Etliche der Theorien, wie sie von den Wirtschaftswissenschaften vertreten werden, ruhen auf bestimmten anthropologischen und psychologischen Vorannahmen, die offensichtlich rein ideologisch begründet sind und keinerlei empirische Basis besitzen. Die wichtigste ist, dass der Mensch - das Individuum - seine Entscheidungen in einer Weise trifft, dass sein individueller Vorteil gewährleistet ist. Auf dieser Basis ruhen auch marktfundamentalistische Konzepte, die ein Prinzip propagieren, das sich karikiert in etwa so formulieren lässt:"Wenn jeder an sich denkt, dann ist an jeden gedacht!" Gemeinsamer Nenner fast aller wirtschaftswissenschaftlicher Konzepteist,dass sie vom Individuum und seinen Entscheidungen ausgehen. Der Einzelne wird als Überlebenseinheit definiert, die so entscheidet, dass es für ihr Überleben und Wohlergehen nützlich ist.Was dabei systematisch ausgeblendet wird,ist die Tatsache, dass der Einzelne stets Mitglied sozialer Systeme ist und dieser Kontext seine Entscheidungen (mit-)steuert. Wenn auf diesen Kontext geblickt wird, dann wird deutlich, dass der Einzelne nur selten den primitivpsychologischen Vorannahmen von Wirtschaftswissenschaftlern entsprechend handelt. Auch wenn Politiker wie Margaret Thatcher verkünden, es gäbe keine Gesellschaft, sondern nur Individuen, zeigt die Menschheitsgeschichte wie auch das Verhalten der meisten Menschen heute, dass sie keineswegs dem "Ideal" des auf sich bezogen wirtschaftenden Individuums folgen, sondern sich an anderen, umfassenderen Überlebenseinheiten orientieren: Mütter opfern nicht nur ihren Schlaf für ihre Kinder, sondern, wenn es erforderlich ist, auch ihr Leben; in früheren Zeiten - gottseidank ist das etwas aus der Mode gekommen - sind junge Soldaten begeistert in den Krieg gezogen, um für Volk und Vaterland zu sterben; Ärztinnen und Ärzte nutzen ihre wohlverdienten Ferien, um in Afrika Kinderherzen oder blindgewordene Augen zu opererieren; Freiwillige unterschiedlicher Religionen und Professionen retten Flüchtlinge vor dem Ertrinken im Mittelmeer oder betreuen sie in Flüchtlingsheimen usw.


Die Entstehung von Märkten wird von manchen Wirtschaftswissenschaftlern quasi naturalistisch durch den vermein tlichangeborenen Charakter des primär an sich selbst denkenden "homo oeconimcus" erklärt. Doch die Geschichte zeigt, dass solch ein Verhalten ziemlich jung ist, nämlich erst, seit die Produktion und Verteilung von Gütern aller Art Märkten überlassen wird. Es ist also genau umgekehrt: Nicht der homo oeconomicus kreiert den Markt, sondern der Markt kreiert den homo oeconomicus.


Der Grund dafür ist, dass in einer Marktgesellschaft alles, was beobachtet  (=unterschieden und bezeichnet) werden kann, zur handelbaren Ware werden kann (die Worte Ware und Wahrnehmung, awareness, lassen sich auf denselben Wortstamm zurückführen). Von jedem beliebigen "Ding" bis zu jedem beliebigen Verhalten kann dann alles mit einem Preis versehen und objektiviert werden. Der ganze Mensch in seiner biologischen Beschaffenheit, seiner psychischen Dynamik und seiner sozialen Stellung wird dann aus der Rechnung herausgekürzt. Was bleibt ist eine Ware, die auf einem Markt verkauft oder gekauft wird.


Jede Gesellschaft, die ihre politischen, d.h. kollektiv bindenden, Entscheidungen Märkten überlässt oder unterordnet, wird zwangsläufig - ohne dass es dazu irgendeiner Verschwörung oder eines Übeltäters bedürfte - aufgrund der kommunikativen - sozial entbindenden - Regeln von Märkten, enthumanisiert, denn es wird von den Teilnehmern an jeder einzelnen Transaktion abstrahiert, es sei denn, irgendein Aspekt, eine Eigenschaft, eine Kompetenz, eine Verhaltensmodus etc. wäre als Ware handelbar...


 


Literatur:

 
"Die Objektivierung des Lebens auf Grund seiner Bestimmtheit durch das Geld ermöglicht es weiter, daß die Beziehungen der Menschen untereinander, so wirkungsvoll und weitgreifend sie seien, doch dem Individuum eine früher ungekannte Freiheit gestatten. Die mittelalterliche Korporation schloß den ganzen Menschen in sich ein: eine Zunft der Tuchmacher war nicht eine Assoziation von Individuen, welche die bloßen Interessen der Tuchmacheerei pfegte, sondern eine Lebensgemeinschaft in fachlicher, geselliger, religiöser, politischer und sonstigen Hinsichten.  Im Gegensatz zu dieser Einheitsform hat die Geldwirtschaft unzählige  Assoziationen ermöglicht, die entweder von ihrem Mitgliedern nur Geldbeträge verlangen oder auf ein bloßes Geldinteresse hinausgehen. Hiermit nun ist eine der wirkungsvollsten kulturellen Formungen gegeben: die Möglichkeit des Individuums, sich an Assoziationen zu beteiligen, deren objektiven Zweck es fördern oder genießen will, ohne daß für die Persönichkeit im übrigen die Verbindung irgend eine Bindung mit sich brächte. Das Geld hat den Zweckverband seinen reinen Formen entwickelt, jene Organisationsart, die sozusagen das Unpersönliche an den Individuen zu einer Aktion vereinigt und uns die MÖglichkeit glelehrt hat, wie sich Personen unter abloluter Reserve alles Persönlichen und Spezifischen vereinigen können."
 
Simmel, Georg (1900): Philosophie des Geldes. Gesamtausgabe Bd. 6. Frankfurt (Suhrkamp) 3. Aufl. 1994, S. 720f.
 
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"Ein selbstregulierender Markt erfordert nicht weniger, als die institutionelle Trennung der Gesellschaft in eine wirtschaftliche und eine politische Sphäre. Eine solche Dichotomie ist, genau genommen, vom Standpunkt der Gesellschaft als Ganzes gesehen, bloß eine andere Formulierung für die Existenz eines selbstregulierenden Marktes. Man kann natürlich meinen, daß diese beiden Bereiche in jeglicher Art von Gesellschaft zu allen Zeiten voneinander getrennt sind. Eine solche Folgerung wäre jedoch ein Trugschluß. Sicherlich kann keine Gesellschaft ohne irgendein System auskommen, das die Erzeugung und Verteilung von Gütern sicherstellt. Daraus folgt aber nciht, daß es separate wirtschaftliche Institutionen geben muß; normalerweise ist die Wirtschaftsordnung bloß eine Funktion der Geselllschaftsordnung in der sie eingeschlossen ist. Wie wir gezeigt haben, gab es weder in der Stammesgesellschaft noch im feudalen oder merkantilen System ein separates ökonomisches System im Rahmen der Gesellschaft. Die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts, in der die wirtschaftliche Tätigkeit herausgelöst und einem spezifischen ökonomischen Trieb zugeschrieben wurde, war in der Tat eine bemerkenswerte Abweichung.
Eine solche institutionelle Schablone konne nicht funktionieren, außer die Gesellschaft wurde ihren Erfordernissen irgendwie untergeordnet. Eine Marktwirtschaft kann nur in einer Marktgesellschaft existieren. Wir geelangten in unserer Analyse des Marktgeschehens zu dieser Schlußfolgerung. Wir können nun die Gründe für diese Behauptung im einzelnen darlegen. Eine Marktwirtschaft muß alle Elemente wirtschafticher Tätigkeit, einschließlich Arbeit, Boden und Geld, umfassen. (In einer Marktwirtschaft ist das letztere auch ein wesentliches Element des industriellen Lebens, und seine Einbeziehung in den Marktmechanismus hat, wie wir sehen werden, weitreichende Folgen.) Indessen bedeuten Arbeitskraft und Boden nichts anderes, als die Menschen selber, aus denen jede Gesellschaft besteht, und die natürliche Umgebung, in der sie existiert. Sie in den Marktmechanismus einzubeziehen, das heißt die Gesellschaftsubstanz schlechthin den Gesetzen des Marktes unterzuordnen."
 
Polanyi, Karl (1944): The Great Transformation. Frankfurt (Suhrkamp) 1978, S. 106.