Frieden?
Einer meiner treuesten Kritiker, hat mich gefragt, warum ich nicht mal ein Buch über Frieden schreibe. Er hatte offenbar nicht verstanden hat, warum Verhandlungen in Kriegen (d.h. nicht nur im Ukraine-Krieg) stets nur bzw. erst dann zustande kommen, wenn keine der feindlichen Parteien mehr daran glaubt, gewinnen zu können, und beide Seiten daran glauben, die Niederlage (=Kapitulation) verhindern zu können. Ich habe die Logik dahinter zwar ausführlich in meinen Büchern über Krieg („Tödliche Konflikte“) und die Systemtheorie des Konflikts („Einführung in die...“) expliziert, aber wer liest schon Bücher? Dieser Kollege offensichtlich nicht (zumindest nicht die richtigen).
Daher für alle, die sich auch fragen, warum man (nicht nur ich) über Krieg schreibt statt über Frieden und die auch nicht lesen wollen/können, ein paar Worte zu Klärung:
Der Grund dafür ist wieder mit dem Grundprinzip menschlicher Wirklichkeitskonstruktion zu erklären. Wir vollziehen Unterscheidungen, die analog dem Ziehen eines Kreises auf einem glatten Blatt Papier zu verstehen sind. Beiden Seiten (innen wie außen) können wir einen Namen geben, z.B. „Krieg“ und „Frieden“. Nun stellt sich die Frage, durch welche Merkmale sich beide Seiten unterscheiden.
Die Antwort ist bei Krieg und Frieden (nicht dem von Tolstoi, sondern dem aus den Nachrichten) so ähnlich wie bei der Unterscheidung „Krankheit“ vs. „Gesundheit“. Für „Gesundheit“ gibt es keine (!) klar definierten und interpersonell beobachtbaren Merkmale der Unterscheidung. Es gibt zwar einen Namen, aber der verweist auf eine Leerstelle bzw. einen nicht-definierten Bedeutungsbereich. Man kann sich pumperlgesund fühlen und ein paar Minuten später tot umfallen, weil irgendein Prozess innerhalb des Körpers, den man selbst nicht wahrgenommen hat (und auch kein Arzt) dem Leben ein überraschendes Ende setzt.
Anders bei der Definition von „Krankheit“: Man kann bestimmte Merkmale (genannt: Symptome, Laborwerte usw.) definieren, die man der so benannten Seite der Unterscheidung zuweist. So kann man einen Konsens darüber herbeiführen, dass ein Mensch „krank“ genannt werden kann, wenn er sich z.B. die Seele aus dem Leib zu husten scheint, hohes Fieber hat usw. Mit anderen Worten: An einer Definition von „Krankheit“ kann man sein Handeln als Patient oder Arzt orientieren: die Krankheitszeichen sollen beseitigt bzw. die als Erklärung für ihr Entstehen unterstellten körperlichen Prozesse wieder soweit verändert (=geheilt) werden, dass die Symptome etc. verschwinden.
An „Gesundheit“ kann man sein Handeln aber nicht oder nur begrenzt orientieren, auch wenn einem alle möglichen Scharlatane Wundermittel zum Erhalt der Gesundheit verkaufen wollen. Das heißt nicht, dass man keine Erfahrungen sammeln könnte, wie sich die Wahrscheinlichkeit von Krankheit verringern lässt – aber auch die so gewonnenen Ratschläge sichern keine Gesundheit (von der albernen Gesundheits-Definition der WHO gar nicht zu reden).
Analoges kann nun zu Krieg und Frieden gesagt werden: Die Merkmale von „Krieg“ lassen sich interpersonell beobachtbar definieren: Es wird geschossen, Bomben fallen, Häuser brennen, Menschen werden verletzt und sterben usw. Beide Seiten vollziehen Aktionen, die dazu dienen die andere Seite zu vernichten oder – da das meist nicht geht, außer im Ehekrieg – zur Kapitulation zu zwingen. So weit, so ungut.
Was heißt das für „Frieden“: Zunächst erst mal nur, dass er durch die Abwesenheit der Merkmale des Krieges definiert ist. Es gibt keine klaren, interpersonell beobachtbaren Merkmale der Unterscheidung für „Frieden“ (genauso wenig wir für „Gesundheit“). Auch hier heißt das nicht, dass man sich nicht Gedanken darüber machen kann, wie man die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Krieg kommt, reduzieren kann. Aber, das ist ein Unterschied der Gesundheits-Krankheits-Logik: Im Falle eines Krieges hat jede Seite ein Vetorecht gegenüber dem Frieden (d.h. dem Ende des Kriegs), weil jede wieder anfangen kann, wann immer es ihr in den Sinn kommen mag, dem Gegner zu schaden, seine Bürger umzubringen usw....
Also, liebe Friedensfreunde: Beschäftigt euch mit der Logik von Kriegen und hört auf in unerträglicher Naivität davon zu faseln, dass man doch auf jeden Fall verhandeln müsse, auch wenn eine Kriegspartei das offensichtlich nicht will, weil sie – idiotisch wie sie ist – weiter daran glaubt, den Krieg gewinnen zu können.

