Um die Küche zu verlassen, aber dennoch ein Beispiel aus dem Alltag zu wählen: In jedem Hotelzimmer findet sich eine Zeichnung mit dem Plan, wie man im Notfall zur nächsten Treppe gelangt. Wenn der Feueralarm tönt, dann ist das Zimmer zu verlassen und auf schnellstem Weg - nämlich dem vorgezeichneten - das Haus zu verlassen. Dabei darf der Fahrstuhl ncht benutzt werden...


Der Klang der Sirene ist der Input, der gemeint ist wenn Luhmann von Inputorientierung spricht. Es handelt sich um - aus Erfahrung gewonnene - Verfahrensweisen, die nur unter bestimmten Umständen (= Konditionen) anzuwenden sind.


Solche Prozeduren sind üblicherweise in Handbüchern niedergeschrieben, eine Art des kollektivierbaren Gedächtnis, auf das bei Bedarf zurück gegriffen werden kann. Problem ist allerdings, dass dies Zeit erfordert. Daher werden manche derartige Programme immer wieder probeweise durchgespielt, damit jeder "im Ernstfall" weiss, was zu tun ist.


Solches Wissen bzw. die Orientierung an ihm kann allerdings auf problematisch sein, wenn die vorgeschriebenen Prozeduren verhindern, dass schnell, kreativ und intuitiv in einer Situation gehandelt werden kann (aber niemand genau sagen kann, wann eine Situation zu der Kategorie gehört, dass so gehandelt werden muss...).


 


 


Literatur:

"Konditionalprogramme haben die allgemeine Form des »wenn - dann«. Im Allgemeinen heißt das: »nur wenn - dann«. Das heißt dann: was nicht erlaubt ist, also durch die genannte Bedingung ausgelöst wird, ist verboten. Es hätte keinen Sinn, anzuordnen: diese Medizin darf nur auf ärztliche Verschreibung ausgegeben werden, und anderenfalls auch. Beide Seiten der Relation können positiv oder negativ vorgegeben sein; im Allgemeinen versteht sich aber die Umkehrung von selbst.
Die Auslösebedingung eines Konditionalprogramms liegt, relativ zur ausgelösten Operation, in der Vergangenheit, auch wenn das Programm sich auf eine zukünftige Gegenwart bezieht und damit auch das Auslösesignal modo futuri exactei vorausgesetzt werden muss. (...)
Konditionalprogramme können sequenziell hintereinander geschaltet werden, indem die Durchführung eines Programms Auslösesignal für das nächste ist. Damit können komplexe Programme in Ketten aufgelöst werden, in Ketten mit eingebauter, selbstläufiger Synchronisation."
Luhmann, Niklas (2000): Organisation und Entscheidung. Opladen (Westdeutscher Verlag), S. 263f.
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"Einmal schöpfte RAmbert Hoffnung. Er hatte von der Präfektur einen Blankofragebogen geschickt bekommen, den er genau ausfüllen sollte. Es wurde auf dem Formular nach seinen Personalien, seinem Familienstand, seinen früheren und derzeitigen Einnahmequellen und einem sogenannten curriculum vitae gefragt. Er hatte den Eindruck, es handle sich um eine Umfrage zur Erfassung der Fälle von Leuten, die an ihren normalen Wohnort zurückgeschickt werden könnten. Einige unklar Informationen in einem Büro bestätigten diesen Eindruck. Aber nach ein paar gezielten Vorstößen gelang es ihm, die Dienststelle zu finden, die den Fragebogen verschickt hatte, und dort sagte man ihm, diese Informationen seien »für den Fall« eingeholt worden.
»Für welchen Fall?«, fragte Rambert.
Darauf erklärte man ihm, es sei für den Fall, dass er an Pest erkranke und sterbe, damit man einerseits seine Familie benachrichtigen könne und andererseits Bescheid wisse, ob die Krankehauskosten von der Stadt getragen werden müssten oder ob man die Erstattung durch seine Angehörigen erwarten könne. Das bewies natürlich, dass er nicht ganz und gar von derjenigen getrennt war, die auf ihn wartete, da sich die Gesellschaft um sie kümmerte. Aber das war kein Trost. Was bemerkenswerter war und was Rambert folklich bemerkte, war die Art, wie eine Dienststelle mitten in einer Katastrophe ihren Dienst weter vererichten und oft ohne Wissen der vorgesetzten Behörden Initiativen aus einer anderen Zeit ergreifen konnte, bloß weil sie für diesen Dienst da war."
Camus, Albert  (1947): Die Pest. Reinbek (Rowohlt TB) 3. Aufl., S. 157f.