Georg Simmel hat wohl als erster (?), aber auf jedenfall sehr klar und deutlich darauf hingewiesen, dass eine der (nicht-intendieerten, aber wahrscheinlich kaum zu vermeidenden) Wirkungen der Nutzung des Meddiums Geld in Transaktionen (wie sie für Märkte charakteristisch sind), ist, dass von den konkreten persönlichen Beziehungen der Transaktionspartner abstrahiert wird. Ganz generell, so lässt sich zusammenfassen, werden zwischenmenschliche Beziehungen und soziale Beziehungsmuster unwichtiger, je mehr die Steurung des Verhaltens von Individuen durch Geld bzw. durch die Kalkulation zu leistender oder zu erhaltender Zahlungen erfolgt. Auch hier kann noch einmal daran erinnert werden, dass in älteren, vormodernen Gesellschaftsformen durch die Position in einem Netzwerk von Beziehungen und die damit verbundene Verpflichtungen und Bindungen erfolgte. Können die Verpflichtungen als Dienstleistungen bepreist werden, so kann die Leistung entpersönlicht werden und statt der Erfüllung der Leistung ein Geldbetrag bezahlt werden. Im Unterschied zu wirtschaftfernen symmetrischen oder reziproken Beziehungen, wo der Gefallen des einen den anderen zu einem Gegengefallen (in nicht allzu entfernter Zeit - "Schatten der Zukunft") verpflichtet, kann diese Erwartung in wirtschaftlichen Beziehungen durch Zahlung eines Preises vermieden.Das heißt, es entsteht kein "Schatten der Zukunft", d.h. keine Erwartung einerer Gegenleistung.


Auf diese Weise macht die Nutzung von Geld die Entstehung sozialer Bindungen überflüssig.


 


Literatur:

 
"Die dritte Stufe, bei der aus dem Produkt die Persönlichkeit wirklich  ausgeschieden ist und der Anspruch sich gar nicht mehr in diese hineinstreckt, wird mit der Ablösung der Naturalabgabe durch die Geldabgabe erreicht. Man hat es deshalb gewissermaßen als eine magna charta der persönlichen Freiheit im Gebiete des Privatrechts bezeichnet, wenn das klassische römische Recht bestimmte, jeder beliebige Vermögensanspruch dürfe bei Verweigerung seiner Naturalerfüllung in Geld solviert werden; das ist also das Recht, jede persönliche Verpflichtung mit Geld abzukaufen. Der Grundherr, der ein Quantum Bier oder Geflügel oder Honig von seinem Bauern fordern darf, legt dadurch die Tätigkeit desselben in einer bestimmten Richtung fest; sobald er nur Geldzins erhebt, ist der Bauer insofern völlig frei, ob er Bienenzucht,Viehzucht oder was sonst treiben will. Auf dem Gebiet persönlicher Arbetisdienste vollzieht sich der formal gleiche Prozeß mit der Berechtigung, einen Ersatzmann zu stellen, den die andre Partei, wenn er sachtlich einwandfrei ist, akzeptieren muß."
 
Simmel, Georg (1900): Philosophie des Geldes. Gesamtausgabe Bd. 6. Frankfurt (Suhrkamp) 3. Aufl. 1994, S. 378.