Zu Konflikten kommt es immer, wenn unentscheidbar ist, "was" richtig oder "falsch" ist. Das betrifft zum einen alle Fragen, über deren Antworten erst die Zukunft entscheidet. Es betrifft aber auch alle ideellen Fragen, die nicht der materiellen Überprüfung oder Objektivierung zugänglich sind, d.h. Glaubensfragen, weltanschaulich motivierte Bewertungen und Erklärungen, ja, sogar Beschreibungen vermeintlicher "Fakten", die jeweils aus einer anderen Perspektive betrachtet werden können.


Da das menschliche Individuum - sowohl sein Körper wie auch seine Psyche -, aber auch soziale Systeme paradox organisiert sind, führt jede Selbst- wie auch jede Fremdbeobachtung, in der es um Entscheidungen geht, zwangsläufig zu Konflikten, da fast jede als "nützlich" oder "richtig" bewertete Entscheidung mit (Neben-?) Wirkungen verbunden ist, die als "schädlich" oder "falsch" zu Buche schlagen...


Ambivalenz ist das individuelle Erleben des psychischen Konflikts (Sigmund Freud hat seine gesamte Psychologie auf dieser Einsicht aufgebaut). Etwas überspitzt formuliert: Ambivalenz ist der Normalzustand des Menschen, der nur von gelegentiche Momenten der Ambivalenzfreiheit unterbrochen wird, in denen man entscheidet - um gleich anschließend wieder darüber zu grübeln, ob man sich nicht hätte anders entscheiden sollen...


 


 


Literatur:


"Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,

die eine will sic von der andern trennen:

Die eine hält in derber Liebeslust

sich an die Welt mit klammernden Organen;

die andre hebt gewaltsam sich vom Dust

zu den Gefilden hoher Ahnen."

Goethe, Johann Wolfgang v. (1808): Faust. Eine Tragödie. Vers 1112 - 1117; Vor dem Tor. In: (ders.) Werke. Hamburger Ausgabe. München (dtv) 1982, Bd.3 S. 41

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"Keiner, der es nicht selbst empfunden hat, vermag sich die Qual vorzustellen, wenn der Geist eines Menschen von zwei gleich starken Projekten auseinandergerissen wird, die zu gleicher Zeit störrisch in entgegengesetzte Richtungen zerren: Denn gar nicht zu reden von der Verheerung, die dies in der Folge am ganzen feineren Nervensystem unvermeidlich anrichtet, das doch, wie Ihr wißt, die Lebensgeister und dünneren Säfte vom Herz nach dem Kopf leitet und so weiter - So läßt sich erst recht nicht saagen, in wechem Grade eine so widerspenstige Friktion auf die gröberen und festeren Teile wirkt, indem sie mit jedem Vor-und-Zurück am Fett des Menschen zerrt und seine Kräfte schwächt."

Sterne, Laurence (1761): Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman. Zürich (Haffmans) 1987, Bd. 4, S. 203.