Die Art und Weise, wie auf das kindliche Verhalten reagiert wird, ist zwischen den unterschiedlichen Kulturen extrem verschieden. Das wird am deutlichsten, wenn die kulturellen Unterschiede besonders groß sind. Empirische Studien dazu haben vor allem Ethnologen und Ethnopsychoanalytiker vorgenommen. Beispielhaft dafür sind die Untersuchungen von Paul Parin, Fritz Morgenthaler und Goldy Parin-Matthèy bei den Agni in Westafrika.


Aber auch bei Erwachsenen ist der Effekt "gezeigter" Emotionen, dass andere Leute in einer - kulturspezifischen - Weise reagieren. Sie wirken als Handlungsaufforderungen.



Literatur:


"Brou Koffi spricht mit dem Weißen. Sein dreijähriges Töchterchen stört das Gespräch, es rüttelt am Tisch, auf dem der Transistor steht. Der Chef schreit es an. Das Kind läßt sich nicht stören. Da ruft er seine Frau. Sie kommt mit einem dünnen Stock und schlägt das Kind, dann geht sie wieder in die Küche. Die Kleine setzt sich auf den Boden und weint jämmerlich.

»Es ist gut, wenn man das Kind ein wenig schlägt, wenn es noch klein ist.

So lernt es etwas...

Ja. Es ist zu klein und weiß noch nichts. Gerade darum muß man es schlagen...

Ob auch meine Mutter mich geschlagen hat? Ich glaube doch. Es gibt wohl keine Mutter, die ihr Kind nicht schlägt...

Ich erinnere mich aber nicht. Wenn man klein ist, hat man noch kein Gedfdächtnis. Das kommt erst später... Ich weiß es wirklich nicht.«

»Sie haben doch unlängst erzählt, daß Sie sich erinnern, wie ihre Mutter Sie auf dem Rücken getragen hat?«

»Das ist etwas anderes. Das ist etwas, das bleibt. Die Mutter hat dir damit etwas Gutes getan. Darum vergißt man es nicht.«" (S. 210f.)

[...]

"Drei Momente sind zu betonen: 1. Die Beziehung der Mutter zum S'äugling erscheint im Rahmen der geschilderten Einzelheiten, in allen Fällen ungestört. 2. Wo ein Säugling auftaucht, ist er immer Gegenstand des intensiven affektiven Interesses der Anwesenden, das allerdings nach verschieden langer Zeit plötzlich abbricht. 3. Der präverbale Dialog mit der Mutter entwickelt sich nach anderen Gesetzen und umfaßt andere Elemente als bei unseren Kindern. Bestimmte Kommunikationsweisen (Fixieren des Gesichts, Lächeln, Spielen, Austausch von Lauten) lernen die Kinder offenbar mit anderen Personen. Die Reifung dieser Modalitäten schent nicht später einzutreten als in Europa (soweit die ungenaue Schätzung des Alters einen Vergleich zuläßt).

Kinder beiden Geschlechts und jeden Alters befassen sich gern mit dem Säugling, sind sogar meist zärtlicher zu ihm als Erwachsene; am zärtlichsten sind Kleinkinder, Männer sind ebenso interessiert wie Frauen, behandeln das Kind ähnlich behalten es kürzer. Der Vater neigt dazu, das Kind plötzlich zu ergreifen, es mit einem gut gemeinten, aber groben Bewegungsspiel herumzuschwenken oder zu werfen, um es dann weiterzugeben.

Wird das Kind größer, ist es die Mutter, die auf geschickte, wie beiläufige Art Zusatznahrung gibt: vor dem Stillen einen Schluck Wasser oder einige Kügelchen Reis.

Bewegungsversuche werden sehr wohl ermöglicht: Herumkriechen, Aufstehenlassen usw., (...). Das Sitzen (mit Unterstützung) wird früh eingeführt, schon im ersten Monat geprobt." (S. 215f.)

[...]

"Von den ersten Lebenstagen an erhalten alle Kinder ein- bis zweimal täglich einen Einlauf mit einer Aufschwemmung von geriebenen Pfefferschoten. Als Instrument dient ein Gummiballon mit Hartgummiansatz. Unmittelbar nach dem Einlauf werden die Säuglinge zwischen den Knien der Mutter auf einen Nachtopf gesetzt, ältere Kinder nebenan, noch ältere müssen ihren Platz für die Defäkation allein aufsuchen. Unmittelbar nach dem Einlauf das intensive Bad.

Säuglinge, die zuerst nur eine zerriebene Schote pro Einlauf erhalten, winden sich zwar, als ob sie Bauchweh hätten, wehren sich jedoch nicht und schreien nicht. Nach der Abstillung ändert sich das Verhalten. Man gibt jetzt etwa 6 Schoten pro Mal, dazu eventuell geschabten Ingwer und Kräuter. Die Kinder erwarten in geduckter Haltung, den Kopf eingezogen, das Hinterteil vorgestreckt, trippelnd, manchmal leise greinend die Prozedur. Sie flüchten nich, oder nur ein paar Schritte, so daß sie leicht zu fangen sind. Dann werden sie bäuchlings über die Knie der Mutter gelegt. Meist plärren sie und strampeln wild mit den Beinen. Eine andere Frau hält die Beine fest. Dann auf dem Topf winden sie sich nicht wei dei Säuglinge, sondern halten den Bauch mit den Händen, weinen oder starren stumm vor sich hin. Beim Bad sträuben sie sich trotzen, werden von der Mutter hart angefaßt, angeschrien.

In der späteren Säuglingszeit zeigen die meisten Kinder gelegentlich kurze Anfälle von aktivem Unwillen und Trotz (...). Jetzt sind sie nur mehr für kurze Zeit wütend, werfen heulend STeine oder Hölzer gegen andere Kinder oder Erwachsene, werden dabei ausgelacht. Meist bekomt der Trotz eine passive oder verzweifelte Note; sie verstecken sich häufig in solchen Momenten." (S. 218)

Parin, Paul, Fritz Morgenthaler und Goldy Parin-Matthèy (1971): Füchte deinen Nächsten wie dich selbst. Psychoanalyse und Gesellschaft am Modell der Agni in Westafrika. Frankfurt (Suhrkamp).