja ein andauerndes Leben, das uns noch einmal 20, 60 oder gar weitere 100 Jahre „gönnen“ würde, bei genauerer Betrachtung für viele keine wirklich erstrebenswerte Vorstellung ist. Die Wiederholungen wären nahezu unerträglich, und auch die eigenen Entwicklungsperspektiven wären doch bereits weitgehend erschöpft. Oder können wir wirklich zuversichtlich davon ausgehen, dass 100 weitere Jahre unsere Persönlichkeitsentwicklung noch weiter vertiefen würden und wir dem Leben eine Einsicht abgewinnen könnten, die uns bislang verborgen geblieben ist. Bereits Montaigne ahnte, dass es genau diese Begrenztheit des eigenen Horizontes, auf den wir beständig zuschreiten, ist, die unserem Leben die biographische „Spannung“ und Energie zu stiften vermag, die in der Lage ist, uns auch ohne eine Klärung der großen Fragen voranzutreiben. Schließlich ist es dem Leben selbst egal, ob wir bewusst oder eher verdrängend auf unser Ende zulaufen, nur uns selbst sollte dies nicht egal sein – oder doch?
Schleicht sich hier nicht eine normative Dimension ein, die unterschwellig dem bewussten Leben eine größere Berechtigung zuschreibt als dem unbewussten? Was ist ein „bewusstes“ Leben und wovor „rettet“ es uns? Die Antwort auf diese Frage mag unbefriedigend bleiben. Sie lautet: Bewusstheit rettet uns nicht das Leben, sie kann uns gleichwohl vor der Vergeudung unserer Lebenszeit bewahren. „Vergeudet“ ist ein Leben, welches nicht zu seinem eigentlichen Selbst hat vorstoßen können, immer noch von den Einflüsterungen, frühen Gewohnheiten und Entbehrungen getragen wird und sich nicht aus dem Dunkel und den Ängsten des Anfangs hat befreien können. Insofern hat Montaigne nur bedingt recht: Es ist nicht allein die Gewissheit des Todes, die uns zur Freiheit zu führen vermag, sondern die Befreiung von aller Lebens-Vergeudung, die mit einem unreflektierten Ausharren in frühen Ich-Zuständen verbunden ist. Wenn es uns nicht gelingt, in unserer Lebenszeit zu denen zu werden, die wir sein können und sein wollen, dann bleiben wir un-eigentlich, werden eigentlich „nicht geboren“, wie Erich Fromm sagte, und sind bereits tot, selbst wenn wir noch am Leben sind. „Abschiedlichkeit“ beschreibt diese leise Ich-Suche im Bewusstsein dieser Befreiungsbewegung in eigener Sache.
| Wer abschiedlich zu leben versteht, der erstarrt nicht vor dem Tod, sondern blickt fasziniert auf die Möglichkeiten, die ihm die noch bleibenden Jahre gerade in ihrer Verdichtung eröffnen wollen. |
Er oder sie kann
– sich selbst zum Thema werden,
– in sich hineinspüren,
– sich von Dämonen lösen – auch von denen, die nicht seine eigenen sind, und
– sich verändern, d.h.
– sich einem neuen Ausdruck zuwenden,
– der ihn bzw. sie mit sich selbst und der Welt in frischen Formen in Verbindung bringt,
– kurz: eine eigene Lebensmelodie anstimmen.
Wer abschiedlich zu leben versteht, „nutzt“ seine Zeit, um die Fülle des Lebens ganz in sich aufzunehmen und sich mit dessen Steigerungskraft unauflöslich zu verbinden. Diese Kraft ist dem Leben zugewandt und verweigert sich allen Ausdrucksformen des Menschlichen, welche die Lebensmöglichkeiten anderer Menschen beeinträchtigen, beschneiden oder eine „Nach-mir-die-Sintflut“-Einstellung an den Tag legen. Abschiedlich Lebende verweigern sich aber auch billiger Indienstnahme, vordergründigem Mitläufertum und dem durchschaubaren Opportunismus anderer. Wer abschiedlich zu leben versteht, ist frei, aber auch meist einsam bzw. im Glücksfall: zweisam.
Die Abschiedlichkeit beschreibt somit eine Haltung, keine Antwort auf die Frage nach der eigenen Vergänglichkeit und dem Sinn eines Lebens, das uns dem Tod mit jedem Tag näher bringt. Wer darin geübt ist, abschiedlich zu leben, verdrängt das Unausweichliche nicht, sondern bejaht es – eine letztlich auch pragmatische Haltung. Es ist diese bejahende Bewegung, die systematisch geübt und habitualisiert werden kann. Dafür ist es sicherlich nicht notwendig sich selbst einen Totenschädel auf den Nachtisch zu stellen, um beim Aufstehen und Zubettgehen an den Tod erinnert zu werden50. Es kann aber hilfreich sein, regelmäßig über den Tod zu meditieren und sich das – verbleibende - eigene Leben immer wieder neu als Gegenentwurf in klaren Bildern und hellen Farben auszumalen und sich tanzend, nicht schlurfend auf das eigene Ende zuzubewegen.
Vielleicht summen wir dabei das Lied, welches Dietrich Bonhoeffer 1944 als Weihnachts- und Neujahrsgruß an seine Verlobte in der Gestapo-Haft geschrieben hatte, bevor er am 9. April 1945 im KZ Flossenburg – einen Monat vor der Kapitulation der deutschen Wehrmacht - hingerichtet wurde. Dieses Lied ist auch für nichtgläubige Menschen eine Ermutigung, beschreibt es doch den unabweisbaren Sachverhalt, dass wir „geborgen“, d.h. Teil eines großen Ganzen sind, dessen Sinn und Logik wir nicht verstehen, das uns aber immerhin einen biographischen Rahmen schenkt, den wir dafür nutzen können, bewusster zu werden und in die Verantwortung für unser eigenes Leben einzutreten, statt so zu bleiben, wie wir – zufällig – haben werden können: epigenetischen Bahnen folgend, in diffusen Vorwürfen gefangen, alte Ichzustände fütternd und falschen Ursachenzuschreibungen anhängend.
Erwachsen ist ein Erwachen, wenn es denn eines ist
„Erwachsene entscheiden selbst,
wovon sie sich beeindrucken lassen“
(nach: Willke 1987)
Seit der Kompetenzorientierung in der Erwachsenen- und Berufsbildung ist Nüchternheit, Bescheidenheit und Wirkungsorientierung in die Debatten um das Lernen und die Persönlichkeitsentwicklung im Lebenslauf eingekehrt. Im Vordergrund stehen nicht mehr länger die großen Entwürfe und Leitkonzepte zu der Frage, welche externen Voraussetzungen das Gelingen von Bildung im konkreten Fall zu fördern vermögen, vielmehr wendet man sich auch stärker den Strukturbesonderheiten und individuellen Suchbewegungen derer zu, die Bildungsangebote nutzen. Im sozialwissenschaftlichen Diskurs tritt die „Unverfügbarkeit“ (Rosa 2020) dessen, was die modernen Gesellschaften mit curricularen Festlegungen, institutionellen Vorkehrungen sowie didaktischen Strategien und professionellen Interventionen zu optimieren versuchten, stärker in den Fokus, und das Selbst sowie die Selbstorganisation der Lernenden verändern sowohl das Selbstverständnis als auch die Lernkulturen sowie die professionellen Zuständigkeiten des Lehrpersonals in der Praxis des Erwachsenenlernens.
In meiner eigenen Rolle als Trainer und Begleiter von Führungskräften und Lehrenden sowie Beraterinnen und Beratern konnte ich die Erfahrung sammeln, dass deren Wirksamkeit bloß selten auf mangelndes Know-how zurückgeführt werden konnte. Es waren vielmehr die tief verankerten inneren Bilder über die Wirklichkeiten, mit denen sie meinten, es zu tun zu haben, die ihnen ihre Handlungsoptionen stifteten. Oftmals ging es dabei im Kern um die Frage des eigenen Berührtsein durch die Resonanzen, die ihnen das jeweilige Gegenüber (z.B. Mitarbeitende oder Kolleg:innen) „zumutet“. Diese wurde oft als widerständig, sich verweigernd oder schlicht als „inkompetent“ angesehen, wodurch bereits im Keim die Möglichkeiten der eigenen Wirksamkeit erstickt wurden. Es dauerte oftmals einige Zeit, bis die Akteure erkannten, dass es ihre eigenen Bilder waren, die sie festlegten und in ihrer eigenen Wirksamkeit im Umgang mit ihren Teams, Lerngruppen oder auch Beziehungspartnern einengten. Noch gut erinnere ich mich an ein Vorhaben, in dem sich sämtliche (!) Führungskräfte einer großen Konzernsparte darauf einließen, ihr eigenes Lernen neu zu entdecken – jenseits ihrer durch jahrzehntelange Erfahrungen eingespurten Konzepte.
Lernen ist Selbstorganisation
Diese Blickveränderung ist nicht vollständig neu. Angebahnt wurde sie durch die Reformpädagogik (1890-1933) sowie die Aufwertung des informellen Lernens seit den späten 1990er Jahren, und auch die Debatten um das Lebenslange Lernen rückten das Selbstlernen und die Selbstbildung der Erwachsenen stärker in das Zentrum der Bildungsorganisationen und der Erwachsenendidaktik (vgl. Arnold 2013). Auch die Verbreitung von Lernplattformen sowie ihre offensive Nutzung (nicht zuletzt in Zeiten der Pandemie) begünstigten die stärkere Abkehr von den Lehr- und Vermittlungsillusionen der Didaktik und begründeten deren grundlegenden Wandel zu einer Subjekt- und Aneignungswissenschaft (vgl. Holzkamp 1993).
Vorbereitet wurde dieses „Ende der Didaktik“ traditioneller Prägung durch die Konzepte einer systemisch-konstruktivistischen Pädagogik, die bereits seit den 1990er Jahren den Gedanken der Selbstorganisation der Gedanken und Gefühle der Lernenden zu dem eigentlichen Ausgangspunkt weiterführender Überlegungen zur Ermöglichung und professionelle Begleitung von Lernprozessen erklärte. Auch die Hirnforschung lieferte in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Belege für die Tatsache, dass es letztlich diese Selbstorganisation sei, die dafür ausschlaggebend ist, ob und in welchem Umfang Lernende sich öffnen und im Sinne einer Erweiterung oder gar Transformation ihrer Kompetenzen sowie ihrer Identität zu verändern vermögen. Der Satz des Systemforschers Helmut Willke „Systeme entscheiden selbst, wovon sie sich beeindrucken lassen“ (vgl. Willke 1987) gilt auch für die lernenden Systeme, mit denen es die Erwachsenenbildung zu tun hat.
Im Zuge dieser Ernüchterung schwanden auch die verbreiteten Hoffnungen auf die Machbarkeit eines Anschlusslernen, die davon ausgingen, dass eine gezielte Orientierung an den Teilnehmenden im Sinne einer an ihren Erfahrungen anknüpfenden gemeinsamen Suchbewegung schon irgendwie exakt die – von der Gesellschaft vordefinierten - Kompetenzen entstehen lassen würde, um die es im Kern ging. Man begann zu begreifen, dass solche Hoffnungen nichts anderes als heimliche Vermittlungsillusionen waren, welche die Lernenden zwar in der Anfangsbewegung im Lernarrangement durch vertrautes Gelände führten, ihnen aber bei der Zielorientierung ihres Lernens zu misstrauen begannen.
| Nur ganz allmählich versuchte man, die Kompetenzentwicklung von jeglicher Anpassungslogik zu lösen und auch die Zielorientierung der Autonomie des Lernenden anzuvertrauen. |
Man hatte begriffen, dass die Fähigkeit, „neuartige Situationen erfolgreich zu gestalten“ (so in etwa die Kompetenzdefinition des Europäischen Qualifikations-Rahmens), im Lernenden bloß dann wirklich nachhaltig reifen kann, wenn bereits das Lernen selbst der Aneignungs- und Handlungslogik folgt, von der auch die Gestaltung neuartiger Situationen getragen wird.
Die vier Dimensionen des Erwachsenenlernens
Erwachsenenlernen ist ein vierdimensionales Geschehen. Dieses dient der Versicherung von Identität und Kompetenz im Lebenslauf. Um diese Versicherung zu gewährleisten haben sich seit den 1970er Jahren unterschiedliche Deutungsrahmen ergeben, die mit jeweils spezifischer Gewichtung die vier Aspekte
– Anpassung,
– Veränderung,
– Gewissheit und
– Ungewissheit
zueinander positionieren. Dabei dominieren im 20. Jahrhundert die Dimensionen der Kognition und Anpassung – getragen von Konzepten der Vorhersagbarkeit und Verfügbarkeit, während seit dem Beginn des 21. Jahrhunderts die Erwachsenenbildung stärker im Kontext der Unsicherheit und Unverfügbarkeit der Zukunft in den Blick tritt.
| Wenn es auch bloß teilweise stimmen sollte, dass die Menschheit im 21. Jahrhundert mit einer Veränderung ihrer Lebensbedingungen zu rechnen hat, die in etwa mit der Veränderungsdynamik der letzten 20.000 Jahre vergleichbar ist (vgl. Kurzweil 2015), dann ist weder Anpassung, noch das Festhalten an rigiden Mustern der Wahrnehmung ein tragfähiger Weg, um identitäts- und kompetenzsicher zu bleiben. |
Die Fragen, um die es in immer stärkerem Maße geht, lautet:
– Was wird aus dem Erwachsenen, wenn Anpassung und Gewissheit im Umgang mit dem Wandel nicht mehr zu haben sind?
– Was wird aus der Persönlichkeit, wenn die Akteure ihrer Erwachsenenrolle immer wieder neu entwachsen?
– Gibt es dann überhaupt noch ein Ent-wachsen, oder Verkindlicht sich die lebenslange Lernbewegung insofern als es – wie beim Lernen des Kindes – permanent um die Auseinandersetzung mit und die Aneignung von Neuem geht?

Abb.2: Bezugsfelder des Erwachsenenlernens
Schon in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts haben die erwachsenenpädagogischen Forschungen und Diskurse deutlich herausgearbeitet, dass Wissen allein keine Kompetenz ist, d.h. dass man viel wissen, aber wenig können kann. Damit sich in der Auseinandersetzung mit dem Knowhow eine wirklich tragfähige Kompetenz zur proaktiven Gestaltung neuartiger Situationen entwickeln kann, bedarf es einer Emotionalisierung, wenn nicht sogar einer „emotionalen Labilisierung“ (vgl. Arnold/Erpenbeck 2014) der Auseinandersetzungs-, Lern- und Aneignungsprozesse Erwachsener.
| Identität und Kompetenzen erwachsen aus der Emotion, d.h. aus den durchspürten Fähigkeiten der erwachsenen Lernenden, mit der Infragestellung der Grundlagen ihrer bisher gültigen Identität und ihrer Kompetenzen umzugehen, ohne rigide an Bisherigem, Überlieferten oder gar Überwundenem aus reiner Verlegenheit festzuhalten. |
Das Problem des autonomen Handelns wird in den neueren Debatten im Konzept des selbstgesteuerten Handelns gewissermaßen praktisch „aufgelöst“, dabei einem Konzept folgend, welches zugleich – wenn auch nicht ganz ohne Brüche – an die systemisch-konstruktivistischen Konzepte, die sich mehr und mehr durchzusetzen scheinen, anschlussfähig ist. Dabei geht einiges an gesellschaftstheoretischen Bezügen, aber auch „Gewissheiten“ verloren. Mit der Aufweichung der emanzipatorischen Konzepte verschwimmen auch die identitätsstiftenden Selbstbeschreibungen von Wissenschaft und Praxis, da dem selbstgesteuerten Handeln gewissermaßen die Substanz bzw. das „Wozu?“ des Handelns als einer extern wirksam zu verankernden Zielmarke, zu fehlen scheint. „Aufklärung“ wird zur Kategorie einer reflexiven Subjekterstarkung, sie verblasst als Ergebnis eines wissend-belehrenden Gestus, der ohnehin in der – letztlich anmaßenden - Paradoxie verharrt, andere zur eigenen Befreiung bzw. zum „Erwachsen-“ oder „Erwachtsein“ irgendwie „(ver)führen“ zu wollen – ein vormundschaftlicher Anspruch der bloß zu Mehr Desselben – nämlich: nichts! - führen kann.
| Aufklärung i.S. eines Erwach(s)ens zu sich selbst ist demgegenüber eine Selbstbewegung, die allenfalls professionell ermöglicht und begleitet werden kann, wobei diese Begleitung wiederum eine Professionalität erfordert, die m.E. bloß von Menschen erbracht werden kann, die bereits selbst „erwacht“ sind und gelernt haben, sich als autonome Lernende zu bewegen. |
Ein Lernen im Modus der Plastizität, bei welchem sich zugleich die Fähigkeiten entwickeln können, Ungewissheiten „auszuhalten“ und Veränderungen im Vertrauen auf die eigenen Kräfte souverän zu gestalten, begegnete mir selbst in meinen schulischen und universitären Lernerfahrungen nur sehr selten. Es waren einige wenige Lehrveranstaltungen an der Universität, in denen wir spürten und erkannten, dass es auf uns, unsere eigenen Gedanken und Fähigkeiten, die Fragen zu Ende und „neu“ zu denken, ankam, wie z.B. in den Lehrveranstaltungen der späteren rheinland-pfälzischen Bildungsministerin Rose Götte (geb. 1938) oder den Seminaren des Soziologen Bernhard Schäfers (geb. 1939). Das Meiste kam demgegenüber kognitiv verengt auf uns zu, an rigiden Stoffpensen orientiert, im autoritären Gestus des Rechthabens präsentiert und auf Anpassung an überlieferte Gewissheiten gerichtet – durchdrungen von dem beißenden Geruch der Selektion und eines möglichen Scheiterns, der sich mit den „mitgeführten“ Stoffen der im „Überlebenssyndrom“ (Moré 2013) Nachgewachsenen zu einer lähmenden und bisweilen nahezu erstickenden inneren Substanz zu vermischen drohte.
Meine eigene Lerngeschichte ist durch eine bewusste Flucht aus den Angebotsinszenierungen der Universität geprägt: In der Mitte meines Studium erkannte ich, dass ich aus den Lehrveranstaltungen selbst kaum bleibende Einsichten und Kenntnisse bezog, weshalb ich in den Modus des Selbststudiums (Lektüre, Austausch mit Studienkollegen etc.) wechselte – eine erste Vorwegnahme des „Independent Study Mode“ (vgl. Arnold 2015), in dessen Geiste ich an der TU Kaiserslautern viele Jahre später – mit Kolleginnnen und Kollegen - das „Distance an Independent Study Center“ (DISC) aufbauen konnte, welches sich zur führenden wissenschaftlichen Weiterbildungseinrichtung in Deutschland entwickelte. Schon vorher hatte ich selbst – eigenständig - ein Instrument zu spielen gelernt, während gleichzeitig die über Jahre auf der Geige erworbene Perfektion sich nach meiner Schulzeit vollständig verflüchtigte – ebenso, wie meine Altgriechisch- und Lateinkenntnisse. Ich erkannte: Alles, was sich nicht mit dem zu verbinden vermag, was ich in meinem eigenen Leben nutzen kann und weiterentwickeln möchte, oder alles, was man mir „beibringen“ möchte, kann sich in meiner kognitiven und emotionalen Struktur nicht wirklich nachhaltig verankern. Hingegen kann ich sicher über all die Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten verfügen, die ich mir selbst erschlossen habe. So lernte ich Spanisch selbst, perfektionierte eigenständig meine Englischkenntnisse und stärkte meine Selbstlernkompetenzen, um deren Förderung sich weder in der Schule, noch an der Universität irgendjemand gekümmert hatte. Lernfähigkeit wurde einfach unterstellt, obgleich diese in den durchlaufenen Lehrkulturen bei den allermeisten meines Altersjahrganges weitgehend verschüttet worden war – welch ein didaktischer Irrtum und welch ein bildungspolitischer Skandal!
Zwar kann man – dies ist wohl die eigentlich aufweichende Paradoxie – niemanden zur Autonomie „führen“, ohne dabei zugleich gegen das Prinzip derselben zu verstoßen, doch steht der Beweis für das Gegenteil, dass man durch autonomes „Dürfen“ (z. B. in autonomen Arbeitsgruppen oder Lernprozessen) zur Autonomie gelangt, zumindest noch aus, wenn auch die Argumente so schwach nicht sind, wie u.a. die Kaiserslauterer Dissertation von Sabine Schreiber-Costa zeigt (vgl. Schreiber-Costa 2018). Dafür spricht zumindest die transfertheoretisch notwendige Strukturparallelität zwischen Lernen, Erleben und Anwenden. Schließlich kann man autonomes Handeln kaum von jemandem erwarten, dessen bisherige Bildungsbiografie keinerlei oder bloß wenige Möglichkeiten zum Einüben von zumindest rudimentären Formen eines selbstreflexiven, selbstständigen oder kooperativen Handelns und Problemlösens eröffnet hat.
„Autonomie“ verkommt jedoch dort zur wohlfeilen Rhetorik, wo sie sich der bewusst oder unbewusst wirkenden Vermeidung selbstbestimmten Handelns nicht (mehr) stellt. Dies ist vor allem im Bereich der Alltagsroutinen vielfach der Fall. Hier übersieht die Rede von der „Individualisierung“ die verinnerlichte Heteronomie. Erwachsene sind vielfach nicht „Herr (oder Frau) im eigenen Haus“, und gerade ihre „wissenden“ bzw. gewissheitsstrotzenden, selbstbewusst oder gar überwertig entschieden vorgetragenen Stellungnahmen verdanken sich oft einer im Verborgenen wirkenden Dynamik, die sie hindert, innerlich wirklich erwachsen zu werden und autonom zu handeln – ein Gedanke, der übrigens auch für die Gewissheitsargumentationen im wissenschaftlichen Bereich gilt und zu der Frage führt, welche Wissenschaft wir eigentlich haben und kultivieren (vgl. Arnold 2018).
Auf die Dimension der verbliebenen Heteronomie wurde in der Erwachsenenpädagogik verschiedentlich, aber ohne nachhaltige Resonanz hingewiesen. Erinnert sei z. B. an die frühen Ausführungen von Tobias Brocher (1917-1998) – „Zum Problem der Entwicklung von Konformismus oder Autonomie in Arbeitsgruppen“ (Brocher 1967, S. 18 ff.) –, in denen er nachzeichnete, wie die Psychodynamik der primären Lernprozesse mit ihrer ambivalenten Eingespanntheit zwischen Gefühlen der Abhängigkeit und der sozialen Angst einerseits und den nach Kompensation drängenden Allmachts- und Omnipotenzfantasien andererseits „auf der seelischen Ebene auch später weitgehend unbewusst beibehalten (wird)“ (ebd., S. 21). Bildung kann deshalb „Autonomie“ nicht einfach gewährleisten, sondern bedarf professioneller Formen, um mit den heteronomen Lerngewohnheiten und -widerständen, die das Lernen subtil durchwirken, autonomiefördernd umzugehen. Erst aus dieser Störung (Perturbation) der heteronomen Innerlichkeit kann Autonomie erwachsen.
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42 Diese „Aspirin-Übung“ geht auf den amerikanischen Therapeuten Steve de Shazer (1940-2005) (vgl. de Shazer/ Dolan 2024)
43 Vgl. die Hinweise auf die Rauschzustände, in die sich die Priester:innen des Orakels in Delphi oder auch die Schamanen im Amazonengebiet und andernorts versetzten, um „klarer“ auf das Denken, Fühlen und Handeln derer blicken zu können, die bei ihnen Rat suchten (vgl. u.a. van Queckelberghe 1995).
44 Michel Foucault erinnert in seinem posthum erschienenen „Diskurs der Philosophie“ daran, dass „die abendländische Philosophie zweifellos kein entscheidenderes Projekt für sich ersonnen (hat) als die Entdeckung der ursprünglichen Bedeutungen des Subjekts, die Aufdeckung seines grundlegenden Wesens, die Versöhnung mit seinem vergessenen Sinn: kurz, die Übereinstimmung des Subjekts mit dem, was es als Subjekt begründet. (…) Was bis ´jetzt´ nicht toleriert wurde ist ein philosophischer Diskurs, in dem weder vom Subjekt noch vom ursprünglichen Grund die Rede wäre“ (Foucault 2024, S.60), d.h. ein in unserem Sinne pragmatistisches Konzept des Erkennens und der Transformation von Bewusstseinsformen.
45 Diese Einsicht bedeutet gleichwohl nicht, dass man sich nicht doch mit „guten“ Gründen endgültig von Opportunisten, die über Leichen gehen und selbst Freunde verraten, abwenden kann und auch abwenden muss, um den eigenen Werten glaubwürdig treu und der klaren Grenzen bzw. Abgrenzungen gegenüber denjenigen, die es nicht wirklich gut mit einem meinen, sondern bloß Gelegenheiten zum eigenen Vorteil – rücksichtslos - nutzen, spürbar bewusst bleiben zu können. Solche Werte sind z.B. „Keine Freiheit für die Feinde der Freiheit!“ und „Keine selbstlose Hinwendung zu Menschen, die nur dem – entlarvenden - Leitmotiv folgen: Gut ist, was (mir) etwas bringt!“ Oder mit den Worten der Sängerin Lena: „Und die, die mich nicht lieben, die vermiss ich nicht!“
46 https://spz-kummerberg.vobs.at/fileadmin/user_upload/Texte/Portia_Nelson_-_Autobiografie_in_fünf_Kapiteln.pdf (Aufruf am 4.8.2024): Portia Nelson war eine amerikanische Singer-Songwriterin
47 So kann Entwurzelung z.B. bewusst antizipiert und geübt werden, um dadurch – in proaktiver Bewegung - mehr und mehr in einen ambulanten Lebensmodus zu wechseln, in dem wir weniger an Vertrautem (Besitz, Heimat, Jugendlichkeit etc.) hängen und deshalb vielleicht auch bereitwilliger loslassen und uns selbst verabschieden können.
48 So war es für den Philosophen Sören Kierkegaard (1813-1855) letztlich ein „Sprung“, der den Menschen über den Verstand und die eigenen Lebensformen hinaus zum Glauben führen könne – eine unmittelbare Bewegung in die Klarheit, die sich nicht aus dem Vorhergehenden ergibt, sondern sich plötzlich neu und unerwartet ereignet. Er hätte dieses Umschlagen des Denkens, Fühlens und Handeln vielleicht auch als „Befreiungshilfe der Vernunft“ bezeichnet (vgl. Arnold/ Erhard/ Stief 2022).
49 Als „Kadenz“ bezeichnet man in der Musiktheorie die musikalische Improvisation eines Solisten oder einer Solistin, die diesen die Möglichkeit gibt, ihre Virtuosität auf ihrem Instrument – meist unter Aufgreifen, Fortführung und Erweiterung der zuvor bereits ertönten Orchestermelodien, unter Beweis zu stellen. Solist oder Solistin arbeiten sich dabei gewissermaßen aus den orchestrale Klängen heraus, um zu ganz eigene Intonation aufzusteigen und danach wiederum dem Orchester als Impuls zuzuführen.
50 Diese Praxis ist wohl in einigen Klöstern des Mittelalters nachweisbar, in denen die Mönche in ihren spartanisch eingerichteten Wohnzellen einen Totenschädel aufbewahrten.


