Ambiguitätsintoleranz

Ich weiss: Psychopathologie ist out. Was die alten Psychiater wie Karl Jaspers ge- und beschrieben haben, wird kaum noch zur Kenntnis genommen. Doch die alten Psychopathologen haben m.E. viele sorgfältige (um nicht zu sagen: die besten) Beobachtungen des Verhaltens von Menschen, die sich im Laufe ihres Lebens psychiatrische Diagnosen zuziehen, geliefert, die auch heute noch der Beachtung wert sind.

Psychopathologie als Wisschenschaft ist dabei genauso fragwürdig wie die Psychologie im Allgemeinen: Wie kann man Beobachtungen über einen Phänomenbereich objektvieren, der stets nur einem Beobachter zugänglich ist: die Psyche.

Die Psychologie beforscht die Psyche ja nicht direkt, sondern immer nur Teilnahme an Kommunikation: sei es in einem Test, einem Interview, als beobachtetes Verhalten usw. (Ausnahme: Selbstbeobachtung, aber da hapert es natülich an den Möglichkeiten der Objektivierung). Die spezifische Form der Teilnahme an der Kommunikation wird dann durch hypothetische psychische Prozesse und Strukturen erklärt und gegebenenfalls mit einem Label (=Diagnose) versehen.

Wenn man diese Erklärungen mal weglässt, dann bleibt die Beschreibung beobachtbaren Verhaltens. Und hier kommen die alten Psychopathologen wieder ins Spiel. Aus aktuellem Anlass gewinnt für mich dabei ein Phänomen Interesse, dass sie als Charakteristikum "manisch-depressiver" Patienten beschrieben haben. Sie nennen es "Ambiguitätsintoleranz". Sie beschreiben und benennen mit diesem Begriff die Tendenz eines Menschen, keine Ambivalenzen, internen Konflikte oder Unklarheiten zuzulassen (und erklären es mit dessen Intoleranz gegenüber Vieldeutigkeit). Entweder himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt, entweder ganz schwarz oder ganz weiss, richtig oder falsch, gut oder böse. Die Welt scheint den Gesetzen einer zweiwertigen Logik zu folgen, und die betreffenden Menschen versuchen dieser Entweder-oder-Logik gerecht zu werden, was dann bei ihnen auf der einen Seite zu einer für die Menschen in ihrem Umfeld nicht verstehbare Euphorie führt (Manie) oder zu einer ebensowenig für andere versehbaren Dysphorie (Depression) auf der anderen Seite.

Lassen wir mal alle Erklärungsversuche bei Seite und beschränken uns auf die Beschreibung des Verhaltens. Wie ich an anderer Stelle ausführlicher dargestellt habe, lassen sich Kulturen als Sinnsysteme mit psychischen Systemen vergleichen, da beide analoge bzw. isomorphe Muster zu bilden scheinen. Wenn man mit dieser Brille auf Kulturen schaut, so scheint mir die deutsche Kultur (nicht nur heute, sondern, wenn man in die Geschichte schaut, schon lange Zeit) manisch-depressive Merkmale zu zeigen, d.h. speziell: von Ambiguitätsintoleranz gekennzeichnet zu sein. Fremdenhass gestern, beklatschte Flüchtlinge heute. Selbstzerknirschung gestern, Selbstgrandiosierung heute usw. Beides ziemlich frei von Ambivalenzen, wie es scheint.

Wenn solch ein Muster als pathologisch bewertet wird, ist das natürlich ein Beobachterphänomen. Als verrückt erscheint es (d.h. das eine Verhalten wie das andere) dem Beobachter, für den dies nicht verstehbar ist - weder emotional noch intellektuell (- so geht es zur Zeit mal wieder manchen nichtdeutschen Beobachtern).

Eine interessante Erfahrung für mich persönlich ist, dass ich in den letzten Wochen in diesem Blog ja Prügel von gegensätzlichen Seiten bezogen habe: entweder weil ich (vermeintlich) die Begeisterung beim Empfang der Flüchtlinge diskreditiert habe oder weil ich mich zu sehr für die Aufnahme der Flüchtlinge ausgesprochen habe...

Das ist, nebenbei bemerkt, ein Phänomen, das man als (systemischer) Berater oder Therapeut kennt: Wenn man mit einem sozialen System (sei es eine Familie, sei es eine Organisationseinheit), in dem solch ein Splitting-Muster praktiziert wird, konfrontiert ist. Dann laden die beiden im Konflikt liegenden Parteien den Berater/Therapeut dazu ein, ihrer Partei beizutreten und beobachten ihn paranoid daraufhin, ob er Partei für die Gegenseite nimmt. Die Bewahrung der Neutralität wird daher ein richtig großes Problem, da Neutralität im Weltbild bzw. in den Erwartungen des Klientensystems gar nicht vorkommt und alle Beteiligten Parteinahme als selbstverständlich voraussetzen (aber das habe ich ja in diversen Büchern beschrieben, die sich mit der Praxis von Therapie und Beratung beschäftigen)...

Die therapeutische oder eine Wandel herbei führende Interventionsrichtung ist bei solchen manisch-depressiven Mustern (so haben wir in Heidelberg das benannt) die Option der Ambivalenz, der Unentscheidbarkeit, der Unklarheit usw. einzuführen. Wenn das gelingt, dann können sich auch die Fronten auflockern und durchlässiger werden und pragmatisch nützliche und funktionierende, wenn meist auch logisch unsaubere und inkonsistente Lösungen gefunden werden.

Die Welt funktioniert nun mal nicht nach den Regeln der Entweder-oder-Logik.